11/17: CIEL, SILENT RUNNERS, AUTOBAHN, THE TINOPENER'S ART, THE SEARCH, PETER MUFFIN, KLEZ.E, LOST CHILDREN: KLANGVOLLE GESCHENKE UNTERM TANNENBAUM - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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11/17: CIEL, SILENT RUNNERS, AUTOBAHN, THE TINOPENER'S ART, THE SEARCH, PETER MUFFIN, KLEZ.E, LOST CHILDREN: KLANGVOLLE GESCHENKE UNTERM TANNENBAUM

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Tempus fugit! Schon wieder ist ein Jahr ins Land gezogen. Und da ist noch so viel Musik, die gehört werden will. In unserem abschließenden Artikel für 2017 blicken wir auf jene Alben und EPs, die es unbedingt Wert sind, gehört zu werden, bevor 2018 startet.

Beginnen wir mit Ciel, zu deutsch: Himmel. Ogleich es sich um ein französisches Wort handelt, stammt dieses Projekt aus den Niederlanden. Dahinter steckt die Musikerin Michelle Hindriks, "Anxiety" ist ihr erstes musikalisches Lebenszeichen. Und was für eins! Vier Songs umfasst die EP, die von surreal-poetischem Dream-Dark-Wave durchzogen ist. Träumerisch-melancholische Synthieflächen, archaische Trommelpassagen, shoegaziges Gitarrenspiel und ein hypnotischer Gesang erinnern entfernt an Blonde Redhead, wobei Ciel, wie es der Bandname schon andeutet, viel luftiger und leichter daherkommt. So wird bei "Castles" (mit interessantem Tempi-Wechseln) Michelles Stimme derart in Halleffekte gepackt, dass man nicht umhinkommt, eine schwebende gestalt in weißen, wallenden Gewändern vor dem geistigen Auge zu sehen. Auch das introvertierte  "Monochrome Coast" und "Naked" lassen keinen Zweifel aufkommen, dass wir es hier mit einer der interessantesten Erscheinungen in diesem Jahr zu tun haben. Auf das erste Album in kompletter Länge darf man sicherlich gespannt sein, auch wenn es da bislang noch keine konkreteren Angaben dazu gibt.


Ihr Debüt soeben herausgebracht hat hingegen eine andere Band - auch aus Holland. Silent Runners erstaunen auf "The Directory" mit einem poppigen Cold-Wave, der sich herrlich unprätentiös gibt, dabei aber volle Leidenschaft für die Musik ausstrahlt. Im Gegensatz zu anderen Bands arbeiten sie sich nicht krampfhaft am Erbe der großen Depri-Punker ab, sondern besitzen einen ganz eigenen, mystischen Touch, den sie in ihren Kompositionen durchscheinen lassen. Wie einst Ultravox' Meisterwerk "Rage In Eden" lebt auch "The Directory" von einer nebulösen Aura, die durch schwebende Elektronik und unaufgeregten Gitarrenspielereien hervorgerufen wird. Die Balance zwischen Elektronik und Elektrik hält sich hier relativ gut die Waage, wobei die Synthesizer etwas dominanter sind. Nur manchmal durchbrechen Stücke wie "Forgotten" oder "Cavemen" die Stimmung durch extrem groovige Parts oder exaltierte Gesänge. Sie sind die Lichtblitze, die den milchigen Schleier kurzzeitig zerreißen. Ihre stärkste Momente haben Silent Runners allerdings, wenn Dolf Smolenaers' transzendentes Organ in einem wohligen Soundbett aus flächigen Pastellsynthies und minimalem Saitenspiel sich ausbreitet, wie es bei "Roadkill" der Fall ist. Da merkt man, dass das Amsterdamer Quintett vom ästhetischen New Romantic gar nicht so weit weg ist.

In deutlich apokalyptischeren Gewässern schwimmen Autobahn aus Leeds. Und obwohl der Name natürlich als erstes die Assoziation mit Kraftwerks 20-minütige Meditation über die deutsche Fernverkehrsstraße aufruft, sind die Jungs mit ihrem Album "The Moral Crossing" meilenweit vom statischen Electro-Pop der Düsseldorfer entfernt. Bereits "Obituary" zeigt, dass sie sich unmissverständlich dem Post-Punk von Joy Division oder Killing Joke verschrieben haben, obgleich in ihren Nummern die Elektronik immer unterstützend wirkt (und sich bei "Future" sogar richtig Bahn bricht und die Nummer dominiert). "The Moral Crossing" besitzt dabei einen wunderbaren Effekt: Bei aller industriellen Trostlosigkeit, die das Album rüberbringt (was wohl nicht auch zuletzt der Heimatstadt von Autobahn geschuldet ist), wirken die zehn Songs alles andere als resignierend, sondern eher wie ein Aufschrei mit geballter Faust in die Luft. Autobahn machen Lärm, wollen auf sich aufmerksam machen, und nicht in lethargische Untätigkeit verfallen. Herausgekommenn ist dabei ein absolut dringliches Werk, das, wenn es um den Begriff "Gothic" geht, für die nächsten Jahre durchaus stilprägend sein könnte.

Überhaupt nicht eindeutig einzuordnen ist wiederum das, was die Münchner Formation The Tinopener's Art macht. Und zwar einfach aus dem Grund, weil sie sich gar nicht festlegen will. Auf ihrer "Pure Elektronik"-EP zischt und klonkt es wie bei alten Commodore Videospielen, während "S 750" und das frankophile "Voyage et génie" zwischen entspannter Klangtapete und deephousigen Rhythmen hin- und herpendelt und eher für dekadente Nachtschwärmer der bayerischen Metropole geeignet ist. Mit "A Mode Of Reward" driften sie auf die dunkle Seite der Elektronik, errichten dystopische Klangwände mit sägenden Sequenzen, dem sie einen extremen Autotune-Gesang entgegensetzen. The Tinopener's Art verstehen es, Wohlklang und experimentelle Sounds miteinander so zu verschränken, dass man zunächst einmal fassungs- und auch orientierungslos vor "A Mode Of Reward" sitzt. Es braucht tatsächlich einen zweiten und dritten Durchlauf, um zu verstehen, was Maximilian Lückenhauser, der kreative Kopf hinter diesem tönernen Sammelsurium, eigentlich bezwecken will. Der Impact, den dieses feine Werk aber dann bei einem hinterlässt, ist beachtlich. Einzige Kritik: The Tinopener's Art bieten ihr Album für lau an. Warum? Gute Qualität sollte, ja, muss unbedingt vergütet werden!

Zumindest sollten The Tinopener's Art es so wie The Search machen, die ihr neues Album "Echo" mit einem freiwilligen Spendenmodell anbieten. Nach dem Motto: Zahle so viel, wie du willst. Angesichts dieser, von einem inneren Drang nach weltumspannender Harmonie klingenden Nummern, sollte der Hörer wie selbstverständlich (und zur Weihnachtszeit erst recht) einige Euros springen lassen. The Search, zur Jahrtausendwende als Silverslut im schwedischen Uppsala gegründet, lieben es entrückt, unaufgeregt und mit jeder Menge fließender Gitarrenfiguren. Dass sie ihr mittlerweile neuntes Album "Echo" getauft haben, ist eigentlich nur konsequent. Denn dermaßen viel Hall kennt man sonst nur bei einschlägig bekannten Schuhstarrer-Kombos. Doch ihre skandinavische Herkunft können The Search nicht verleugnen. Die verträumten Weiten in ihren Songs erinnern bisweilen an ihren Landsmann John Alexander Ericson, wobei sie einen etwas stärkeren Keyboard-Einsatz pflegen, der sie in "Little More Than An Echo" und "Wallflower" bisweilen in die Nähe zu China Crisis und den Simple Minds trägt. "Echo" ist Entschleunigung. Auf ganzer Linie.


Ganz auf innerliche Aufruhr ausgerichtet dagegen ist "Ich und meine 1000 Freunde". Kein Wunder, steckt hinter dem Pseudonym Peter Muffin der Bassist der Stuttgarter Post-Punk-Götter Die Nerven, Julian Knoth. Dementsprechend praktiziert er im Quasi-Alleingang (erwartungsgemäß hat Nerven-Sänger Max Rieger als Produzent fungiert) einen gepflegten Trübsinns-Rock. Diesen würzt er aber mit starkem Erzählduktus und einer Messerspitze Humor. So endet "Es zieht vorbei" mit einem Pärchenstreit, dem der wunderbare T-Shirt-Spruch "Halt einfach die Klappe und lass mich in Ruhe randalieren" vorausgeht. Geradezu groteske Züge von Muffins Humorverständnis zeigt sich im Song "Nicht einmal ich", dessen einziger Halt die groovenden Gitarrenlicks sind, während der Musiker wie berauscht zusammenhangslose Sätze von sich absondert. In vielen seiner Stücken seziert er durch Wiederholungen gerne Alltagsplattitüden und hievt sie so in einen spannenden künstlerischen Kontext. Das ist melancholischer Dadaismus, Peter Muffin ist quasi Foyer Des Arts für Depressive. Sicherlich nicht ganz einfach zu verdauen, aber verdammt noch mal geil.


Leider geil war auch "Desintegration", die perfekte Cure-Vorbeugung von Robert-Smith-Lookalike Tobias Siebert und seiner Band Klez.e. Scheinbar mühelos und gleichzeitig doch so emotional aufwühlend hat es keine Band es in diesem Jahr geschafft, das Erbe von Bauhaus, Joy Division - und eben The Cure - weiterzudenken und so eine bundesdeutsche Entsprechung zu finden. Mit dem Live-Zusammenschnitt "November" gelingt ihnen ein weitaus größerer Streich. Denn während viele Bands es nicht schaffen, die Raffinesse eines Studioalbums auf die große Bühne zu hieven, vergrößern Klez.e noch einmal die Niedergeschlagenheit ihrer Alben, ja, machen sie sogar beim Eröffnungsstück "Drohnen" richtig breitwandig mit eingehender Unwetter-Atmosphäre. Schließlich ist Klez.e eine politische Band und im Kontext einer krisengebeutelten Republik wirken ihre Songs wie das langsame Erwachen gegen gesellschaftliche wie politische Fehlleistungen. Sieberts im Hall kreisender, herrlich hoffnungsloser Gesang, die bedächtig bis bedrückenden Rhythmen sowie manisch-depressive Gitarrenparts breiten sich auf einer Leinwand aus bedrohlichen Synthieflächen aus. Perfekt aufgenommen, fängt "November" die komplette Energie einer der aktuell wichtigsten Post-Punk-Bands ein.

Perfektion kennzeichnet ebenfalls "Spectres" aus, das Meisterwerk von Lost Children aus New York. Dabei hüpft Avery Brooks, der kreative Kopf hinter diesem Projekt, wie ein ausgelassenes Kind (um den Bandnamen noch mal aufzugreifen) von Stil zu Stil, von Genre zu Genre. "Winter's Song" erinnert mit seinen kraftvollen Keyboard-Akkorden an die Emo-Elektroniker von The Birthday Massacre, während "Cruel" in seiner Opulenz mit den blitzgescheiten Popsongs von Tears For Fears locker mithalten kann. Am Ende hört man beim zehnminütigen "Soft Shadows" sogar Alphaville an die Tür klopfen. "Sprectres" wirkt vordergründig freundlich, ist im besten Sinne eine Electro-Pop-Platte voller lichter Momente und angenehmer 80er-Remniszenzen. Doch Brooks' Themen geht über die übliche Komfortzone hinaus. Wie auf seiner Facebook-Seite nachzulesen ist, beschäftigt den Mann die unbarmherzig foranschreitende Zeit und die damit einhergehende Vergänglichkeit des Seins. Und so lädt er seine Texte mit dunkler Symbolik auf. Süßliche Klangpralinen mit bitterem Kern werden einem kredenzt. Aber man kann nicht umhin, immer wieder zuzugreifen. Lost Children sind eine Entdeckung. Und wie alle anderen besprochenen Bands natürlich auch ein ansprechendes Geschenk für unter'm Tannenbaum.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 12.12.17 | KONTAKT | WEITER: WATCH CLARK VS. EISFABRIK>

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Webseiten:
cielcielciel.bandcamp.com
www.silentrunners.nl
www.autobahnmusik.co.uk
www.tinopener.de
thesearchsweden.wordpress.com
petermuffin.bandcamp.com
www.klez-e.de
www.lost-children.com

Covers © Geertruida (Ciel), Silent Runners, Tough Love Records/Cargo Records (Autobahn), The Tinopener's Art, afmusic (The Search), Treibernder Teppich Records/Butzen (Peter Muffin), Staatsakt/Caroline International (Klez.e), Supermatyr Records (Lost Children)

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