DANIEL HADROVIC "TÖTE MICH NOCH EINMAL": DER SCHOCK DER KAPUTTEN BILDER - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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DANIEL HADROVIC "TÖTE MICH NOCH EINMAL": DER SCHOCK DER KAPUTTEN BILDER

Zelluloid

Vollmundig wird sie die "Traumfabrik" genannt: In Hollywood scheinen sich die tiefsten Sehnsüchte aber auch bedrückendsten Ängste vor unseren Augen zu materialisieren. Perfekt belichtete Bilder zeigen uns eine übersteigerte Realität, die man gerne annimmt, um aus der wirklichen Welt zu entfliehen. Ob es sich dabei um eine zuckersüße Romanze, eine überdrehte Komödie, einen smarten Action- oder schaurigen Splatterfilm handelt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Wer Filme sieht, will sich berieseln lassen und sucht Zerstreuung.

So lange es Hollywood gibt, so lange gibt es aber auch eine Gegenbewegung, die sich dieser Maschinerie widersetzt. Alternative und subkulturelle Filmemacher setzen auf gänzlich andere Sehgewohnheiten. Zu den prominentesten Beispielen zählt sicherlich Lars Von Trier mit seinem Manifest "Dogma 95", das den Film sozusagen bis auf die Knochen auszieht und alle visuellen wie requistatorischen Hilfsmittel verbittet.

Doch besonders im digitalen Zeitalter lässt es sich mit technischen Möglichkeiten wunderbar spielen, weil sie eine erweiterte Bildersprache kreieren. Man erinnere sich beispielsweise an den Videoclip zum Song "Sayit" von Röyksopp & Robyn, in der scheinbar technische Bildfehler sich dem Rhythmus und dem Klang des Techno-Tracks anpassen. Im Grunde identisch arbeitet Daniel Hadrovic in seinem 20-minütigen, intensiven Experimentalfilm "Töte mich noch einmal" mit zerfallenden, körnigen Aufnahmen, die vor allem durch die musikalische Mitarbeit von The Whole Quails eine weitere Tiefe erhält.

Die Geschichte indes ist schnell erzählt: Der Romanautor Michele (Serienmime Antonio Putigano) wird während einer Signierstunde vom vermeintlichen Fan Clemens (Thomas Goersch) um ein Autogramm gebeten. Dieser bezichtigt ihn des Mordes an seiner Frau Saphira und verlangt von Michele, ihn auch zu töten. Der alptruamhaft-surrealistische Plot bietet lediglich die Grundlage, um Clemens' Psyche, die immer mehr von Wahn und Realitätsverlust gekennzeichnet ist, in schockierende Bilder zu gießen. Der Schock liegt dabei nicht in der schauspielerischen Darstellung, sondern in den kaputten Bildern.

Je stärker die Psychosen des Mannes, desto abgehackter die Aufnahmen. Unterschiedliche Farbfilter, Loops, abgerissene Dialogfetzen....der Regisseur quält sein Publikum, weil er sich komplett dem gängigen Filmschema widersetzt und den Zuschauer zur Konzentration förmlich nötigt. Die "marode Bildästhetik", wie Hadrovic selbst sein Stilmittel in einem Interview beschrieb, wirkt wie eine verstörende Innenschau und verlässt Erzählstränge ziemlich bald, was "Töte mich noch einmal" zu einem Film für Surrealismus-Freunde macht. Louis Bunuel und Salvador Dalí wären sicherlich nicht abgeneigt gewesen.

Dabei ist der Film zweigeteilt. Die erste Hälfte zeigt die Konfrontation zwischen Clemens und Michele, die tatsächlich zum Mord am Protagonisten führt. In einem radikalen Schnitt blendet "Töte mich noch einmal" sodann Saphira ein, gespielt von Shirley Hermanick. Von psychedelischer Elektronik begleitet, handelt der Rest des Films eine Meditation über diese Frau, deren genaues Schicksal nicht näher erörtert wird, ab. Die entspannenden Sounds lassen aber den Rückschluss zu, dass Clemens wieder im Tod mit seiner Saphira vereint ist. Wenigstens wirken die pastelligen Bilder so, als folge er ihrem Geist in einer Anderswelt, die im Gegensatz zu den düsteren letzten Momenten seines Lebens im ersten Teil so etwas wie Erlösung und auch Erleichterung beinhaltet.

Hadrovic ist ein anspruchsvoller und begeisternder Film gelungen, der sich auf die Macht der Bilder in Verbindung mit der Kraft der Musik verlässt. "Töte mich noch einmal" experimentiert dabei mit den Mitteln filmtechnischer Unzulänglichkeiten und setzt auf die metaphorische Strahlkraft in der Imperfektion, was den Schockeffekt bei allem Surrealismus ziemlich wahrhaftig erscheinen lässt.

Den Film könnt ihr euch hier einverleiben


|| TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 08.07.2020 | KONTAKT | WEITER: IM PROFIL: LAUT FRAGEN>


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