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WEIHNACHTS-ALBEN: STILLE NACHT, (UN-) HEILIGE NACHT

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Ganz ehrlich: Ich gehe kaum noch auf Weihnachtsmärkte. Das hat weniger mit der aktuellen politischen Weltlage zu tun, als vielmehr mit der unsäglichen Beschallung dieser hübsch dekorierten Plätze. Da mag der Glühwein noch so verführerisch duften oder die leckeren Speisen Aussicht auf einen gesättigten Magen und ergo einen zufriedenen Marktbesucher halten – all diese Verlockungen sind im Nu vergessen, sobald ein gewisser homosexueller Halbgrieche über sein "Last Christmas" tiriliert.

Adventszeit bedeutet eben meistens auch: Zeit der superschmalzigen und ohnehin schon bis zum Exzess gehörten Winter-Schmonzetten, von denen jene der Swing- und Crooner-Ära noch den geringsten Würgereiz hervorrufen.

Ganz schlimm wird es natürlich mit gegenwärtig populären Zeiserln, die sich an weihnachtlichem Liedgut vergreifen. Nicht zuletzt ließ Deutschlands Vorzeigefräulein Helene Fischer mit ihrem Tannenbaum-Singsang uns ordentlich eisige Schauer über den Rücken laufen – ein Umstand, den der momentane Winter bislang noch nicht geschafft hat.

Doch es geht auch anders: Hier unsere Top 5-Weihnachtsalben, um die kitschigste Jahreszeit ein kleines bisschen subversiver zu gestalten.


PLATZ 5: SMOKE FAIRIES: WILD WINTER
Wenn es überall glitzert und funkelt, übersieht der Geblendete nicht selten, dass die "Stille Zeit" für manche Menschen eben nicht aus besinnlichem Beisammensein bei lukullischem Gaumenschmaus besteht. Smoke Fairies lassen uns das auf ihrem im November erschienenen "Wild Winter" erahnen. Jessica Davies und Katherine Blamire eruieren die Grautöne zwischen Harmonie und Melancholie, feiern "Christmas Without A Kiss", lassen "So Much Wine" fließen und betrachten dabei einen "Snowglobe Blizzard". Bei den Smoke Fairies gibt es kein Glockenspiel, kein typisches Schellengeläut und auch keine aufgeblasenen Streicherarrangements. Stattdessen fräsen sich trockene Gitarrenriffs und organisches Schlagwerk durch die eisigen Seelenmalereien ihrer Songs und geben sich markant lässig. Hie und da blitzt es aber dann doch auf: Hoffnung und Verletzlichkeit. Wie bei dem folkpoppigen "Give And Receive" und dem erhabenen "Circle In The Snow". Selten waren Wärme und Kälte derart nah beieinander. Ein Album, so bittersüß wie Herrenschokolade, dargereicht zu einem Glas Whiskey.

PLATZ 4: SUMMER CAMP: CHRISTMAS E.P.

Am Ende muss dann doch noch "Last Christmas" mit ins Repertoire aufgenommen werden. Allerdings modelt man hier
den Endjahres-Nervtöter in einen entspannten Sixties-Pop-Song mit fast schon lakonisch weiblichem Gesang um. Daher also: Freispruch in allen Anklagepunkten. Zudem ist die aktuelle EP von Summer Camp nur eine Viertelstunde lang. Sollte also dem Weihnachtsverächter für kurze Zeit doch noch ganz festlich ums Herz werden, wird er mit der "Christmas E.P." bestens bedient sein. Aber Vorsicht, hier ist nicht alles Lametta, was glänzt: Immerhin zeigen Summer Camp – durchaus auf charmante Art und Weise – die Verlogenheit des Weihnachtsfestes auf. "I Don't Wanna Wait 'Til Christmas" gemahnt unter beschwingten "uuh"s, dass (Nächsten-) Liebe nicht nur am 24. Dezember Hochkunjunktur feiern, sondern immer allgegenwärtig sein sollte. Auch "Done With Christmas" bringt nicht unbedingt die Postkarten-Idylle aufs Tablett, selbst wenn der süßliche Pop-Swing einem dies vorgaukeln möchte. Summer Camp sind die Meister der ironischen Brechung und betten ihre vor Einsamkeit strotzenden Stücke in wohligen Indie-Pop. Rein konzeptuell betrachtet, war "Last Christmas" dann also doch eine konsequente Cover-Version.

PLATZ 3: ERASURE: SNOW GLOBE

Sie sind die Unkaputtbaren des Synthie-Pops. Seit 30 Jahren sind Depeche-Mode-Mitbegründer Vince Clarke und der charismatische Sänger Andy Bell mit ihrem immer stark am Kitsch vorbeischrammenden Elektro-Pop eine feste Größe in der Musiklandschaft. Oftmals totgesagt, gelang ihnen mit "Snow Globe" anno 2013 dann doch eine kleine Überraschung. Sämtliche Interpretationen und Eigenkreationen wurden äußerst minimal gehalten – ein genialer Kniff. So erhalten Klassiker wie "Silent Night" oder "Christmas Song", trotz sterilem Elektronikgeplänkel, einen warmen Touch. Und es ist nicht zuletzt Andy Bell, der während der Aufnahmen anscheinend seinen inneren Chorknaben wiederentdeckt hat. Zumindest bei dem wunderschönen "Gaudete", ein aus dem 16. Jahrhundert überliefertes Weihnachtslied, scheint seine Stimme wie in jungen Jahren zu frohlocken. Und es gehört schon eine ordentliche Portion Chuzpe dazu, einen Evergreen wie "White Christmas" derart stringent auf eine bloße Arpeggio-Linie und einer fast durchgängigen Drone laufen zu lassen. Bells Gesang, der hier wie von einer Schellack-Platte klingt, ist nur ein weiterer Sidekick und eine ganz eigene Art von Humor, die wohl nur Briten vorbehalten ist. Auch zur Weihnachtszeit.


PLATZ 2: DIE ROTEN ROSEN: WIR WARTEN AUFS CHRISTKIND

Ganz zu Anfang seiner Karriere war Andreas Frege aka Campino ein Düsseldorfer Vorzeige-Punk par excellence. Mittlerweile nimmt der Tote-Hosen-Frontmann erschreckend bürgerliche Züge an, singt Neuen Deutschen Schlager und gibt sich handzahm in jeder Talkrunde, die ihn willkommen heißt. Zwischen den Extremen von Gestern und Heute
gelang ihm aber das Kunststück, mit Spaß und prolligem Charme Teil des Mainstreams zu sein, um ihn von Innen heraus auszuhöhlen. Das Seitenprojekt Die Roten Rosen spiegelt den Höhepunkt dieser Entwicklung wider. Nahmen sie auf der ersten Platte noch beliebte Schlager aufs Korn, bearbeiteten sie 1998 auf "Wir Warten Aufs Christkind" den Kanon internationaler Weihnachtsstücke. Heile Welt hört sich sicherlich anders an: Da klingt "Oh Tannenbaum" geradewegs so, als ob ein Familienvater von seiner Mischpoke die Nase voll und sich in ungesunder Weise dem Alkohol hingegeben hat, und die rockende Selbstmörder-Ballade "Weihnachtsmann vom Dach", eine Eigenkomposition der Rosen, lässt den lieben Santa an einem Seil auf dem Dachboden baumeln. Schließlich dürfen wir dann noch zu "Ihr Kinderlein Kommet" und "Stille Nacht" ordentlich unter dem Weihnachtsbaum pogen, ehe alle ins bierselige Koma fallen. Halleluja! Hier gelang Campino und Co. ein witzig-anarchischer Schlag gegen die Bourgeoisie; danach wurden die einstigen Chaoten langsam von ihr assimiliert.

PLATZ 1: SMITH & BURROWS: FUNNY LOOKING ANGELS

Als ich in jungen Jahren an einem 24. Dezember, kurz nach der Bescherung, aus dem Fenster auf die Straße blickte, sah ich einen einsamen Mann mittleren Alters, wie er in die Kneipe schräg gegenüber unserer Wohnung einkehrte. Ein unfassbares Bild für mich und der Einbruch der Realität, die meine juvenile Seifenblase zum Platzen brachte: Es gibt Menschen, die zu Weihnachten nicht bei ihrer Familie sind
? Ein Schock! Erst Jahre später, im Jahre 2011, haben Editors-Sänger Tom Smith und Andy Burrows (Razorlight, We Are Scientists) mir den Soundtrack für diese gestrandeten Persönlichkeiten, die sich ihre Heiligen Abende an der Theke bei einem Glas Bier um die Ohren schlugen, geliefert. "Funny Looking Angels" nahm mit seinen melancholischen Indie-Klängen all jene in den Arm, deren Leben ein Arschloch und der beste Freund Jack Daniels ist. Trotzdem muten das herzerwärmende "When The Tames Froze" oder der schüchterne "Christmas Song" versöhnlich, ja geradezu liebevoll an. Von Verbitterung keine Spur! Gerade Smiths warmes Organ hat etwas ungemein Tröstendes. Diese Platte der beiden Musikerkollegen und langjährigen Freunde wirkt so natürlich und gleichzeitig so überraschend warmherzig, ohne auch nur einen Moment lang kitschig zu sein. "Funny Looking Angels" bezieht alle und alles mit ein. Das ist es, was dieses Album bis heute so einzigartig macht.

||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 24.12.15 |  KONTAKT |  WEITER: KOMMENTAR "SCHWARZE SCHALE, HOHLER KERN" - SUCHBILD MIT GRUFTI >

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