1/18: DURAN DURAN, MESH, DAVID BECKINGHAM, PARADE GROUND, THE FROZEN AUTUMN, B.ASHRA & ERU - EINMAL MIT ALLES - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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1/18: DURAN DURAN, MESH, DAVID BECKINGHAM, PARADE GROUND, THE FROZEN AUTUMN, B.ASHRA & ERU - EINMAL MIT ALLES

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Die Gedanken sind frei - das wissen unsere Stammleser von UNTER.TON. Nichts ist langweiliger als immer nur einen Sound gralsartig hochzuhalten und alles andere zu verteufeln. Deswegen fahren wir jetzt einfach mal querfeldein durch die Musiklandschaft und berauschen uns an den Klängen unterschiedlichster Genese.

Für Musikarchäologen besonders interessant dürfte diese kleine schmucke EP im Vinylformat sein. Es zeigt eine der vielleicht einflussreichsten New-Romantic-Truppen kurz vor ihrem Durchbruch: Duran Duran. Bevor allerdings mit Simon Le Bon der endgültige Frontmann gefunden wurde, nahmen mehrere Sänger diese Rolle ein, von denen Stephen "TinTin" Duffy wohl noch der bekannteste sein dürfte (später sollte er für einen Großteil der Erfolgsgeschichte von Robbie Williams verantwortlich sein). Auf "Girls On Film - Demo Version 1979" hören wir allerdings Andy Wickett, einen weiteren Interimssänger, der aber bereits in Duktus und Tonfarbe eine Blaupause für Le Bons exaltiertes Organ werden sollte, obgleich Wickett der eindeutig schlechtere Sänger ist. Von dem cleanen Radio-Pop-Klang sind Duran Duran hier aber noch weit entfernt. Die Heimaufnahmen sind körnig, es rauscht und die Aussteuerung der einzelnen Spuren mag noch Luft nach oben haben. Aber nie zuvor hat man einen so erhellenden Einblick in die Anfänge dieser später astreinen Pop-Band erhalten. "See Mee, Repeat Me" offeriert den typisch slappigen Bass-Stil von John Taylor, während Nick Rhodes in "Girls On Film" (übrigens noch mit komplett anderem Text und anderer Strophe) sein additives Keyboardspiel bereits unverkennbar ausarbeitet. Ebenso zeigt sich "Working The Steel" dem neuen, technikaffinen Sounds zugewandt. Nur "Reincarnation" verweilt noch zwischen dunklem Bauhaus-Sounds, glitzernden Roxy-Music-Manierismen und dem Post-Punk von Magazine und Konsorten. Dass Duran Duran einmal Arenen füllen würden, haben sie zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen bestimmt nicht gedacht. Allerdings wirken sie auch so ungezwungen und frei wie sie es später vielleicht nie mehr sein sollten.

Vielleicht haben sich Mesh auch nicht träumen lassen, dass ihr angerockter Synthie-Pop mal so erfolgreich sein würde. In Deutschland jedenfalls können die Briten auf eine treue Fangemeinschaft zählen. Und diese wiederum dürfte sich sehr gefreut haben, als es hieß, dass sie im Rahmen der "Gothic Meets Klassik"-Veranstaltungsreihe im Gewandhaus zu Leipzig einen Querschnitt ihrer bekanntesten Nummern im orchestralen Arrangement vorstellen sollten. Zeugen dieser Veranstaltung haben sich vollsten Lobes gezeigt ob des perfekten Zusammenspiels zwischen dem britischen Duo und dem 65-köpfigen (!) Orchester. Manch anderer Künstler mag da schon mal ein Löffel Braunes in der Buchse haben, wenn er gegen eine Wand aus Streichern, Bläsern und Pauken ansingen muss. Doch auch unter diesen Umständen zeigt sich Mark Hockings als souveräner Chanteur, der sein Organ mühelos über das üppige Arrangement von Conrad Oleak legt. Dieser hat offensichtlich große Freude daran gehabt, die ohnehin schon auf dramatische Melancholie ausgelegten Mesh-Kompositionen den passenden klassischen Rahmen zu verpassen, ohne dabei einen übertriebenen Pathos zu beschwören, der ins Leere laufen würde. Gerade "You Couldn't See This Coming" und "Taken For Granted" aus ihrem 2013er Meisterwerk "Automation Baby" zeichnen sich besonders durch eine warme Orchestrierung aus. Selbst die zugesetzten Studiotracks "Can You Mend Hearts", "There Must Be A Way" und "Before This World Ends" (der vielleicht schönste Song aus der aktuellen Scheibe "Looking Skyward") besitzen durch ihre kleinere Besetzung mit Piano immer noch einen großen Gestus, wie es manch Kammer-Pop-Musiker nicht annähernd erreicht. Mesh haben sich selbst und ihrer mittlerweile über zwei Dekaden andauernden Karriere ein Denkmal gesetzt.

Von solchen Höhenflügen ist David Beckingham noch weit entfernt - obwohl sein Leben als Musiker an sich schon ein ganzes Buch füllen könnte. Mit zwölf ist der Kanadier mit seinen Eltern nach Kenia gezogen, wo er zweieinhalb Jahre unter wiedrigsten Umständen gelebt hat. Hier entdeckt er die Gitarre für sich und seine Bestimmung, Musiker zu werden. Zurück in seiner Hematstadt Vancouver gründet er 2005 mit einem Schulfreund die Band Hey Ocean! und erspielt sich eine solide kanadische Hörerschaft. Mit der selbst auferlegten Pause der Gruppe anno 2014 konzentriert sich Beckingham auf seine eigenen Songs, die er jetzt auf "Just When The Light" veröffentlicht. Das Pop-Element, das sich bereits glasklar Bahn bei Hey Ocean! bricht, erscheint hier eher beiläufig. Das etwas schwelgerisch arrangierte "Forest" lässt erahnen, dass Beckingham ein Freund großer Melodien ist. Aber all zu euphorisch ist das Album nicht, handelt es vor allem vom Musiker selbst und der Ambivalenz zwischen Freude und Leid. Seine persönliche Tragödie, fast durch eine Stimmbandentzündung seine Existenz unter den Füßen verloren zu haben (nur dank einer zweimonatigen absoluten Stille konnte sein Organ gerettet werden), schimmert da in jeder Note durch. Und doch verbreiten Nummern wie "Slowly" mit leicht psychedelischem Hängematten-Folk ein insgesamt gutes Gefühl, das sich im temporeichen "Sleepless City" zum absoluten Glücksmoment steigert. Wer sich vor einigen Jahren am kurzzeitigen Folk-Hype, der von der Family Of The Year ("Hero") oder den Common Linnets ("Calm After The Storm") ausging, ergötzt hat, wird in Beckingham eine weitaus authentischere Variante finden.

In Sachen Authentizität kann man indes Parade Ground aus Belgien nichts vormachen. Immerhin hat sich das Brüderpaar Jean-Marc und Pierre Pauly seit ihren Anfängen in den frühen 1980ern immer auf ihren eigenes Gespür verlassen. Wie leicht wäre es gewesen, im Schatten der EBM-Überväter Front 242 (ebenfalls aus Belgien) sich einen zackigen Elektronik-Sound anzueignen, oder während der New-Beat-Ära mit härteren Computertönen zu reüssieren. Doch stattdessen haben sie immer nach dem Unaussprechlichen in der Musik gesucht, den Spagat zwischen Fad Gadget, Throbbing Gristle und Joy Division gewagt. Parade Ground erheben Wave zur Kunstform, lösen sie von den üblichen Hörgewohnheiten ab. Mit der aktuellen CD "Sanctuary" (bereits 2016 veröffentlicht, aber erst jetzt über VUZ in Deutschland erhältlich) ändert sich das nicht. Immer noch wirken die Sounds absichtlich "home-made". Man verzichtet auf großes Mastering, fette Bässe oder sonstigen gängigen Schnickschnack. Dafür knirscht es redundant-obsessiv bei "Terror" oder wabern die Elektronik-Flächen in "Red Way" bedrohlich durch den Raum. Darüber breitet Jean-Marc seine beklemmend bis surrealistischen Texte mal weihevoll, mal heulend aggressiv aus. Seit ihrer Wiedervereinigung und dem letzten Album "Rosary" reduzieren die Gebrüder Pauly ihre Sound immer stärker auf die Quintessenz ihres gesamten Schaffens. Am Ende steht ein Stück wie "Static Desire" graniten und monumental im Zentrum eines Werkes, das zwar nich jedem gefallen wird, aber alleine durch seine künstlerische Radikalität eine Daseinsberechtigung hat.

Wem allerdings der Sinn nach einer etwas entspannteren Variante schwarzromantischer Maschinenklänge steht, wird sich mit The Frozen Autumns neuestem Werk "The Fellow Traveller" ohne Umwege anfreunden können. Das liegt vor allem am distinguierten Timbre des Turiner Sängers und Musikers Diego Morletto, der im mittlerweile 24. Jahr seiner Laufbahn eine gewisse Selbstsicherheit besitzt. Zusammen mit seiner Mitstreiterin Froxeanne haben sie ein Album geschaffen, das ein wenig an die Grandezza von Ultravox' "Rage In Eden" oder Visages fulminantem Debüt "Visage" erinnert, wobei The Frozen Autumn sich fast ausschließlich auf die elektronische Kraft ihrer Synthesizer verlässt. Die Rechnung geht allerdings mühelos auf. Besonders "White On White" punktet mit einer ätherisch intonierenden Froxeanne, und "We'll Fly Away" kann durch eine transparente und gleichzeitig breitwandige Soundlandschaft überzeugen. Bei aller Filigranität der Songs besitzen The Frozen Autumn auch eine gehörige Portion Humor. Anders kann man das Stück "I Love You But I've Chosen Synthesizers" nicht deuten. Dieser Spruch könnte glatt auf ein T-Shirt gedruckt und beim nächsten Frozen-Autumn-Konzert am Merchandising-Stand verkauft werden. Von diesen kleinen Albernheiten mal abgesehen, hat sich das italienische Duo zu einer ernstzunehmenden Szenegröße gemausert. Im Vergleich zu ihren früheren Arbeiten besitzt "The Fellow Traveller" endlich die nötige Knackigkeit.


Abschließend widmen wir uns dem Berliner Label Klangwirkstoff, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die heilende Wirkung entspannender Klänge zu erforschen. Das jüngste Ergebnis dieser tonalen Untersuchungen ist "Earth Frequnecies" von B.Ashra & Eru. Das sind etwas mehr als 40 Minuten Musik, die sich nach der Schwingung des dritten Planeten von unserer Sonne orientiert - ergo unserer Mutter Erde. Und die hat es bekanntermaßen nicht besonders einfach mit uns Menschen. Sicherlich: Einige Untergangsszenarien mögen - besonders im Internet - sehr überspitzt dargestellt sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass wir uns von unserem Planeten immer mehr entfernen, mental betrachtet. Da würde vielleicht diese digital-only-Veröffentlichung manchen helfen, sich sprichwörtlich wieder zu "erden". Die aufwendige Komposition zwingt die Hörer zwischen verhallter Geräuschkulisse und schwingenden Grundtönen geradezu zum konzentrierten Lauschen. Wie ein Bewusstseinsstrom wechselt "Earth Frequencies" seine Stimmungen, wird durch sanfte Beats rhythmisch angeschoben, um später in überlagerten Drones aufzugehen, der einem sphärischen Blick aus dem Weltall auf unseren Blauen Planeten gleichkommt. Ohne ein konkretes Bild vor Augen zu haben, wird man der zerbrechlichen Schönheit gewahr, auf der wir zu Milliarden wandeln. Ein umsichtiger Umgang mit unserem Erdball wäre doch ein guter Vorsatz für 2018 - B.Ashra & Eru helfen uns zu dieser Erkenntnis mit ihren meditaitven Klängen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 31.01.18 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH - JUSTIN CURFMAN (FEEDING FINGERS)>

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Webseiten:
www.duranduran.com

www.mesh.co.uk
www.davidbeckingham.com
www.parade-ground.net
www.thefrozenautumn.com
www.klangwirkstoff.de

Covers © Cleopatra Records/Membran (Duran Duran), Dependent/Al!ve (Mesh), Greywood Records/Timezone (David Beckingham), VUZ Records (Parade Ground), Echozone/Soulfood (The Frozen Autumn), Klangwirkstoff Records (B.Ashra & Eru)

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