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3/20: LAURA SCHEN, 580 MILES, IAMX, NINE SECONDS, CRUSH - ZEIT FÜR WESENTLICHES

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Es nützt nichts: Die nächsten Wochen werden wir auf gemeinsame kulturelle Zerstreuung verzichten müssen. Da bleibt einem dann nicht viel anderes übrig, als zu Hause den Lieblingsbands zu lauschen - und vielleicht auch mal seinen Horizont mit neuen Klängen zu erweitern.

Da könnte man dann beispielseise auf Laura Schen stoßen, deren Vorgänger "Metamorphosis" vor knapp eineinhalb Jahen die Redaktion bereits ins Staunen versetzt hat. Lauras beschwörend-betörender Gesang siedelt sich in den unteren Tonregionen an und fördert in Verbindung mit den unterkühlt-sterilen Break-Beat-Electroclash eine neue Hörgewohnheit zu Tage. "Moonworld" ist mit Blick auf unseren Erdtrabanten ein eisiges, ganz und gar unromantisches Vergnügen. Auch wenn am Ende des Albums Laura sich in "Romantischer Hypnose" versucht, überwiegt doch das schockgefrostete Moment, den die Wahlberlinerin mit allen ihren zu Verfügung stehenden Mitteln nutzt. Ohnehin muss dieser Musikerin Lob gezollt werden ob ihrer völligen Autarkie. Komposition, Gesang, Arrangements, Aufnahme: Alles macht Laura Schen selbst. Der DIY-Charakter von "Moonworld" ist sicherlich auch rauszuhören, der eine oder andere Toningenieur hätte die metallenen Beats vielleicht anders akzentuiert. Aber gerade in dieser scheinbaren Imperfektion entstehen die stärkste Bilder. So fühlt man sich bei "Under The Skin" an einen riesigen Eisblock erinnert, der einen Sonnenstrahl irisierend bricht. Und in diesem Block sitzt Laura und singt. Wobei die Texte fast zur Nebensache und ihre Stimme zu einem weiteren Instrument wird, das dem Bild eines Wintertages in den ewigen Weiten der Tundra entspricht. Laura Schen, das ist offensichtlich, braucht die Musik wie die Luft zum Atmen. Und die Musik braucht auch diese Künstlerin, die sich nicht einem gängigen Frauneklischee unterordnen will, sondern Musik als Spiegel der Seele empfindet. "Moonworld" lässt in dieser Hinsicht sehr tief blicken.

580 Miles: Das ist die Entfernung zwischen Sängerin Miriam Christina und dem in der Slowakei ansässigen Peter Chudik. Das hat die beiden aber nicht davon abgehalten ihre gemeinsame musikalische Vision aufzubauen, die sich irgendwo zwischen Mitternachtselektronik von Massive Attack und Spoken-Word-Synthesizerspielereien einer Anne Clarke befindet. "Farewell Phoenix" ist dabei ein schwarzfunkelndes Juwel von einem Album geworden, in der sich die reduzierten, gleichsam eindringlichen Soundscapes Chudniks (der unter dem Alias AnAstromo klanglich unterwegs ist) mit dem federleichten Gesang Christinas (auch als Theohtersideofwho? bekannt) eine meditative Energie eingeht, die in "Passion" leicht kraftwerk'sche Züge annimmt. Bemerkenswert ist vor allem die Ausgewogenheit aus eingängigen Songstrukturen, die von einigen querstehenden Sounds immer wieder durchkreuzt werden. Downtempo-Synthie-Pop mit schummrigen Ecken und Kanten sozusagen - alles übrigens auch wie bei Laura Schen in kompletter Eigenregie vollbracht. Seinen eindringlichsten Moment erfährt "Farewell Phoenix" bei dem für die momentane Situation so beredten Titel "No Plan B", das durch perfekt überlagerte Gesangslinien eine hypnotische Sogwirkung entfaltet, die auch noch weit nach Ende des sechseinhalbminütigen Songs nachhallt. Und mit dem abschließenden "For..." schleicht sich Wehmut ein, denn laut Bandcamp ist "Farewell Phoenix", das erste Album von 580 Miles, gleichzeitig das letzte. "'Farewell Phoenix' is our goodbye" lautet der Kommentar der beiden auf Bandcamp. Und man ist geneigt, laut "Fake News" zu schreien. Denn es kann einfach nicht angehen, dass solch ein spannendes Projekt schon wieder verschwindet.

Eine feste Konstante hingegen ist Chris Corner, der früher bei den Sneaker Pimps und später solo als IAMX einen ganz eigenen Klangkosmos zwischen New-Romantic-Grandezza und Avantgarde-Elektronik kreiert hat. Mit Alben wie "The Alternaitve" und dem Meisterwerk "Kingdom Of Welcome Addiction" hat er der elektronischen Klangerzeugung eine Frischzellenkur unterzogen und sich schnell einen Ausnahmestatus erspielt, der es ihm ermöglicht, in vielen Bereichen zu reüssieren - von der Gothic- bis zur Catwalk-Szene. Dabei spielt auch Chris' alertes Organ und sein charismatisches Auftreten eine gewichtige Rolle für den Erfolg dieses Projekts. "Echo Echo" nun ist ein Best-Of der besonderen Art. Hier versammelt der Mann verschiedene Meilensteine seiner Karriere, darunter "Kiss And Swallow", "Spit It Out" und "I Come With Knives", und verpasst ihnen ein ganz neues musikalisches Gewand, basierend auf einer Akustik-Gitarre und wesentlich getrageneren Elektronik. "You Can Be Happy" und "The Power And The Glory" fahren die Synthesizer gar auf ein Minimum herunter, was die Imität der Stücke noch einmal verstärkt. "Surrender" bildet den krönenden Abschluss, der auch als Vorabauskopplung inklusive einem faszinierenden Video mit verstörender Erotik daherkommt. Trotz seines fortgeschrittenen Alters hat der Mittvierziger Chris Corner nichts von seinem juvenilen Ungestüm eingebüßt. Das macht auch "Echo Echo" deutlich, wenngleich es eben hier viel ruhiger und nachdenklicher zugeht. Sein leidenschaftliches Feuer für tief empfundenen Lyrik und Musik brennt immer noch lichterloh.

Sich in Neuinterpretation seiner eigenen Kompositionen zu versuchen, ist schon eine Herausforderung. Sich am Liedgut anderer zu vergreifen, kann ganz schnell nach hinten los gehen. Da hilft es dann schon, wenn man einige Jahre musikalische Erfahrung aufweisen kann. Bei der Zusammenkunft Nine Seconds sind gleich mehrere "erfahrene Hasen" am Werk. Da haben wir Oliver Spring, der unter anderem der Formation Sleepwalk angbehörte, René Ebner und Thomas Kowa wiederum sind aus dem Dunstkreis von NoComment und Rehberg entsprungen, Letztgenannter trieb zuletzt noch beim spaßigen Schriftsteller-Sänger-Kombinat Purwien & Kowa sein Unwesen. Das Trio hat auf ihrer EP "Love Will Tear Us Apart" den bekanntesten Song von Joy Division herausgesucht. Ihre Interpretation zielt dabei mit flächigem Future-Pop mit 90s-Electro-Einsprengseln unverhohlen auf die Tanzfläche. Bigod 20 kommen da einem in den Sinn, die vor rund 30 Jahren Madonnas "Like A Prayer" schwarzkitteltaugllich umgemodelt haben. Da haben es Nine Seconds leichter, da sie eine szenekompatible Nummer Sicher ausgesucht haben. Aber auch die muss erst einmal so perfekt gecovert werden. "Living On Video" von Trans-X und Bronski Beats "Hit That Perfect Beat Boy" ließen sich auch einer Nine-Second-Überarbeitung unterziehen. Das Ergebnis ist zwar schon irgendwo vorhersehbar gewesen, aber dennoch packen diese neuen Versionen, weil sie ein Arrangement besitzen, das klotzt und nicht kleckert. Und mit zwei nicht minder ansprechenden Remixen des Titlesongs von mind.in.a.box und Ruined Conflict ist die zwangsweise Corona-Quarantäne-Diskothek in den eigenen vier Wänden um ein paar kleine Schätzchen reicher geworden.

Zum Schluss blicken wir noch nach Österreich, wo wir gerade die vielleicht härtesten Maßnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus ergriffen worden sind. Das bedeutet, dass auch das kulturelle Leben still steht. Am Ende trifft es auch die Grazer Band Crush, die gerade mit ihrer EP "Sundown" eine putzige Vier-Nummern-Revue kredenzt, die einem das Gefühl gibt, wieder geradewegs in die Endsiebziger zurückzugleiten. Denn Sängerin Christina Lessiak besitzt sehr viel von den damals starken New-Wave-Frauen wie Debbie Harry (alias Blondie) und Chrissie Hynde von The Pretenders. Dass die Songs sich stilistisch dann auch in einem leicht verträumten New-Wave-Rahmen mit breiten Synthieflächen und garagigen Beats bewegen, ist nur die logische Konsequenz. Schon "Twist And Shout" dekliniert - bei allen Rock'n'Roll-Verweisen - die Post-Punk- und Prä-80s-Pop-Manierismen durch und bleiben dabei herrlich "independent". Das setzt sich vor allem bei "There You Go" fort, das eins zu eins von den bereits erwähnten Blondie hätte stammen können. Gerade bei der orgeligen Elektronik fühlt man sich direkt an "Hanging On The Telephone" erinnert. Sicherlich weist dieser Song die größte Hitdichte auf. Am Ende verheißt die liebevolle Titelnummer mit einer überdeutlichen Gewichtung auf funkelnden Keyboard-Klängen so etwas wie eine positive Aufbruchsstimmung. "Keep On Waiting" singt Lessiak sehnsuchtsvoll im Refrain und liefert damit  - ungewollt natürlich - den Soundtrack für die momentane Situation, in der wir nur abwarten können, bis sich wieder so etwas wie Normalität in unserem Leben breit macht.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.03.20 | KONTAKT | WEITER: CHANDEEN VS. THE SEARCH VS. GOOD WILSON>


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Webseiten:
lauraschen.bandcamp.com
580miles.bandcamp.com
www.iamxmusic.com
www.nineseconds.de
www.crushtheband.com

Covers © Laura Schen, 580 Miles, Caroline/Universal (IAMX), Infactes Recordings (Nine Seconds), Numavi Records/Rough Trade (Crush)

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