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8/21: HIEMIS, RITA TEKEYAN, MARK E MOON, PLEIL, OS BARBAPAPAS - DARF'S NOCH EIN BISSCHEN MEHR SEIN?

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Der Stapel an zu rezensierenden Alben wächst wieder. Die Frühjahrsmonate sind traditionell eine releasestarke Zeit. Wir haben da mal ein kleines Sträußchen an exorbitanten Klänge zusammengebunden.

Für Hiemis' Werk "La Chose" ist die Lebensgeschichte eines gewissen Martinèz de Pasqually, der im 18.Jahrhundert eine Hochgrad-Freimauererorden namens Elus Coën, der durch okkulte Riten negativ aufgefallen ist und von der Direktion verboten wurde, treibende inspirierende Kraft. Pasquallys Wirken hat großen Einfluss gehabt: Der so genannte Martinismus, eine Form der esoterischen Freimaurerei ist aus Elus Coën entsprungen. Hiemis aus Spanien hat sich diesem nicht ganz einfachen Thema wortlos angenähert. In ihren Dark-Ambient-Oden gerinnt die Zeit. Mittels schweren Synthieflächen, bedächtigen Klavierparts und massiven Soundscapes erzeugt das Projekt eine von Horror und Mystik durchzogene Gravitas, die eine Ahnung von der eigenartigen Spiritualität Pasquallys gibt. In seiner, leider schon vergriffenen, limitierten Version liegt "La Chose" ein wunderschön gestaltetes Buch bei, das als literarische Begleitung die Hintergründe erläutert. Selbstverständlich funktioniert das Album des spanischen Projekts auch ohne dieses Hintergundwissen. Der Titel basiert übrigens auf die von Pasquallys Überlegungen vorherrschende Universalquelle, nach der jedes der Dinge auf der Welt ausgerichtet sei. Wo im Christentum mittels Ikonographien dem "Unsichtbaren" ein Gesicht verliehen wird, blieb Elus Coën bewusst vage. Vielleicht ist es auch dieses "Unaussprechliche" in der Musik von Hiemis, welches den Hörer in seinen Bann zieht. "La Chose" ist ein geheimnisumwittertes Sinnen über Spiritualität, das allein Kraft der Melodien uns wundersame Momente beschert.

Thematisch wesentlich griffiger und die jüngere Geschichte aufgreifend ist Rita Tekeyans neuestes Album "Green Line". Die so friedlich und idyllisch klingende "Grüne Linie", von der die Rede ist, war in Wirklichkeit die durch Lybiens Hauptstadt Beirut gezogene Frontlinie, die den muslimischen Westen vom christlichen Osten während des libanesischen Bürkerkriegs (1975-1990) trennte. Rita Tekeyan ist gebürtige Libanesin und hat sich mit der jüngeren Geschichte ihrer Heimatstadt intensiv beschäftigt, was auch das Booklet belegt. Die Musikerin selbst schoss die Fotos von Beirut, welche die fast vergessenen Spuren des Kriegs in der wieder aufgebauten Metropole ausfindig machen und die wie Narben an eine schreckliche Zeit erinnern, deren Traumata mit Sicherheit noch lange nicht aufgearbeitet worden sind. Zwischen fast schon nüchterner Beschreibung der chaotischen Zustände im Stück "Abri" bis hin zur Darlegung persönlicher Gefühlswelten wie in "Your Sin", legt die Musikerin die gesamte Palette ihres Sangeskunst offen. Sie singt, schreit, flüstert, mal elfengleich wie Kate Bush, mal atonal wie Nina Hagen, mal greift sie auf nahöstliche Gesangsmethoden zurück. Das alles wird eingepackt in einem von allen Zwängen und Genres befreiten Klang, der sich an traditionellen Goth-Rock- und Darkwave-Strukturen anlehnt, in die sie aber fast schon unmerklich orientalische Volksmusik einwebt und damit so fesselnd ist wie dereinst Emilie Autumn zu Beginn ihrer Karriere. Ein großartiges Werk, das den Schrecken des Krieges mit der Schönheit der Musik paart und ihn dadurch noch grausamer erscheinen lässt.

Irgendwer hat über Mark E Moon gesagt, ihre Musik klinge so, als würden sich The Sisters Of Mercy mit den Pet Shop Boys treffen. Eine pointierte Umschreibung für das, was das Duo von der Isle Of Man seit einiger Zeit produzieren. Sänger Mark Syle besitzt tatsächlich diese bassige Schwere eines Andrew Eldritch, während ihre klassische Melange aus Dark Wave, Goth Rock und dezent eingesetzter Elektronik unglaublich viel Pop-Appeal besitzt. Man muss sich einfach nur mal "The Failing" aus ihrem aktuellen Werk "Old Blood" einverleiben. Dieses Stück ist exemplarisch, wie schnell sich der Refrain in den Gehörgängen festsetzt und auch weitere Songs später immer noch nachhallt. Selbst "Human" (by the way keine Coverversion von The Human Leagues Millionenseller!) könnte bei einer etwas "optimistischeren" Akkordfolge und fetteren Produktion sogar mit den aktuellen, elektronischen Chartstürmern eines Rea Garvey mithalten. So aber bleibt "Old Blood" ein szenekompatibles Werk, das mit wunderbar eingängigen Stücken ein Feuerwerk des Weltschmerzes abbrennen, bei dem der geneigte Hörer seine Einheitsschritte absolvieren kann. Kritiker möchten in den Nummern zwar eher Rückwärtsgewandheit als musikalischen Fortschritt erkennen, aber es gehört eine Menge Können und Inspiration dazu, aus bekannten Zutaten einen spannenden Klang-Cocktail zu kredenzen. Mark E Moon sind Traditionalisten im besten Sinn, weil sie Bekanntes unverfälscht und mit der größtmöglichen Spielfreude präsentieren.

"Hier schreibt Dir Pleil, 1 guter Typ mit Stromgitarre aus Rhein Main". Mit diesen lockeren Worten wurde Marco Pleil bei uns e-postalisch vorstellig, um seine Single "Liebe/Jazz ist keine Option" darzureichen. Seine Beschreibung umreißt perfekt Pleils musikalischen Ansatz: Nur er, seine Gitarre(n) und vielleicht noch ein paar Effekte - das wars. Da dieses Konzept spannender ist, als erwartet, musste dann doch das Album "Die Spur des Kalenders" unbedingt besprochen, wenngleich sie seit über einem Jahr schon auf dem Markt ist. Doch mit welch cassandrischen Fähigkieten ist dieser Mann bitteschön ausgestattet? Seine Lyrics sind messerscharfe Beobachtungen unseres präpandemischen Lifestyles. "Ein bisschen Abstand täte uns gut", rät der Mann aus dem Hessischen in "Menschenzoo". "Tausche Katastrophe gegen Struktur" lautet wiederum eine Textzeile aus "Im Parcours". Und so kommt dieses Album, das in den Wirren der ersten Corona-Welle sicherlich nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die es eigentlich verdient, nun endlich zu späten Ehren. Denn "Die Spur des Kalenders" fischt in bekannten Gewässern, klingt angenehm nach Tocotronic und Thees Ullmann. Das liegt nicht zuletzt auch an Pleils bewegter Vorgeschichte: Seine musikalische Laufbahn begann er vor rund 30 Jahren als Teil der Pop-Punker von Strange, ehe er mit Cloudberry seine größten Erfolge im deutschen Alternativ-Bereich feierte. Doch scheint es so, dass er erst jetzt als 1 guter Typ mit Stromgitarre endlich zu sich selbst gefunden hat. "Die Spur des Kalenders" lässt zumindest keinen Zweifel daran.

Zu den vielleicht kuriosesten Veröffentlichungen dieser Tage zählt zweifelsfrei "DooWooDooWoo" der Os Barbapapas aus São Paulo. Dort genießt das Quartett bereits einen guten Ruf. Das Berliner Label Fun In The Church, das es sich zum Ziel gesetzt hat, unkoventionelle Künstlerinnen und Künstler unter ihre Fittiche zu nehmen, macht das Quartett in unseren Breitengraden bekannt. Und das ist auch gut so. Denn so "open-minded" ist selten ein Werk. "DooWooDooWoo" klingt so, als würden sich Bossa Nova, Tropicana und Jazz zu einem drogeninduzierten Stelldichein verabreden. Die südamerikanische Herkunft dieses Vierergespanns hört man in jeder Sekunde, auch wenn sie dafür nicht ein einziges Wort brauchen. Aber sie spielen mit den Versatzstücken ihrer musikalischen Sozialisation und provozieren damit seltsame Bilder im Kopf, die mindestens so durchgeknallt sind wie die damals waghalsigen Flower-Power-Werbeclips für Afri-Cola. Da schwebt in "Saudade dos Humanos" am Ende das Klangraumschiff in den Orbit, während "Buena Onda" die Untermalung für einen schummrigen Nachtclub sein könnte. Da erinnert "Noturna" bisweilen an die Trip-Hop-Tango-Spielereien des Gotan Projects, und das spacige "Transparente" könnte glatt als ein vergessenes Intermezzo für Kraftwerks Album "Radioaktivität" durchgehen. Die Instrumental-Miniaturen dauern kaum länger als zwei Minuten, das Album selbst ist nach knapp 25 Minuten durch. Doch den Nachhall, den "DooWooDooWoo" besitzt, ist zeitlich überhaupt nicht zu bemessen. Großes Kino!

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.05.21 | KONTAKT | WEITER: MARQUIS VS. TELEX>

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markemoon1.bandcamp.com
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Covers © GH Records (Hiemis), Seahorse Recordings (Rita Tekeyan), Cold Transmission (Mark E Moon), Timezone (Pleil), Fun in The Church (Os Barbapapas)

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