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TEIL II – INTERNATIONALER POP: SOUNDTRACK FÜR EINE ZEIT OHNE GEIST

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Vielleicht gehöre ich auch zu diesen unverbesserlicher Musik-Romantikern, die daran glauben, dass Pop von früher mehr zu sagen und zu bieten hatte als heute. Ich nutze das Radio immer noch regelmäßig und gelange damit zwangsläufig in Berührung mit aktuellen Chartstürmern. Selten entfachen sie in mir ein Feuer, wie es beispielsweise Songs von vor 30 Jahren gelingt.

Sicher, Zeit schafft Distanz. Selbst damals schon peinliche Euro-Dance-Nummern (Mo-Do: "Eins, Zwei, Polizei", E-Rotic: "Max, Don't Have Sex With Your Ex") erscheinen heute als naiv-fröhliches Kindheitsgedudel in weitaus weicherem Licht. Doch nichts kann meinen Glauben daran erschüttern, dass zwischen 1982 und 1987, grob geschätzt, die Popmusik ihren absoluten Höhepunkt hatte, weil sie sich nun endlich auch traute, wirklich Pop zu sein. Die Metamorphose vom rebellischen Beatsound einer Nachkriegsjugend hin zur phantasievollen Bespaßung für eine finanziell abgesicherte Generation vor dem Hntergrund des Kalten Krieges war abgeschlossen.

Dazwischen wurde Pop durch Bob Dylan politisch, durch die Bee Gees dekadent und durch die Sex Pistols nihilistisch. Für einen kurzen Moment aber schaffte sie das Kunststück, revolutionär und aufrührerisch zu klingen, ohne es jemals zu sein. Die "Wild Boys" zogen durch die Diskotheken, und "Girls Just Wanna Have Fun" - eh klar! Erlaubt war, was Spaß macht.

Selbst in den 90ern lebte dieser Geist von künstlerischer Freiheit noch einmal auf, allen voran im wiedervereinten Deutschland. Den Fall der Mauer (und damit auch den Fall der kommunistischen Staatsideologie) habe ich nicht mitbekommen. Ich war noch zu jung. Aber irgendwie spürte ich, dass sich etwas veränderte. Rückblickend betrachtet, schienen die Jahre 1990 bis 1995 die letzen großen musikalischen Höhepunkte hervorgebracht zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt konnte man Popmusik als solche schon nicht mehr so klar definieren, da sie mittlerweile ein Konglomerat aus verschiedensten Stilen darstellt. Ein schmerzerfüllter Kurt Cobain, der seine fatalistische Poesie mit rauen Gitarrenriffs vortrug zählte ebenso dazu wie der martialische Gangsta-Rap, der sich ständig im lyrischen Guerilla-Krieg zwischen East- und Westcoast befand und den Worten auch Taten folgen ließ. Selbst die Ermordungen von 2Pac und Notorious B.I.G. gehörten auch, so makaber es klingen mag, zum Pop-Zirkus dazu. Allerdings mit der Folge, dass dieses Genre nun endgültig seine Unschuld verloren hatte.

Der Auftrieb ehmaliger Untergrundbewegungen in den Mainstream ist indes keine Überraschung. Schließlich haben die einflussreichen Plattenfirmen aus ihre einstigen Fehlern gelernt. Nicht noch einmal sollten subkulturelle Entwicklungen die Umsätze der Labels bedrohen, wie es beispielsweise der Punk mit seinem gut organisierten Independent-Netzwerk schaffte. Neue Trends und Bewegungen werden sofort von schlaufüchsigen Manangern aufgegriffen, noch ehe sie sich verselbstständigen. Dabei bewiesen die Talentscouts ein goldenes Näschen für die richtigen Bands zur richtigen Zeit. Im ausgehenden Jahrtausend wurde Popmusik dann auch apokalyptisch. "Join Me" von HIM, "Vater unser" von E Nomine, "The Darkside" von Hypetraxx: je monumentaler, desto besser. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Endzeitstimmung wie bei HIM durch weichgespülten Radio-Gothic-Rock oder durch monumentaler Club-Trance der anderen beiden genannten Acts entstand.

Natürlich sind diese genannten Baeispiele nie die Speerspitze eines ganzen Jahres gewesen. Vornehmlich schlugen Girlies wie Britney Spears, Christina Aguilera oder unser Delemenhorster Vögelchen Sarah Connor die größten Wellen. Gefolgt von Latino-Schmalzbarden (Enrique Iglesias, Ricky Martin), Pseudo-Gangstern (Puff Daddy) und den ersten von einer Vielzahl untertalentierter Casting-Bands (No Angels). Es waren die letzten fetten Jahre der MTV-Ära, in denen für Musikvideos noch horrende Summen ausgegeben worden sind. An der Spitze: Der Videoclip zu "Scream" von Michael und Janet Jackson, der mal locker sieben Millionen Dollar verschlang.

Doch um die Jahrtausendwende geriet die Musik in den Hintergrund, zu Gunsten von teilweise krampfhaft erotischen Tanzdarbietungen und stilisiertem Beischlaf. Der Slogan "Sex sells" galt natürlich schon immer, aber besonders in dieser Zeit schienen nun auch die letzten Tabus zu fallen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Besonders im prosperierenden R'n'B glichen die Clips bisweilen eher unfreiwilig komischen Soft-Pornos. Und daran hat sich bis heute, wirft man mal beispielsweise einen Blick auf die Musikvideos einer Rihanna, kaum etwas geändert – außer dass ihre wackelnden Pobacken und Brüste nun in hoher Auflösung uns entgegenspringen.

Warum funktioniert Pop nicht mehr so wie früher? Weil sich die gesellschaftlichen Vorzeichen geändert haben. Während die Großeltern von heute die 68er von damals waren und die nachfolgende Generation sich für das Ende des Kalten Krieges einsetzte, wachsen die heutigen Kinder und Jugendlichen in einem liberalen und weitestgehend friedlichen Deutschland auf. Wogegen sollen junge Menschen noch rebellieren, wenn die grundlegenden Gefechte bereits ausgetragen worden sind? Dass Vater und Sohn oder Mutter und Tochter die gleiche Band gut finden und sogar gemeinsam das Konzert besuchen, wäre früher nicht denkbar gewesen.

Mehr noch ist aber mit dem Medium Internet das Hörverhalten komplett neu justiert worden. Schließlich ermöglicht diese Technik es, dass die gesamte Musik der Erde nur noch einen Mausklick vom Endverbraucher entfernt ist. Der Pop-Kritker der New York Times, Ben Ratliff, beschreibt in seinem Buch "Every Song Ever" den heutigen Hörer als "curational me". Das bedeutet, er sucht in einem schier unerschöpflichen Pool an Plattformen (Youtube, Soundcloud, Bandcamp) seine Favoriten aus, unabhängig davon, ob es sich um ein Stück von Mozart oder vom Wu-Tang-Clan handelt. Wo früher Plattenbosse und Manager nach den talentiertesten ihrer Zunft Ausschau gehalten haben, kann nun der Hörer selber entscheiden und unmittelbar den richtigen Soundtrack für sein Naturell zusammenstellen.


Doch wie beliebig mag dieses Individuum denn sein, wenn alles, was er mit einem Mausklick sich anschafft, auch wieder mit der gleichen Handlung löschen kann? Der Homo digitalis hat sein Leben in virtuelle Welten verlegt und schafft sich wachsweiche Persönlichkeiten ohne bleibenden Wert an. Bücher werden in E-Books gesammelt, DVDs und Blu-Rays büßen im Zeitalter von Video-On-Demand und Smart-TVs immer mehr an Beduetung ein. Und die multisensorische Erfahrung von Musik, angefangen mit dem Kauf des Tonträgers bis zum konzentrierten Hören vor der Stereoanlage, wird als bloße Hintergrundbeschallung für die Stunden vor dem Laptop diskreditiert. Kurzum: Musik ist wertlos geworden, weswegen viele Menschen die eigentlich gerechtfertigte zwölf bis 15 Euro pro Album als zu teuer empfinden.

Das Zusammenspiel aus einer saturierten und digitaliserten Gesellschaft verändert die Pop-Landschaft derart immens, dass eine musikalische Mythenbildung im herkömmlichen Sinn nicht mehr möglich scheint. Diese basiert nämlich auf Kontinuität des Künstlers, auf ein sich selbst neu erfinden und auf schlüssige Gesamtkonzepte. Doch wie lassen sich diese in Zeiten, in der ein einzelner Song mehr Gewicht zu besitzen scheint als ein Album, noch durchsetzen? Scheinbar gar nicht.


Dafür übernehmen nun DJs – die Herrscher über die Singles – die Rolle der Superstars, die sich ihre "Auftritte" auch einiges kosten lassen. Sie passen (leider) perfekt in die heutige Zeit. David Guetta beispielsweise zählt zu den ersten dieser neuen Generation von Musikproduzenten. Anstatt auf reine Club-Sounds zu setzen, kooperiert sie mit verschiedenen Sänger(inne)n, die ihrerseits einen eigenen Stil mitbringen. Es ist kurzfristig eine Win-Win-Situation: Die Sänger(innen) werden der Club-Szene bekannt gemacht, während die DJs mit den namhaften Stimme auch das Charts-Publikum erreichen können. Am Ende bieten diese ultra-kurzlebigen Projekte aber nur punktuell einen erhöhten Bekanntheitsgrad.

Mittlerweile überschwemmen zwei deutsche Jungspunde den Pop-Markt mit ihren Produktionen: Robin Schulz und Felix Jaehn. Sie sind sinnbildlich für die Stagnation des Pop. Nicht nur, dass die Stücke untereinander recht austauschbar sind und kaum eine eigene Handschrift erkennbar ist, sie besitzen auch null Spannung. Die Beats pluckern gelangweilt vor sich hin, verschlafene Xylophon-Imitate klingen so schal wie ein Latte Macchiato mit Sojamilch schmeckt, während vorwiegend weibliche Sänger etwas unmotiviert ins Mikro trällern (wobei das Geschlecht heutzutage auch nicht mehr so eindeutig feststellbar ist, wie Asaf Avidan ["One Day"] und Graham Candy ["She Moves"] belegen).

Selbst vor alten Popstücken machen die neuen Unwilden nicht halt. Jaehns Valium-Version von Chaka Khans "Ain't Nobody" ist an Belanglosigkeit nicht zu überbieten, reiht sich aber nahtlos in eine Queue von unnötigen Coverversionen ein, die ihren Anfang bei Josef Salvat genommen hat. Seine verhuschte Version des Rihanna-Hits "Diamonds", eigentlich nur als Untermalung für einen Werbeclip gedacht, wurde zu einer erfolgreichen Single – und fand prompt Nachahmer, die das goldene Kalb nun ausweiden.

Seit kurzem sind weitere enervierende Neuaufnahmen im Umlauf. Die Band Lost Frequencies veröffentlicht "What Is Love" von Haddaway als einlullendes Lala-Liedchen, David Guetta lässt mit Cedric Gervais und Cris Willis die Edel-Schnulze "Would I Lie To You" (Original von Charles & Eddie) als untote Sound-Mumie wieder auferstehen, und ein gewisser Jonas Blue erdreistet sich, den gefühlvollen Tracy-Chapman-Klassiker "Fast Car" als sedierende Hipster-Diskotheken-Nummer zu verunglimpfen.

Deutschland, das seit nunmehr zwölf Jahren von koservativen Kräften geleitet wird, befindet sich in einer Lethargie, die auch unsere Nachkommen ansteckt. Vergangenes Jahr brachte die Sinus-Studie "Wie ticken Jugendliche 2016" erstaunliche Ergebnisse hervor. Demnach liegt 14- bis 17-jährigen der Gedanke nach Aufruhr und Eskalation fern. "Mainstream" wird nicht mehr als Schimpfwort gesehen. Anpassung und auch Leistung spielen eine große Rolle. Und mit Mitte 30 sehen sich die Teenager bereits in einer festen Partnerschaft mit geregelten Lebensverhältnissen (wobei die Frau wieder zunehmend als "Heimchen am Herd" fungieren soll, ginge es nach einigen männlichen Vertretern der Befragten).

Es ist also wenig verwunderlich, wenn Popmusik angepasst und konsensfähig klingt. Nachhaltigkeit besitzt im Zuge von Soundclouds und iTunes keine Priorität mehr. Aus dem Zeitgeist ist Zeit ohne Geist geworden. Und Popmusik? Verkommt zu einer Fünf-Minuten-Terrine: Instant-Convenience-Fast-Food mit hohem Sättigungsgrad, aber geringem Nährwert. Schnell angehört und auch schnell wieder vergessen.


Deswegen schmerzt mich, schmerzt vielen anderen der Verlust von David Bowie, Prince und George Michael so sehr: sie waren die Sterneköche, die uns popmusikalische Haute-Cuisine versprachen. Nicht immer leicht verdaulich, aber ohne Zweifel nachhaltig.

||TEXT:  DANIEL DRESSLER | DATUM: 23.01.17 | KONTAKT | WEITER: QUO VADIS POPMUSIK? TEIL I: DEUTSCH-POP>

Fotos © UNTER.TON/Daniel Dreßler

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