DAS BESTE KOMMT ZUM SCHLUSS: SONGS MIT FURIOSEM FINALE - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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DAS BESTE KOMMT ZUM SCHLUSS: SONGS MIT FURIOSEM FINALE

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Es lohnt sich immer, einen Song bis zum Schluss anzuhören. Denn manchmal erfahren diese Stücke auf ihre letzten Takte hin noch einmal eine unerwartete Wendung, sodass aus einem im besten Fall netten Song noch eine richtig große Nummer wird, die einem in Erinnerung bleibt.

PLATZ 5: BAUHAUS "SHE'S IN PARTIES" (1982)
Es war das Ende der britischen Prototyp-Grufti-Truppe um Sänger Peter Murphy. Mit "In The Flat Field" haben Bauhaus anno 1980 ein ikonisches Werk erschaffen, das unisono als das erste richtige Gothic-Rock-Album gehandelt wird. Nur drei Jahre später liegen die Bandmitglieder im Streit. Am Ende der Tournee zum Album "Burning From The Inside" im Hammersmith rief Bassist David J "Rest in peace" in die Menge, und Bauhaus war Geschichte. Davor jedoch schenkte er den schwarzgewandeten Paradiesvögeln eine der vielleicht intensivsten, weil nacktesten Bassmelodien, die es je gegeben hat und die sich am Ende von "She's In Parties", dem bereits sehr auf kommerziellen Erfolg ausgeloteten Chartstürmer, wiederfindet. Wie einst bei "Bela Lugosi's Dead", referiert diese Nummer ein weiteres Mal auf das Filmgenre. Laut Murphy geht es bei diesem Song um Marilyn Monroe, "special effects by loonatik and drinks" könnte auf ihre Tablettensucht abzielen. Insgesamt wird nur schlaglichtartig die Branche mit entprechenden Phrasen beleuchtet (die Refrainzeile "It's in the can" beispielsweise ist ein feststehender Ausdruck für einen abgedrehten Streifen). Bauhaus gelingt der Kniff, Monroes Image als dralles All-Time-Sex-Symbol auf eine existentialistische bis expressionistische Ebene zu hieven. Fast so, als wäre sie nicht die seichte Hollywood-Blondine, sondern eine Stammschauspielerin aus der Entourage von Fritz Lang (Monroe selbst hatte zeitlebens gehofft, sich von ihrem erotischen Image zu lösen, um als ernstzunehmende Darstellerin zu reüssieren). Die Bassakkorde am Ende von "She's in Parties" indes könnten auf die zu Anfang im Lied beschriebene "Graveyard Scene" deuten. Unter den Basslinien, kameradschaftlich von einem stoischen Beat begleitet, mischen sich dubbige Gitarrensprengsel sowie einige gruselige Schreie unter, die einem wirklich das Gefühl vermitteln, einem heißen Tanz auf kalten Gräbern beizuwohnen.

PLATZ 4: ULTRAVOX! "ARTIFICIAL LIFE" (1977)
Vor ihrem weltweiten Erfolgen mit Songs wie "Vienna", "Hymn" und "Dancing With Tears In My Eyes" tobte sich Ultravox als glamrockaffine Künstlertruppe (damals noch mit einem "!" im Namen in Anlehnung an die Krautrocker von Neu!) im Punk- und New-Wave-Umfeld aus. Dennis Leigh, besser bekannt als John Foxx, stand am Mikro und zeichnet für die teils hoch surrealistischen Bilder verantwortlich, die er in "Artificial Life" extrem verdichtet. Ein wenig fühlt man sich an "In Every Dream Home A Heartache" von Roxy Music erinnert. Doch wo Bryan Ferry und seine Mannen die psychedelische Spannung über die gesamte Nummer hin halten, steigert sich die anfängliche Orgelmelodie in einen teils dissonanten Lärm. Am Ende peitscht Warren Canns Schlagzeugspiel das verzerrte Geigenspiel von Billy Currie an. "Artificial Life" nimmt in gewisser Weise das vorweg, was später als Cyberpunk zum feststehenden Begriff werden sollte. Das finale furioso könnte die tönerne Untermalung eines juvenilen Anarchismus sein, ein an "Uhrwerk Orange" erinnerndes Toben einer brutalen Jugendgang durch die Straßen - bis zur kompletten Erschöpfung, wenn das Schlagzeug taumelt und die Fiedel nur noch krächzende Laute von sich gibt. Es ist die Schönheit der Zerstörung, die in "Artificial Life" immer wieder zum Vorschein kommt und deswegen auch mehr als 40 Jahre nach Veröffentlichung nichts von seinem Flair und seiner Spanung eingebüßt hat.

PLATZ 3: ALPHAVILLE "SOUNDS LIKE A MELODY" (1984)
Das Intro lässt schon erahnen, dass der Titel Programm ist. "Sounds Like A Melody" beginnt mit einer einfachen, aber wirkungsvollen Arpeggio-Synthie-Linie, die sich sofort im Gehirn festbeißt. Der Text, den Marian Gold darüber singt, ist eine kleine Love Story, in der ein Mann sich vorstellt, dass er und seine Holde Teil eines Filmes sind. Im Grunde nicht weiter von Belang. Doch in keiner anderen Alphaville-Nummer glänzt und glitzert es so stark und tatsächlich hollywoodreif wie hier. Und da Filme meistens für ihre opulent orchestrierten Filmscores bekannt sind, sollte auch "Sounds Like A Melody" verschwenderisch aufgemotzt abtreten. Wolfgang Loos heißt der Mann, der das Orchester-Ende arrangiert und dirigiert hat. Das Ensemble der Deutschen Oper Berlin nahm diese mitreißende Melodie auf, variiert sie immer wieder leicht und schraubt sie nach oben. Eine noch größere Sog-Wirkung findet sich fast konsequenterweise in der Extendend-Version dieses Songs, das um knapp drei Minuten länger als der Radio Mix ist. Während der gesangliche Part nahezu unverändert bleibt, darf das Streicherensemble in der ausgedehnten Variante ihr ganzes Können unter Beweis stellen. Derart ineinander verschränkt haben Klassik und Pop nie wieder zusammengefunden - wohl auch, weil Pop auch nie wieder so unbedarft und auf sich selbst referierend war, wie in den 1980ern.

PLATZ 2: MAPS "INSIGNIFICANT OTHERS" (2013)
James Chapman, der Mann hinter Maps, ist ein ausgefuchster Musiker. Seine Spezialität ist es, Songs recht unscheinbar beginnen zu lassen, um sie umso epischer zu beenden. Das Album "Vicissitude" ist voll davon, aber so herausragend wie "Insignificant Others" hat Chapman dieses Spiel der Gegensätze nie wieder ausgereizt. Ein mechanischer Beat wird langsam von einer Sequenz unterwandert. Chapman singt verträumt seine Strophen - einen Refrain gibt es nicht. Irgendwann verliert sich die Melodie in den künstlich angelegten Weiten, einzelne Noten flirren umher im luftleeren Raum. Wie ein klanggewordenes Sturmauge, in dem alles friedlich und ruhig scheint, verharrt "Insignificant Others" in sich. Doch dann taucht aus der Tiefe diese wunderbare, transzendierende Tonfolge auf, erhebt sich zu einer wahren Monstranz, während Chapman alles vorgetragene nivelliert. "It's so insignificant to me" wiederholt er unter dem Getöse seiner Musikmaschinen, die mit jedem weiteren Takt noch mehr an Substanz gewinnen, um schlussendlich für sich selbst da zu stehen. "insignificant Others" ist eine sakrale Messe, die aber nicht in der Kirche, sondern irgendwo im Orbit abgehalten wird. So weit tragen einen die Sequenzen.

PLATZ 1: M83 "WAIT" (2011)
Kaum ein Album konnte so viele Geschmäcker auf sich vereinen wie "Hurry Up, We're Dreaming" der franzöischen Indie-Elektroniker von M83. Selbst der bei Synthesizermusik sonst immer etwas verschnupft reagierende Rolling Stone schaffte eine vergleichsweise positive Besprechung. Es war M83s bereits sechstes Album - und ein Magnus Opus. Gleich zwei CDs konnten die Musiker mit wunderbaren Songs vollpacken. Das quirlige "Midnight City" erlangte 2011 die größte Aufmerksamkeit (auch weil es sich perfekt als Untermalung für Werbefilmchen jeglicher Art eignet). Doch den absoluten Meilenstein setzten sie mit "Wait". Wie so oft deuten die ersten Takte nicht im entferntesten darauf hin: Ein paar angeschlagene Gitarrensaiten, etwas Elektronikflimmern und ein knapper Text, dessen Interpretation vom Aufruf zum Glücklichsein bis hin zum Verlust eines geliebten Menschen alles bedeuten kann (letztere Auslegung erlangt durch den Einsatz von "Wait" im Film-Drama "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" größere Popularität). Mit jeder weiteren Zeile spürt man aber die unterschwellige Energie, die in diesem Song brodelt. Nach dem zweiten Refrain, bestehend aus den Worten "No Time", arbeiten sich Streicher, Schlagzeug und Bass durch die Melodien und heben sie immer weiter an, verdichten ihren Klang mit jeder Wiederholung, angetrieben von intensiven Drumfills, die den Energieschub für das nächste Level bereithalten. Nur auf zwei Akkorden basierend, schwillt "Wait" an, wie ein Roter Riese kurz vor seiner Explosion. Bis am Ende alles in sich zusammenfällt und nur noch ein leises Glimmen übrig bleibt, das die aufgewühlte Seele zu beruhigen versucht. Doch das Nachbeben dieses Stückes ist so groß wie kein anderes.

||TEXT: DANIEL DRESSLER |DATUM: 15.01.18 | KONTAKT |WEITER: KURZ ANGESPIELT 11/17>

COVER © Beggars Banquet/Beggars Group/Indigo (Bauhaus), Island/Universal (Ultravox!), WEA International/Warner (Alphaville), Mute/Rough Trade (Maps), Naive/Soulfood (M83)

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