UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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Vor fast 20 Jahren prägte Berlins damaliger Bürgermeister Klaus Wowereit eine pointierte Beschreibung der Hauptstadt: "Arm aber sexy". Doch auch hier tobt die Gentrifizierung mit unnachgiebiger Wut, sodass von dem Spruch nichts mehr übrig ist. Chris Imler, gebürtig aus dem beschaulichen Augsburg stammend, zog es irgendwann mal ebenfalls an die Spree. Mit seinem neuesten Album "Operation Schönheit" wiederbelebt er - wenigstens auf musikalischer Ebene - all das, was das arme sexy Berlin einst so amziehend und charismatisch gemacht hat.
Angesichts eines neuen, verheerenden Krieges auf europäischem Boden sind Musikkritiken vielleicht das Unwichtigste, was die Welt im Moment braucht. Auf der anderen Seite tut solch ein Stück Normalität in Zeiten absoluter politischer Verwirrungen auch ein bisschen gut. Und letzten Endes können die fünf besprochenen Projekte und Gruppen ja nichts dafür, dass die Welt gerade so bescheuert ist. Sie machen sie aber mit ihren kleinen und großen Veröffentlichungen ein Stück weit erträglicher.
Vielleicht ist es ein bisschen gewagt, sich so früh im Jahr darauf festzulegen, aber "Birth" kann wohl jetzt schon als das Album 2022 bezeichnet werden. Denn was Anita Goß alias Aniqo hier vorlegt, ist nichts weniger als ein extrem vielschichtiges wiewohl in sich kongruentes Werk, voller helldunkler Schönheiten. Irgendwo zwischen Massive Attack, Nick Cave & The Bad Seeds und Noblesse Oblige hat sich die Musikerin klanglich niedergelassen und blickt mit einer gewissen Traurigkeit auf unsere Gesellschaft.
Seit jeher gilt der Spruch: Lieber gut kopiert, als schlecht selbst gemacht. Für Stereoskop und Ava Vox gilt dies. Denn die beiden Projekte bringen sich mit ihren charismatischen Sängerinnen in die Nähe bekannter Chanteusen der 80er Jahre. Stereoskop schielt auf eine eher träumerische Mixtur aus Synth Wave und Dream-Pop mit stimmlichen Anlehnungen  an Marianne Faithfull. Dem steht der melancholische Impetus von Ava Vox gegenüber, der vor allem Fans von Siouxsie & The Banshees in den Bann ziehen dürfte.
Cold Transmission Music sucht nach dem Besonderen in der Post-Punk- und Dark-Wave-Szene. Das macht sie zu einem der einflussreichsten Label dieser Tage. Mit ihrer neu angelegten Sampler-Reihe "Zeitgeist Chrome" werden sie vor allem Schallplatten-Liebhaber besonders glücklich machen. Die zehn Songs von den bei Cold Transmission beheimateten Bands und Projekten erscheinen als limitierte Vinyl-Edition, teils in Schwarz, teils in transparentem Blau.
Nicht alles, aber doch vieles ist durch Kraftwerk in Bewegung gesetzt worden. Vor allem die rein elektronische Popmusik hat durch diese Band ihren Anfang genommen. Die Nachbeben dieses kulturellen Einschlags sind indes bis in die Gegenwart zu spüren. Als Wolfgang Flür Mitglied dieser Band war, agierte Robert Schroeder als Teil der ebenfalls elektronisch geprägten Berliner Schule. Beide haben tiefgründige neue Alben geschaffen, die in H/Ps "Programma", das sich auf die Synthpop-Wurzeln zurückbesinnt, einen nicht minder interessanten Gegenpart findet.
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erreichten uns mit schöner Regelmäßigkeit kleine und große musikalische Schätze aus dem Land der Billy-Regale. Da fällt es schwer, Favoriten zu benennen. Dennoch haben es dem Schreiber dieser Zeilen zwei Gruppen besonders angetan: The Search und Principe Valiente. Wohl, weil sie eigentlich viel zu wenig Notiz von ihnen genommen wird, als es ihnen zustünde. Ihre ziemlich zeitgleich erscheinende neuen Alben verorten Schweden einmal mehr als Mekka für gut produzierte Musik im Indiebereich.
Angefangen mit fluffig-unbeschwertem Indie-Rock und endend mit knackigen  Electro-Beats wandert die dritte Folge von "Kurz angespielt" wieder  einmal nicht nur zwischen den Genres, sondern auch den Emotionen. Wobei  sich in diesen fünf Werken eine Besonderheit herauskristallisiert: Trotz  einer hohen Dosis Eingängigkeit biedern sich Pia Fraus, Vonamor, The  Last Hour, The Birthday Massacre und J:Dead zu keiner Zeit plump an.  Ihre Werke streifen den Pop, bleiben dabei stets eigenwillig und  bisweilen sogar schrecklich schön.
Das  erste Album "Ships Will Come" hat den Leipziger Jonas Wehner aka Warm  Graves bereits einige kleine Lobeshymnen von Presseseite eingebracht.  Doch wirkt dieses, mittlerweile auch schon wieder über sieben Jahre  alte, Werk wie eine Prelude, wie eine lächelnd absolvierte Fingerübrung  im Vergleich zu dem jetzt veröffentlichten "Ease". Die sich dort  ausbreitenden Klanglandschaften sprengen so ziemlich alle bisherige  Genre-Rahmen. Psychedelisch, surrealistisch, melancholisch - ein Traum  von einem Album.
Die bis auf einige Ausnahmen reinen Instrumentals von Dominik Eulberg und Federico Albanese unterlegen das Frühjahr 2022 mit einem besonderen Soundtrack. Während "Avichrom" die prächtige Farbenwelt der Vögel zum Thema hat, dreht sich bei dem in Berlin lebenden Albanese alles um die Frage nach Erinnerung und wie sie sich im Laufe der Zeit verändert. Es ist das spannende Aufeinandertreffen zeitloser Electronica-Arabesken auf pianobasierte Kompositionen mit einem Hauch weltmännischem Pop.
Es  ist die Kraft der Weiblichkeit, die bei Bianca Stücker und Gabria  zweifellos zu hören ist. Beide schielen zudem mit ihren Alben "De  Alchemia" und "Gesungene Geschichten" auf  mittelalterlich-folkloristische Klänge, die sie aber in die Gegenwart  transportieren und ganz eigen interpretieren. Die eine mit jeder Menge  analogen und elektronischen Instrumenten, die andere in unaufgeregter  Singer/Songwriter-Manier. Am Ende ist in jeder Note die schöpferische  weibliche Kraft (die eben nur die Frau hervorbringen kann) deutlich  hörbar.
Als  Patrick Huntrods alias Pat Fish im vergangenen Oktober mit gerade mal  63 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb, gab es seitens der  Musikmagazine ein paar rührende Nachworte. Mehr aber auch nicht.  Eigentlich hätte man den Abgang dieses blitzgescheiten Musikers, der als  The Jazz Butcher typisch britischen Humor in herrlichem  Indie-Jangle-Pop goß, viel größer aufziehen müssen. Das hat Fish nun  selbst gemacht, in Form seines Albums "The Highest In The Land", das  unter anderem sein eigenes Ableben behandelt.
Sie  gelten als Englands vielleicht prominenteste Post-Punk-Revival Band.  Doch von diesem Image haben sich White Lies mit jedem Album mehr  entfernt. Der sechste Output "As I Try Not To Fall Apart" besitzt nur  noch textlich düstere Ansichten, während der Sound sich weiter in  Richtung anschmiegsamem Pop-Rock mit elektronischer Verzierung bewegt.  So frei wie auf diesem Album haben sie noch nie geklungen.

Da auch in der Redaktion irgendwann um den 15. Dezember herum die Tastatur ruht, fallen einige Veröffentlichungen aus diesem Zeitraum hinten über. Das heißt aber nicht, dass sie nicht gehört werden. Wie schon die ersten Kurzbesprechungen in diesem Jahr, finden sich in der zweiten "Kurz angespielt"-Ausgabe jene Musikerinnen und Musiker wieder, die bereits 2021 ihre Werke veröffentlicht haben, welche wir jedoch nicht mehr zeitnah rezensieren konnten. Dass wir aber dies noch nachholen würden, war so sicher wie das Amen in der Kirche.
Fast 30 Jahre lang konstant im Musikzirkus mitzumischen und dabei quasi keine Abnutzungserscheinungen zu zeigen, schaffen den wenigsten. Mesh aus dem englischen Bristol ist dieses Kunststück gelungen. Die Blu-Ray "Tourung Skyward - A Tour Movie" belegt einmal mehr, dass die Jungs um den stets bemützten Sänger und Gitarristen Mark Hockings immer noch jede Menge Bock auf Bühne und Publikum haben.
Mit  einigem zeitlichen Abstand werden wir die Kunstprodukte der frühen  2020er im Kontext der Pandemie interpretieren. Bei manchen Werken ist  der Bezug explizit, doch selbst "Sturm+Drang" von Carlo Onda und  Stridulums "Soothing Tales Of Escapism" können mit der Corona-Schablone  betrachtet werden, da sich in ihren Alben - und nicht zuletzt auch im  Albumtitel selbst - eine tiefe Sehnsucht nach Ausbruch und Neuanfang  manifestiert. Auch wenn gar nicht auf die Pandemie Bezug genommen wird.
Zwar ist Ecki Stieg weder "grau", noch eine "Eminenz", aber sein Urteil hat Gewicht. Als Radiomoderator der "Grenzwellen" spürte und spürt er immer noch zielsicher Trends in der Schwarzen Szene und elektronischen Musik auf. Bands wie Deine Lakaien und Wolfsheim erfreuten sich dank Stiegs Unterstützung großer Popularität, nicht nur bei den Gruftis. Nun wechselt er, wieder einmal, die Seiten und agiert als Musiker. Das hat er nämlich früher schon ein paar Mal gemacht. "Hinterland" ist allerdings sein erstes Solo-Album, bestehend aus drei Instrumentalen von philanthropischer Schönheit.
Seine Wiederbelebung der Radiosendung "Grenzwellen" war Inhalt des ersten Artikel von UNTER.TON. Von daher besteht zwischen Ecki Stieg und unserem Online-Magazin eine besondere Beziehung. Nun bitten wir den kultig verehrten und überaus sympathischen Radiomoderator und Musik erneut zum Gespräch über sein aktuelles (und erstes) Solo-Album "Hinterland". Wie zu erwarten, fiel dies äußerst informativ und unterhaltsam aus.
Das letzte Jahr der 1970er war und ist pophistorisch betrachtet ein unglaubliches. Denn nach dem Wegfall des Punk passierte doch einiges: Auf der verbrannten Erde, welche die rüpeligen Drei-Akkord-Horden hinterlassen haben, gediehen auf einmal eine Vielzahl von Stilen: New Romantic, New Wave, Post-Punk, Ska, Mod und noch vieles mehr. Sie bildeten die Ursuppe, aus der sich sowohl der kommende europäische Mainstream als auch die zukünftigen Independent-Szenen herauskristallisierten. Mit "Revolt Into Style" wird dem Jahr 1979 auf drei CDs gehuldigt.
IM GESPRÄCH - ROTERSAND: "ZWEIFEL GEHÖREN ZUM KREATIVEN PROZESS EBENSO WIE SELBSTBESOFFENE BEGEISTERUNG"
Mit jeder Menge Bonusmaterial ausgestattet, veröffentlichten Rotersand jüngst ihre ersten beiden Alben "Truth Is Fanatic" und "Welcome To Goodbye" erneut. Sie gelten mittlerweile als stilprägende Klassiker der elektronischen Musik im Düster-Sektor. Im Gespräch mit Musiker Jan Eric Wesenberg, genannt Krischan, zeigt sich dieser aber maximal bescheiden. Dass sich nach so vielen Jahren die Menschen für Rotersand interessieren, wundere ihn bis heute.
KURZ ANGESPIELT 1/22: BLINDZEILE, ZEITGENOSSEN, FRAU FLEISCHER, S Y Z Y G Y X, THE BRUTE:, INCA BABIES - NACHZÜGLER TEIL I
Das neue Jahr hat begonnen, aber das alte hängt uns noch nach. Auch musikalisch. Und das ist nicht das Schlechteste. Denn auf den letzten Metern hat es noch einige erwähnenswerte Veröffentlichungen gegeben, die UNTER.TON natürlich unmöglich unter den Tisch fallen lassen kann. Schließlich laufen einem derartige Klangwelten, die uns Blindzeile, Zeitgenossen, Frau Fleischer, S Y Z Y G Y X, The Brute und Inca Babies kredenzen, nicht all zu häufig über den Weg. Und wie die Überschrift es verrät: Da kommt noch mehr aus 2021.
IM GESPRÄCH - BERND-MICHAEL LAND: "JEDE KREATIVE BESCHÄFTIGUNG IST BESSER, ALS STUNDENLANG ZU GAMEN ODER PASSIV VORDER GLOTZE ZU HOCKEN"
Er ist ein Elektroniker alter Schule, in seinem Studio türmen sich die Synthesizer zu Hauf. Denn es geht nichts über den warmen Klang analoger Musikmaschinen. Bernd-Michael Land hat die Aufbruchszeit der elektronischen Musik hautnah miterlebt und sie teilweise mitgestaltet. Seit fast 50 Jahren treibt den gelernten Bauschlosser und Schweißfachmann die Suche nach immer neuen Klängen an. Im Interview lässt er uns an seinem Wissen und seinen Gedanken zur Musik teilhaben.HACKEDEPICCIOTTO "THE SILVER THRESHOLD" VS. CHRIS LIEBING "ANOTHER DAY" VS. ROBERT GÖRL & DAF "NUR NOCH EINER": ZUSAMMENKUNFT DER TITANEN
Man darf davon ausgehen, dass Hackedepicciotto, Chris Liebing und Robert Görl & DAF feinste Studiotechnik für die Realisierung ihrer neuesten Werke zur Verfügung stand. Dennoch leben ihre aktuellen Alben von einem ausgeprägten Archaismus, den man nur so hinbekommt, wenn man den Anfangstagen elektronischer Tanzmusik beigewohnt hat. Oder anders ausgedrückt: Hier trifft moderne Produktion auf wilde Punk-Geister. Das Ergebnis ist ansprechend und ergreifend.
SEI STILL "EL REFUGIO" VS. THE BLACK VEILS "CARNAGE" VS. LA MÉCANIQUE "L'OUBLI DES ORIGINES": KALTE WELLEN AUS ALLER WELT
Es muss nicht immer England sein: Cold Wave und Post Punk von herausragender Qualität gibt es überall zu finden. Sei Still kommen aus Mexiko, die Mitglieder von The Black Veils sind Italiener und das Projekt La Mécanique hat seinen Lebensmittelpunkt im kanadischen Québec. Ihre aktuellen Werke sind tiefe Verbeugungen vor den Altheroen dieses Genres, ohne aber den Blick auf die Gegenwart zu verlieren.
DEINE LAKAIEN "DUAL +" VS. ASP "ENDLICH!": GELIEBT-GEHASSTE PERFEKTIONISTEN
Wenn irgendwo in Deutschland ein Gothic-Festival stattfindet, werden Deine Lakaien und ASP mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nur zugegen, sondern auf den Plakaten ganz oben und in größter Schrift aufgelistet sein. Schließlich gehören sie zu den Aushängeschildern der Schwarzkittelkultur - auch wenn viele Szenegänger seit jeher ein Problem damit haben, dass ihre Musik über die Gruftigrenzen hinaus bekannt ist. Diese werden traditionsgemäß wieder gegen die aktuellen Alben "Dual +" und "Endlich" ätzen, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass wir es hier wieder mit hochkarätigen Alben zu tun haben.
VARIOUS ARTISTS "SNOWFLAKES XI": DIE MAGIE DER LEISEN TÖNE
Es ist ein Phänomen, das besonders Stadtmenschen kennen: Nach ergiebigem Schneefall schluckt die weiße Decke den urbanen Lärm, sodass selbst Millionenmetropolen etwas von ihrer unbarmherzigen Hektik verlieren. Vielleicht hat Axel Meßinger deswegen seine von ihm kuratierte Samplerreihe mit akustischen Neoklassik- und Dark-Folk-Stücken "Sonwflakes" getauft: Der neunte Querschnitt durch die aktuellen Strömungen in diesen Genres zelebriert die Ruhe und Kontemplation, die sich auch auf den Hörer überträgt.
IM GESPRÄCH - THE JOKE JAY: "WAS WIR KEINESFALLS TUN WERDEN, IST, UNS SELBST IN EINE SCHUBLADE ZU QUETSCHEN"
Mit Sicherheit dürfte "Awaken" von The Joke Jay das epischste Album dieses Herbsts sein. Joke Jay, Olaf Wollschläger und Hilton Theissen lassen in diesem Doppelalbum ihr Faible für die groß angelegten Alben der 1970er Jahre aufblitzen. Deswegen blieb es auch nicht aus, dass UNTER.TON mit den drei Männern nicht nur über das Album diskutierten, sondern auch über die Gleichförmigkeit der aktuellen Popmusik.
MIN T "SHOT TO PIECES": SOULECTRO MIT NACHHALTIGKEIT
Wer heutzutage immer noch glaubt, es gibt keine Innovationen in der Popmusik mehr, sollte sich die polnische Künstlerin Martyna Kubicz alias MIN_t zu Gemüte führen. Auf ihrem zweiten Album "Shot To Pieces" stellt sie Neo-Soul und anspruchsvolle Elektronik gegenüber und erzeugt so ein kunstvolles Spannungsfeld, das die Definition von weiblicher Popmusik um viele neue Aspekte erweitert. Vor allem aber schafft sie es, einen "uniquen" Sound zu kreieren, der sie zu einer reizvollen Musikerin avancieren lässt.
KURZ ANGESPIELT 18/21: PARTIKUL, ERRORR, JELKA, SJÖBLOM, PALAIS IDEAL, MICHAEL MATTERS - WUNDERBARES VOR DER WEIHNACHTSZEIT
Mit der letzten "Kurz angespielt"-Ausgabe in diesem Jahr (stolze 18 Folgen sind es tatsächlich geworden) fangen wir ein weiteres Mal die interessanten Außenseiter ein, die (noch) nicht jeder kennt, in deren neueste Werke aber reingehört werden sollte. Denn hier findet sich richtig guter Stoff für eine durchtanzte Vorweihnachtszeit.
RELATE "LEVEL UP": SCHUSSFAHRT IN DIE EMOTION
Wenn auf eine Band der Spruch "klotzen, nicht kleckern" zutrifft, dann ist es Relate. Die Gruppe aus dem Ruhrpott lassen auf ihrem neuesten Werk "Level Up" Synthesizer und Rockgitarren mit Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallen und erzeugen eine musikalische Supernova: gleißend, blendend und von einer sich selbst verzehrenden Schönheit. Nehmen Sie den Albumtitel wörtlich, liebe Leserschaft! Das ist "next level shit"!
NATION OF LANGUAGE "A WAY FORWARD" VS. TRAIN TO SPAIN "KÄRLEK?" VS. FRANCESCA E LUIGI "DIRTY DISCO EP 1": NOVEMBERBLUES? NEIN, DANKE!
Natürlich sind wir bei UNTER.TON ausgemachte Melancholiker, die den Herbst lieben und ihn gerne musikalisch adäquat untermalen. All jenen, den diese Stimmung dann doch zu sehr aufs Gemüt schlägt, seien die drei wunderbaren Werke von Nation Of Language, Train To Spain und Francesca E Luigi ans Herz gelegt. Ihre Antidepressiva nennen sich Proto-Synth-Pop und Italo-Disco, die sie ohne Nebenwirkungen verabreichen und selbst dem trübsten Tag einen Regenbogen schenken.
NEU SIERRA "SULPHUR AND MOLASSES" VS. MARISSA NADLER "THE PATH OF THE CLOUDS": WEIBLICHE INTONATION
Sie erzählen Geschichten. Die eine von überwältigend weltschmerzlichen Gefühlen, die andere von konkreten Ereignissen aus der Vergangenheit. Und zwar so, wie es nur Frauen erzählen können. Neu Sierra und Marissa Nadler sind auf ihrem aktuellen Werken "Sulphur And Molasses" und "The Path Of The Clouds" einem dezidiert weiblichen Blickwinkel auf der Spur. Darüber hinaus haben sie melancholische Brillianten geschaffen, die perfekt die aktuelle Herbststimmung untermalen.
ISOLATION BERLIN "GEHEIMNIS" VS. ELSA "WELT IM PROFIL": HALLO, LIEBE LEIDENDEN!
Zwar laufen sie ein bisschen Gefahr, sich in ihrer Weltschmerz-Pose zu verlieren, aber die Jungs von Isolation Berlin und Elsa sind so wunderbar selbstmitleidig und scheinen mit Hingabe an der Welt zu verzweifeln, dass man ihnen einfach zuhören muss. Darüber hinaus bringen ihre aktuellen Veröffentlichungen "Geheimnis" und "Welt im Profil" das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die zwischen Angst und Hedonismus ihren Platz in einer aus den Fugen geratenen Welt sucht, perfekt auf den Punkt.
THE JOKE JAY "AWAKEN": KEINE KOMPROMISSE
Der Klang dieser drei Namen löst bei den Connaisseuren ein Zungeschnalzen aus. Joke Jay, Olaf Wollschläger und Hilton Theissen haben gemeinsame Sache gemacht und als The Joke Jay gleich ein Statement gesetzt: Ihr erstes Album "Awaken" kommt als Doppel-CD daher und ist nicht weniger als der absolut verschwenderische Umgang mit üppigen Melodien und Arrangements - Synth-Pop von einer barocken Schönheit, wie sie dieses Jahr noch nicht zu hören gewesen ist.
STEINE "WAS IST GUT?" VS. DOC SCHOKO "SKULPTUREN FÜR DIE FLASCHENPOST": DER (UN)SINN DES LEBENS
Reden wir von der Neuen Deutschen Welle. Als von der echten, authentischen NDW. Die entstanden ist in den Wirren der späten 1970ern. Da war mancher Herbst in der BRD ganz schön heiß, und "Anarchy" gab es nicht nur "in the U.K.", sondern auch an Elbe, Spree, Rhein und Isar. Ob Steine und Doc Schoko sich daran erinnert haben, wie viel herrlichen Nonsense in dieser Zeit produziert worden ist? Jedenfalls klingen ihre Alben "Was ist gut?" und "Skulpturen für die Flaschenpost" gerade so, als seien sie verlorene Juwelen dieser Dekade, die auf ihre Wiederentdeckung warten.
VARIOUS ARTISTS "MUSIK, MUSIC, MUSIQUE 2.0" VS. VARIOUS ARTISTS "THE SUN SHINES HERE": EXPEDITIONEN KNAPP UNTER DER OBERFLÄCHE
Selten waren die Grenzen zwischen subkulturellem Underground und glattgebügeltem Mainstream verschwommener als zu Beginn der 80er Jahre. Der zweite Teil von "Musik, Music, Musique", der sich speziell mit dem Synth-Pop aus dem Jahre 1981 auseinandersetzt, und "The Sun Shines Here", eine Kollekton früher Inide-Pop-Perlen aus der ersten Hälfte der1980er, halten diese Entwicklung mit einer superben Auswahl aus mal mehr mal weniger bekannten Stücken und einigen wahren Kuriositäten fest.
KURZ ANGESPIELT 17/21: AUDIOBOOKS, CREUX LIES, KRISTIAN NORD, THE HALO TREES, 10 000 RUSSOS - GEMISCHTE PLATTE
Im Herbst findet sich alles wieder: ein bisschen Altweibersommer, triste Regenstimmung, gemütliche Vorwinterszeit. Genauso bunt wie das Herbstlaub, das die Straßen und Gehwege bedeckt, sind auch die kurz angerissenen Alben, die von überdrehter Elektronik bis hin zu wehmütigem Schwarzrock reichen und den besten Beweis abliefern, dass auch am Ende eines Jahres viele großartige Werke veröffentlicht werden.
THE BLUE BUTTER POT "JEWELS & GLORY" VS. ¡PENDEJO! "TOMA" VS. ADRIAN SUTHERLAND "WHEN THE MAGIC HITS": AUF DER ANDEREN SAITE
Die vertrauten klanglichen Gefilde zu verlassen und sich anderen Genres zu widmen, machen wir nicht nur, um sie, liebe Leser, über den Genretellerrand blicken zu lassen, sondern aus reinem Selbstschutz, nicht "betriebsblind" zu werden. Der Garagen-Blues der Blue Butter Pot, der ungewöhnliche Mariachi-Metal von ¡Pendejo! und der jubilierende Singer/Songwriter-Sound von Adrian Sutherland sind dafür goldrichtig, mal die Ohren freizublasen.
KURZ ANGESPIELT 16/21: PROMETHEA, M00M, 70 DB, "DURCHSTRÖMUNGEN 1 - GLASWOLKEN": SCHWEBEZUSTÄNDE
Der Herbst ist da. Welch Wohltat! Wenigstens für all jene, die der prallen Sonne wenig abgewinnen können. Die dritte Jahreszeit taucht das Land in eine eigenartige Stimmung. Der Pulsschlag verlangsamt sich, man sucht wieder die warmen vier Wände auf, um dem teils ungemütliichen Wetter ein Schnippchen zu schlagen. Musikalisch liegen die besprochenen folgenden Alben voll im Herbst-Trend. Ein bisschen Downbeat passt nämlich ganz gut, wenn es draußen usselig wird.
VITALIC "DISSIDÆNCE - EPISODE 1": RAVE NEW WORLD
Wenn Pascal Arbez-Nicolas alias Vitalic sich anschickt, einen Track zu produzieren, fangen die Synthesizer und Musikprogramme schon zu schwitzen an, noch bevor der erste Ton gesetzt wurde. Mit "Dissidænce -Episode 1" taucht der Franzose in seine musikalischen Lehrjahre ab und erinnert uns mit seinen treibenden Songs zwischen Electro-Punk, EBM, Rave und Trance, wie revolutionär elektronische Tanzmusik einmal gewesen ist - und sie wieder sein könnte.
ASSEMBLAGE 23 "FAILURE" VS. THEE HYPHEN "RE:SOUND" VS. THE ULTIMATE DREAMERS "LIVE HAPPILY WHILE WAITING FOR DEATH": DENKWÜRDIGES VOM DACHBODEN
Altes Zeug wieder an die Oberfläche zu bringen, hat durchaus seinen Reiz - nicht nur für Fans, sondern auch für die Musikerinnen und Musiker selbst, die an die Aufnahmen ihrer alten Werke prägende Momente verknüpfen. Dem Hörer bieten die besprochenen Neuauflagen die Möglichkeit, Alben wieder oder sogar neu zu entdecken. Denn sie sind letzten Endes auch ein Spiegel ihrer Ära - vom Future Pop der frühen 00er Jahre, über perkussiven Synth Pop der mittleren 1990er bis hin zum deprimierenden Post-Punk aus den 80ern.
IM GESPRÄCH - TOM SHEAR (ASSEMBLAGE 23): "ICH WAR ÜBERZEUGT, DIE LEUTE WÜRDEN "FAILURE" HASSEN. GLÜCKLICHERWEISE LAG ICH DA FALSCH."
Future Pop war der heiße Scheiß während der Jahrtausendwende, vornehmlich von skandinavischen Bands vorgetragen. Doch dann kommt auf einmal Assemblage 23 wie aus dem Nichts mit seinem zweiten Album "Failure" herausgeschossen und traf in die Herzen der schwarzen Clubgänger. Nach 20 Jahren hat der Musiker seinen persönlichen Meilenstein noch mal neu aufgelegt. Das haben wir zum Anlass genommen, mit Tom auf jenes Album zurückzublicken, das seine Karriere maßgeblich beeinflusste.
EX LIBRIS: "POTZBLITZ - 31+1 ERLEUCHTENDE LIEBESERKLÄRUNGEN AN MEINEN LIVE-CLUB" - HIER IST MEIN CLUB, HIER DARF ICH SEIN
Zunächst haben sie "erleuchtende Liebeserklärungen an die Popmusik" gesammelt. Das war 2018. Danach wuchs bei den Herausgebern Sebastian Schwaigert und Marc Huttenlocher der Wunsch, Autorinnen und Autoren zu bitten, das Faszinosum Live-Club aus ihrer Sicht zu erklären. Welch Ironie, dass gerade in dieser Zeit besagte Locations pandemiebedingt für lange Zeit ihre Pforten schließen mussten. So schwingt - vielleicht auch ganz ungewollt - im zweiten Teil der "Potzblitz"-Reihe die Nostalgie und Wehmut bei den Autoren scheinbar noch ein bisschen deutlicher mit.
YANN TIERSEN "KERBER" VS. YAN WAGNER "COULEUR CHAOS": ROMANTIK UND NIHILISMUS TRENNT NUR DAS "N"
Der eine, Yann, zählt zu den bedeutendsten Komponisten zeitgenössischer Klassik. Der andere, Yan, vertont mit seinen käsigen Disco-Nummern die Tristesse heruntergekommener Tanztempel, deren glorreiche Zeit schon ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Außer den ähnlich klingenden Vornamen scheinen Yann Tiersen und Yan Wagner nicht viel zu verbinden. Und doch eint sie die Liebe zur Melancholie.
KURZ ANGESPIELT 15/21: BĘÃTFÓØT, BUCK GOOTER, FAUST PROJECT, ADNA, CHRISTIAN FIESEL - VON ABGEFAHREN BIS RUNTERGEFAHREN
Es könnte der Soundtrack für einen Samstagabend sein: Angefangen mit hibbelig-durchgeknallten Rave von Batfoot und verstörend-intensiven Industrial von Buck Gooter, zelebriert der Post-Punk von Faust und Adnas Dark-Pop den Weltschmerz, ehe die flächige Elektronik die After-Hour einläutet. Selbstverständlich können die exquisiten Tonträger auch an jedem beliebigen anderen Tag gehört werden.
PINK TURNS BLUE "TAINTED" VS. VLIMMER "NEBENKÖRPER": DES DEUTSCHEN LIEBSTER WELTSCHMERZ
Obgleich die Gothic-Szene ihre Wurzeln in England hat, sind im Laufe der Jahre vor allem in Deutschland prachtvolle Blüten entstanden - nicht zuletzt dank der weltweit bekannten Festivals wie dem Wave-Gothik-Treffen. Die Riege international erfolgreicher Bands ist dabei lang. Pink Turns Blue und Vlimmer gehören sicherlich dazu, wobei erstgenannte bereits einen Kultstatus erspielt haben, den Vlimmer erst im Begriff sind, aufzubauen. Ihre neuen Alben jedenfalls erfreuen das schwarze Herz, nicht nur hierzulande.
MASSIV IN MENSCH "TÜRKIS UND SCHWARZ" VS. PRINCIPE VALIENTE "DEBUT ALBUM - 10 YEARS": JEDER FEIERT AUF SEINE WEISE: DER EINE LAUT, DER ANDERE LEISE
Jubiläen sind natürlich immer Grund zum Feiern. Die Wahl des Exzesses bleibt dabei jedem selbst überlassen. Massiv In Mensch haben sich anlässlich ihres 25-jährigen Bandjubiläums nicht nur eine limitierte Best-Of gegönnt, sondern mit "Türkis und Schwarz" gleich noch ein neues Album am Start. Da fällt Principe Valientes Ballnacht deutlich bescheidener aus: Anlässlich des zehnten Geburtstages ihres Debut-Albums setzten sie sich noch mal an das Songmaterial ran und interpretierten einige essentielle Songs daraus neu. Beides verdient Beachtung und Anerkennung.
KURZ ANGESPIELT 14/21: HARRY STAFFORD AND MARCO BUTCHER, THE COLD FIELD, KAIZER, DRANGSAL, US AND I: QUERFELDEINLAUF
Ein weiteres Mal wollen wir es wissen und haben uns mal wieder die unterschiedlichsten Genres zur Brust genommen: Ein bisschen abgefuckten Garagen-Blues, etwas schummrigen Post-Punk, epochaler Deutsch-Goth-Rock, intelligenter Anti-Deutsch-Schlager und Electro-Pop "made in India". Eine wilde Mischung, finden sie, liebe Leserschaft? Kann schon sein. Aber wir können nicht anders. Ist eben geil, was Harry Stafford und Marco Butcher, The Cold Field, Kaizer, Drangsal und Us And I da abgeliefert haben.
IM PROFIL: CORDUROY INSTITUTE - DIE MAGIE DES ZUFALLS
Nicht umsonst haben sie sich einen akademisch klingenden Namen ausgesucht. S.A.Morin und W.Ruiz aus San Diego kreieren als Corduroy Institute Musik auf der Schnittstelle zwischen Experiment und Improvisation. Was am Anfang abstrakt anmutet, endet aber in dem wunderbaren dritten Album "Eight/Chance/Meetings", das die Neugier auf diese bislang im Verborgenen gebliebenen Meister des Experimental-Pop weckt.
KURZ ANGESPIELT 13/21: KOIKOI, MURENA MURENA, X-O-PLANET, HALO'S EVE, WHISPERING SONS - UND SONST SO?
Wieder einmal steht die Redaktion vor der Mammutaufgabe, die vielen Veröffentlichungen, die sich in den Frühsommerwochen traditionell häufen, zu sichten. Alle Einsendungen können nicht besprochen werden, bei manchen ärgert man sich vielleicht ein paar Wochen später, dass man ihnen nur eine Kurzbesprechung eingeräumt hat. Aber irgendwie müssen Koikoi, Murena Murena, X-O-Planet, Halo's Eve und Whispering Sons nun mal rezensiert werden. Einfach, weil ihre aktuelle Scheiben mehr als gelungen sind.
VAZUM "V+" VS. KILL SHELTER & ANTIPOLE "A HAUNTED PLACE" VS. DAUGHTER OF DAWN "CRUSHED INTO DUST BY THE WEIGHT OF THE WORLD": TIEFER INS VERDERBEN
Auch wenn sich Gothic laut Kritiker selbst überlebt hat und Spötter die Anhänger als karnevalesken Haufen einstufen, so ist die Musik dieser Szene weiterhin für Überraschungen gut. Die amerikanischen Vazum, der Zusammenschluss Kill Shelter & Antipole sowie die androgyne Daughter Of Dawn bauen die unendliche Geschichte des Düsterrocks um drei weitere spannende Kapitel aus.
ALLTAG "LEBEN AM TRESEN" VS. 21 DOWNBEAT "DUSCHE EP": GEGEN HOCHKULTUR UND VORURTEILE
Ungefiltert und ungestüm: Alltag und 21 Downbeat pusten mit ihrem Rave-Punk und EBM den Staub aus den Lautsprecherboxen der Stereoanlage zu Hause oder im Club. Während Erstgenannte sich aber vor allem durch ihre linksromantischen Texte auszeichnen, steht bei 21 Downbeat die ganze Truppe, die aus Menschen mit Behinderungen besteht, im Blickpunkt. Beiden jedenfalls gelingen wundervoll anarchische Songs, die Gralshütern der Hochkultur und Vorurteilsfetischisten lustvoll den Stinkefinger entgegenrecken.
KURZ ANGESPIELT 12/21: DEATH LOVES VERONICA, HALLOWS, DEAD LIGHTS, NEW HAUNTS, TRAITRS: TANZ AM SEELENABGRUND
Der gemeine Melancholiker braucht nicht unbedingt die tristen Herbst- oder ungemütlichen Wintertage, um seinen Weltschmerz auszuleben. Das geht auch prima unter der heißen Sommersonne, vor allem wenn die neuen Veröffentlichungen von Death Loves Veronica, Hallows, Dead Lights, New Haunts und den Traitrs die Eiseskälte durch die Lautsprecherboxen jagt.
TANYC "TANYC": AUFREGEND UNAUFGEREGT
Keine effektvollen Instrumentierugen, keine überproduzierten Songs - das hat Carmen Tannich alias Tanyc gar nicht nötig. Die Österreicherin, die bereits als Teil des Singer/Songwriter-Duos CAMA ihre musikalischen Duftmarken gesetzt hat, erfindet mit ihrem selbstbeitelten Solo-Debüt nicht nur sich, sondern auch das Verständnis von erwachsener Popmusik neu.
NUOVO TESTAMENTO "NEW EARTH" VS. FLDLPN "ESCALATOR": KEINE EXPERIMENTE!
Ist es mangelnde Inspiration oder doch einfach nur Chuzpe? Egal: Nuovo Testamento und FLDPLN sind Kopisten durch und durch. Erstere wildern durch Italo-Disco-Gefilde und haben ein Werk geschaffen, dass auch vor 40 Jahren hätte stattfinden können. Letztere geben sich ätherischem Dream-Pop ohne etwaige Innovationsanstrengungen hin. Das macht aber nichts, denn beide haben zeitlose Hit-Alben geschaffen.
KURZ ANGESPIELT 11/21: DTORN, KONVOI, DISTANCE DEALER, SYLVAN, HISDOGBINGO - DER SONNE ENTGEGEN
Mit der aktuellen Ausgabe der Kurzbesprechungen bewegen wir uns aus dem expressiven Düsterklang von Dtorn hin zu einem tiefenentspannten, sonnendurchfluteten Sophisten-Pop von Hisdogbingo. Die Bands dazwischen bereiten den Übergang vor. Ihre Wahl der musikalischen Waffen: krachiger Endzeit-Post-Punk (Konvoi), kristalliner Electro-Wave (Distance Dealer) und epochaler Progressive Rock (Sylvan).
LAUT FRAGEN "MEINE SCHREIE" VS. SPITZWEGERICH "LARVENZEIT": AUSTROIRDISCH GUT
Es nützt ja nix: Wir müssen wieder einmal den Österreichern größten Respekt und uneingeschränkte Bewunderung zollen. Aber nicht, weil sie sich so tapfer gegen Italien im Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft geschlagen (und doch verloren) haben, sondern weil ihre vife Subkultur regelmäßig Musikveröffentlichungen parat hält, deren Standards unglaublich hoch sind. Laut Fragen haben sich Texte von der berühmten Ingeborg Bachmann zur Brust genommen, Spitzwegerich verfolgen als Theaterkollektiv sogar einen gesamtkünstlerischen Ansatz.
VERNEBLUNG "READY TO DROWN" VS. EDNA FRAU "MY EGO IS BIGGER THAN YOURS": DER ERSTE SCHUSS EIN TREFFER
Verneblung und Edna Frau eint zwei Sachverhalte: Sie veröffentlichen mit "Ready To Drown" und "My Ego Is Bigger Than Yours" nicht nur ihre Debutalben, sondern besitzen auch bereits eine ganz markante musikalische DNA, einen "unique selling point", wie Businness-Menschen es bezeichnen würden. Diese liegen in der Kunst, althergebrachtes Dark-Wave- und Post-Punk-Material durch winzige Veränderungen an einigen Stellschrauben neu und frisch klingen zu lassen.
SUSANNE BLECH "DIE INNERE SICHERHEIT" VS. LEOPARD "BLAULICHT" VS. BUNTSPECHT "SPRING BEVOR DU FÄLLST": DER SOMMER WIRD GUT!
Plastikpalmen-Synthie-Pop, Abfuck-Punk und ein lustiger Haufen Österreicher, die mit ihrem Bossa-Nova-Klezmer-Gypsy-Gemisch und dadaistischen Texten das Hirn des Hörers auf Links drehen: Für die warmen Monate ist musikalisch aus unseren Breitengraden wieder einmal bestens gesorgt. Susanne Blech sorgt für Entspannung am Pool, Leopard machen die Nächte wild und Buntspecht chillt gemeinsam in der verrauchten Studi-Kneipe.
MONOLINK "UNDER DARKENING SKIES" VS. ALESSANDRO CORTINI "SCURO CHIARO": ELEKTRONISCHE SCHÖNHEITEN MIT UND OHNE WORTE
Dass Musik aus dem Synthesizer per se als eher kühl und emotions angesehen wird, ist eine überholte Meinung, die durch Monolinks "Under Darkening Skies" und "Scuro Chiaro" von Nine-Inch-Nails-Mitglied Alessandro Cortini ein weiteres Mal ad absurdum geführt wird. Ihre Ansätze unterscheiden sich dabei deutlich voneinander. Während bei Monolink der Song im Vordergrund steht, lotet Cortini die Analogizität seiner Maschinen aus, was ihn in die Nähe bestimmter deutscher Elektro-Pop-Pioniere bringt.
HOTEL CALIFORNIA "ORANGE": RUHIG INMITTEN DER WOGEN
Als die Pandemie im letzten Jahr ihren Anfang genommen hatte, war Daniel Green, wie so viele andere Musikerinnen und Musiker auch, mitten im Arbeitsprozess oder an Vorbereitungen für Konzerte beschäftigt. Mit einem Mal wurde er aber zur Untätigkeit verdammt. Das einzige, was ihm blieb: Songs schreiben. Es wurden am Ende ganz viele. Die ersten zwölf finden sich nun auf der hoffnungsvoll entspannten Platte "Orange", die er als Hotel California heraubringt, wieder.
KURZ ANGESPIELT 10/21: A SINISTER LIGHT, ULTRA SUNN, BEAR OF BOMBAY, TENTS - LOCKERUNGSÜBUNGEN
Angesichts der stetig sinkenden Corona-Zahlen darf man verhalten optimistisch sein, was die Rückkehr in eine gesellschaftliche Normalität anbelangt. Sogar die Öffnung von Clubs und Diskotheken scheint in greifbarer Nähe. Neuen Content für die Tanzfläche haben die DJs in mehr als einem Jahr Betriebsverbot sammeln können - und er wird um vier weitere, in höchstem Maße hörenswerte, Platten für die Dance- und After-Hour erweitert.
PARADE GROUND "THE 15TH FLOOR" VS. THEE HYPHEN "INCIDENTIAL TOOLS OF CONFUSION": DIE RÜCKKEHR DER VERLORENEN ALBEN
Ob es an Corona liegt, dass einige Bands sich Zeit genommen haben, ihr altes Songmaterial zu durchforsten und erneut zu veröffentlichen? Kürzlich hatten wir Toyahs "The Blue Meaning" von 1980 besprochen, nun bescheren uns Parade Ground aus Belgien und Thee Hyphen aus Frankreich einige nostalgische Momente mit ihren Wiederveröffentlichungen, deren Reiz sicherlich in der Geschichtsträchtigkeit der Veröffentlichungen liegen. Natürlich ist auch die Musik schnafte, sonst wäre es müßig, über sie zu schreiben.
POOLS "YOU & US": AM ENDE DER LIEBE
Manchmal reichen nur wenige Takte Musik, um zu wissen: Dieses Album ist groß! Pools haben mit "You & Us" genau dies geschafft. Ihr Erstling beginnt vom Fleck weg mit nicht weniger als einer supermelancholischen Mischung aus Blues, Gospel und Americana, die ganz tief in Mark und Bein fährt. Man muss keine Tiefenpsycholigie studiert haben, um zu merken, dass hier aus vollstem Herzen gelitten wird.
THE TINOPENER'S ART "OBSERVATIONS IN A TIME OF CHANCES" VS. CASSETTER "ROBOT ERA": AUS DER VERGANGENHEIT, FÜR DIE ZUKUNFT
Kompromisslos synthetisch sind die Songs von The Tinopener's Art und Cassetter. Dabei ergehen sich Erstgenannte auf ihrem Werk "Observations In A Time Of Chances" in einem ziemlich detailgetreuen Achtziger-Techno-Pop mit Ausflügen gen Trip-Hop, während die Klangkollegen mit "Robot Era" fulminant alle Synth-Wave-Register ziehen und das goldene Jahrzehnt der elektronischen Musik mit dem musikalischen Verständnis der 2020er paaren. So entfaltet jedes Album seine eigene charmante Momente, deren Vergleich jenem zwischen Äpfel und Birnen nahekommt.
VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN NEUN" VS. VARIOUS ARTISTS "NIGHT VIBES 2": KUDOS AN DIE KURATOREN!
Seit einigen Jahren beweisen uns zwei feine Männer, wie man interessante und intelligente Sampler gestaltet: Eckert "Ecki" Stieg, großer Weiser der Gothic-Szene, und Axel Meßinger, ein ausgewiesener Musiknerd und Eklekitker im besten Sinne. Ihre aktuellen Kompendien "Grenzwellen Neun" und "Night Vibes 2" blicken wie gewohnt über den Tellerrand hinaus und präsentieren Songs, die in Qualität und Ingenuität auf teilweise ganz anderen Levels angesiedelt sind und die Hörerschaft auch ein Stück weit fordern.
TOYAH "THE BLUE MEANING EXPANDED": DER OFFIZIELLE ANFANG VON ETWAS AUSSERGEWÖHNLICHEM
Punk rasierte nicht nur die Popindustrie. Sie schaffte es für eine kurze Zeit, Musikerinnen und Sängerinnen die Möglichkeit zu geben, sich künstlerisch vollkommen zu entfalten, ohne irgendwelche Geschlechterrollen einzuhalten, um den Umsatz der Plattenverkäufe zu steigern. Toyah Ann Willcox, die einfach unter ihrem Vornamen Toyah in der prosperierenden Post-Punk- und New-Wave-Ära ihre Karriere begann, gehörte zu den auffälligsten Chanteusen ihrer Zeit. Ihr "offizielles" Debüt "The Blue Meaning" von 1980 wurde nun wieder neu und mit vielen Extras aufgelegt.
KIRLIAN CAMERA "COLD PILLS (SCARLET GATE OF TOXIC DAYBREAK)" VS. SOLOMUN "NOBODY IS NOT LOVED": SEQUENZEN OHNE GRENZEN
Zunächst einmal haben Kirlian Camera und Solomun augenscheinlich nicht wirklich viele musikalische Schnittstellen. Aber dennoch sind ihren beiden aktuellen Werken "Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak)" und "Nobody Is Not Loved" eines gemein: Sie verpflichten sich keinem Genre. Und trotzdem wirken die Alben alles andere als fahrig oder ausgefranst, sondern geben sich vielmehr so, als sei es das Stinknormalste auf der Welt, alles musikalische Wissen in eine Platte zu packen. Das macht Kirlian Camera und Solomun vielleicht nicht gerade leicht verdaulich, aber dafür umso spannender.
TRAJEDESALIVA "ULTRATUMBA" VS. ANDREAS DAVIDS & SVEN PHALANX "A PSYCHEDELIC TRIP INTO SPACE": TIEF OBEN
Natürlich können leistungsstarke Synthesizer ein komplettes Orchester imitieren. Aber liegt der Charme dieser klingenden Maschinen nicht gerade in ihrer Fähigkeit, einen völlig eigenen Klangkosmos zu kreieren? Trajedesaliva aus Spanien sowie die Eigengewächse Andreas Davids und Sven Phalanx locken aus ihren Kästen unikate Töne, die ihre Alben zu intensiven Kurztrips in andere Aggregatszustände elektronischer Klangerzeugung avancieren lassen. Hier darf der Synthesizer noch sein, was er ist: ein Inventor wundersamer Geräusche.
KURZ ANGESPIELT 9/21: JACK DALTON & THE CACTUS BOYS, THE VOO, HAWEL MCPHAIL, SIN PLUS, WRECKAGE DANCE - DIE SAITENSPIELE SIND ERÖFFNET
Da freut sich der Luftgitarrero: Mit diesen fünf kurzen und langen Werken gelangt das gute, alte E-Gitarren-Riff zurück in unseren Fokus. Der Bogen spannt sich von psychedelischen Americana-Western-Sonds über wild brodelnde Punk-Schrammeleien bis hin zu molllastigen Endzeit-Akkorden, die so wenig Hoffnung wie nur möglich verbreiten wollen. Und es müsste mit dem Musikteufel zugehen, wenn man nicht bei mindestens einem dieser Alben unweigerlich beginnt, in die imaginären Saiten zu hauen.
KURZ ANGESPIELT 8/21: HIEMIS, RITA TEKEYAN, MARK E MOON, PLEIL, OS BARBAPAPAS - DARF'S NOCH EIN BISSCHEN MEHR SEIN?
Ein Drittel des Jahres ist schon wieder rum. Bislang hat uns 2021 nicht gerade mit guten Nachrichten verwöhnt. Und obwohl gerade Kunst und Kultur darbt und äußerst strittige Aktionen wie #allesdichtmachen hervorruft, läßt zumindest die Fülle an neuen Alben (und einem Nachzügler von 2020), die in der nächsten Ausgabe von "Kurz angespielt" unter die Lupe genommen werden, darauf schließen, dass die Pandemie bei vielen Künstlern schaffensreiche Kräfte geweckt hat.
NICK HUDSON "FONT OF HUMAN FRACTURES": GEFÜHLE NUTZEN BITTE DEN HINTEREINGANG!
Nicht selten sind richtig gute Musiker der breiten Masse kaum bis gar nicht bekannt, genießen aber in ihren eigenen Reihen das größtmögliche Ansehen. So dürfte auch Nick Hudson nur wenigen ein Begriff sein. Der Mann, der sonst der - auch nicht übermäßig namhaften - Band Academy Of The Sun vorsteht, hat aber bereits unter anderem mit Massive Attack oder David Tibet von Current 93 gearbeitet. Sein neuestes Solo-Album "Font Of Human Fractures" zeigt sein ganzes Können im Bereich kunstvoll arrangierten Pops.
TOP 5: VATER-SOHN-SONGS - PROTOTYPISCHE HASSLIEBE
In kaum einer anderen Beziehung wie jene zwischen Vater und Sohn ist so viel Spannungspotenzial. Bereits in den antiken Geschichten wird dieses Verhältnis beleuchtet - Stichwort: Ödipus-Komplex. In der Neuzeit öffneten die Werke des Schriftstellers Franz Kafka in Verbindung mit der aufkommenden Psychonanalyse der Liaison zwischen Vater und Sohn neuen Interpretationsspielräume. Zum Vatertag gibt es daher fünf wunderbare Vater-Sohn-Nummern, die dieses Verhältnis interessant ausleuchten.
IM GESPRÄCH - DEINE LAKAIEN: "ES WÜRDE UNS FREUEN, DURCH UNSERE INTERPRETATIONEN DEM EINEN ODER ANDEREN MUSIKSTÜCK NEUE HÖRER ZU VERSCHAFFEN"
Alexander Veljanov, charismatischer Sänger von Deine Lakaien hat sich Zeit für UNTER.TON genommen, um einige Fragen zu beantworten, die uns brennend interessieren. Denn auf die Idee zu kommen, ein Coveralbum zu machen, ist nicht unbedingt bahnbrechend. Dieses aber dann mit einem weiteren Album zu erweitern, dessen Songs sich direkt auf die neu interpretierten Fremdkompositionen beziehen, wiederum schon.
CLICKS "G.O.T.H." VS. CIRQUE D'ESS "BLACK SYNTHETIC AND DENSE": DAS NEUE SCHWARZ
Klar, der Gruftie schwooft gerne zu schweren Klängen durch den Raum. Aber seit Nitzer Ebb und Front 242 wissen wir: Es darf auch mal gerne etwas schneller und zackiger zur Sache gehen. Entgegen aller Unkenrufe, die EBM und Dark Wave chronische Stagnation attestieren, beweisen Clicks aus Polen und Cirque D'Ess aus Italien mit ihren aktuellen Werken, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt worden ist.
MARQUIS "AURORA" VS. TELEX "THIS IS TELEX": WILLKOMMEN ZURÜCK
Als Marquis De Sade und Telex 1978 anfingen, Musik zu machen, war Europa gerade vom Punk überrollt. Die einen haben Post-Punk geklampft, die anderen auf elektronische Musik gesetzt. Beide Gruppen konnten binnen weniger Jahre Kultstatus erreichen, ehe sie wieder von der Bildfläche verschwanden. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchen sie wieder auf: Die einen nennen sich nur noch Marquis und spielen sich auf "Aurora" von einem Schicksalsschlag frei, die anderen liefern mit "This Is Telex" ein umfassendes Best-Of-Album inklusive unveröffentlichter Aufnahmen ab.
KURZ ANGESPIELT 7/21: LMX, SECRET OF ELEMENTS, ORIOM, NOVOCIBIRSK, ROBERT SCHROEDER - ALTE UND NEUE MEISTER
Ob jung, ob alt - der Synthesizer macht vor keinem Halt! Deswegen stehen in der nächsten Runde der Kurzbesprechungen fünf ganz wunderbare Werke elektronischer Klangerzeugung im Mittelpunkt. Diese werden aufsteigend nach den Lenzen der jeweiligen Künstler präsentiert, denn sie ergeben eine schlüssige Genealogie und präsentieren das Genre in seiner ganzen Diversität.
ZINN "ZINN": HABEN SIE WIEN SCHON BEI NACHT GEHÖRT?
Wäre ein Album eine Stadt zu einer bestimmten Tageszeit, dann ist Zinns selbstbetiteltes Debüt wie Wien zur Geisterstunde. Der verschrobene Psychedelic-Folk und somnambule Frauengesang klingen fast so, als würden die Geister aus den alten Gemäuern der K. und K.-Monarchie durch die Gassen und Bezirke schweben. Angst davor braucht man aber nicht zu haben, im Gegenteil. Zinn klingen wie die etwas nachdenklichen Freunde, die man ab und an gerne um sich hat.
A.A. WILLIAMS "SONGS FROM ISOLATION" VS. DEINE LAKAIEN "DUAL": VON FREMDEN FEDERN UND WIE SIE SCHMÜCKEN
Alben komplett mit dem Liedgut anderer Künstler zu füllen, sind stets zweischneidige Schwerte. Man muss sich daher schon etwas besonderes einfallen lassen, um das Interesse der Hörerschaft zu wecken. A.A.Williams hat sich für einen extrem reduzierten und dadurch sehr intimen Interpretationsansatz entschieden, der auch ihr Leben im Lockdown eingedenkt. Anders Deine Lakaien: Ihr Doppel-Album besteht zum einen aus Coverversionen, zum anderen aus eigenen Songs, die von den Fremdkompositionen inspiriert wurden.
JANUS "TERROR": DAS GESAMTKUNSTWERK ALS KRAFTAKT
Seit jeher gehen mit der Veröffentlichungen der Ausnahmeband Janus die Superlativen seitens der Musikkritiker einher. Ihr neuestes, breitwandiges Werk "Terror" entzieht sich jedoch fast sämtlichen Beschreibungs- und Bewertungsversuchen. Die epochale Erzählung einer real stattgefundenen Schiffexpedition aus dem 19. Jahrhundert, die in eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes endete, wird von RIG und Toby intensiv und bis zur Schmerzgrenze vorgetragen. "Eine Schifffahrt, die ist lustig"? Von wegen! Himmel und Hölle hat das Zweiergespann in Bewegung gesetzt, um dieses Album, das zunächst gar nicht so geplant war, zu realisieren, wie sie uns im Interview erzählten.
KURZ ANGESPIELT 6/21: GREY GALLOWS, WISBORG, VEIL OF LIGHT, FEU FOLLET - DEPRI ON THE DANCEFLOOR
Wer sagt denn, dass man Schwermut nicht auch tanzend zelebrieren kann? Schließlich waren bereits die Urväter trostloser Unterhaltung, namentlich Joy Division und Bauhaus, nicht um schwungvolle Nummern verlegen. Diese Grundhaltung findet sich spurenelementartig auch in den neuen Werken von Grey Gallows, Wisborg, Veil Of Light und Feu Follet. Sie haben die Traurigkeit für die Tanzfläche entdeckt.
DELGRES "4:00 AM" VS. CHRISTINE SALEM "MERSI": AUS TIEFSTER SEELE
Spätestens seit #blacklivesmatter wissen wir: Die Gleichheit zwischen allen Völkern dieser Erde existiert nur auf dem Papier, das bekanntermaßen sehr geduldig ist. In der Realität sehen sich Afroamerikaner immer noch einem mehr oder weniger offen zur Schau getragenene Rassismus konfrontiert. Und in den aktuellen Alben von Delgres und Christine Salem scheint sich der Jahrhunderte alte Schmerz, aber auch der Widerstand und die daraus resultierende, eigene Lebensfreude in ihren Werken "4:00 Am" und "Mersi" extrem zu verdichten.
IM PROFIL: LOUISAHHH - DRUCK IM KESSEL
"Sex, Tod, Gott" - das sind nach Louisahhhs Angaben die Themen, um die es sich auf ihrem spektakulären Debut "The Practice Of Freedom" dreht. Doch hinter dem klanglichen Konglomerat aus industriell lärmendem Techno mit punkiger No-Future-Attitüde verbirgt sich noch mehr. Das Album gewährt einen Einblick in die Gefühlswelt einer Frau, die sich nicht mit dem momentanen Zustand der Welt zufrieden geben will.
KURZ ANGESPIELT 5/21: CONTROL ROOM, THE LIVELONG JUNE, STUMPFF, WINFRIED STRAUSS X METANIMOS, SYNNE SANDEN, JUNGSTÖTTER - FÜR EINE HANDVOLL HITS
Kurz kommt gut. Und so präsentieren Control Room, Livelong June, der legendäre Tommi Stumpff, Winfried Strauss, Synne Sanden und Jungstötter mit ihren jeweiligen Mini-Veröffentlichungen ein Konzentrat ihres Könnens. Wie es bei dieser Rubrik Usus ist, betreiben wir auch dieses Mal ein munteres, den geistigen Horizont erweiterndes Genrehopping.
LEDFOOT "BLACK VALLEY" VS. VOYNA "THE CINVAT BRIDGE": KLASSISCHE SCHWARZMALEREI
Back to the roots, baby! Ledfoot und Voyna nehmen auf ihren neuen Alben keine Gefangenen. Und sie scheren sich nicht einen müden Jota darum, das Rad neu zu erfinden. Stattdessen halten sie es mit tradiertem Goth-Rock munter am Laufen. Das liegt vor allem an der unglaublichen Coolness, die "Black Valley" und "The Cinvat Bridge" ausstrahlen.
DER ELEKTRISCHE MANN "MUSIK MUSIK MUSIK" VS. FORETASTE "HAPPY END!": NEUES AUS DER NACHBARSCHAFT
Schweiz und Frankreich können Synthesizer-Musik, das stellen sie bereits seit Dekaden unter Beweis. Aktuell führen Der Elektrische Mann und Foretaste diese Tradition mit frickeliger Elektronik weiter. Diese mutet dank ihrer auf Pop gebürsteten Kantigkeit wunderbar anachronistisch. Da fliegen die Löcher aus dem Käse direkt aufs Baguette.
IM GESPRÄCH - DANIEL GREEN: "DIESES BEWUSSTE RÜCKSICHT NEHMEN KÖNNTEN WIR UNS BEWAHREN"
Krisen machen erfinderisch. Das ist bei Corona nicht anders. Gerade in der Kunst- und Kulturbranche werden Wege und Lösungen gesucht, um den Beruf irgendwie ausüben zu können. Der Folk-Musiker Daniel Green, der 2019 das nachdenkliche "Vanish Like A Cloud In Sunlight" veröffentlicht hat, machte sich während der Pandemie ans Schreiben neuer Songs, die er unter seinem Alias Hotel California zunächst einzeln digital veröffentlicht, ehe die 24 Nummern als haptisches Doppel-Album erscheinen. Im Gespräch mit UNTER.TON berichtet er unter anderem davon, wie er dieses Corona-Jahr wahrgenommen hat.
VISIONIST "A CALL TO ARMS": ROMANTIKER IM MASCHINENLÄRM
Wie sehr ist man dieser Tage geneigt, jedes veröffentlichte Kunstwerk im Kontext der immer noch grassierenden Pandemie zu interpretieren. Und wie sehr lädt uns der Visionist mit seinem Album "A Call To Arms" aber auch dazu ein. Denn die Dissonanz seiner Kompositionen stehen im krassen Gegensatz zum sanften Timbre seiner und der Gäste Gesangseinlagen und zeigen die chaotische Außenwelt, von der sich das Individuum qua auferzwungener Isolation abtrennt und sich doch in ihr zurechtfinden muss.
STEINER & MADLAINA "WÜNSCH MIR GLÜCK": BITTERE PILLEN MIT WEISSWEINSCHORLE RUNTERGESPÜLT
Glück muss man ihnen nicht mehr wünschen, auch wenn Steiner & Madlaina aus der Schweiz dem Titel ihres Zweitlings nach darum bitten. Denn ihre deutschsprachige Stücke klingen nach Deutsch-Pop ohne hohle Phradendrescherei und nach muttersprachlichem Indie-Rock ohne verkopfte Diskurs-Texte zu offerieren. Für dieses erste musikalische Highlight in diesem Jahr benötigt es mehr als Glück. Da steckt ein Plan dahinter.
KURZ ANGESPIELT 4/21: TAMPLE, MASHA QRELLA, ART NOIR, NICK SCHOFIELD - DIALEKTIK DER DISKOTHEK
Die Frage darf gestellt werden: Können Tanznummern auch naspruchsvolle Inhalte vermitteln, oder stören diese nur beim zappeln? Tample und Masha Qrella suchen tatsächlich die Synthese der beiden Gegensätze Tanz und Nachdenklichkeit durch tiefergehende Texte mit Elektronikbeats, während Art Noir fast ausnahmslos instrumental die zerebralen Nervenenden angenehm kitzeln möchte. Am Ende gönnt uns Nick Schofield mit seinen wattigen Ambient-Miniaturen eine Pause von diesem Spannungsfeld.
FEEDING FINGERS "I WON'T EAT THE HORROR": ZURÜCK ZUM NORMALZUSTAND
Würde man Feeding Fingers als romantische Dark-Wave-Band betiteln, ist das nur die halbe Wahrheit. Denn Justin Curfman, Dreh- und Angelpunkt dieses Projekts, zeigte sich in der Vergangenheit sehr experimentierfreudig. Geradezu bodenständig mutet daher das neueste Werk "I Won't Eat The Horror" an, das sich in knappen Stücken stets auf den Kern der Songs konzentriert, ohne die bandtypische Surrealität zu vernachlässigen.
VIAGRA BOYS "WELFARE JAZZ": JAZZ IST ANDERS
Für den Bandnamen sollten sie noch mal gesondert einen Ehrenpreis, am besten von der Pharmaindustrie, erhalten. Dieser plakative Effekt ist aber nur ein Schmunzeln anregendes Beiwerk für ein absolut offengeistiges Album, bei dem so ziemlich alles, was die Subkultur zu bieten hat, kongenial verwurstet worden ist.Vom erwähnten "Welfare Jazz" sind die Jungs folgerichtig auch meilenweit entfernt, auch wenn hie und da ein Saxofon improvisatorisch vor sich hinquäkt.
NEØV "PICTURE OF A GOOD LIFE" VS. LAMBS & WOLVES "NOT A PARTY AT ALL": LEKTIONEN IN SCHWERMUT
Sie sind sicherlich nicht die Feiertiere, wenngleich NEØV aus Finnland und die süddeutsche Formation Lambs & Wolves sich bestimmt nach euphorischem Publikum und Konzerten sehnen. Letztgenannte Gruppe haben mit "Not A Party At All" sicherlich einen zeitgenössischeren Titel gefunden. In puncto verträumter Melancholie steht NEØVs "Picture Of A Good Life" aber in nichts nach.
KURZ ANGESPIELT 3/21: BILLY ZACH, TAUSEND AUGEN, DEAD ASTRONAUTS, DAGOBERT, SIVERT HØYEM - HART, ZART, SMART
Querfeldein geht unsere dritte Runde der Kurzbesprechungen: Depri-Punk von Billy Zach, krautrockiger Post-Punk von Tausend Augen, elektronischer anschmiegsamer Pop von Dead Astronauts, elektronischer widerborstiger Pop von Dagobert und ein unachahmlicher Schmelz von Ex-Madrugada-Bariton Sivert Høyem. Ein wohlschmeckender Ohrenschmaus.
VARIOUS ARTISTS: "ZEITGEIST VOL. 14" & "ZEITGEIST VOL. 15" VS. "LA DANSE MACABRE 9" - OHREN VOLL FÜR PAAR MARK FUFFZICH
Der/Die eine oder andere muss durch Kurzarbeit sicherlich arg mit dem Geld haushalten. Sollten trotzdem noch irgendwie 13 Euro übrigbleiben, können diese in die 14. und 15. Ausgabe der "Zeitgeist"-, sowie der neunten Folge der "La Danse Macabre"-Reihe investiert werden. Als Gegenleistung gibt es exakt 83 aufregende Songs aus den tiefsten Tiefen der Schwarzen Szene rund um den Globus. Ein lohnendes Schnäpperchen!
KURZ ANGESPIELT 2/21: FRANA, MESSER BRÜDER, SIGUR RÓS, SEASURFER, DARK - NACHLESE TEIL II
Und noch einmal blicken wir auf jenes Jahr zurück, das uns allen sicherlich in heftigster Erinnerung bleiben wird. So überwältigend und auch unterschiedlich die Gefühle für dieses vermaledeite 2020 sind, so mannigfatig zeigen sich auch die Endjahresveröffentlichungen, die zwischen noisigem Post-Punk und verträumtem Shoegaze eine karthatische Emotionspalette auffährt, an der die geschundene Seele genesen soll.
CHRISTIAN FIESEL "STATE OF AN UNBORN UNION" VS. SIMONA ZAMBOLI "HYBER NATION": UNDURCHDRINGBARE KLANG(T)RÄUME
Abseits der harmonischen Bespaßung, zu der die elektronische Klangerzeugung natürlich in der Lage ist, suchen manche Musiker nach dem urwüchsigen Moment, den der Synthesizer mitsamt seiner stromaffinen Gefolgschaft liefern kann. So brechen die aktuellen Alben von Christian Fiesel und Simona Zamboli die vertrauten Liedstrukturen auf und kreieren surrealistische Soundlandschaften, deren Intensität einen an die Lautsprecher fesselt.
KURZ ANGESPIELT 1/21: LEIZURE, SUNTRIGGER, WHISPERS IN THE SHADOW, VAINERZ, VLIMMER - NACHLESE TEIL I
2020 war in vielerlei Hinsicht zum Vergessen - jedoch nicht in musikalischer. Da gestalteten sich die letzten Dezemberwochen veröffentlichungstechnisch doch noch recht ereignisreich. Und zwar in solch einem Ausmaß, dass wir die ersten beiden Ausgaben von "Kurz angespielt" im neuen Jahr ausschließlich den vorweihnachtlichen Releases widmen.

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Von der Redaktion getestet - und einstimmig für gut befunden: Wir empfehlen einen Besuch auf den folgenden Websites
                                                                                 
                                                                                
                                                                              

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