5/21: CONTROL ROOM, THE LIVELONG JUNE, STUMPFF, WINFRIED STRAUSS X METANIMOS, SYNNE SANDEN, JUNGSTÖTTER - FÜR EINE HANDVOLL HITS - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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5/21: CONTROL ROOM, THE LIVELONG JUNE, STUMPFF, WINFRIED STRAUSS X METANIMOS, SYNNE SANDEN, JUNGSTÖTTER - FÜR EINE HANDVOLL HITS

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Im Grunde ist es wie mit diesen Kleinstpralinen einer großen Schokoladenfirma: Je kleiner, desto mehr Abwechslung. Und so ist auch die fünfte Ausgabe von "kurz angespielt" mit den sechs Mini-Alben wie eine Schachtel kleiner musikalischer Confiserien der Extraklasse.

Einige wecken dabei starke Erinnerungen an früher: Würde behauptet werden, "Options" der aus Hattiesburg, Mississippi stammenden Control Room sei ein elektronisch angehauchtes Seitenprojekt von Ian Curtis selig gewesen, man würde es nicht in Zweifel ziehen. Denn Sänger Austin Griffith könnte glatt als Gesangsdouble des Joy-Division-Frontmannes durchgehen. Mit der gleichen hoffnungslosen Schnodderigkeit singt er über die adrett arrangierten Synthesizernummern, die über schummrige Flächen, fein ziselierte Melodien und stringenter Rhythmussektion eine neuromantische Grandezza aufbauen. "We've Been Here Before" und "Are We All Alone" punkten zudem noch mit einem mantraähnlichen Refrain, dessen Sogwirkung sich mit jeder weiteren Zeile entfaltet. Bereits beim Vorgänger "Scenery" wird dem Hörer schnell klar, dass das amerikanische Duo einen ziemlich genauen Plan davon hat, wie ihre Musik klingen soll. "Options" baut darauf auf und verfestigt Control Rooms Nimbus als "Joy Division für Elektronikliebhaber". Die ständigen Vergleiche mit den Gottvätern des Post-Punk sind aber weder negativ zu verstehen, noch sollen sie Griffith und Mitstreiter Warren Ad unter Druck setzen. Es ist einfach nur wundervoll zu erleben, dass eine Band es recht schnell verstanden hat, althergebrachte, tradierte Musikvorstellungen derart zu vereinnahmen, dass sie zwar unverkennbar ihre Helden in den Stücken eigendenken, sich aber nicht komplett von ihnen abhängig machen.

Ähnlich kann die Bewertung von "Middle-aged Rebel" ausfallen, die The Livelong June auf die Menschheit losgelassen hat. Denn in ihren Songs schwingt gleichfalls sehr viel Vibe von früher mit. Das schwedische Duo besinnt sich dabei auf einen grobkörnigen Electro-Sound mit viel Körper. Dazu wird der Gesang noch ein bisschen angezerrt und fertig ist ein Club-Hit mit harmonikalen Verweisen auf Kraftwerks "Metropolis" und einer klanglichen Ästhetik, die fatal an die unterbewerteten Mechanical Cabaret sowie den Landsmännern von Ashbury Heights erinnern. Ihr Können haben The Livelong June bereits auf ihrem 2018 veröffentlichten Debut "The Art Of Living" unter Beweis gestellt. Die EP knüpft nun da an, wo Songs wie "Minus Ten Degrees" und "Friends" aufhörten. Zudem bestätigen Sie das Klischee, das skandinavischen Musikern eine besondere Gabe in die Wiege gelegt wird, die es ihnen ermöglicht, kantig und eingängig zugleich zu klingen. Diesen Spagat vollführt das Zwei-Mann-Projekt auch bei "Trepidation" und "Social Interactions". Letztgenannte Nummer wird besonders Freunde muskulöser Elektronik erfreuen: Hier holt das Duo ein paar vor sich hinblubbernde Sequenzen aus den Maschinen. Zuletzt verpassen The Rude Awakening dem Titelsong einen etwas mysteriösen Anstrich. Die körnige Struktur des Originals wird glattgeschmirgelt und die Melodien im Bassbereich angesiedelt. Auf diese Weise schleicht "Middle-aged Rebel" bösartiger umher. Natürlich ist sie nicht mit dem perfekt produzierten Titelsong vergleichbar.

Apropos: Wie unvergleichlich bitteschön ist eigentlich Thomas Peters alias Tommi Stumpff? Zwar ist der Mann, der mit der Gruppe KFC bereits die "wahre" Neue Deutsche Welle mitgeprägt hat, im besten Renteneintrittsalter, aber sein neues, sechs Stücke umfassendes, unter dem schlichten Namen Stumpff veröffentlichtes Mini-Album wirkt wie ein einziger Wutausbruch, einhergehend mit der Tatsache, dass bei Stumpff noch lange nicht Schluss ist. Der Erdball aus der Weltraumperspektive abgelichtet, bildet das beredte Cover von "Alles Idioten", was wie eine Generalabrechnung mit der gesamten Menschheit wirkt. Wer aber Stumpffs Vita verfolgt hat und vor allem seine Club-Hits "Massaker" und "Lobotomie" kennt, weiß, dass der Mann weder textliches noch musikalisches Nonnenhockey anbietet. Auch auf diesem Album wird scharf geschossen. "300 Tote Teil 2", "Geh sterben", "Gnade Dir Gott": Der Mann trägt immer noch jede Menge Kampfeslust in sich. Und diese gießt er in einen sehr ruppigen Electro-Metal, der ein bisschen die frühen und mittleren 1990er aufleben lässt, als vor allem deutsche Bands wie Oomph und Die Krupps erstmalig den Einsatz elektronischer Mittel im Schwermetallsektor salonfähig machten. In diesem, vordergründig unperfekt wirkenden Sound, findet man den Punker Stumpff wieder, dem die Quintessenz seiner Stücke, quasi die "Moral von der Geschicht'" wichtiger ist als seine Ausschmückung. Diese Unverblümtheit steht "Alles Idioten" wunderbar zu Gesicht.

Bereits im vergangenen Jahr sind der Redaktion die außergewöhnlichen Klänge von Winfried Strauss aufgefallen. Seine Instrumentale basieren auf Pianothemen, um die er wuchtige Elektronik baut. So erhalten seine Stücke ein kinematografisches Flair. Für seine neueste Veröffentlichung hat sich der Mann mit einem gewissen Metanimos zusammengetan, über den nicht wirklich etwas herauszufinden war. Spielt aber letztendlich auch keine Rolle. Das wichtigste ist: Die beiden verstehen sich musikalisch sehr gut. "Triad Rising" umfasst drei Songs, die ineinander übergehen und so zu einem rund 15-minütigen Opus magnum heranschwellen. Die Aneinanderreihung der drei Stücke ist übrigens kein Zufall: "Invocation" wirkt wie ein elektronisch unterfüttertes Ritual, Drones und gewittrige Sequenzen inklusive, erst bei "Moventum" setzt sich Strauss' Pianospiel durch. Die Maschinen ziehen sich langsam zurück und verschwinden bei "Tear Apart" fast in Gänze. In diesem Moment zeigt sich auch Metanimos in seiner ganzen künstlerischen Größe, indem er zu den weichen, mollschwangeren Klaviermelodien in herrlich fatalistischer Weise seinen Text vorträgt. Zunächst noch scheu und verzagt, schlussendlich aber dann doch - wie es der Titel sagt - richtiggehend seelenzerreißend. In diesem Moment lebt das Sentiment einer schier endlosen, unergründlichen Traurigkeit wieder auf und macht "Triad Rising" final gesehen zum musikalischen Inbegriff von Gothic.

Das Gefühl der Einsamkeit und des Aufsichselbstzurückgeworfenseins entfaltet sich in der Vorstellung vieler Mitteleuropäer in den skandinavischen Gefilden besonders gut. Ob dies so ist, weiß man erst, wenn man diese Gegenden besucht hat. Oder wenn man da lebt. Wie Synne Sanden. Die extrovertierte Norwegerin bewegt sich musikalisch auf ähnlich anspruchsvollen Wegen wie Björk, Portishead oder Kate Bush. Ihr Kurzwerk "Swallowed" ist eine extrem fruchtbare Zusammenarbeit mit Øyvind Blikstad, einem Filmmusikkomponisten, die in einer Neubearbeitung von "Skeleton" durch Blikstad ihren Anfang genommen hat. Wie das weibliche Pendant zu Woodkid, werden massive Orchesterparts mit wagnerianischem Anspruch einem expressiven Gesangsstil entgegengesetzt, während elektronische Spielereien den allgemeinen Bombast auf die Spitze treiben. Im Gegensatz zum eben ewähnten Franzosen, arbeiten sich Sanden und Blikstad aber an vertrackten Soundscapes ab, die sich verbieten, Pop auch nur im Ansatz zu denken. Dennoch wenden sie sich in Stücken wie "Brick By Brick" deutlich klassischen Songstrukturen zu. Diese dienem letzten Endes auch nur dem einen Zwecke, die Geschichte hinter "Swallowed" zu erzählen. Denn bei dieser EP wird die zerstörerische Kraft einer dysfunktionalen Beziehung in all seiner Drastik dargestellt. Synne Sanden und Øyvind Blikstad gelingt ein intensiver und bei aller Theatralik auch authentischer Blick auf ein Thema, das meistens nur in seichten Balladen eher lauwarm verarbeitet wird.

Als sich die 10er-Jahre bereits in ihren letzten Zügen befanden, sorgte ein gewisser Jungstötter mit seinem Debütalbum "Love Is" für überschwängliche Jubelarien. UNTER.TON jedenfalls hat dieses schwermütige Werk als das Non Plus Ultra der letzten Dekade gekürt. Ein zweites Album wurde bereits erdacht, als Corona in unser aller Leben und also auch in Jungstötters einschlug. Der Mann, der eigentlich Fabian Altstötter heißt und zuvor bei Sizarr gesungen hat, hat sich kurzerhand entschlossen, die Wartezeit auf das nächste Album mit der EP "Massifs Of Me" zu verkürzen. Wie ein Bindeglied und Cliffhanger fuktioniert die vier Nummern starke Veröffentlichung, die zwei neue Stücke und zwei bereits auf "Love Is" veröffentlichte Lieder in neuem Arrangement enthält. Das Gefühl der Isolation tritt bei dem "orphischen Musiker", wie die Pressemitteilung Jungstötter treffend beschreibt, durch die spärliche Instrumentierung zu Tage. Die Stücke werden nur vom Klavier begleitet - eine kleine Ausnahme bildet "Purest Hour", welches sich doch ein feierlicheres Gewand in Form orchestraler Begleitung gönnt. Besonders die bereits veröffentlichten Lieder, "Love Is" und "Silence" strahlen in ihrer reduzierten Form noch heller. Das liegt am superben Songwritings des gebürtigen Pfälzers. Doch wer bereits auf dem Debut "The Rain" gehört hat, weiß, dass es vollkommen ausreicht, den Mann einfach nur ans Klavier zu setzen. "Massifs Of Me" bestätigt alle Erwartungen, die in Jungstötter einen Scott Walker, Mark Hollis (Talk Talk) oder David Sylvian (Japan) sehen. Durch ihn kehrt die Schöngeistigkeit in die Popmusik zurück.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 12.02.21 | KONTAKT | WEITER: IM PROFIL - LOUISAHHH>

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controlroom.bandcamp.com
www.thelivelongjune.com
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metanimos-x-winfried-strauss.bandcamp.com
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Covers © Cold Transmission (Control Room), pbh media (The Livelong June), Danse Macabre/Al!ve (Stumpff), Metanimos x Winfried Strauss, Nordic Records Int. (Synne Sanden), PIAS (Jungstötter)

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