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NOYCE™ "FALL[OUT]": POST-ATOMARER SOUNDTRACK

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Der Puls der Zeit kennt kein Erbarmen.

Trotzdem ist es auch in unserer auf Instant-Ruhm gebürsteten Gegenwart ein fataler Irrglaube, dass Musiker nach kurzjähriger Ton-Abstinenz zwangsläufig in Vergessenheit geraten müssen.

So etwas geschieht eher dann, wenn es Kunst und Klang an der nötigen Substanz mangelt – und vom Gesamtwerk, aus zeitlicher Ferne betrachtet, nicht nur der sprichwörtliche "Lack" ab ist.

Aktuell zeigt das Düsseldorfer Synthie-Pop-Projekt Noyce™, wie man es richtig macht – und bringt mit seiner klaren musikalischen Vision sowie der ausgeklügelten "Corporate Identity" die essentiellen Zutaten für den erfolgreichen Fortbestand einer spielfreudigen Formation – trotz überschaubaren Oeuvres! – auf den Punkt.


Ganze sechs Jahre mussten vergehen, bevor dem Debüt "The White Room" von 1999 mit "Coma" endlich
der zweite Silberling folgte. Und auch die Veröffentlichung des letzten regulären Noyce™ Werkes "Un:Welt" liegt nun schon eine ganze Weile zurück.

Da trifft es sich eigentlich ganz gut, dass pünktlich zum Jahreswechsel wieder frische Töne aus der rheinischen "Electri-City" erklingen dürfen: Mit "Fall[out]" liefern Vordenker Florian Schäfer und seine nicht minder tiefsinnigen Mitstreiter ein äußerst vielversprechendes Vorspiel zum kommenden Longplayer "Love Ends".


Wie es bei Noyce™ mittlerweile zum guten Ton gehört, wird auch die Atmosphäre der
aktuellen Scheibe mit ihrem sinistren Cover wieder einmal von einer geheimnisumwobenen Vergänglichkeit bestimmt.

Ein halb verrottetes Auto, der Karosserie nach zu urteilen in den 1930er Jahre erbaut, ziert den monochromen Titel – und fungiert als stummer Zeuge vergangener Zivilisationen. Häuserruinen, die langsam von der Natur in Beschlag genommen werden, bilden die passende Kulisse für den düsteren Gedanken-Kosmos von Noyce™: Die Band erzählt die Geschichte einer erschreckenden Zukunft.

Der atomare Krieg ist vorbei, alles Leben nahezu ausgelöscht.


Um dieses weniger freudige Gedankengut kreiste die Truppe bereits mit dem Vorgänger "Un:Welt". Man fügt sich hier also in narrative Bahnen; kehrt schlußendlich dorthin zurück, wo die Geschichte einst stehen geblieben ist.


Ein typisches Merkmal, denn obgleich sich das Liedgut von
Noyce™ mit jedem Kapitel des Gesamt-Zyklus weiterentwickelt, bleibt das Schaffen am Ende doch erfreulich homogen.

Die Single "Fall[out]" ist gleichzeitig auch eine Parabel auf das unauslöschliche Gefühl einer inneren Leere.


So erhebt sich denn auch der Refrain wie Phönix aus der Asche, während trockene Beats und transparente Klangbögen die postapokalyptische Szenerie in den Strophen auch auf musikalischer Ebene beschwören – eine neue Nuance im schäfer'schen Tonraum, der ja sonst eher auf vertrackte Rhythmen, intensiven Gesang und klagende Synthielinien spezialisiert ist.

Im Titelsong des noch ausstehenden Neu-Werks, der auf der frisch gepressten Single ebenfalls zu hören ist, lebt diese lieb gewonnene Tradition allerdings wieder auf: Wohltuender könnte der "German Weltschmerz" nicht in Noten verpackt werden.


Dass die neue Single es mit größter Sicherheit auch in die hiesigen Clubs schaffen wird, liegt in erster Linie an Jan Krischan Wesenberg
.

Als Klang-Z
auberer der Formation Rotersand beweist der Ton-Tüftler bereits seit einigen Jahren, dass gut gemachte, dunkelelektronische Musik nicht zwangsläufig mit den obligatorischen Monsterstimmen von der Stange oder gar Tinnitus-auffrischenden Sägezahn-Sequenzen einhergehen muss. Von gähn-erotisch-tumber Kopulationslyrik mal ganz zu schweigen.

Wesenberg zeichnet auf "Fall[out]" übrigens nicht nur für den finalen Mix verantwortlich, sondern steuert auch noch einen äußerst atmosphärischen, skandinavisch kühlen Remix in bester Covenant-Manier bei.


Zum Bunde der Neuabmischer gesellen sich auch Dominatrix
: Andy Motke, der Mann hinter diesem Projekt, geht einfach mal in die komplett andere Richtung – und interpretiert "Fall[out]" wesentlich aggressiver und mit klaren Future-Pop-Verweisen.

Gerade dieser Remix könnte den größten Eindruck in den Clubs hinterlassen - und Noyce™
wieder verstärkt auf der Tanzfläche repräsentieren.

So schön und qualitativ hochwertig diese beiden Versionen auch sind, kommen sie unter dem Strich aber doch nie ganz an das Original heran, das dem wunderbar klanglichen Wechselspiel zwischen Strophen und Refrain verpflichtet ist.


Da sich aber über Geschmack bekanntlich nicht streiten lässt, gilt am Ende dann doch wieder die gute alte Formel: Reinhören und selbst entscheiden! In einem Punkt dürfte allerdings jetzt schon Konsens herrschen: Das kommende Album "Love Ends" wird wieder einmal allen Erwartungen gerecht werden.

||TEXT: DANIEL DRESSLER / ANTJE BISSINGER  | DATUM: 27.01.15 |  KONTAKT |  WEITER: ROTERSAND "TRUTH IS FANATIC AGAIN" >



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Websites
facebook.com/noycetm

Youtube (Video zur Single)

COVER © IN-D RECORDS/AL!VE.

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