BLIND VISION "WORKS", PSYCHOPOMPS "INFECTION START 90": KINDERSTUBE DER COMPUTER-BEATS - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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BLIND VISION "WORKS", PSYCHOPOMPS "INFECTION START 90": KINDERSTUBE DER COMPUTER-BEATS

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Der Kulturkanal ARTE präsentierte im Juli dieses Jahres den "Summer Of The '90s" - und griff damit einen nicht mehr zu übersehenen Trend auf: Die grandiose Rückkehr der 90er in Musik und Mode. Etwas ungelenk von Hyper-Hyper-Hohepriester H.P. Baxxter anmoderiert, verlor man in den nostalgischen Beiträgen auch einige Worte über die revolutionäre Kraft des Techno - und seine käsige Nachgeburt, den Euro-Dance. Dass der alternative, höchst maschinelle EBM-Sound dereinst einen nicht minder großen Einfluss auf Love-Parade und Mayday ausübte, wurde dort schlicht und ergreifend ausgeblendet.

Auch die eigene Szene zeigt sich in diesem Punkt gerne mal vergesslich – nicht so das Label Infacted Recordings, das diesem kollektiven Filmriss den Kampf angesagt hat: Im Rahmen seiner "Club Classix"-Reihe holt Torben Schmidt regelmäßig Gruppen und Projekte wieder aus der Versenkung, deren Sound auf diese Art und Weise neu entdeckt werden kann.

Ob mit pumpenden Rhythmen und brodelnden Sequenzen wie bei Blind Vision oder den höllischen Beats von Psychopomps: So schmutzig, ungenau, amateurhaft – aber auch authentisch und ehrlich – klang der elektronische Untergrund seither nie mehr.

Es geschieht nicht selten, dass Disc-J
ockeys es mit der Zeit leid werden, Musik einfach nur aufzulegen. Wer sich so viel mit Klängen und Rhythmen beschäftigt, muss wohl früher oder später selbst an den Reglern drehen - und die Maschinen bedienen. So zumindest war es bei Andreas Froese: Der Mann aus Frankfurt legte in den späten 80ern im Club Bizarre respektive Techno Club auf - und erlebte die Geburt des Sound Of Frankfurt hautnah mit.

Seinen eigenen Beitrag dazu leistete Froese mit insgesamt drei Singles, die er auf dem legendären Label New Zone unter dem Namen Blind Vision veröffentlichte. "Bestialic Beat", "Don't Look At Me" und "Near Dark" entwickelten sich zu einprägsamen Clubhits; allesamt unterschiedlichster Prägung. Hypnotisch und eindringlich gestaltet sich "Bestialic Beat", während die B-Seite der Single, "Tanz den Teufel", als klare Reminiszenz an die muskulös bis pornös zu nennenden Sequenzen von Deutsch Amerikanische Freundschaft zu sehen ist.

Die Arbeit als DJ bedeutet eben auch, sich in vielen Bereichen und Sparten der Musik zurechtfinden zu müssen. Das wirkte sich bei Froese unüberhörbar auf seine musikalischen Werke aus: So ist die nun erschienene CD "Works" keinesfalls nur eine einfache Zusammenstellung des recht überschaubaren Ton-Katalogs, sondern vielmehr ein anschauliches Beispiel für die stilistische Vielfalt, von der die Szene der Mauerfall-Ära geprägt war.

Zwischen androider Tanzaufforderung, arg verzerrter Synthetik und erster EBM-Nostalgie entwickelte sich eine interessante Mischung aus mollschwangeren Sequenzen und marschierenden Bass-Drums.

Bei Blind Vision manifestiert sich dies in "Near Dark", das zwar etwas unbeholfen eingesungen wurde, aber dennoch auf einem hohen energetischen Level eine gruftig-apokalyptische Stimmung verbreitet. "Get Out (Of Me)" - und vor allem "D.D.F." (mit Leaetherstrip
-Frontmann Claus Larsen am Mikro) - tendieren schlussendlich zur Dark-Electro-Bewegung, die sich damals gerade frisch auszuformen begann. Inklusive jenem verzerrten Lala, das später dann leider viel zu oft genutzt werden sollte, um gesangliche Schwächen zu übertünchen.

Wie bei den "Club Classix" üblich, wurde das Material digital aufgebrezelt - und erstrahlt so in neuem akustischen Glanz. Außerdem wurden einige bisher unveröffentlichte Tracks aus der Mottenkiste geholt, die das ganze Können des Schallplattenunterhalters Froese zeigen. "Vietnam" ist so ein Stück, das völlig aus dem Rahmen fällt: Die zögerlichen, ja geradezu kindlichen Piano-Linien werden mit Samples, vermutlich aus Nachrichtenbeiträgen zum Vietnam-Krieg, kombiniert. Die ganze Traurigkeit des Krieges verdeutlicht der Frankfurter mit einfachsten, aber wirkungsvollen Mitteln.

Solch einen emotionalen Kuschel-Kurs ließen Psychopomps gar nicht erst zu: Ihre Maxime lautete anscheinend “Krieg den Tanzflächen!” Bereits Anfang der 90er formten die Jungs aus Dänemark mit ihren Alben "Assassins DK United" und "Pro-Death Ravers" einen vom Metal beeinflussten Computer-Sound, der unter dem Begriff des Electro-Industrials einige Jahre später zum festen Inventar der Düster-DJs avancierte.

Verzerrtes Geschrei, Prototypen der rammstein’schen Gitarrenriffs, druckvolle Rhythmen und jede Menge Berserker-Synthesizer ließen den Hörern keine Chance auf eine Verschnaufpause. Von dieser Energie ließ sich auch das legendäre Frankfurter Label Zoth Ommog mitreißen - und nahm das Duo ohne Umwege unter ihre Fittiche. Claus Larsen von Leaetherstrip hatte übrigens auch hier seine Finger im Spiel: Als Busenkumpel des Dänen-Duos war er für die Produktion verantwortlich.


Schon der Auftakt mit "Infection" und "Godshit" donnert mit unvermittelter Härte auf den Hörer ein. Auch "If I Die" klingt wie ein Maschinengewehr aus dem Schützengraben.

Psychopomps galten damals nicht ohne Grund als Band der Stunde: Sie passten perfekt in die Bewegung, die nach dem Ende der ersten EBM-Welle in die Subkulturen spülte. Fortan wurde das Bild der Szene von härteren, dreckigeren Sounds dominiert. Die Kanadier von Skinny Puppy und Front Line Assembly erdachten übrigens schon einige Jahre zuvor diesen martialisch-militaristischen Kriegsklang, der nun durch einen höheren Einsatz von Elektronik einen futuristischen Anstrich erhielt. Hammerharter Elektro-Krach, Made in Dänemark, stand ja dank Leaetherstrip ohnehin schon hoch im Kurs.

Trotzdem: Die Vehemenz, mit der Psychopomps ihre Songs ausstatteten, ist und bleibt bemerkenswert – genauso wie die Tatsache übrigens, dass sich seitdem musikalisch eigentlich nicht mehr viel getan hat.

Lauscht man beispielsweise den beklemmenden Sounds von "Drug Addict", fallen schon beim ersten Hören Strukturen auf, die von diversen tumben Noise-Projekten später quasi Eins-zu-Eins übernommen wurden. Alles, was heutzutage mit dem Stempel Aggro-Tech, Dark Electro oder Hellectro auf die Tracklists diverser schwarzer Club-Sampler wandert – alle haben ihren Ursprung hier. Suicide Commando
, Hocico, Grendel und ihre Klang-Genossen können sich bei dieser zweiten Generation des Electro-Industrials, inklusive Psychopomps, für ihre Pionierarbeit bedanken.

Dabei ließ das Dänen-Duo immer wieder seine Liebe zu den 80er-Sounds durchscheinen: Das nicht unlustige "Baby-Terror Baby" ist der klanggewordene Beweis – und wirkt mit seiner rotierenden Synthesizerfigur wie die Antichrist-Version von Giorgio Moroder
, der seine einflussreichen Basslinien mit dem Disco-Track "I Feel Love" perfektionierte.

Es hätte noch so viel kommen können. Doch nach vier Alben legten Psychopomps ihr Projekt Anno 1997 auf Eis - und traten fortan nur mehr sporadisch in Erscheinung. Eine Wiedervereinigung im neuen Jahrtausend blieb am Ende fruchtlos. Einziges Lebenszeichen: "Wonderful World", ein Beitrag für den Soundtrack der Splatter-Horror-Reihe "Saw". Danach verläuft sich die Spur.

Fans der Skandinavier dürfen jetzt allerdings wieder hoffen:
Schließlich ist Infacted-Chef Torben Schmidt mittlerweile Profi, wenn es um die erfolgreiche Re-Aktivierung alter Szenegrößen geht. So bescherte die Wiederveröffentlichung ihrer Werke in der "Club Classix"-Reihe unter anderem X-Marks The Pedwalk oder Robotiko Rejekto ein derart positives Feedback, dass sie kurze Zeit später unverhofft im Studio landeten.

Wäre doch
schön, wenn sich das jetzt bei Blind Vision und den Psychopomps wiederholen würde...

|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 30.09.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: FATAL CASUALTIES VS. DAILY PLANET



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