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9/20: IMMATERIAL POSESSION, MÅRTEN LÄRKA, PURWIEN UND KOWA, A TRANSITION - KEINE ATEMPAUSE

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Das normalste an diesem Sommer ist der Sommer selbst, der im Vergleich zu den vergangenen Jahren mal wieder moderate Temperaturen im Mittel und auch mehr Wasser bereit hält. Nachwievor ist die Pandemie aber das bestimmende Ereignis, das unser Leben durcheinander bringt.

Dass man da Fluchtgedanken hegt und mancher vielleicht schon einen gepflegten Eskapismus für sich auserkoren hat, ist nur all zu menschlich und nachvollziehbar. Um seine Reise in die eigene Phantasiewelt noch etwas zu beschleunigen, empfiehlt sich der Genuss von Immaterial Posession und ihrem selbstbetitelten Debut. Es handelt sich dabei um eine Zusammenkunft vier äußerst talentierter Musiker, die sich in der Künstlerszene von Athens, Georgia zusammengetan haben. Ihr Faible für theatral-abstrakte Visualisierung scheint nicht nur durch das Plattencover, sondern auch in ihrer Musik durch. Der schummrige Art-Pop erinnert an eine Mischung aus Siouxsie & The Banshees und The Doors. Vor allem bei "In The Loom" meint man die Reinkarnation von Ray Manzareks Orgelspiel von "Riders On The Storm" zu vernehmen. Immaterial Posession haben sichtlich Spaß daran, zwischen experimental-psychedelischen Nummern wie den zweigeteilten "Phase"-Themen und mitternächtlichen Romanzen wie "Nightcap" und "See Through Stares" hin- und herzuspringen. Das verortet Immaterial Posession in einen ganz eigenen Kosmos, dem man sich als Hörer aber auch nicht entziehen kann, ist man einmal in den Bann dieser teilweise gar orientalisch anmutenden Musik gezogen. Herkunft verpflichtet anscheinend. Immerhin stammen Bands wie R.E.M. und The B52's auch aus Athens. Immaterial Posession knüpfen an diese Zeit interessanter und hochtalentierter Band an.

Dass aus Skandinavien ständig Hörenswertes gibt, ist ein alter Hut. Aber irgendwie begeistern die Nordlichter durch ungeahnte Wendungen. Wie Mårten Lärka, einem Schweden, der aber weder in Schwedisch oder Englisch singt, was am naheliegendsten wäre, sondern auf Französisch. Was den Mann auch immer dazu getrieben hat, gerade in dieser Sprache zu singen (das macht er seit 2016, davor nutzte er tatsächlich noch seine nicht minder adrette Muttersprache), es hat seinen unverkennbaren Charme, der nicht von der Hand zu weisen ist. Mit einem rumpeligen DIY-Indie-Folk-Rock, der an manchen Stellen auch ein bisschen Punk vorzugeben scheint ("J'étais O`u" erinnert an seiner spielerischen Leichtigkeit an Plastic Bertrands "Ca plane pour moi", obgleich Mårten musikalisch meilenweit davon entfernt ist), liegt das Album "Alléz, alléz" der Längsseite nach im Genreregal. Bei aller Durchgeknalltheit - man höre sich einfach nur mal "La Vie Est Une Chanson", dessen Text nur auf dieser einen Zeile beruht - kommt bei Mårten Lärka vor allem die Freude am Musizieren immer wieder durch. Dieser manifestiert sich vor allem in einem einfachen Arrangement, das den Kern der Songs immer transparent hält und nicht in zu verkopfte Orchestrierungen abdriftet. Der Schwede wirkt gerade so, als könnte man nachts bei ihm klingeln und ihn bitten, ein Ständchen zu singen - er würde es machen. Mit einem Lächeln im Gesicht, das sich übrigens auch bei "Alléz, alléz" mit jedem weiteren Song unmerklich ins Antlitz des Zuhörers einschleicht.

Lächeln, oder gar lachen, muss übrigens ein lebenswichtiges Elixir bei Christian Purwien und Thomas Kowa sein. Vielleicht sind sie aber auch ganz schlimme, miesepetrige Zeitgenossen. Schließlich waren bereits viele Humoristen im Privaten eher die unlustigen Denker, die ihre Mitmenschen eher argwöhnisch beäugten. Wie dem auch sei: Purwien und Kowa jedenfalls verknüpfen ihr Faible für elektronische Musik mit jeder Menge Humor. "Retro-Analog-Synth-Pop ohne Haare" nennen sie das, was sie machen. Dieser wird jedenfalls von Album zu Album griffiger. Das vierte Werk trägt den überraschenden Titel "Vier" und kommt, wie im Hause Purwien und Kowa üblich, im Verbund mit einem Roman, dieses Mal mit dem hübschen Titel "Tausche Ehe- gegen Freundschaft+". Eine Leseprobe lag zwar nicht vor, aber bereits die Vorgängerromane "Pommes! Porno! Popstar" und "Vegas! Vidi! Non vici!" verorten die beiden Musiker als abgehalfterte Entertainer, denen so gar nichts richtig gelingen mag. Es ist davon auszugehen, dass der dritte Foliant weitere Schenkelklopfer bereithält. Auf "Vier" darf man sich neben wunderbaren Eigenkompositionen wie "Die Liebe tanzt" und "Nicht genug" auch auf gelungene Coverversionen von Iggy Pops "The Passenger" und Rio Reisers "Junimond" freuen - Letztgenannter mit einem Höchstmaß an Überraschungspotenzial. Dem Hör- und Lesegenuss steht also nichts mehr im Wege. "Jedenfalls, wenn Gott, Buddha und Donald Trump das so wollen", wie es im Pressetext steht. Sie sind schon Schelme, der Purwien und der Kowa.

Nicht gerade humorvoll, aber dafür voll von introvertierten Retrocharme ist A Transition. Hinter diesem Projekt verbirgt sich ein gewisser Michael Kuzmowicz, der bereits unter den Aliassen Bodnaegra und Devine Noire bereits einige musikalische Erfahrung sammeln konnte. Seine Vorliebe für mollschwangere Elektronik schimmerte bereits damals durch. Als A Transition konzentriert er nun diese Vorliebe und hat auf seiner aktuellen EP "Meliorism" Cold-Wave-Songs erschaffen, die sich vor allem durch ihre klare Linie auszeichnen. Michael selbst nimmt sich dabei als Sänger etwas zurück, lässt in "Cold War" und "En Revanche" die Sängerin Gina S. ans Mikrofon, was sicherlich nicht die schlechteste Idee ist. Ihr somnambuler Gesang passt ideal zu den wabernden, von stringenten Beats und gegenläufigen Bass-Linien durchzogenen Stücken. "Good Riddance" und "Check-In" verlassen sich sogar voll und ganz auf die musikalische Quallität, wobei erstgenannter Song nach der einen oder anderen tiefgehenden Zeile förmlich bettelt. "Unreflektiert" verortet den Musiker als überaus passablen Sänger. Allerdings hätte man sich an dieser Stelle noch ein bisschen mehr Mut gewünscht: Sein Gesang nimmt sich zwar vornehm zurück, hätte aber durchaus stärker nach vorne platziert werden können. Von diesen kleinen Schönheitsfehlern mal abgesehen schafft es "Meliorism" aber, die Quintessenz von Cold Wave perfekt einzufangen. Die Band steht stellvertretend für die Fülle anderer talentierter Projekte, die sträflicherweise viel zu wenig Beachtung erhalten.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 3.8.20 |  KONTAKT | WEITER:  VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN SIEBEN">

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Webseiten:
immaterialposession.bandcamp.com
martenlarka.bandcamp.com
www.purwienundkowa.com
atransition.bandcamp.com

Covers © Cloud Recordings (Immaterial Posession), M.OTION SONGS (Mårten Lärka), Purwien und Kowa, A Transition

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