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6/17: LUNAR TWIN, LEVIN GOES LIGHTLY, ST. KITTS ROYAL ORCHESTRA, CLAN OF XYMOX, THE AGNES CIRCLE: SCHUMMRIGES AM SOMMERABEND

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Die Sonne geht, die Wärme bleibt: Besonders die Nächte der Sommermonate sind von einer eigenwilligen, fast schon wuseligen Stimmung geprägt. Es zieht die Menschen raus auf die Straßen. Doch es muss nicht immer Beach-Party sein.

Denn unter den vielen Feierwütigen, die das laue Klima nutzen, um das Tanzbein zu schwingen, gibt es auch nicht wenige, die in den heißesten Monaten des Jahres eine leichtfüßige Niedergeschlagenheit empfinden und diese kultivieren. Das geht am besten mit grundentspannter Musik im Allgemeinen und mit Lunar Twin im Besonderen. Allein der Titel ihrer EP! "Night Tides". Er erinnert an nächtliche Strandspaziergänge barfuß durch den warmen Sand, während das Meer sanft an die Küstenkante schlägt. Das Projekt verschmilzt in ihrer nächtlichen Gezeitenserenade die Grandezza eines David Sylvian mit der träumerischen Unbeschwertheit von Washed Out. Als Kontrapunkt, quasi wie die schäumenden Gischt der rauen See, um das Bild nochmal aufzugreifen, fungiert Bryce Boudreaus zartbitterer Gesang, der irgendwo zwischen Chris Rea und Mark Lanegan justiert ist und wie ein pechschwarzer Pinselstrich auf einer dunkelblauen Leinwand wirkt. Wie die Gezeiten das Land verändern, so ändert auch "Night Tides" sein Gesicht im Laufe der Spieldauer. Beginnt "Waves" noch mit hymnisch-verliebten Klängen, die von sacht angeschlagenen Gitarrensaiten sanft liebkost werden (gerade in diesem Stück lebt der Geist alter Soulsavers-Zeiten wieder auf, als noch Lanegan vor dem Mikro stand), lassen die flirrenden Sequenzen in "Birds Of Paradise" und das tapernde Synthesizer-Thema von "Prayers Of Smoke" die Lust am klanglichen Experiment der beiden Musiker (neben Boudreau komplettiert Chris Murphy das Duo) durchscheinen. Am Ende wabert es im Titelsong ausgiebig, die Rhythmen wirken wie von den Fluten verschluckt; das Wasser hat einen fest umschlossen, und man lässt sich bereitwillig von ihm treiben - ganz wie es das Cover der EP uns verspricht. "Night Tides" ist ein von der Kraft des Meeres und der Magie der Nacht geleitetes Werk.

Von den Gestaden zieht es uns weg und hin zu den Lichtern der Großstadt - just nach Sperrstunde, wenn die letzten Besucher aus den Clubs taumeln und ein wenig benommen den Heimweg antreten. Der einzige Fixpunkt bleibt dabei Levin Goes Lightly, der uns mit den Songs seines Debüts "GA PS" sicher durch die Nacht leiten will. Aber tut er das wirklich? Oder sie? Alles an diesem Menschen wirkt undefinierbar und androgyn - so wie das gesamte Album, das dem Ziggy Stardust eines David Bowie ebenso nah zu sein scheint wie dem Prä-New-Romantic-Künstler Fad Gadget oder gar einem Supermelancholiker wie Ian Curtis. Doch "GA PS" ist geträumte Gegenwartselektronik, mit sauber produzierten Songs und aufgeräumten Arrangements. Der Stuttgarter Künstler, der aus dem Dunstkreis der Lokalmatadore Die Nerven entstammt, setzt seine scharf umrissene Vorstellung von Einsamkeit und Traurigkeit in ein surrealistisches Klangbild, bei dem es wie in "Ground" ordentlich in der Bassregion wobbelt, während "Bluescreen" mittels kristallinen Klanggebilden eine musikalische Distanz zum Hörer schaffen. Levin Goes Lightly gelingt die perfekte Gratwanderung zwischen Nähe und Abstand zu vollziehen. Seine fast divenhafte Ausstrahlung belegt er mit einer Gaze aus Weltschmerz und -abgewandheit, weswegen "GA PS" auch nur mit Vorsicht zu genießen ist. Wenn er (oder sie) mantragleich "I'm sociophobic" in "S.A.D." unter minimaler Musikmalerei ins Mikro haucht, klingt Levin wie ein sehr schlecht gelaunter Leonard Cohen oder eine extrem unamüsierte Grace Jones. Alles, was auf "GA PS" passiert, ist mit Nachdruck auf Einsamkeit gebürstet, ja, geradezu artifiziell traurig. Und dennoch kauft man diesem ätherischen Wesen seine Songs ab. Denn bei aller Geisterhaftigkeit und gespielter Emotionskälte triggert das Album unsere tiefsten Empfindungen der Isolation an, die sicherlich jeder einmal durchlebt hat.

Eine ähnlich nebulöse Aura besitzt auch "Isadora", das zweite Album der Ostschweizer St. Kitts Royal Orchestra. Obgleich der Bandtitel opulente Streicher und wagnerianische Festspiele andeutet, bleibt das Album eine entspannte Kreuzung aus TripHop, Electronica und Indie-Rock. Den Drang, ihr eigenes Projekt als Experimentierfeld für ungewöhnliche Sounds zu nutzen, ist latent hörbar. So brechen Gitarren und Schlagwerk aus dem eigentlich anschmiegsamem "I Could Be You" aus und rumpeln unvermittelt aus den Boxen wie nur was. Auf der anderen Seite gehen die kryptofunkigen Gitarrenparts mit den extrem nervös aufgespielten Drums fast als Mitternachtsvariante der Red Hot Chilli Peppers durch. Da nützt auch das am Ende forsche Auftreten der Jungs (und des Mädel) inklusive aufjaulender Saitenistrumente nichts. Was St. Kitts Royal Orchestra aber machen, versteckt sich bereits als Hinweis im Albumtitel. "Isadora" lässt nämlich nur eine Assoziation zu: jene zur legendären Tänzerin Isadora Duncan. Sie zerstörte das Ballett im vergangenen Jahrhundert mit ihren Solodarbietungen, die heutzutage unter dem Begriff Ausdruckstanz das ungestüme Gegengewicht zum stringenten und reglementierten Tanztheater bilden. Ähnlich verhält es sich mit diesem ganz und gar unköniglichen Orchester: Hier werden musikalische Räume neu ertastet und mittels einer geschickten Verquickung organischer und anorganischer Sounds umgedeutet. Selbst wenn die Klänge bei "Fade Out" und "Triad" (vielleicht auch eine Anspielung an das "triadische Ballett", einem revolutionären Tanzwerk der Bauhaus-Ära) bisweilen an die experimentellen Songs von Depeche Mode in ihrer Spätphase erinnern und "Urban Jungle" ein entfernter Verwandter der am Boden zerstörten Indie-Rocker von The XX sein könnten, besitzen die Schweizer genügend Indentität, um in Erinnerung zu bleiben. Auch hier gilt: "Isadora" ist ein Album für Nachtmenschen.

Und wer, wenn nicht die Gothics, sind der Nacht stärker verbunden als alle anderen? In den ruhigen Stunden sinnieren sie im romantischen Idealfall über ihre Vergänglichkeit und gelten gemeinhin als intovertierte Vertreter der Spezies Nachtschwärmer inklusive eigenem Soundtrack. Beziehungsweise: Man kann gar nicht so richtig umreißen, was "Gothic" musikalisch eigentlich ausmacht. Vielleicht gibt das aktuelle Album "Days Of Black" der Clan Of Xymox einen Hinweis. Immerhin handelt es sich bei dieser Formation um ein wahres Urgestein. Die Niederländer um den notorischen Vogelnestträger Ronny Moorings befinden sich im 34. Jahr ihrer dunklen Existenz. Dass dieser Clan als holländische Variante von The Cure durchgeht liegt nicht nur am Auftreten Moorings, sondern auch an seiner Stimmlage, die Robert Smith frappierend ähnlich ist. Doch während es den Lippenstiftfetischisten aus England immer wieder - und ganz und gar ungruftig - in die sonnigen Regionen der Hitparaden verschlug, führte Clan Of Xymox zeitlebens ein Schattendasein, getrieben von einem stilistischen Konservatismus, der in Zeiten größter Beliebigkeit  eine Wohltat ist. Auch "Days Of Black" wird kein Charterfolg werden, das ist klar. Ihre Klangästhetik indes bleibt eine besondere. Schließlich gelingt ihnen ein weiteres Mal eine Mischung aus klassischen Dunkelrocknummern ("Loneliness") und elektronisch dominanten Endzeitserenaden ("The Rain Will Wash Away"). Dazwischen findet sich mit "I Couldn't Save You" eine bittere Abschiedsballade, die Moorings Vater gewidmet ist, der vor rund drei Jahren verstarb. Gesamt betrachtet folgt das Album dem Titel auf (Einheits-)Schritt und Tritt: Mit jeder weiteren Nummer scheint sich der nächtliche Himmel noch mehr zu verdunkeln - so sehr, dass selbst die Zeile "The Sun Will Always Arise" (aus "Vixen In Disguise") wie ein leeres Versprechen wirkt.

Aber sie tut es nach jeder Nacht. Doch bevor die Sonne den Horizont überwunden hat und ihre ersten warmen Strahlen auf die Erde senden kann, taucht ihre nahende Ankunft die Landschaft in ein eigentümliches hellgrau mit Weichzeichnereffekt. Man taumelt in einer aufgekrazten Stimmung durch die surreal eingefärbten Gassen. Ungefähr in dieser Atmosphäre muss "Some Vague Desire" von The Agnes Circle aus England entstanden sein. Zumindest bleibt der aus melodiösem French Wave und konventionellem Post-Punk zusammengewürfelte Stilmix so körnig und verschwommen wie die Dämmerung eines neuen Tages. Ihr besonderes Stilmittel ist der weit entfernte Gesang von Florian Voytek, der eine Entfernung zu seinen eigenen Kompositionen, die durch das treibende Bassspiel von Rachael Redfern ein solides Fundament erhält, schafft. Dieser Kunstgriff führt dazu, dass selbst etwas schnellere Nummern wie "The Crystal Flower" oder "Under Reason" sich nicht der Tanzgemeinde anbiedert, sondern eben - ganz dem Albumtitel verpflichtet - nur eine vage Begierde bleibt, eine Andeutung der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. "Some Vague Desire" in seiner grauen Gesamtheit besitzt jede Menge Lauschgift, die ihre größte Wirkung dann entfaltet, wenn sie konzentriert aus den Kopfhörern tönt. Wenn die fein ziselierten Synthieparts sich mit den endlos traurigen Gitarrenmelodien vereinen und Voytek als somnambuler Geist seine Texte vorträgt, bekommt man einen Eindruck davon, warum Post Punk auch 40 Jahre nach seiner Entstehung immer noch in der Lage ist, zu begeistern. The Agnes Circle verlässt sich dabei auf das angereicherte Erbe aus vier Jahrzehnten und variiert es nur minimal. Am Ende steht ein ästhetisch stimmiges Album, das uns auf einen neuen Tag vorbereitet - die schlussendlich auch wieder am Ende in eine wohlige Nacht führt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 09.06.17 | KONTAKT | WEITER: STARS CRUSADERS "WELCOME TO HYDRA" VS. SCANDROID "SCANDROID">

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Webseiten:
lunartwin.bandcamp.com
levingoeslightly.bandcamp.com
www.wearestkitts.ch
www.clanofxymox.com
theagnescircle.bandcamp.com

Cover © Moonsounds Records (Lunar Twin), Staatsakt/Universal Music (Levin Goes Lightly), Waterfall Of Colours (St. Kitts Royal Orchestra)Trisol/Soulfood (Clan Of Xymox), Avant! Records (The Agnes Circle)

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