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"GOTHIC FANTASY" 2015: UNENDLICHE GESCHICHTE(N)

Exlibris

Mit seiner frechen Motivwahl sorgt der misanthrope Maler Caspar David Friedrich vor gut 206 Jahren für einen handfesten Weihnachts-Skandal: Kaum ist die Farbe auf seinem jüngsten Werk, einer Auftragsarbeit für die gräfliche Privatkapelle der Familie Thun und Hohenstein, getrocknet, stellt der naturverliebte Pinsel-Fürst die großformatige Tafel „Kreuz im Gebirge“ in seinen privaten Atelierräumen zur Schau.

Wer in der Kunstszene nach Rang und Namen lechzt, lässt sich dieses schillernde Insider-Event natürlich nicht entgehen.

So rümpft bald auch der glücklose Poet und frisch entflammte Kultur-Kritiker Basilius von Ramdorf seine adelige Nase vor des Meisters Werk – und sinnt im stillen Kämmerlein auf medienwirksame Rache. Ein reines Landschaftsmotiv als religiöses Thema? Das geht irgendwie gar nicht, mokieren sich auch die versnobten Verantwortlichen des damaligen Society-Blatts, Zeitung für die elegante Welt, bei denen von Ramdorfs Kritik sofort auf fruchtbaren Boden fällt.

„In der Tat ist es eine wahre Anmaßung, wenn die Landschaftmalerei sich in die Kirche schleichen und auf die Altäre kriechen“ wolle, kreischt der aufgeblasene Richter des guten Geschmacks in seiner berühmt gewordenen Kolumne und beißt bei den Romantikern, wie zu erwarten, auf Granit.

Naturformen als Träger von christlichen Bedeutungen sind dummerweise gerade groß in Mode; der Zeitgeschmack also ganz klar auf Seiten des Künstlers.


Caspar David Friedrich, den frenetischer Applaus oder Geschmack des Publikums ohnehin nie gekümmert haben, schweigt sich öffentlich über diesen künstlichen Krieg der Knöpfe aus – und geht am Ende trotzdem, als schmunzelnd unbemühter Betrachter des merkwürdigen Geschehens, als dessen strahlender Sieger hervor. Sein klangvoller Name ist plötzlich in aller Munde; als Vater der Moderne findet sich der Maler mit ungebrochener Begeisterung bis in die Jetzt-Zeit verehrt.

„Eine Landschaft ist ein Seelenzustand“, wird Friedrich um 1830 rückblickend in sein Notizbuch schreiben. „Der Mensch soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.“


Diesen Kerngedanken der Romantik hat sich die Bildende Kunst bis heute bewahrt: Ihr empfindsamer Geist überstand die schlagenden Verbindungen der Avantgarde, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken – und ließ sich weder durch die alles zersetzende Postmoderne, noch durch das leidige Beuys-Credo, „Jeder Mensch ist ein Künstler“, irritieren.

Seine Erben findet man heute nicht nur vor den Leinwänden dieser Welt, sondern auch im relativ frisch begründeten Foto-Genre, das sich spätestens seit den 1960er Jahren nicht mehr nur um die bloße Abbildung von Realitäten bemüht, sondern statt dessen lieber imposante Seelen-Landschaften inszeniert, deren seltsamer Magie und Faszination sich der Betrachter nicht entziehen kann.

In dieser Tradition sind auch die Arbeiten von Martina Cross zu sehen, die in ihrem aktuellen, wohltemperierten Kalender „Gothic Fantasy“ andächtige Ansichten Englands mit schottischen Schwermuts-Impressionen mischt – und dabei einen unangestrengt malerisch wirkenden Zyklus schafft, der mit seinen weitgespannten Landschafts-Panoramen, monochroner Farb-Raffinesse und geschmackvoll arrangierten Bildkompositionen einen erstaunlichen Tiefensog entwickelt.

Zehn Jahre ihres Lebens hat die Kamera-Künstlerin im mystischen Schottland verbracht.

Ihre facettenreichen Aufnahmen aus dieser Zeit lesen sich deshalb nicht nur wie eine Liebeserklärung an den eigenwilligen Charakter dieser Region, sondern zeichnen darüber hinaus auch das einfühlsame Portrait einer höchst persönlichen Odyssee; einer emotionsdurchtränkten Reise zu sich selbst, an deren Ende Mensch und Natur untrennbar miteinander verschmolzen sind.

Mit jedem noch unbekannten
Bild, das sich hier über zwölf Monate immer wieder neu vor den Augen des Betrachters entfalten darf, wird diese Geschichte um ein weiteres, spannungsgeladenes Kapitel ergänzt. Dass die Fotografin ein besonderes Gespür für flüchtige Lichtphänomene und atmosphärische Besonderheiten hat, sieht und spürt man sofort.

Ortswechsel finden hier
im Grunde eher selten statt; dies merkt der Betrachter aufgrund der dargebotenen perspektivischen Vielfalt und des daraus resultierenden, atemlosen Erzähl-Tempos jedoch erst, wenn er die Bildunterschriften auf der Rückseite des Kalenders in einer kurzen Verschnaufpause einmal genauer unter die Lupe genommen hat.

Die eigenwillige Bildsprache mit ihren architektonischen Manierismen und dem sich plastisch aufbäumenden Raumgefüge, dessen seltsame Dynamik jeden Rahmen überwindet und dem Betrachter mit einem großen Satz förmlich ins Gesicht springen will, ist von bestechender Lebendigkeit.


Es scheint, als hätte Martina Cross hier kontinuierlich mit zwei Flächen gearbeitet und diese dann, in einer behutsamen Montage, fest ineinander verwoben.


Das Ergebnis: Dynamische Hochspannung.


Statisch und monumental, fungiert die vordere Bildhälfte als immerwährend majestätischer Spiegel der Vergänglichkeit. Hier zitiert die Fotografin langsam versinkende Friedhofsmauern, sichtbar verblassende Grabsteine oder zur zweidimensionalen Kulisse zerbröselnde Muster-Gotik heran.

Dabei arbeitet Cross mit ungewöhnlichen Winkeln und Perspektiven nicht nur die gewichtige Schwere der Bauten heraus, sondern unterstreicht mit ihren belebt bewegenden Aufnahmen auch den symbolischen Wert der Ruine als steinernes Bindeglied zwischen Gegenwart und Geschichte.

Es braucht etwas Mut, um den richtigen Einstieg in dieses drängende Bildgefüge zu finden: Die stolz vergehenden Prachtbauten und verlorenen Denkmäler von einst fordern die volle Aufmerksamkeit des Betrachters ein; zaghafteren Blicken stemmt sich das mächtige Schicksalsgemäuer mit ganzer Wucht und Würde entgegen.


So nah, und doch so fern.


Im Hintergrund spürt Martina Cross dem ungewiss schimmernden Geist dieser sphärischen Orte nach. Hier ist es schließlich nur mehr das ewig aufwühlende Geheimnis der Natur, das zählt: Sinn und Unsinn des Lebens, die unendliche Geschichte.

Und über allem: Ein dominant drohender Himmel.

Erst jetzt scheinen
sich die Raumenergien mit voller Wucht zu entladen; erschreckt fliehende Wolken streben kraftlos nach vorne und werden doch immer wieder, wie von einer unsichtbaren Schlinge, nach hinten gezogen; zwischen den düsteren Fluchten bricht, mit messerscharf klirrenden Schwingen, plötzlich ein gespenstischer Schwarm von Hitchcock-Vögeln in die Szenerie. Müde schimmert die schwermütige Sonne über den Horizont und lässt ihre seufzenden Strahlen über den tauben Blätterwald streifen.

„Das sogenannte Romantische einer Gegend ist ein stilles Gefühl des Erhabenen“, pflegte einst schon Johann Wolfgang von Goethe zu sagen.


Mit dem intensiven Kalender-Erlebnis „Gothic Fantasy“ von Martina Cross werden diese Emotionen jetzt auch für den modernen Betrachter zu einer deutlich spürbaren Realität.

|| TEXT: ANTJE BISSINGER | DATUM: 28.11.2014 | KONTAKT | WEITER: INTERVIEW MIT MARTINA CROSS >



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COVER/FOTOGRAFIE © MARTINA CROSS.

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