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THYX "HEADLESS": BOMBASTISCH-ELEKTRONISCHE WAHRHEITSFINDUNG

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Als diese CD-Kritik begonnen wurde, explodierten Tags zuvor in Brüssel zwei Bomben am Flughafen und eine in der Metro. Noch bevor die ersten Zeilen in die Maschine getippt werden, berichteten Medien von einer Evakuierung des Flughafens im französischen Toulouse aufgrund des Verdachts eines Sprengsatzes.

Schon seit längerem feiert auf der anderen Seite der Erdballs ein schwerreicher Mann mit schlecht sitzendem Fifi und markigen, ausländerfeindlichen Sprüchen einen Wahlkampferfolg nach dem andern. Und in Deutschland werden Flüchtlinge bepöbelt, Asylantenheime unter Beifall der Bevölkerung in Brand gesetzt. Rechtspopulismus ist übergreifend salonfähig geworden.

"Das ganze Problem mit der Welt ist, das Dumme und Fanatiker immer so sehr von sich selbst überzeugt und klügere Menschen voll von Zweifel sind." Der Ausspruch stammt vom Philosophen Bertrand Russell und fasst die gesamte Misere der derzeitigen weltpolitischen Lage perfekt zusammen. Außerdem steht dieser erkenntnisreiche Satz einleitend im Booklet zu Thyx' viertem Album "Headless", einem (ungewollten) Zeitgeist-Soundtrack.


Stefan Poiss, der sich mit seinem Gesamtkunstwerk Mind.In.A.Box bereits ein tönernes Denkmal gesetzt hat, nutzt sein Seitenprojekt mittlerweile sehr effektiv für weitaus realitätsnähere Betrachtungen.


In den Thyx-Nummern, die musikalisch natürlich der bombastischen Elektronik von MIAB in nichts nachstehen, kristallisieren sich immer wieder aktuelle politische und gesellschaftliche Themen heraus. Bereits der Vorgänger "Super Vision" behandelte - parallel zur alle Medien beherrschenden NSA-Affäre - die Frage nach Überwachung und Freiheit des Individuums. "Headless" führt dieses Gedankenspiel fort: Unter malochenden Bass-Drums besingt Stefan im Titelsong unsere strikt durchgetaktete Existenz. "Following Orders, Fulfilling Tasks, Taking Their Money, Believing, You Are A Part".

Dazwischen bricht die Erkenntnis wie ein klanglicher Wolkenbruch hinein: "You're Headless". Wir glauben zwar, unseres Glückes eigener Schmied zu sein. In Wahrheit aber sind Großkonzerne und Monopolisten unsere Geschmacksentscheider. "Your Live Is Already Planned, You Have To Fit In" stellt der Sänger später in "Pain Of Silence" fest. Von Fatalismus jedoch keine Spur: "I Don't Want To Live Like This". Der an Saga erinnernde Synthie-Rock unterstreicht nicht nur die schnörkellosen Betrachtungen, sondern legt eine weitere Facette des Wiener Musikers offen. Dynamisches Schlagzeug und verspielte Gitarrenlinien sind nämlich nicht unbedingt vom Thyx'schen Soundkosmos ausgeschlossen.

Auf "Headless" schimmert es immer wieder durch: Poiss' unerschütterliche Leidenschaft für philosophisch unterfütterte Science-Fiction-Geschichten der Marke "Matrix", die im Grunde der Jahrhunderte alten philosophischen Frage nachgeht: Was ist wahr? Wie sehr kann ich meinem Bewusstsein trauen? Und wie sehr kann ich anderen vertrauen? Dass die Fotostrecke im Booklet teilweise auch an die kargen Industriekulissen der Rebellen aus just genanntem Film erinnert, verwundert daher nicht.

Es geht auch um die wenigen Mächtigen in dieser Welt, die sich in moralischen Fragen höchst zweifelhaft verhalten. Eine stark modulierte Stimme in "Doomed" lässt den Erzähler dann auch wie ein unmenschliches, alienartiges Wesen erscheinen: "It's So Cool To Rule All The Fools Under Me" lautet seine verachtendes Statement. "Humanismus und menschliche Ethik bringen keine Kohle, darum haben wir sie auch nicht nötig", spottete einst Stefans Landsmänner von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung in ihrem Song "Neandertal". Auch Thyx macht keine Gefangenen, wenn es darum geht, die Absurdität unseres Verhaltens offenzulegen, wenngleich ohne humoristischen Einschlag.

Versöhnung ist aber in Sicht. Zumindest künden die abschließenden Stücke "No Place For Me" und "Free" von Ausbruch aus diesem System und Selbstbestimmung - selbst wenn das geradezu ätherische "Free" in seiner Aussage auch das Ende aller Mühsal auf Erden bedeuten könnte. Die geisterhaft verfremdete Stimme lässt jedenfalls den Schluss zu, dass es sich nicht mehr um ein irdisches Wesen handelt, das den Hörer anspricht. "You Arrived On The Other Site, I Hope You Are Feeling Right", lockt er unter verwaschenen Synthie-Klängen ins Ungewisse.

So endet das intensive Album mit einer melancholischen Betrachtung auf das Leben, das doch eigentlich ein wunderbares sein könnte. Man muss es sich und auch anderen nur immer wieder bewusst machen, um so den Dummen und Fanatikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und ihren paranoiden Visionen keine Chance zu geben. "Headless" trägt zu dieser Erkenntnis bei.

||TEXT:  DANIEL DRESSLER  | DATUM: 25.03.16 |   KONTAKT |  WEITER: KURZ ANGESPIELT 2/16>

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