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5/20: DUKE DUMONT, I BREAK HORSES, FAUST PROJECT, THE ROOM IN THE WOOD - TANZ IN DEN MAI

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

In der Krise richtet sich der Blick entweder nach vorne, um den Silberstreif am dunklen Horizont zu erahnen. Oder er richtet sich sehnsüchtig zurück, als eine selbstverständliche, grenzenlose Freiheit uns eigen war.

Wie seltsam muten beispielsweise bereits vorproduzierte Fernsehsendungen an, in denen noch das Mysterium "Publikum" zu sehen ist. Duke Dumont ist auch so ein - teilweise ungewollter - Befeuerer der Nostalgie. Vor einigen Jahren hat er noch mit Jax Jones die Vorzeige Radio-Tanz-Nummer "I Got You" herausgebracht und sich brav dem massenkompatiblen House-Sound untergeordnet, was unsere Redaktion zunächst kritisch beäugt. Dass wir nun dennoch in das neue Album "Duality" reingehört haben, liegt vor allem an der Nummer "Therapy". Denn mehr 90er Sound geht nicht! Transparenter Beat, geloopter Frauengesang, ein paar Synthie-Klimpereien - fertig ist ein perfekter Rave-Track im Geiste eines frühen Moby. Nach ähnlichem Muster verfährt auch "Lovesong", wobei hier mit massiven Fanfaren-Klängen aus der Konserve gearbeitet wurde, was wiederum eine Nähe zu französischen Nu-Disco-Friemlern wie Vitalic generiert, "Together" misst sich sogar recht erfolgreich mit dem freigeistigen French-House-Veteranen von Daft Punk. Natürlich ist aber Duke Dumont ein Kind der Zeit, was bei "The Power" am stärksten zum Vorschein kommt. Allerdings achtet er darauf, dass "Duality" nicht zu rundgelutscht aus den Boxen kullert. Dafür sorgen fiebrige Stücke wie "Obey" mit verhallten Acid-Sounds und einer Drill-Instructor-Attitüde von Sänger Roland Clark, der eine verbindliche Aufforderung zum Tanz macht. Dagegen zeigt sich das nachfolgende "The Fear" geradezu verträumt und handzahm. Am Ende gelingt dem Musikproduzenten mit diesem Album der Brückenschlag zwischen Old-Skool-Dance und Beach-House-Lässigkeit - und schenkt uns etwas tänzelnde Leichtigkeit in schweren Zeiten.

Auch irgendwie schwerelos und doch ganz anders tönen die Lieder der schwedischen Ausnahmeformation I Break Horses. Denn der fluffig zusammengeklöppelte Indie-Synth-Pop birgt unterr ihrer pastelligen Oberfläche eine enrome Sinnesschwere. Den Titel darf man daher ruhig wörtlich nehmen: Vor emotionalen Tiefgang wird eindringlich gewarnt, selbst wenn die teilweise gedankenverlorenen Gesangspassagen von Maria Lindén dies zunächst nicht vermuten lassen. Der Anspruch auf Anspruch ist I Break Horses jedenfalls gegeben, was sie auch mit ihrem Eröffnungsstück manifestieren. Das neunminütige "Silence" macht bereits durch seine epische Länge klar, dass man "Warnings" nicht einfach nur konsumieren kann. Man ergründet dieses Album mit all seinen Fallstricken und tönernen Experimentalorgien wie der Klangcollage "den lilla pase av lycka" und erkennt, das Lindén und Mitstreiter Fredrik Balck das Spiel mit den Gegensätzen lieben. Gerade lyrisch düstere Momente wie "I'll Be The Death Of You" oder "Death Engine" werden in unverfängliche Songcorsagen gepackt, was die eigentliche "Moral von der G'schicht" ein bisschen länger im Halse stecken lässt. Ganze sechs Jahre hat es gedauert, bis das Duo ihr drittes Werk vollendet haben - eine ungewollt lange Zeitspanne, denn nach "Chiaroscuro" habe die beiden mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt, darunter auch ein Komplettausfall der Festplatte, auf der zwei Jahre zusammengesammeltes Songmaterial enthalten waren. Vielleicht war es das beste, was ihnen passieren konnte, denn sie haben einfach noch mal von vorne angefangen. Das Ergebnis könnte jedenfalls lässt nichts vermissen.

Wenn über substantielle Subkulturbeschallung gesprochen wird, ist Belgien nach wie vor ein "place to be". Hier wurde die elektronische Körpermusik der Deutsch Amerikanischen Freundschaft weitergedacht und mit dem New Beat die verrückten Rave-Hymnen der Mittneunziger vorweggenommen. Emmanuel Gillard bezeichnet sich selbst als "Überlebender der belgischen 90s-Underground-Szene", sein erstes Album "The Future Comes On Sleeping Pills" als Faust Project klingt aber so, als ob er eine Dekade früher unterwegs gewesen ist. Dark Wave und Post Punk sind die granitenen Pfeiler, auf dem das Album fußt. Besonders mit dem Suicide-Klassiker "Ghost Rider" zeigt das Ein-Mann-Projekt fast schon stolz seine musikalische Wurzeln. Doch mit jedem Song bewegt sich Emmanuel ein Stückchen weiter weg von den klassischen Pfaden. "Oktober" und "Life Won't Wait" bringen daher zunächst noch keine Erkenntnis: Der gefällige Post-Punk streichelt die düstere Seelen und fördert Erwartbares zu Tage. Doch nach "Injecté" ändert sich das Geschehen. "January" fährt den Fuhpark an lärmenden Saiteninstrumenten drastisch zurück. Atonale Synthelinien tanzen auf einer umherschleichenden, redundanten Bassfigur, was der Nummer etwas sehr surreales verleiht. Auch das im Shufffle-Beat gehaltene "The Hideout" will sich nicht vollständig den Post-Punk Manierismen unterordnen, was natürlich das Spannende daran ist. Erst gegen Mitte des Stücks preschen breitwandige Gitarren nach vorne, während der Computerbeat unbeirrt vor sich hinpluckert. Das ist der Moment, in dem aus einem guten ein hervorragendes Album wird. Bitte mehr davon!

Die Eingangs erwähnte, aufkommende Nostalgie nach einer Zeit vor Corona, die schon meilenweit von uns entfernt zu sein scheint, nährt sich auch an solchen Gruppen wie The Room In The Wood. In den 80ern als Post-Punk-Band The Wood begonnen und auch in dieser Dekade bereits wieder begraben, hat es fast 30 Jahre gedauert, bis die beiden Protagonisten Paul Cavanagh und Dave Jackson sich als The Room In The Wood erneut zusammengschlossen haben. Nach ihrem selbstbetitelten Debüt von vor zwei Jahren folgt nun der Nachfolger "We're The Martians, Now", das einmal mehr wie ein Zeitraffer die britische Rockgeschichte verdichtet. Das Duo versteht sich blendend darauf, so zu klingen, als ob The Doors eine Post-Punk-Band wäre. Psychedelische Momente wie bei "Dragonfly" (einer um vertäumte Flötenparts erweiterte Neuaufnahme ihres Songs aus der ersten EP "Magical Thinking") oder "Charmed" wechseln sich mit progrockigen Strahlquellen ("Diamond Cloud") und krachigen Energie-Nummern ("Fun Of The Fair") ab. Als The Wood standen sie im Schatten der großen britischen neuen Wellenreiter wie Echo & The Bunnymen oder The Mission. Und auch jetzt lassen sich einige Parallelen nicht verleugnen. Ihre eigene Auffassung von mystisch beschlagenem Rock, der bei "Mars (Won't Save Us)" und vor allem "The Earth Is Flat (Fool's Anthem)" auch humoristische Züge aufweist, wird sich aber mit jeder weiteren Veröffentlichung aus dem Schatten der Altmeister herausbewegen. Und allein für Stücke wie "Under The Waterfall" ist The Room In The Wood eine Bereicherung der - aus aktuellen Gründen darbenden - Musikszene.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 27.04.2020 | KONTAKT | WEITER: CELEIGH CARDINAL VS. LUKE ELLIOT>

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Webseiten:
www.dukedumont.com
www.ibreakhorses.se
bandcamp.faustproject.com
theroominthewood.bandcamp.com

Covers © Virgin/EMI (Duek Dumont), Bella Union/PIAS (I Break Horses), Analog Wateland Records (Faust Project), A Turntable Friend Records (The Room In The Wood)

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