KJELLVANDERTONBRUKET "DOOM COUNTRY" VS. SHADOWORLD "DESERTLAND" VS. JONATHAN WILSON "DIXIE BLUR": KEIN SCHÖNER LAND - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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KJELLVANDERTONBRUKET "DOOM COUNTRY" VS. SHADOWORLD "DESERTLAND" VS. JONATHAN WILSON "DIXIE BLUR": KEIN SCHÖNER LAND

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Was gibt es dankbareres für einen Kritiker, wenn Musiker die Definition ihrer Kunst praktischerweise in ihrem Albumtitel einbauen. Denn "Doom Country" heißt nicht nur die zum Niederknien ergreifende erste Platte von Kjellvandertonbruket, man könnte den Stil ihrer Musik genauso bezeichnen. Allerdings arbeitet sich das Künstlerkonglomerat, bestehend aus der schwedischen Singer/Songwriter-Ikone Christian Kjellvander und der Jazz/Fusion-Gruppierung Tonbruket, langsam auf ihren Stil hin.

Zunächst steht mit "Yacht In The Fog" noch das experimentelle Moment im Vordergrund. Über zitternde Geigen, slidige Gitarren und Drone-ähnlichen Klangteppichen stolpert ein Schlagzeug über die Szenerie, während Christian wie am Rande stehend das Klangbild kommentiert. Ein zugegebenermaßen nicht ganz leicht zu verdauender Happen tönerner Avantgarde, der sich aber bereits bei "Tidal Wave" in Wohlgefallen auflöst.

Hier beginnt nämlich die Kooperation erste Funken zu sprühen. In ersterbenden Rhythmen, aufheulenden Saiteninstrumenten mit Shoegaze-Kante und einem croonenden Kjellvander, der in den langgezogenen Silben seine ganzen tieftraurigen Gefühle reinlegt, verkörpert dieser Song etwas Absolutes auf allen Emotionalen Ebenen. Ähnlich verhält es sich auch mit "Loneliest Woman In The World", das in schummrigen Gitarrenlicks gepackt ist und mit einer Entspanntheit aufwartet, wie man es bei Fleetwod Macs Klassiker "Albatros" her kennt - wobei auch hier am Ende kleine atonale Störfeuer gelegt werden, um nicht zu sehr in ein apathischen Wohlfühlmodus abzudriften.


Mit dem Triptychon "Normal Beahviour In A Cutting Garden" erreicht die Zusammenarbeit ein episches Finale. Es ist ein über 20 Minuten langer Song, aufgeteilt in drei Stücke, jedoch basierend auf einer redundanten, nur leicht variierten Bassfigur und einem monoton arbeitenden Schlagwerk. Darüber breiten sich die bereits bekannten Zutaten aus verwaschenen Gitarren und entrückten Klageskapaden aus, die dieses Stück zu einem surrealistischen Traum anschwellen lassen, hinter dem man zwar alles erwartet, aber kein Debütantenwerk.

Kjellvander erklärt in der Pressemitteilung, dass es ihm bei "Doom Country" darum ging, die Magie des Anfangs einzufangen. Dafür hat er sich in sein Haus verschanzt, einige Geschichten und Texte sowie vage Gitarrenakkorde verfasst. Danach lud er Tonbruket ein, die sich auf dieses Experiment einlassen wollten, mehr oder weniger unvorbereitet zu jammen. In wenigen Spätsommertagen im Jahr 2019 wurde "Doom Country" erdacht und eingespielt. Das Ergebnis belegt, dass hier wahre Meister ihres Fachs am Werk gewesen sind, bei denen die gemeinsame Chemie nicht nur stimmig gewesen ist, sondern darüber hinaus auch einen melancholischen Zauber entfacht haben.

Auch Shadoworld ist so ein Joint Venture von bahnbrechender Strahlkraft, wenngleich die Musiker eher regionale Bekanntheit besitzen. Robert del Vecchio auf der einen Seite hat sich vor allem durch zwei Düsterprojekte namens Gothica und The Last Hour hervorgetan. Old Boy, eigentlich Claudio Carluccio, auf der anderen Seite versuchte sich zunächst im Grunge, ist aber mitterweile für jeden stilistischen Spaß zu haben. Blues, Elektronik, Experimentalmusik - Old Boy scheut vor keiner Herausforderung zurück.

Auf "Desertland" frönen die beiden nun einen extrem sinistren Dark Folk mit elektronischem Einschlag und latenter Western-Atmosphäre. Zwischen klassisch gitarrenbasierten Stücken wie "A Place Called Home" und der auf brodelnden und arabesk umherflirrenden Synthielinien fußende Nummer "Dead Or Alive" erschaffen die beiden Musiker ein sehr eigenen Kosmos, der durch den Homerecording Charakter der Lieder etwas sehr Intimes erhält.

Meistens überwiegt entweder die Akustik oder Elektronik in den Nummern, aber "Silver Rain" und das herrlich verschleppte "Grave" fügen die beiden Pole so nah wie nur möglich zusammen. Hier könnte sich in Zukunft etwas größeres daraus entwickeln, wenn das Duo diesen Ansatz weiter verfolgt. Das bedeutet aber nicht, dass das übrige Klangamterial qualitativ abfällt. Die beiden genannten Songs ragen nur durch ihr exquisites Zusammenspiel aus den beiden musikalischen Antipoden besonders hervor.


Zugegebenermaßen fällt es aber schwer, sich für einen Stil aus diesem dunkelbunten Potpourri somnambuler Klangkunst zu entscheiden. Denn auch an den auf Akustik-Gitarre und Synthiefläche reduzierten Momenten wie dem abschließenden "I'm Alive" kann man sich nicht satthören. Man hat das Gefühl, man würde etwas verpassen, versteife man sich nur auf eine der möglichen stilistischen Auswüchse. "Desertland" ist eine Zeitlupen-Achterbahnfahrt durch die Annalen introvertierter Musikhistorie, in der Kontemplation und Klangkunst eine innige Verbindung eingehen.

Ob diese Mannigfaltigkeit weiterhin Bestand hat? Einerseits wünscht man sich es, andererseits hofft man auch auf eine klarere Ausrichtung des Konzepts von Shadoworld. Es passiert viel auf diesem Album, sodass die Ideen bei Shadowrld ausreichen für zwei weitere Neuprojekte. Man wird sehen, was die Zeit bringt.

Jene hat es mit Jonathan Wilson aus Kalifornien durchaus gut gemeint. Der Mittvierziger hat sich als Musikproduzent einen Namen gemacht und schon Größen wie Father John Misty oder Erykah Badu bei ihren Vorhaben unterstützt. Seine Solokarriere liest sich hingegen ein bisschen traurig: Von der Presse stets mit viel Lob bedacht, schafften es seine Werke wie das 2011er "Gentle Spirit" oder "Fanfare" zwei jahre später nur unter "ferner liefen" oder fristen ein kurzes Dasein in diversen Independent-Charts. Ein absolutes Unding, denn der Mann schafft mit seinen Werken einen stimmiges Konzept, das alle Eigenschaften von Folk, Rock und Country vereint, ohne dabei altbacken oder reaktionär zu klingen.

Deswegen wohl auch der Albumtitel: "Dixie" bezeichnet nicht nur eine Spielart des Jazz, sondern steht auch als Synonym für die Gesamtheit der amerikanischen Südstaaten. "Dixie Blur" - das buchstäbliche Verwischen dieses Landstriches lässt sich also auch als Verschwimmen von klaren Genregrenzen interpretieren. Immerhin tummeln sich auf seinem neuen Album ganz viele unterschiedliche Richtungen gitarrenbasierter Musik rum, angefangen von psychedelisch angehauchten Slides und tirillierenden Flötenparts in "Just For Love", über die ausgelassene Stimmung von "In Heaven Making Love"  oder "El Camino Real", zwei klassische Country-Songs, die jede Square Dance Party aufs vortrefflichste anzuheizen verstehen.

Nun ist gerade diese Musik nicht unbedingt das Beuteschema unseres Online-Magazins. Zugegeben wird jeder Dunkelliebhaber sich mit diesen schnellen Nummern inklusive Cowboy-Fidelei schwertun. Aber dann sind da solche Stücke wie "Oh Girl" oder auch "Pirate", die in getragenem Rhythmus der Melancholie dem Indie-Folk einige weitere Perlen schenkt. Man fühlt sich teilweise an Lucky Jim erinnert, die es ebenfalls geschafft haben, in ihre folkigen Stücke eine gehörige Portion wohlige Tristesse einzubauen.

Doch Jonathan Wilson ist einfach ein Musikliebhaber, der sich um keine Genregrenze der Welt kümmert und dann mit "Enemies" eine wuchtige Country-Rock-Nummer aus dem Boden stampft, die auch vor rund 35 Jahren hätte erscheinen können.

Trotz der ganzen unterschiedlichen möglichen musikalischen Wege, die Wilson immer wieder andeutet, franst "Dixie Blur" an den Enden nicht aus, weil die Songs in sich stimmig sind und wie beim abschließenden, bezaubernden "Korean Tea" einfach die ganze Liebe zur angloamerikanischen Musik zelebriert, ohne dabei in einen Kitschmodus abzudriften. Hier wird ein ganz sympathischer Patriotismus betrieben, selbst wenn er gar nicht beabsichtig gewesen ist.

Wie das (imaginäre) Land, so die Musik: Kjellvandertonbruket, Shadoworld und Jonathan Wilson erkunden auf ihren formidablen Alben emotionale Tiefen, die sie in einen landschaftlichen Kontext setzen. Endlose Weiten werden werden in Noten erfahrbar gemacht. Alle drei Longplayer schicken den Hörer in die Abgeschiedenheit ihrer entworfenen Gebiete und schenken dem Hörer die Möglichkeit zur Selbstreflexion.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.03.2020 | KONTAKT | WEITER: KASIMIR EFFEKT "KFX">

Webseite:
www.christiankjellvander.com
www.facebook.com/tonbruket
www.facebook.com/shadoworldmusic
www.songsofjonathanwilson.com

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COVER © STARTRACKS/INDIGO (KJELLVANDERTONBRUKET), THE WHITE ROOM (SHADOWORLD), BELLA UNION/PIAS (JONATHAN WILSON)

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