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LOGIC & OLIVIA: "IM HEUTIGEN COMPUTERZEITALTER ZEIGT SICH IMMER MEHR, DASS SOLCHE DINGE WIE SORGFALT UND GEDANKLICHER TIEFGANG LEIDER LANGSAM AUSSTERBEN"

Im Gespräch


René Anke ist kein Nostalgiker, das neue Album "Louder Than Words" seiner Band Logic & Olivia erst recht nicht. Und doch schwingen in den Electro-Pop-Nummern des ostdeutschen Trios auch immer so etwas wie die Sehnsucht nach einer scheinbar vergangenen Zeit mit. Im Gespräch mit dem Sänger zeigt sich deutlich, dass vieles, was sich musikalisch wie optisch auf "Louder Than Words" manifestiert, auch aus Renés persönlicher Geschichte speist, obwohl er eigentlich gar nicht so viel Privates in seine Songs reinpacken möchte.

Gleich mal bezugnehmend zu Eurem Titel: Wie laut können Wörter sein und was ist lauter als Wörter?

René Anke: Worte vermitteln eine Grundinformation und sind nur kleiner Bestandteil unser aller Kommunikation – egal, ob gesprochen, geschrieben oder gesungen. Daher offenbaren sie nur den tatsächlichen Informationsgehalt und eben nicht immer die kompletten Absichten, die hinter den vermittelten Informationen stecken. Das Gesamtpaket aus Worten, Absichten und Emotionen bringt uns zum Lachen und zur Freude, lässt uns Handeln oder Empfinden und manchmal enttäuscht und belügt es uns auch. Solche Erfahrungen bewirken bei uns Menschen etwas und sind deshalb wichtiger als bloße Worte. Kommunikation muss aber stattfinden, sie ist für uns Menschen elementar wichtig, hilft uns Probleme zu lösen, wirkt gesellschaftlicher Verarmung entgegen und am Ende macht sie uns reifer.

Das Cover Eurer neuesten CD ziert eine alte Schreibmaschine mit einem fast unbeschriebenen weißen Blatt und zwei Händen, die auf die Tastatur gelegt sind. Ein starkes Bild, was gleichzeitig auch die Frage nach der "Textlastigkeit" Eurer Songs aufkommen lässt. Wie wichtig ist das "gesungene Wort" bei Logic & Olivia?
In unseren Songs haben wir schon immer viel Wert auf inhaltliche Substanz gelegt. Ich würde sogar sagen, dass das in den letzten Jahren noch an Bedeutung zugenommen hat. Interessant ist dabei für mich, dass die gesungenen Worte und deren inhaltliche Bedeutung nicht immer im Einklang mit dem musikalischen Mantel stehen. Was bei uns tanzbar und fröhlich im Sound daherkommt, muss inhaltlich nicht fröhlich sein. Anders herum ist es genauso: Nur weil ein Song düster klingt, kann der Text dennoch von Schönheit sein. Noch auf "Pink" haben wir textlich viele Ausflüge in die Glitzerwelt gemacht, zum Teil auch mit weltoffenen Spitzen. "Louder Than Words" ist eindeutig ein Album, welches das Thema Emotionen in seiner vollen Bandbreite aufgreift. Von Liebe und Freude über Verzweiflung und Enttäuschung bis hin zu Hilflosigkeit und Ängsten ist alles dabei. Nur eines haben wir ausgespart: Hass. Denn Hass zerstört. Man sieht es nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern auf der ganzen Welt.

In Zeiten von Smartphones, E-Mails, WhatsApps, Twitter und dergleichen mehr verkommt meines Erachtens Sprache zu einem einzigen konturlosen Brummen. Dagegen wirkt die alte Schreibmaschine wie aus der Zeit gefallen. Ihr hättet ja auch einen Computerbildschirm nehmen. Warum dieses alte Gerät also?
Als uns das Motiv vorgeschlagen wurde, waren wir uns alle sofort einig, dass es das sein sollte. Du sagst "wie aus der Zeit gefallen" – genau dieses Gefühl wurde uns beim ersten Schauen eben auch vermittelt. Aber auch Wärme, Sorgfalt und Vertrautheit. Wir kennen ja Schreibmaschinen noch aus der eigenen Kindheit und Jugend, während die Nachfolgegeneration mit mechanischen Schreibmaschinen so gut wie gar nichts mehr anfangen kann. Ich musste früher auch noch auf der Schreibmaschine schreiben und da muss man sich jedes Wort und eigentlich jeden Anschlag gründlich überlegen. Im heutigen Computer- und E-Mailzeitalter zeigt sich immer mehr, dass gerade solche Dinge wie Sorgfalt und gedanklicher Tiefgang leider langsam aussterben. Vieles ist heutzutage von Oberflächlichkeit geprägt, man kann ständig neu anfangen oder Fehler während des Schreibens korrigieren ohne komplett von vorne beginnen zu müssen.

Seit vier Jahren ist Kalle Vogel Teil von Logic & Olivia. Mir scheint es so, als ist das Album auch von seinem Spiel deutlicher beeinflusst als noch bei "Pink", oder? Gerade bei "Don't Walk Away" kommt mir der perkussive Teil sehr "organisch" vor...
Kalle bringt, seit er in der Band ist, sehr viel Positives und Neues, sowohl in das musikalische Klanggewand, als auch in die Organisation der Band. Von seinen tollen Fähigkeiten als Drummer mal ganz abgesehen. Er ist ein sehr erfahrener Musiker und eröffnet uns ganz neue Sichtweisen und Möglichkeiten. Da ja letztlich auch alles live umsetzbar sein muss, hat uns das durchaus gezwungen, ein paar neue Wege zu gehen. Aber das bringt auch unheimlich viel für die neuen Lieder. Zum Beispiel wurden früher die Drums geradeaus gesetzt, dagegen haben wir auf "Louder Than Words" dem Schlagzeug viel mehr Spielraum gelassen. Das ist besonders gut bei "Don't Walk Away", "A Point Of View" oder auch im Refrain von "Night Of Despair" zu hören. Was die elektronischen Sounds anbelangt, schlägt er oft Alternativen in Abstimmung unter uns allen vor. Dies führt fast immer zum gewünschten Ergebnis. Er trägt damit insgesamt einen riesigen Anteil an dem großartigen Fortschritt unserer Band. Wir merken ja schon jetzt deutlich in den Netzwerken, wie das Interesse an uns steigt und sind echt gespannt, wie die neuen Sachen ankommen werden.

Stücke wie "Soldier" finde ich besonders spannend, da sie etwas sehr "krautrockiges" haben. Und zwar dahingehend, dass ihr die Stimmung innerhalb des Songs immer wieder verändert und variiert. Wie entstehen solche Songs? Ist von Anfang an klar, dass es da viele Wendungen geben wird, oder kommt das im Laufe der Zeit durch Ausprobieren?
Die Stimmungsänderungen sind nicht planbar. Die Wendungen kommen tatsächlich von allein, durch Probieren oder durch eine zufällige Idee während des Produktionsprozesses. Bei "Soldier" sind es sehr viele. Plötzlich verdoppelt sich das Tempo, während man sich in einer offensichtlichen Ballade fühlt und ist aus dem Nichts heraus von einer technoiden drum n bass line umgeben. Eigentlich sollte "Soldier" ursprünglich von Anfang an so klingen. Aber wir fanden letztlich das Auf und Ab bis zum Songfinale wesentlich besser. Der rockige Gesang inmitten von elektronischer Musik war richtiges Neuland für mich, gibt dem ganzen Song aber ein weiteres Detail, was der ein oder andere von uns sicherlich nicht so erwartet hat.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass der Sound, den ihr macht, für die breite Masse im Club wohl zu schwer verdaulich ist. Haben da auch schon mal ein paar Neunmalkluge Euch dahingehend kritisiert, dass Euer Sound zu "sperrig" sei, um große Bekanntheit zu erlangen? Wenn ja, wie geht ihr damit um?
Vor 30 Jahren hätte man sicherlich gerne zu unseren Songs in den Discotheken getanzt (grinst). Und tanzbar sind viele unserer Songs auch. Aber für die Leichtigkeit der heutigen Clubszene wirken unsere Lieder offenbar wirklich zu schwer, zu wendig und zu komplex. In Russland beispielsweise funktionieren unsere Lieder, da mir gelegentlich Clubaufnahmen durch Fans zugearbeitet werden. In Deutschland ist das schwierig. Wir sind uns durchaus der Tatsache bewusst, dass ein gewisses Maß an Bekanntheitsgrad über die Clubszene führt. Aber eben nicht nur. Und es würde uns in unserer Kreativität und Freiheit sehr einschränken, wenn wir bei Produktionen immer mit einem Auge auf die Clubtauglichkeit schauen würden. Wenn das jeder Musiker so machen würde, wäre das für die gesamte Breite der Musiklandschaft ein Rückschritt. Wir können und wollen diese Seite der Medaille daher nur zum Teil bedienen. Und mal ehrlich: So wirklich darauf angesprochen haben mich die Leute die ganzen Jahre nicht. Sollte es noch dazu kommen, habe ich ja auch vernünftige Argumente bereits bekannt gegeben

Dabei finde ich, dass Ihr in gewisser Weise auch die künstlerische Freiheit der 80er wieder aufnehmt. Gerade "Run" erinnert mich tatsächlich an Gruppen wie China Crisis, weniger wegen der Musik, sondern wegen der Grundstimmung. Wie sehr haben Euch die 80er Jahre und ihre Musik beeinflusst?
Die 80er Jahre sind bei uns immer wieder ein wichtiges Thema, und richtigerweise könnte bestimmt ein Drittel unserer Songs in dieser Zeit entstanden worden sein. Es ist das Jahrzehnt, in dem wir als Teenies und Jugendliche mit Musik erstmals in Berührung kamen. Die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit war sicherlich zwar technisch limitierter als heute, aber dennoch um Meilen der heutigen Gegenwart voraus, da sich niemand in ein "Korsett" pressen musste, um mitzumischen. Auch die Konsumenten waren für eine breite Musiklandschaft offen. Während die Bands und Künstler in den 80ern nahezu mit jeder Art von frei erschaffenen Klängen die Ohren der Hörer erreichten, muss man heute sinnbildlich ein ganzes Assessment Center durchlaufen, um überhaupt an den Start gehen zu können. Deshalb bleibt sehr viel an guter Musik auf der Strecke. Zum Thema 80er und Heute hat übrigens Dominatrix mit seiner Neuabmischung von unserer Single "Night Of Despair" einen ganz tollen Spagat hinbekommen, in dem er einen klassischen 80er-Rhythmus, wie er einst in den Discotheken sehr beliebt war, mit den technoiden Sounds der Moderne vereint hat. Ein unglaublich spannender und toller Remix!

Während der Entstehung des Albums haben sich auch einige große, einschneidende Ereignisse in Eurem Leben abgespielt. Inwieweit beeinflussen solche Momente das Schreiben und Komponieren?

Das Leben unterliegt einem ständigen Änderungsprozess. Kein Tag gleicht dem anderen und im Kleinen wie im Großen hat man Entscheidungen für sich und für jene zu treffen, für die man verantwortlich ist. Als Songschreiber kann man sich zum Teil nicht dagegen wehren, dass manch Privates Einfluss auf die Stimmung der Lieder nimmt. Viele Kollegen werden mir da sicherlich zustimmen. Doch gehöre ich nicht zu jenen, die sich permanent private Angelegenheiten von der Seele schreiben. Es gilt eher, die Stimmung einzufangen, die sich aus verschiedenen Lebenssituationen heraus ergibt, um daraus eine ganz andere Geschichte in Wort und Klang entstehen zu lassen.

Welchen Stellenwert hat "Louder Than Words" aus Eurer Sicht und im Hinblick auf Eure Karriere?

"Louder Than Words" ist ein Album, mit dem wir sehr zufrieden sind. Die Menge der Vorbestellungen und auch die Präsenz in vielen Online Radiosendern signalisieren eine gute Richtung. In dem Album stecken 18 Monate harte Arbeit, die uns auch manche Grenze aufgezeigt hat. Kein einziger der Songs war einfach zu schreiben und zu produzieren. Wenn aber am Ende solch ein tolles Gesamtwerk dabei herauskommt, dann erfüllt es uns schon mit Stolz, und die Dankbarkeit der Fans ist ein ganz wunderbarer Lohn. Es schweißt auch eine Band zusammen. Aber wir profitieren im Zusammenhang mit dieser Veröffentlichung auch von fruchtbaren Kooperationen mit unserem Label Infacted, Remixern wie Dominatrix und Edobot, Fotografen, Toningenieuren, Grafikern und Videoteams. Erstmals gehen wir neben dem Album auch mit zwei Singles an den Start. "Night Of Despair" mit seinen Remixen ist ja bereits erschienen. Harald Dekow hat hier mit uns in Eiseskälte ein ganz tolles Video abgedreht. Auch die zweite Single "A Point Of View" wird von einem Video begleitet werden. Keiner von uns allen hat irgendeine Mühe gescheut, "Louder Than Words" mit so viel Aufwand umzusetzen und unser Dank gilt ausdrücklich allen, die am Gesamtprojekt beteiligt waren.


Am Ende noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Welche Ziele habt ihr Euch gesteckt - privat und mit Logic & Olivia. Und vor allen Dingen: Wer wird Fußballweltmeister?

Ich denke, dass wir als Band noch viel zur Musiklandschaft beitragen können. Motivation und Kreativität sind noch lange nicht am Ende. Sicherlich werden uns demnächst aber auch ein paar Urlaubstage gut tun, bevor wir das Erreichte realisieren können. Wir wollen auch in dem einen oder anderen Live-Programm unterkommen. Das ist uns sehr wichtig, und unsere Fangemeinde hat sich sehr vergrößert, was die Veranstalter anspornen sollte.
Achso... und wegen der Fußballweltmeisterschaft: Kalle sagte, so glaube ich, was von Belgien...

||INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 29.06.2018 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 6/18>

PHOTO © STEVE BAUER

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