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10/21: A SINISTER LIGHT, ULTRA SUNN, BEAR OF BOMBAY, TENTS - LOCKERUNGSÜBUNGEN

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Endlich mal wieder kollektiv abtanzen und danach etwas entspannen. Das geht vielleicht bald wieder. Mit den hier zu besprechenden Veröffentlichungen sehr stilvoll obendrein.

Auf ihrer ersten selbst betitelten EP nehmen A Sinister Light aus der Schweiz keine Gefangenen. Hinter dem Namen steckt geballte Darkwave-Manpower: Fabrice Noir und Blake sind zwei führende Personen der Schweizer Post-Punk-und Dark-Wave-Szene. Ihr Zusammenschluss während der Pandemie war sicherlich nicht der leichteste. "A Sinister Light" gibt aber Hoffnung auf die Zeit danach, in der das ausgelassene Feiern in den Diskotheken wieder möglich sein wird. Die vier Songs "Closing In", "All You Are", "Telephone" und "Blame Game" sind dementsprechend perfekt auf die Clubs zugeschnitten. Sicherlich trägt Blakes Arbeit als DJ dazu bei, dass die Songs besonders schnell zünden. Hier wurde keine Note zuviel verschwendet oder sich in endlosen Loops ergangen, sondern auf den Punkt komponiert. Das Ergebnis sind vier Songs, deren Impacts tatsächlich markerschütternd sind. Gerader Beat, frickelige Synthetik und ein leicht verzerrter Gesang laden die Stücke mit einer Unmenge an Energie auf, die sich beim Hörer in rhythmischen Zuckungen entlädt. Dabei gelingt dem Zweiergespann ein Brückenschlag von Althergebrachtem und Aktuellem. Deutlich ist bei dieser EP die Liebe zum EBM und Darkwave in deren Frühphasen zu hören; diese werden jedoch in ein modernes Klangbett gelegt, sodass sie sich nicht einer rührseligen Nostalgie hingeben. Dieses erste Lebenszeichen von A Sinister Light lässt aufhorchen. Eine weitere EP ist bereits für dieses Jahr angekündigt. Bis es soweit ist, müssen wir uns erst einmal mit diesen vier Schätzchen von "A Sinister Light" begnügen.

Wie sehr man doch in Rollendenken verhaftet ist, erfährt der Autor dieser Zeilen beim Betrachten des Bandfotos von Ultra Sunn. Ein Mann, Sam, und eine Frau, Gaelle, sind in vertrauter Pose zu sehen. Und das Hirn folgert: Er musiziert, sie singt. Doch das ist ein typische Fall von "denkste". Sam sorgt mit seinem durchdringenden Organ für in der Luft liegende Spannung. Gaelle hingegen baut ganz unprätentiös ihre Sounds auf. Dass die beiden nun gerade aus Brüssel stammen, macht die Sache noch ein bisschen interessanter. Denn ihre EP "Night Is Mine" könnte tatsächlich aus der Blütezeit des New Beat stammen. Schnörkellose Beats mit der Wucht, die der elektronischen Körpermusik eigen ist, dazu der betörende Gesang: Ultra Sunn haben verdammt viel richtig gemacht. Die drei Songs und der Remix des Titelstücks entfalten, ähnlich wie bei den vorher besprochenden A Sinister Light, direkte Durchschlagskraft. Ansonsten haben die beiden Bands auch noch die durchaus tragende Gemeinsamkeit, dass sie beim Cold Transmission Label beheimatet sind, die für interessante Dark-Wave-Künstler schon immer ein offenes Ohr haben. Der kleine Appetizer der 2019 gegründeten Ultra Sunn macht den Mund wässrig und die Beine zittrig. Man kann dem hypnotischen Sound gar nicht entkommen. Natürlich gilt auch hier erst einmal, kühlen Kopf zu bewahren und die kommenden Veröffentlichungen abzuwarten. Aber es wäre schon sehr verwunderlich, wenn dieses Gespann nicht weiter für Furore sorgen wird.

Die dritte Kleinveröffentlichung und gleichzeitig erstes Lebenszeichen in Form einer EP stammt von Bear Of Bombay aus Mailand. Hinter dem Projekt steckt ein gewisser Lorenzo Parisini, dem mit der fünf Track starken "Something Stranger" das Kunststück gelingt, Himmel und Erde musikalisch zu verbinden. Die Erdigkeit generieren Bear Of Bombay durch knarzige Synthesizerteppiche und einer markigen Rhythmussektion. Darüber jedoch wird es luftig-leicht: Parisinis flirrende Stimme, gerne auch mal wie bei "Lazy Day" in ordentlich Hall gepackt, und die fluffigen Akkorde strecken ihre Wurzeln bis in die psychedelisch Krautrock-Ära aus (besonders der Titelsong ist in seiner Charakteristik deutlich an die frühen Nummern von Kraftwerk angelehnt). Bear Of Bombay haben den Loop zum Stilprinzip erhoben und breiten über ein wiederkehrendes Synthesizer-Thema ihre Saiten- und Tastenspiele aus. "Psychodreamelectropop" nennt Parisini, der bereits zuvor schon einige musikalische Sporen verdient hat, seine Klangkunst. Kann man durchaus so bezeichnen. Letzten Endes aber ist selber hören und sich ein Bild machen das Gebot der Stunde. Denn "Something Stranger" funktioniert sicherlich nicht nur auf der Tanzfläche, sondern auch in den heimischen vier Wänden. Der eigenwillige Hybrid aus verschiedenen Stilen funktioniert, weil Parisini die beiden Antipoden - träumerische Melodien auf der einen Seite, handfestes Schlagwerk auf der anderen - in direkter Konkurrenz zueinander stellt und damit etwas Eigenes geschafffen hat. Über Bear Of Bombay wird auch in Zukunft zu sprechen sein.

Auch wenn das Album der Wiener Formation Tents "Limbo" heißt, ist man nicht geneigt, selbigen aufs Parkett zu legen. Jedoch gelüstet einem bereits nach dem ersten Stück "Floating Terror", die Sakkos mit den Schulterpolstern herauszuholen, eine stylische Sonnenbrille aufzusetzen und die Haare mit einer Tonne Spray zu festigen. Denn der Art-Pop von Clemens Posch und Paul Stöttinger setzt gleich mehrere Assoziationen zu anderen Bands frei. Allen voran Japan fällt einem unweigerlich ein. Der distinguierte Duktus von Clemens' Gesang, die leicht orientalisch angehauchten Synthesizerspielereien und anspruchsvolle Rhythmen: All das macht "Limbo" zu einem bewusst anachronistisch gehaltenen Album, das an jene Zeiten erinnert, als man mit komplexeren Sounds auch die breiten Massen ansprechen konnte. Heutzutage werden Tents wohl eher den Geschmack einer Minderheit treffen. Diese aber können sich freuen, dass der Sophismus in den Pop zurückgekehrt ist. Denn wo bekommt man noch solche wunderbare Stücke wie "Fiji Falls", das sich selbst genügt und nicht anbiedern will? Die Songs sind kurz und pointiert, wirken gleichzeitig distanziert und doch anheimelnd. Und wenn das Endstück "Jitter" mit der analogen Kühle eines John Foxx beginnt, um schlussendlich in einen üppigen Synthesizirkus zu münden, findet man den Glauben an gut gemachten, intelligenten Pop-Sound zurück, der einem über die Jahre dann doch abhanden gekommen ist. "Limbo" ist einfach großes Ohrenkino, das ruhig noch ein, zwei Songs länger hätte dauern können.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 11.06.21 | KONTAKT | WEITER: TOYAH "THE BLUE MEANING EXPANDED">

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Webseiten:
asinisterlightofficial.bandcamp.com
www.ultrasunn.com
bearofbombay.bandcamp.com
tentsvie.bandcamp.com

Covers © Cold Transmission (A Sinister Light, Ultra Sunn), Bear Of Bombay, Siluh Records (Tents)

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