DECENCE: "VIELLEICHT WERDEN WIR VOM 'GEHEIMTIPP' ZUM 'VOLLWERTTIPP'" - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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DECENCE: "VIELLEICHT WERDEN WIR VOM 'GEHEIMTIPP' ZUM 'VOLLWERTTIPP'"

Im Gespräch


Hallo Oliver. Das Decence-Album "Alive!" könnte man bald in "Survive!" umbenennen. Vor zwei Jahren veröffentlicht, wurde es jetzt noch ein zweites Mal auf den Markt gebracht. Was sind die Gründe dafür gewesen?

Oliver: Haha, da hast Du recht. Es gab beim ersten Anlauf technische Probleme bei den digitalen Anbietern, da der Upload der Dateien wohl fehlerhaft gelaufen ist. Shit happens…Und dann kam noch ein Labelwechsel, sodass jetzt nochmal neu gestartet wurde.

Ohnehin ist Decence als Band Zeit ihres Bestehens ein Geheimtipp in Sachen Future-Pop gewesen. Ein Umstand, der Dich frustriert?

Solange Decence ein "Geheimtipp" ist, bin ich schon mal ein Stück geehrt und froh. Erfolg misst sich auch meiner Meinung nach nicht immer an Verkaufszahlen. Die gehen bei den meisten Musikern in der heutigen Zeit sowieso in den Keller, unter anderem wegen des filesharings. Ich bin glücklich, wenn Leuten unsere Musik gefällt und sie sich damit auseinandersetzen. Wir bekommen viele schöne Rückmeldungen, aus denen man klar sehen kann, dass viele unsere Songs nicht einfach hören, sondern sich auch intensiv mit den Texten befassen – das ist alles andere als frustrierend.

Und eigentlich spricht alles für Euch: Die Lieder gehen ins Ohr, Deine Stimme macht das Projekt herausragend, die Produktionen sind sauber. Warum, glaubst Du, hat es aber noch nicht mit dem "Big Hit" geklappt?
Vielen Dank erst mal für das Kompliment! Ein paar kleinere Hits gab es ja bereits, z.B. mit "Genesis" oder "There Must Be More", mit denen wir gute Positionen in den Deutschen Alternative Charts oder German Electronic Web Charts (GEWC) über eine längere Zeit hatten. Das Album "Alive!" war auch in den GEWC. Ich denke, das große Problem ist aber, dass Bands in unserem Genre heute viel Geld in die Hand nehmen müssen, um ihre Werke populär zu machen. Es ist teuer, ein Projekt in großen Magazinen zu pushen oder in Touren bekannter Bands als Support einzukaufen. Diese Investitionen tätigen Independent-Labels nun mal nicht. Wir selbst als Band haben eher Geld in neues Equipment gesteckt. So bleibt es oft bei den kleinen und kostenneutralen Werbemaßnahmen. Damit erreicht man natürlich weit weniger Menschen. Nur: Man muss als Band sehen, ob man sich Erfolg wirklich "erkaufen" möchte.

Angefangen hat alles mit dem Album "First Step", auf dem auch "Genesis" zu hören war. Mit welchen Erwartungen bist Du damals angetreten – und welche Entscheidungen bereust Du im Nachhinein oder würdest Du so wieder machen?
Je ne regrette rien – ich bereue nichts. Erwartungen sind im Musik-Business wie eine selbsterfüllende Prophezeiung und werden meistens nur enttäuscht. Am besten hat man keine oder nicht allzu viele. Bei mir war es so, dass ich, ganz naiv, den Versuch gewagt habe, meine Musik zu veröffentlichen und zu schauen, ob sie gefällt und ankommt.

Nach dem dritten Album hast Du eine längere Pause eingelegt. Was geschah in dieser Zeit?

Ich habe mich meiner "zweiten Karriere" gewidmet und mein erstes und zweites Staatsexamen gemacht. Danach ging es ins Berufsleben als Anwalt – zugegebenermaßen eine Zeit, in der die musikalische Kreativität doch sehr leidet. Ich habe währenddessen zwar schon immer wieder mal produziert, auch für "Alive!"; Gigs oder Konzerte waren aber fast nicht möglich. Daher schien es für Außenstehende so, dass es um Decence still wurde. Im Studio fanden wir aber weiter statt.

Ist es nach einer so langen Zeit Funkstille nicht fast so, als müsstest Du wieder als "Newcomer" die Leute überzeugen?
Ich möchte niemanden überzeugen. Menschen, die mit Decence- Musik in Kontakt kommen, sollen überzeugt sein oder nicht, dies kann und will ich nicht beeinflussen. Ob Decence ewiger Newcomer oder Geheimtipp ist oder bleibt, ist Auslegungssache. "Newcomer" passt begrifflich eigentlich nicht. Dennoch gebe ich Dir Recht, dass Decence für viele Leute eine neue Erfahrung sein dürfte, wenn sie uns entdecken und sich dann fragen: "Seit wann gibt’s die denn?".

Gehen wir mal in medias res: In "Child(ish) Song" besingst Du die Gnade der kindlichen Unschuld. Klingt so, als ob Du schon Vater bist?
Ich denke, die Gnade der kindlichen Unschuld schlummert in uns allen. Es ist meiner Meinung nach gut, wenn man das "ewige Kind" in sich entdeckt, es zulässt und bewahrt. So erhält man eine gewisse Naivität und vor allem Lebensfreude. Wenn dies mehr Menschen berücksichtigen würden, wäre die Welt vielleicht besser, da sie "kindlicher" und weniger aggressiv wäre.
Der Song ist aber nicht nur an das "innere Kind" in uns gerichtet, sondern gerade auch an ein fiktives Kind selbst, das die Welt mit seinen Augen wahrscheinlich ganz anders sieht und sich dies bewahren sollte, während es heranwächst. Ich hoffe, dass ich dieses Lied einmal für meine eigenen Kinder singen könnte. Wer weiß...

Die Welt gerät aus den Angeln, wie Du es auch in "Care" anmerkst. Wie sehr berühren Dich die aktuellen Geschehnisse in der Welt?

Nicht alles ist so negativ, nicht alles so positiv, wie es scheint. Wenn einen etwas berührt, spürt man eine Alternative oder Lösung eigentlich schon in sich. Es bringt daher nichts, zu verzweifeln oder zu resignieren. Die Menschen sollten bei offensichtlichen Dingen mehr ihren Unmut äußern und vor allem nicht wegsehen, denn so kann nie Veränderung eintreten. Mit den Zeilen im Refrain von "Care" möchte ich genau dies ausdrücken:

"And we’re just staring in the air
But no one has the heart to dare
And we’re just staring in the air
Thinking all this isn’t fair
But it’s just our turn to care…"

Deine Alben durchzieht eine gewisse Grundmelancholie (forciert durch Deine Stimmfarbe). Bist Du ein grüblerischer, nachdenklicher Mensch?

Ich setze mich mit vielen Dingen auseinander, beobachte viel. Wichtig ist dabei, nicht immer zu bewerten, sondern die Auseinandersetzung. Dabei entstehen natürlich auch oft nachdenkliche oder kritische Texte. Aber nicht alle unsere Songs sind melancholisch, was bei meiner Stimmfarbe vielleicht manchmal nicht so deutlich wird.

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick: Wie wird es mit Decence weitergehen?

Vielleicht werden wir vom "Geheimtipp" zum "Vollwerttipp", das würde uns freuen. Ansonsten wird es demnächst sicher Konzerte und dann auch ganz sicher ein neues Album geben. Diesmal wird es aber keine drei Jahre dauern. Versprochen!
|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER| DATUM: 26.08.16 |  KONTAKT | WEITER: CRESTFALLEN VS. TEHO TEARDO >

Website
www.decence-music.de

FOTO © DECENCE

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