CULK "SMOGSTAR" VS. DIE ANSTALT "DIE ANSTALT": MUSIK FÜR METROPOLEN
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In einer durcherregten und dauerverängstigten Gesellschaft wie der unseren tritt das Wiener Kollektiv Culk mit ihrer Sängerin Sophie Löw (auch als Sophia Blenda solo unterwegs) wie eine schwer greifbare Erscheinung auf die Bühne. Mit Songs, die sich einer klaren Interpretation verweigern, aber dennoch so unmissverständlich das Lebensgefühl einer ganzen Generation einfangen - einer "Generation Maximum", wie die Band ihr Vorgängerwerk betitelte, die sich zwischen Selbstoptimierung, Zukunftsangst und (politisch) extremen Anschauungen bewegt und so den mediokren Lebenswandel gar nicht mehr kennenlernt, um ihn entweder zu akzeptieren oder ihn kategorisch abzulehnen. Drüber ist das neue Normal. Culk macht das auch auf "Smogstar" deutlich.Dabei blickt das Quartett vor allem auf das Moloch Großstadt, seit jeher Magnet für junge Menschen, die im Schein unzähliger Neonlichter selbstverwirklichende Möglichkeiten ausloten und das Gefühl erhalten, die Welt habe gerade in den Metropolen auf sie gewartet. Dass sie das nicht hat, steht auf einer anderen Seite des Kapitels "Adoleszenz und Großstadt".
Doch noch überwiegt die Euphorie. Auch wenn in "Willkommen in der Stadt" schon die Ambivalenz der Existenz in den Ballungszentren durchschimmert. Die Lichter der Großstadt - verheißungsvoll und kräftezehrend zugleich. Doch zwischen all dem Existenzialismus ist auch noch Zeit für etwas Liebe. Wenigstens bezeichnet die Band selbst "Kaputte Speaker" als ihr erstes richtiges Liebeslied. Natürlich frei von allen Klischees und Stereotypen. Hier wird der Moment gefeiert, ohne Garantie auf "bis dass der Tod...".
Auf "Smogstar" geht es aber nicht nur um die Metropolen, sondern auch um Identitätsfindung und -krisen. Besonders plastisch in "Weiß nur, wer ich nicht bin" dargestellt, das die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation kaum besser und lyrischer auf den Punkt hätte bringen können. Hier zeigt sich die wahre dichterische Stärke Löws, die sich nicht in explizite Sachverhalten, sondern allgemeine Befindlichkeiten und Lebensbetrachtungen wirft und damit das Gesungene so weit wie möglich offen lässt für Interpretationen.
Das Album bedeutet auch eine gewisse stilistische Zäsur zu den Vorgängerwerken. War man dort noch mehr dem Post-Punk zugewandt, dürfen nun noisige Gitarrenspiele die Szenerie kapern. Das ganze erinnert bisweilen an Sonic Youth oder Pavement, allerdings darf Sophies Stimme nie außer Acht gelassen werden, bildet sie doch den Dreh- und Angelpunkt ihrer Kompositionen. Mit einem Duktus einer Teenagerin, die gerade aus dem Tiefschlaf gerissen wurde, vernuschelt sie bewusst ihre Texte, wirkt flüchtig, fahrig und fast schon teilnahmslos. Eine österreichische Billie Eilish! Gleichzeitig manifestiert sich in ihrem Gesang der ganze Ennui einer Generation, die alles hat und doch so viel vermisst.
Culks drittes Werk ist ein Ausrufezeichen, eine direkte Antwort auf das, was das urbane Leben einerseits so faszinierend macht und andererseits einen in die Depression treibt. "Smogstar" zeigt beides auf und bewertet es nicht, sondern betrachtet es. Das Publikum ist in der Sinnfindung auf sich allein gestellt.
Weniger philosophisch geht es dagegen bei Die Anstalt zu. Wobei es auch hier sicherlich einiges gibt, über das man reden kann. Zum Beispiel über "Der Mann", in dem Sängerin Carmen Redeker unreflektiert und daher auch herrlich politisch unkorrekt über eben jenen Mann singt, der immer noch im Patriarchat hängen geblieben ist und seine vermeintliche biologische Überlegenheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht mit nervtötender Pedanterie aufs Tablett serviert.Das ist aber nur ein Aspekt auf dem fulminanten Debüt des Berliner Trios. Wie ein präziser Rundumschlag wirkt der Erstling, bei dem sich das Trio nur zwei Prämissen gesteckt haben muss. Erstens: Es muss laut sein, zweitens: Es muss unmittelbar sein. Um dies auch musikalisch zu erreichen, taucht Die Anstalt ab in einen rohen, ungeschliffenen, elektronikinduzierten Sound, der sich zwischen DAFs Proto-EBM und Ideals pulsierendem Post-Punk bewegt.
Musikalisch schreit zwar vieles "Retro, Baby!", aber so ganz einfach wollen es uns das gemischtgeschlechtliche Trio dann auch nicht machen. Denn bei aller 80er Referenzen, klingen die Songs nicht wirklich nach früher. Gut, die ersten brodelnden Sequenzen von "Stillstand" könnten nicht mehr Görl und Delgado sein, und auch "Ich will" (keine DAF-Coverversion!) zeigt die musikalische Sozialisation deutlich auf. Bei "Kriegen" schrammeln sich die Gitarren dagegen unbarmherzig durch die Landschaft.
Die wirklich spannende musikalische Komponente mischen Die Anstalt (noch) sehr dezent ein: Hie und da erklingt eine klassische Westerngitarre, die den Stücken nicht nur eine besondere Wendung verleiht, sondern auch die gesamte Statik des Albums verändert. Nicht besser gelöst hätte es werden können wie in "Kalter Schweiß", der zunächst in pluckernden Sequenzen beginnt, um gegen Ende dem Spaghetti-Western-Gegniedel sehr viel Platz einzuräumen.
Die Anstalt ist pure Spielfreude, gepaart mit einer Energie, die aus der Gewissheit resultiert, dass sich die Menschheit gerade selbst abschafft und die letzte Konsequenz aus dieser unappetitlichen Erkenntnis die Flucht ist. Natürlich: Eskapismus ist sicherlich nicht die ultima Ratio, aber in Anbetracht einer Welt, die sich gefühlt immer schneller dem Exitus entgegendreht, die einzige Möglichkeit, um das Leben auszuhalten. Die Anstalt bietet dafür den richtigen Sound zur richtigen Zeit.
Ob nun verstiegener, metaexistentieller heißer Scheiß oder der verstohlene Rückblick auf eine musikalische Welt weit vor unserer Zeit: Culk und Die Anstalt sind Bands mit Haltung und klaren musikalischen wie textlichen Konzepten - und als Kommentar auf unsere gegenwärtige Welt so treffend wie geistreich.
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COVER © SILUH RECORDS/CARGO (CULK), CITY SLANG (DIE ANSTALT)
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||