2/26: IDA THE YOUNG, RO.T, HANSAN, NICK & JUNE, AIKA - MOMENT, 2025! WIR SIND IMMER NOCH NICHT FERTIG - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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2/26: IDA THE YOUNG, RO.T, HANSAN, NICK & JUNE, AIKA - MOMENT, 2025! WIR SIND IMMER NOCH NICHT FERTIG

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Ein spannender Einstieg in ein noch spannenderes Album. Das tschechische Musikerkombinat Ida The Young beginnen ihren ersten Song ihres Debüts "Tell Me When You Pass The Sun" mit einer (fingierten?) Studioaufnahme und dem zunächst schüchternen Ansingen des Textes von Sängerin Iris Hobson-Mazur, ehe "Decomposing" wirklich startet. Was in den körnigen Anfangssekunden bereits erahnen lässt, entfaltet sich Sekunden später in ganzer Größe: Ida The Young sind Meister eines tiefenentspannten Indie-Folk-Rock, der als wichtigsten Referenzpunkt Iris' kraftvolle und durchdringende Stimme vorzuweisen hat. Sie drückt den Nummern, die mal schmissig wie "Lava Song", mal berührend wie "What's Going On?" sind, ihren Stempel auf. Dabei wandeln die Texte laut Aussage der Sängerin auf einem schmalen Weg zwischen Wahrheit und Fiktion. Doch nur im Schreiben sei es ihr möglich, diese beiden Welten miteinander zu verbinden. Daher bleibt der Hörerschaft selbst überlassen, die wahren und ausgedachten Elemente herauszufinden. Doch sind auch diese Spitzfindigkeiten für den Genuss dieses Albums zweitrangig. Es braucht nicht einmal das Textverständnis, um diesen Longplayer zu lieben. Allein durch die vielen kompositorischen Ideen besitzt das Album eine großartige Dynamik. Denn vordergründig gitarrenbasiert, finden sich beispielsweise in "Ghost" einige sparsam aber pointiert eingesetzte elektronische Klänge und Effekte, die den Song in eine ätherische Richtung bewegen. Ein bisschen fühlt man sich an Travis' einnehmendes Album "The Invisible Band" von 2001 erinnert. Das bedeutet jedoch nicht, dass Ida The Young 25 Jahre zu spät mit ihrem Sound dran sind. Ganz im Gegenteil: "Tell Me When You Pass The Sun" ist ein zeitloses Werk, das auch noch in Zukunft gehört werden wird.

Womit wir bei einer weiteren Gruppe sind, deren musikalisches Verständnis auf tradierte Klänge basiert. Und das Erstaunliche daran ist: Ro.t singen auf Schwedisch und haben laut Pressezettel ungefähr 75 Prozent Hörerinnen und Hörer aus dem Ausland. Hört man in das aktuelle dritte Album "Stormens Vilda Fuga: Dikter Av Nils Ferlin", ist das kaum verwunderlich. Die Band klingt wie ein Haufen Spielleute aus einem Zauberwald. Sängerin Rebecka O'Nils und Flötist Jenny Klefbom bieten betörende Zweistimmigkeit dar und Gitarrist William Bülow O'Nils streichelt seinem Instrument entrückte Klänge. Der Folk und Mittelaltereinschlag harmonierte bislang sehr gut mit den früheren Texten, die sich meistens im 18. und 19.Jahrhundert abspielten. Das neue Album stößt nun rein thematisch in die Neuzeit vor. Nils Ferlin ist ein in Schweden bekannter Dichter, ein klassischer Bohemian des ehemaligen Klara-Viertels in Stockholm. Seine teils sehr pessimistischen Texte handeln von Alkohol, dem Theater (dem Ferlin lange Zeit als Revue-Künstler eng verbunden war) und (gescheiterten) Beziehungen. Alles größtenteils moderne Sujets, die durch rot.s musikalische Untermalung eine Zeitlosigkeit erhalten. Auch dass seine Gedichte von Frauen gesungen werden, ist eher eine Seltenheit. Das Trio begibt sich daher mit ihrem Drittling auf mehreren Ebenen in neue Territorien. Am Ende aber steht die Erkenntnis, dass selbst so scheinbar unvereinbare Elemente wie traditioneller schwedischer Folk und moderne Lyrik sich nicht ausschließen. Die teilweise recht kurzen Stücke konzentrieren sich auf die selbst ungeschmückte Sprache des Dichters und lassen allen instrumentalen Ballast außen vor. "Stormens Vilda Fuga: Dikter Av Nils Ferlin" ist leise und mystisch und repräsentiert die skandinavische Seele anschaulich.

Ebenso zählt auch Sofia Talvik zu einer der interessantesten schwedischen Sängerinnen der Gegenwart. Wie die zuvor besprochenen ro.t favorisiert die Musikerin einen Folk-Sound, der sich aber mehr an die amerikanische Spielart dieses Genres anlehnt. Berühmt für ihre berührenden, authentischen Weihnachtssongs, die sie jährlich veröffentlicht (Ende des Jahres erschien mit "Wrapped In Paper" ihre zweite Sammlung), arbeitet sie mit dem deutschen Musiker David Floer als Hansan an einen wesentlich experimentelleren Sound. Auf dem neuesten Werk "Vargar" lotet die Musikerin die Schnittstellen zwischen Schlaf und Wachsein aus. Der Moment, in dem die Realität langsam zu verschwimmen beginnt und Geräusche und Lichtstimmungen vom Gehirn neu zusammengesetzt und surreal interpretiert wird. Diesem Moment des Übergangs in die Traumphase will Hansan musikalisch entsprechen. Dafür nutzt das Duo einen fließenden Sound, der in "Gunga" auch rhythmisch akzentuiert werden kann, wobei das Schlagwerk in den Songs konsequent außen vor bleibt. Andächtige Streicher und zart gezupfte Akustikgitarren erschaffen eine wattige Atmosphäre, in der sich die Hektik des Alltag aufzulösen scheint. Abschließend wartet "Sommarlov" mit einem Chor aus Grundschülern auf, und "Ladidej" baut sich um eine lautmalerische Silbenfolge hypnotisch auf. Der Abschluss ist in seinem Minimalismus und seiner stringenten Zusammensetzung ein gelungener Schlusspunkt eines Albums, das Hansan als Projekt weiter etabliert und das Zusammenspiel zwischen der Schwedin und dem Deutschen einmal mehr verfeinert. "Vargar" gibt sich eigenständig und selbstbewusst und dem Duo ist die Freude an der gemeinsamen Arbeit in jeder Note anzhuhören. Für Sofia ist es überdies der Abschluss eines sehr kreativen Jahres.

Was haben ABBA, No Doubt und Nick & June gemeinsam? Die Mitglieder der Bands waren zeitweise liiert und haben nach der Trennung weiter gemeinsam Musik gemacht. Und was für welche! ABBAs Evergreen "The Winner Takes It All" war stark von der in die Brüche gegangenen Ehe zwischen Agnetha und Björn beeinflusst, "Don't Speak" thematisierte das Aus zwischen No-Doubt-Sängerin Gwen Stefani und Bassist Tony Kanal - die beide den Song einspielten. Nick & June sind dabei noch einen Schritt weiter gegangen. "New Year's Face" ist das erste Album der beiden kreativen Köpfe Nick Wolf und June Kraft nach ihrer Trennung und hat diese schwierige Zeit zum Inhalt. Vom privaten Bruch der beiden ist auf der Platte nichts zu merken. Im Gegenteil: "New Year's Face" wirkt wie aus Trotz noch geschlossener und homogener. Nach wie vor bleibt das Duo einem traurig-schönen Indie-Pop verhaftet, der irgendwo zwischen Bon Iver, The XX und Mazzy Star changiert und von einer angenehmen Unaufgeregtheit durchzogen ist. Selbst "Dark Dark Bright" mit seinen jubilierenden Trompeten und "Anthem" mit den forscheren Beats und einbrechenden E-Gitarren kann die kontemplative Grundstimmung des Werks nicht zerschneiden. Gerade in Momenten der Zweistimmigkeit wie in "Trouble" wirken die beiden Ex-Partner immer noch vereint und harmonisch. Das dritte Werk ist sicherlich ein einschneidendes - sowohl für die beiden Kunstschaffenden, als auch in der musikalischen Ausrichtung von Nick & June. Denn es wirkt so, als habe man sich bewusst dafür entschieden, die schmerzenden Themen wie schwindende Liebe und Trennung in noch anschmiegsamere, verhallte Kompositionen zu packen und damit das Projekt in eine interessante Richtung neu ausgerichtet.

Nach so viel kuscheligen Klängen wird es Zeit, den Staub aus den Lautsprecherboxen zu pusten. Die entsprechende Apparatur hält die Band Aika dafür bereit. Früher als Aika Akakomowitsch unterwegs, fällt der Nachname nun weg und taucht als Albumtitel auf. Benni und Max, zwei Freunde seit Kindergartentagen, lieben die musikalische Eskalation, die sie sowohl stilistisch als auch textlich nicht weit weg von Gruppen wie Alltag, Kraftklub oder Frittenbude positioniert. "Akakomowitsch" ist ein typisches Electro-Punk-Album: knarzende Basslinien, explosive Kickdrums und bratzige Gitarrenriffs, über die wie in "Kein Wir mehr" die Auflehnung und Protest zum Stilprinzip erhoben wird. Gleichzeitig blitzen in den agitatorischen Augenblicken auch persönliche Momente auf - eine Besonderheit von Aika, die sowohl allgemeingültige als auch persönliche Betrachtungen gekonnt vermischen. Vor allem die ungezügelte Spielfreude ist bemerkenswert. "Coinservative", eine der wenigen englischsprachigen Stücke, ist fast schon Indie-Rock, "Studenten an der Bar" grüßt die Neue Deutsche Welle, "Studenten an der Bar II" lässt tonnenschwere Riff-Brocken auf die Hörer fallen. "Erlaubt ist, was Spaß macht" - selten hat dieser Spruch so gut gepasst wie für "Akakomowitsch". Ein bisschen popkulturelle Querverweise mit gehörigem Schalk im Nacken findet man auch bei "Disco". Aika macht aus der oberflächlichen Massenbespaßung ein subkulturelles Happening - und führt dieses Genre zu ihren Wurzeln zurück (und zitiert zu Beginn auch Ultravox: "Wir tanzen mit Tränen in den Augen"). Es bedarf nur eines Durchlaufs, um die musikalische Vision der beiden Sandkastenbuddies nachzuvollziehen: Ein wenig 90er-Rave, viel Wut und Aktionismus, aber auch Eingängigkeit sind die Ingredienzien für ein frisches, unverbrauchtes Album, das kurz vor Ende 2025 veröffentlicht wurde, aber 2026 gebührend und mit Haltung einläutet.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 27.01.26 | KONTAKT | WEITER: VA "SELECTED WORKS 2025" VS. VA "GRENZWELLEN 14">

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