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"MUSIK, MUSIC, MUSIQUE" VS. "ANOTHER COLD WORLD 3": 40 JAHRE SIND EIN TAG

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Aktuell läuft von Mark Forster seine aktuelle Single "Übermorgen" auf schwerer Rotationen in den hiesigen Radiosendern. Das liegt zum einen sicherlich an der extremen Radiofreundlichkeit des Stücks - es ist gerade mal geschmeidige zwei Minuten 46 lang. Aber es liegt sicherlich auch am schamlosen Klau, denn das Lied klingt wie eine Mischung aus Münchner Freiheits "Ohne Dich" und Alpahvilles "I Die For You Today".

Der Erfolg dieses Titels spiegelt aber auch die anhaltende Begeisterung für die großen Melodien - gerne auch elektronisch hergestellt -, die ihren großen Ausbruch mit dem Beginn der 1980er erlebten. Denn in dieser Dekade durfte Pop einfach auf sich selbst referieren, musste nicht mehr rebellieren, hatte keine größere politische Konnotation, sondern war einfach da, um die Menschen zu erfreuen.


Im Besonderen war es auch der elektronisch intendierte Pop, der sich gerade im Jahr 1980 zu ersten waghalsigen wie atemberaubenden Höhenflügen aufraffte - und zwar über den ganzen europäischen Kontinent verteilt. Wie groß dieser Urknall in der synthetischen Popmusik war, davon zeugt "Musik, Music, Musique", einem von Cherry Red wieder vorbildlich kuratierten Sampler, der sich auf eben dieses eine Jahr beschränkt, in dem tatsächlich so viel geschehen ist.

Das drei CDs starke Kompendium spricht in seinem Titelzusatz sehr trefflich von "The Dawn Of Synth-Pop", denn die insgesamt 58 Songs bewegen sich bisweilen weit weg von dem, was man heute unter populärer Musik versteht. Da schwingt bei Rod Verys "Metal Love" immer noch der vor kurzem zu Grabe getragene Punk mit, dem es zu verdanken ist, dass sich immer mehr Musiker hinter die Maschinen klemmen, um irgendwelche Sounds rauszufriemeln. Schließlich konnte nach Punk-Regel jeder Musiker sein.

Das führt im Extremfall zu British Standard Unit, die Rod Stewarts "D'Ya Think I'm Sexy?" in einen Robotik-Pop für die mitternächtliche Androiden-Diskothek umgemodelt haben (jener Song fand sich bereits auf der ebenfalls superben Zusammenstellung "Close To The Noise Floor"). Hinter diesem Projekt steckt übrigens ein gewisser Stephen Morgan Fisher, dessen Arbeiten eher im Rockbereich anzusiedeln ist (sein größter Erfolg war das Mitwirken bei Mott The Hoople und ihrem Song "All The Young Dudes").

Ohnehin zog es viele 70er-Rock-Musiker wie magisch und selbstverständlich zu den neuen elektronischen Geräten. Auch ein gewisser Philip Lynott, eigentlich als Saitenbearbeiter für die Pub-Rocker von Thin Lizzy zuständig, hat mit "Yellow Pearl" ein üppiges Space-Pop-Stückchen inklusive Vocoder-Gesang vorgelegt, das es immerhin bis auf Platz 14 in den britischen Charts schaffte.

Der Titel des Samplers ist zwar dem gleichnamigen Song von Zeus (natürlich auch hier vertreten) entlehnt, verweist aber gleichzeitig auf das weltweite Phänomen Synth-Pop, das quasi in allen Ländern mehr oder minder synchron und initial zündeten. Ob Yello aus der Schweiz (hier mit dem noch funkigen Frühwerk"Bimbo" vertreten), Der Plan mit "Da vorne steht ne Ampel", La Düsseldorfs humoristischer "Dampfriemen" und DAFs "Kebabträume" als die namhaftesten deutschen Beiträge, oder die Französin Henriette Coulouvrat ("Can't You Take A Joke? Ha Ha Hi Hi!"): Der Gebrauch der neuen Pop-Wunderwaffe Synthesiizer machte schnell die Runde. Mit ihm ließ sich naiver Futurismus genauso gut wie nostalgischer Retro-Sound darstellen.

Die Klasse von 1980 - sie strahlt auf "Musik, Music, Musique" in vielen Farben. Während The Fall Club und The Residents noch dem spröden Charme diletanttischer Elektronik frönen und Silicon Teens (bei dem auch der gute alte Daniel Miller seine magischen Finger im Spiel hatte), auf "Chip'n'Roll" dem Jugend-Sound der 50er-Jahre ein computerisiertes Antlitz verpasste, formten Spandau ballet mit "Glow" bereits einen snobistischen Poppersound fürangehende Bankiersgesellen, suchten John Foxx ("No One Driving"), Ultravox ("Waitung") und Japan ("Quiet Life") nach Grandezza und neuer Romantik. Und Genocide nimmt in "Images Of Delusion" Kurs zum absoluten emotionalen Nullpunkt.

Besonders dieser Zweig - ein elektronisch basierter, auf Traurigkeit und Weltschmerz gepolter Techno-Pop - hat sich sein Überleben dank der Gothic-Gemeinde gesichert. Während avantgardistische Projekte oder New-Romantic-Heroen mittlerweile musealen Schutz genießen, konnte sich der so genannte Cold Wave über die Dekaden hin retten.

Fast wäre auch ihm der Weg allen Irdischen beschieden gewesen, da besonders zur Jahrtausendwende in der Schwarzen Szene die Elektronik als tanzförderndes Stilmittel vor allem in wuchtigem Future-Pop, aggressivem Dumpf-Techno und ewig gestrigem Depeche-Mode-Epigonentum in sonderbare Bahnen eingelenkt ist. Der völlig überdrehte Cyber-Electro markierte den absurden Höhepunkt eines Trends, der sich von dem introvertierten Nimbus der Schwarzkittelfraktion deutlich unterschied.

Doch seit einigen Jahren finden viele Musiker zu analogen Synthesizern und reduzierter Emotionalität zurück. Die spanische Plattenfirma Cold Beat Records gehört zweifelsohne zu einem der wichtigen Publizierer schwebendem Melancho-Electro und veröffentlicht mit seiner dritten Ausgabe von "Another Cold World" erneut eine Doppel-CD voll mit wunderbaren Stücken voll von trister Eleganz.


Zuallererst ist dieses Kompendium eine Präsentation der Künstler, die auf dem Label ihre Stücke veröffentlichen. Der Gedanke einer geballten Vermarktung der Bands liegt da nahe. Andererseits fällt es angesichts der gleichbleibenden hohen Qualität der Songs schwer, sich für irgendeine(n) Künstler(in) oder einer Gruppe zu entscheiden. Dahingehend beglückt uns dieser Sampler mit einer Fülle an herausragenden Stücken, die repräsentativ für die neue Lebendigkeit dieser Szene sind.

Und wie anno 1980, so ist auch im Jahre des Herrn 2020 die elektronische Musik eine weltumspannnende Geschichte, die auf diesen beiden CDs kulminiert. A Transition beispielsweise (gleich mit zwei Songs vertreten) kommt aus Deutschland, Sara Stuttgart hat ihre heimatlichen Zelte entgegen ihres Nachnamens in San Francisco aufgeschlagen, Delayscape sind bereits alte Bekannte aus Kopenhagen und Karl Kave sendet seine energischen Fetisch-Sounds aus den Schweizer Alpen.

Zwischen drängenden Sounds bei "Looking Real" von Closed Mouth und herrlich verwaschenen Momenten bei Holons "Seeking Solitude" pendelt sich die Zusammenstellung in einen steten Zustand großer Hoffnung ein - Hoffnung darüber, dass auch nach 40 Jahren die elektronisch intendierte Musik noch lange nicht seinen Zenit erreicht hat und es immer wieder Neues und Aufregendes zu hören gibt, das sich erfolgreich gegen den Mainstream-Electro und inspirationslosem Preset-Gedudel aus diversen computerisierten Musikprogrammen zur Wehr setzt.

Vielleicht werden die 2020er eines Tages in der Retrospektive einen ähnlich kultigen Status genießen wie einst die 1980er. Einiges wird dafür bereits getan, sowohl im Untergrund, als auch an der popkulturellen Oberfläche.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 27.07.20 | KONTAKT | WEITER: SIGNAL BRUIT "HYPERBORÉE">

Webseite:
www.cherryred.co.uk
coldbeatsrecords.bandcamp.com

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COVER © CHERRY RED RECORDS/ROUGH TRADE ("MUSIK, MUSIC, MUSIQUE"), COLD BEAT RECORDS ("ANOTHER COLD WORLD 3")

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