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LOGIC & OLIVIA "PINK": IM SOG DER ÜBERRASCHUNGSAKKORDE

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Nüchtern betrachtet ist Pink (oder Rosa) eine Zusammensetzung aus Weiß und Rot. Doch wie viele Gefühle werden durch ihr ausgedrückt? Im Sprachgebrauch ist diese Farbe mit jeder Menge positiver Eigenschaften belegt. Sich "rosig" fühlen, etwas durch eine "rosarote Brille" sehen, "rosige Zeiten" erwarten...mehr Optismismus geht eigentlich nicht.

Interessanter Titel also für das Album einer Band, die sich nicht unbedingt als Haufen unbekümmerter Musiker einen Namen gemacht haben. Zumal es Logic & Olivia in den vergangenen Jahren alles andere als einfach hatten: Nicht nur, dass sie lange Zeit auf der Suche nach einem neuen Label waren, nachdem die Zusammenarbeit mit Danse Macabre beendet wurde. Sie mussten im vergangenen Jahr auch auf ihrem langjährigen Mitstreiter Tino Weigel verzichten, der sich dazu entschied, nicht mehr weiter bei Logic & Olivia dabei zu sein.

Ungeachtet dessen zählen die Werke der nun zum Trio geschrumpften Gruppe zu den anspruchsvolleren der jüngsten Musikgeschichte. Ihr elektronischer Schwarz-Pop ragt turmhoch aus dem Meer seichter Grufti-Bespaßung heraus. Die deutsche Formation verfolgt nicht das Ziel, die Düster-Clubs mit ihren Sounds zu fluten (obgleich das sehr wünschenswert wäre), sondern sucht nach dem Unausgesprochenen, nach dem Einzigartigen in ihrer Musik. Wenigstens versprüht das discoid-glitzernde Cover mit den pink-silbernen Stilettos so etwas wie "Sarturday Night Fever".

Natürlich sind auf "Pink", das jetzt bei Infacted vertrieben wird, die einen oder anderen treibenden Nummern dabei. "Another Rainbow" und das Titelstück seien da zuförderst erwähnt. Allerdings sind dumpfe Tanzflächen-Stampfer mit überschaubarer Halbwertszeit ihre Sache nicht. Selbst die schmissigeren Stücke besitzen durch die sakral-epische Atmosphäre einen extrem klassischen Rahmen. Damit liegen sie in der Idee ganz nah bei solchen Heroen wie Ultravox, obgleich sie klanglich meilenweit voneinander entfernt sind.

Gerade das fiebrig-schwebende Stück "Pink" baut sich über völlig unerwartete Akkordsprünge auf
ein Stilmittel, das vom Trio gerne und vor allem überzeugend genutzt wird. Kaum glaubt man, das Lied akustisch im Griff zu haben, springt es einem wieder davon und schlägt überraschende Haken. Deswegen ist es eine Freude, ihren Stücken zu lauschen: Sie bleiben für den Hörer spannend und geben sich nur dem preis, der sich auch dazu bereit erklärt, gängige Songkonventionen über Bord zu werfen.

So findet man bereits beim Eröffnungsstück "To Be A Man" alles, was einen typischen L&O-Song ausmacht; es zeigt genau diese Leidenschaft für minutiös aufgebaute Arrangements. Aus den Tiefen der Maschinen steigt ein Grollen, das sich unter einem gemächlichen Rhythmus langsam zu einem prachtvollen Melodiebogen ausbreitet. Gepaart mit einer wohldosierten Prise Melancholie wandelt das Stück zwischen Hell und Dunkel und vereint das beste aus zwei Welten.

Was sie bereits bei ihren Vorgängeralben "Playground Of The Past" (2012) und "Don't Look Back" (2014) ansatzweise gezeigt haben, manifestiert sich in ihrem absoluten Meisterstück "It Seems To Be A Better Pain". Logic & Olivia sind virtuose Komponisten, die es schaffen, Melodien und Ideen für drei Songs in einem zu packen. Beginnt diese Nummer noch recht unspektakulär, bricht nach knapp zwei Minuten die aufgebaute Stimmung in sich zusammen, um für ein getragenes Streicherarrangements und arabesk-flirrende Synthieklänge (die vielleicht zu den schönsten gehören, die jemals gespielt wurden) Raum zu schaffen. Dieses Intermezzo gleitet schlussendlich wieder in das ursprüngliche Thema zurück
und entrückt den Hörer ein wenig aus seiner ihm angestammten Welt.

Noch einmal zur kompositorischen Höchstform sind sie beim abschließenden Zehnminüter "Where Our Home Is", das in zaghaften Soundscapes tatsächlich so etwas wie Geborgenheit vermittelt, ehe erhabene Streicher und eine kleine-feine Pianomelodie Ankes wunderbaren Gesang einleiten. Das mächtige Schlagwerk erdet den anfangs noch sehr ätherischen ersten TEil. Ein einsetzendes Gitarren-Solo setzt eine weitere Schicht drauf
um schlussendlich in den letzten knapp zwei Minuten mit stringentem Vierviertelbeat tanzbar und verträumt auszuklingen.

Das sind die Höhepunkte eines Werkes, dem das Wort "Leistungsbfall" ohnehin unbekannt ist. Hier wurde jedem Song die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt und kein Stück aus Hast oder mangels Alternativen einfach mal schnell zusammengeschustert. Logic & Olivia sind das, was man eine Album-Band nennen kann. Für sie steht das gesamte Konzept ihrer Platten im Vordergrund, dem sich die Stücke ein- und unterordnen. Bei "Pink" ist es die Suche nach den Glücksmomenten im Leben, das von äußeren Faktoren oftmals negativ beeinflusst wird. Diese beiden Pole arbeiten Logic & Olivia mit ihren mollschwangeren Melodien aus, die bei aller Traurigkeit aber auch stets Hoffnung auf Bsserung in sich tragen. Wie die Band selbst auf ihrer Internetseite erklärt, plädiert "Pink" für ein positives Grundgefühl und Menschlichkeit
in Zeiten akuten Fremdenhasses und übersteigert-diffuser Angst vor Entfremdung ein wichtiger Gedanke. Dass dieser dann nicht in lehrerhafte Liedermacher-Stücken, sondern hochästhetischen Synthie-Pop-Nummern verpackt wird, ist umso erfreulicher.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 17.10.16 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS: ELECTRI_CTY 2 VS. TRANSMISSION WAVE WEST >

Webseite:
www.logicandolivia.de

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