PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES "JEDERMANN RELOADED" VS. ROME "LE CENERI DI HELIODORO": TÖNERNE MAHNMALE EINES AUSGEHENDEN JAHRZEHNTS - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES "JEDERMANN RELOADED" VS. ROME "LE CENERI DI HELIODORO": TÖNERNE MAHNMALE EINES AUSGEHENDEN JAHRZEHNTS

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Kunst ist nie revolutionär! Allenfalls reagiert sie auf bestehende Verhältnisse und macht sie auf einer anderen Ebene deutlich - was im Idealfall zu Denkprozessen beim Publikum führt. Es hängt lediglich von der Wahl der kreativen Waffen seitens des Künstlers ab, um seine Gedanken breitenwirksam publik zu machen.

Der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für einen extrem experimentellen Ansatz entschieden. Sein Theaterstück "Jedermann" orientiert sich in Form und Sprache an den mittelalterlichen Mysterienspielen, in denen keine Individuen auftreten, sondern Personifikationen, etwa Gott, Teufel, Tod oder Mammon.

Im Zentrum steht der reiche, mächtige wiewohl wenig fromme Jedermann, an dem Gott ein Exempel statuieren will. Er beauftrag den Tod, den Protagonisten ins Jenseits zu holen. Jedermann erbittet sich eine Stunde Aufschub und fragt um Hilfe bei seinen Bekannten. Doch weder Geselle, noch Bedienstete, selbst der schnöde Mammon wollen ihn nicht zum jüngsten Gericht begleiten. Erst die Hinwendung zum Glauben und der Beistand seiner guten Taten helfen ihm, in den Himmel aufzufahren und dem Teufel von der Schippe zu springen.

Hofmannsthal hat die christliche Mystik genutzt, um die von Mystik befreite, empirisch erschlossene, gleichwohl aber wirre Welt der Gegenwart, die am Vorabend des ersten Weltkrieges zwischen Industrialisierung und Kapitalismus einen immer schnelleren Lebenstakt vorgab, wieder begreifbar zu machen.


Anno 2019 haben sich nur die Vorzeichen geändert. "Du bist, was du erlebst" - dieser Werbeslogan wird zur unumstößlichen Maxime eines vermeintlich erfüllten Lebens. Der Mensch von heute definiert sich durch drölftausend Möglichkeiten extremer Freizeitgestaltung und erhofft sich universelles Glück durch immer neuere Technologien und materiellen Reichtum. Am Ende steht er jedoch mindestens geanuso rat- und orientierungslos vor der Welt wie vor hundert Jahren auch.


Deswegen funktioniert "Jedermann" bis heute, weil es als Allegorie auf die jeweilige Zeit angewendet und dementsprechend geformt werden kann. Die aktuelle Version von Philipp Hochmair zeugt von einer großen Portion Chuzpe und einer Messerspitze Kinski-Größenwahn. Kurzerhand formt der Österreicher nämlich das Theaterstück zu einem Hörspiel um und übernimmt auch noch sämtliche Rollen. Ein leidenschaftlicher, bewundernswerter Kraftakt.

Man spürt förmlich, wie der Schauspieler jeder Silbe nachschmeckt. Vom überheblichen Jedermann über den geifernden Mammon bis hin zu den besänftigenden Glauben verleiht er jeder Rolle deutlich Kontur. Trotz oder vielleicht wegen der gestelzten Sprache geht der Text eine perfekte Symbiose mit der Musik ein. Bisweilen fühlt man sich, auch aufgrund Hochmairs expressiven Duktus, an Einstürzenden Neubauten oder auch Goethes Erben erinnert.

Musikalische Unterstützung erhält er von den Ostpunkern Die Elektrohand Gottes, die gekonnt psychedelische Rock-Eskapaden, waghalsige Industrial-Metal-Nummern und elektronische Experimental-Miniaturen zu einer düsteren, hyperexistenzialistischen Klangkulisse aufziehen. Das Ende von Jedermann lassen sie in einer Prog-Rock-Nummer eingehen, die bei aller majestätischen Größe durchweg in mollschwangerer Stimmung gehalten ist.

Schließlich steht die Frage im Raum, was von einem Leben übrig bleibt, wenn die letzte Stunde naht. Und welche Konsequenzen sollten wir, die wir noch etwas länger auf der Erde weilen, daraus ziehen? Philipp Hochmair will dies gar nicht beantworten. Das überlässt er der Hörerschaft. Die Dringlichkeit seines reloadeten Jedermanns jedoch weist darauf hin, dass wir uns viel zu selten Gedanken darüber machen.

In die Überlegungen mag dann vielleicht auch die weiterführende Frage einfließen, wie wir das Leben gestalten wollen, um als große Gemeinschaft funktionieren können. Denn mit Blick auf die momentane politische Weltlage wird es zunehmend schwerer, an diese Möglichkeit zu glauben.

Gerade durch Europa gehen momentan mehrere Risse, die für den Luxemburger Songwriter Jerome Reuter sicherlich Inspiration gewesen sein mochten, als er unter dem Alias Rome sein nunmehr 13. Album "Le Ceneri Di Heliodoro" ("Die Asche Heliodoros") ersann. Nach dem eher introvertierten, persönlichen Vorgänger "Hall Of Thatch" nimmt der Musiker wieder den Platz des Troubadours und Chronisten ein, der seine Sicht auf die Welt allerdings hinter einer Wand aus Doppeldeutigkeiten mit Verweisen auf die Geschichte verbirgt. Am Ende ist es einmal mehr der Rezipient selbst, der sich Gedanken zum Gesungenen machen muss.

Das Folk-Projekt blickt offenkundig fatalistisch auf die Entwickung des Alten Kontinents ("Who Only Europe Knew"), setzt das Verhältnis zu Amerika in ein düsteres Licht ("The West Knows Best") und stellt damit auch die Frage nach der jetzigen Form des losen europäischen Staatenbundes. Das ganze Album ist eine konstante Beschreibung einer auf tönernen Füßen stehenden Weltgemeinschaft, die kurz vor dem Zusammenbruch zu sein scheint.


Sicherlich ist es auch Kalkül von Rome, wieder in martialischer Neo-Folk-Montur mit post-industrielllem Einschlag aufzutreten und aufrührerische Anfangs- und Endpunkte, namentlich "Sacra Entrata" und "Desinvolture", zu entwerfen. Fans der ersten Stunde werden sicherlich dankbar für die stlistische Rückkehr zu der Frühphase der Band sein.

Kritiker jedoch werden die augenscheinlich anti-europäische, anti-amerikanische Haltung des Albums als gefährliches Spiel mit den populistischen Strömungen auslegen. Doch Rome sind nicht ewiggestrig oder gar konservativ gesinnt (bereits mit dem Album "Die Æsthetik der Herrschaftsfreiheit", das an das antifaschistische "Die ÄSthetik des Widerstands" von Peter Weiss angelehnt war, haben sie deutlich Stellung gegenüber etwaige Vermutungen bezogen) . Vielmehr wollen sie aus den Blick auf die Geschichte Chancen für die Zukunft ziehen - ein Stilmittel, das sich, bis auf wenige Ausnahmen, wie ein roter Faden durch den gesamten Kanon des weltschmerzlichen Chansonniers zieht.

Zugegeben: So provokant wie auf "Le Ceneri Di Heliodoro" waren Rome jedoch selten. Selbst das Booklet sendet feine Spitzen in Form eines Zitats des Schriftstellers Ernst Jünger aus, dessen geistige Haltung zum Nationalsozialismus ihn zum streitbarsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Der Satz an sich, losgelöst von der Vita Jüngers, ist allerdings von ungeheurer Wichtigkeit: "Im Menschen, nicht in den Systemen, muss neue Frucht gedeihen."


Denn am Ende geht es eben nicht mehr um die Frage, welche Regierungsform die sinnvollste ist, sondern wie wir als Individuen agieren. Unser Handeln kann dazu führen, dass die Zukunft düster oder strahlend wird. So landen Rome am Ende dann doch wieder bei ihrem Lieblingsthema und huldigen den Einzelkämpfern, die versuchen, sich für eine gute Sache einzusetzen.

Im Zusammenschluss weisen uns Philip Hochmair und Rome, jeder auf seine Weise provokant kämpferisch, den Weg in das letzte Jahr der 10er-Dekade, die in der Retrospektive nicht viel Anlass zur Freude bereithält und den Hörer zur Selbstreflexion über seine Taten, dessen Auswirkungen auch immer global zu betrachten sind, veranlasst. Die daraus erzogenen Kenntnisse mögen schmerzvoll sein. Notwendig sind sie zweifellos!

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 14.01.19 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 13/18>

Webseite:
www.philipphochmair.com
www.elektrohand.com
www.rome.lu


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COVER © ELEKTROHAND RECORDS/BROKEN SILENCE (PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES), TRISOL/SOULFOOD (ROME)

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