THE TWILIGHT SAD "IT'S THE LONG GOODBYE" VS THE SILENCE INDUSTRY "THE STARS ABOVE ARE LOOKING DOWN": GROSSE EMOTIONEN ERFORDERN GROSSE TÖNE
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Es ist ein Klischee, dass der künstlerische Geist nur in Zeiten höchster seelischer Not am produktivsten ist. Fakt ist aber, dass ein einschneidender Schicksalsschlag die Intensität der Werke eines oder einer Kunstschaffenden intensivieren kann - bisweilen bis zur Schmerzgrenze. Anders kann man es zumindest nicht erklären, dass das neue Album "It's The Long Goodbye" der schottischen Indie-Rocker The Twilight Sad im Vergleich zu ihren Vorgängern wesentlich dichter wirkt - und von vielen Fans bereits als das beste Werk ihrer Karriere gefeiert wird.Ausgangspunkt des Albums war die fortschreitende Demenz der Mutter von Sänger James Graham. Ihren stetigen geistigen Verfall mitzuerleben war für den Sohn derart hart, dass er selber mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Sogar eine Tour anno 2023 als Support für The Cure (Robert Smith ist ein großer Fan der Schotten und hat auch beim aktuellen Werk musikalisch ordentlich unter die Arme gegriffen) musste er abbrechen, weil er an der Situation zwischen musikalisch wie auch privatem Erfolg und dem fortschreitenden geistigen Abbau seiner Mutter fast zerbrach.
Das Album entstand über einen Zeitraum von sieben Jahren; die Corona Pandemie spielte ebenfalls eine Rolle bei dessen Realisation. All diese Faktoren lassen "It's The Long Goodbye" zu einem überlebensgroßen Werk avancieren, in dem sich Graham alles an Verlust, Wut und Trauer von der Seele singt. Schon die heulende Gitarre bei "Get Away From It All" liefert den brachial schweren Grundton, der sich über das gesamte Werk erstreckt, selbst wenn die Musik von "Chestwound To The Chest" den melancholischen Lyrics gegenübersteht, oder unerwartet elektronische Beats und Synthesizerklänge bei "Waiting For The Phone Call"" die Szenerie beherrschen.
The Twilight Sad gehen dabei den Weg des größten Widerstandes und setzen auf einen eigentlich nicht ganz einfach nachzuvollziehenden Klang. Trotz der Prominenten Unterstützung des The-Cure-Frontmanns sind sie von Gothic-Rock sehr weit entfernt. Indie-Rock trifft es daher immer noch am ehesten, da der Begriff viele Stile auf sich vereinigt. Tatsächlich muss man festhalten, dass elektronisch-experimentelle Momente ("TV People Still Throwing TV At People") ebenso vorhanden sind wie Post-Punk-Reminiszenzen ("Dead Flowers") und weitere 80er-Liebeleien ("Inhospitable/Hospital").
Dieses Mal jedoch wirkt alles stimmig, und James singt scheinbar um sein Leben - oder um das Leben seiner 2024 verstorbenen Mutter. Man hört jedenfalls den Schmerz und fühlt die präsente Verzweiflung. Anscheinend hat ihn diese Platte auch ein Stück weit gerettet - die Songs klingen ganz stark danach.
Wie gesagt: Es braucht nicht zwangsläufig negative Erlebnisse, um Musik zu machen. Nicht selten passiert es, dass man einfach das Glück besitzt, eine klare künstlerische Vision zu verfolgen. Das macht The Silence Industry aus Vancouver ebenfalls - und seit fast 20 Jahren. Darüber hinaus überrascht die Schlagzahl: "The Stars Above Are Looking Down" ist bereits deren 14. Streich. Von Abnutzungserscheinungen fehlt beim kanadischen Projekt von Mastermind Graham Jackson aber glücklicherweise jegliche Spur.Zur Schande des Magazins sei gesagt, dass es erst seit ihrem letzten Werk mit dem glorreichen Titel "The Lamest Cyberpunk Distopia You Could Imagine" Notiz von The Silence Industry genommen hat. Seitdem durchforsten wir jedoch das gesamte Oeuvre und sind auf einige weitere interessante Werke gekommen (an dieser Stelle sind alle aufgefordert, mal reinzuhören - Bandseite steht wie immer unter dem Artikel).
Bei "The Stars Above Are Looking Down" erhalten wir weiter Klarheit über The Silence Industry, deren Spiel mit den verschiedenen Genres nicht zur Belustigung dient, sondern Stilprinzip der Gruppe ist, die den DIY-Gedanken und die künstlerische Autarkie weiter kultiviert. Vor rund 20 Jahren ins Leben gerufen, hat sich Graham nur eine Prämisse gesetzt: Es ist alles erlaubt!
Dies kann man, mit dem nötigen Hintergrundwissen, bereits im Titel erahnen. "The Stars Above Are Looking Down" ist einer Zeile des amerikanischen Volksliedes "John Brown's Body", das kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs (1861-65) entstand und als Marschlied große Bekanntheit erlangte. The Silence Industry haben sich dieses Stückes angenommen und daraus eine ätherische Gothic-Folk-Nummer gemacht.
Immer noch herrscht ein ob seiner nostalgischen Klangfarbe wehmütiger Gothic-Rock vor, der aber ebenfalls durch seine exorbitanten Längen ("Shadows On Your Throwne", "The Knife" und "Sinking Slowly (Ino Earth)" reißen locker die Acht-Minuten-Marke) sich erst einmal verschließen - auch wegen der progressiven Komposition, welche die Strophe-Refrain-Strophe-Struktur radikal aufbricht.
Und dann sind da diese experimentelle Momente wie das noisige und poltisch angehauchte "These Fascist Drunkards Want To Kill All of Us" sowie das wie eine Aufnahme aus dem All klingende "Is There Anybody Out There?", die den weltschmerzlichen Tenor der Platte aufbrechen. Das ist gar nicht verkehrt, denn bei The Silence Industry wird sich mit aller Macht in die Emotion geschmissen. Da tun solche experimentelle Intermezzi gut.
"The Stars Above Are Looking Down" ist kein wohlgefälliges Album, sondern eine künstlerisch anspruchsvolle Herausforderung. Graham zeigt mit seinen Veröffentlichungen regelmäßig, wie sich Melancholie und Weltschmerz fernab von szenetypischen Klischees wegbewegen und intelligent dargestellt werden können. Natürlich verlangt es dafür einen Endkonsumenten, der sich dieser Herausforderung stellt. Es wird sein Schaden nicht sein.
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