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FAD GADGET: GROSSMEISTER DER GROTESKE

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Vergangenen September wäre Frank Tovey 60 Jahre alt geworden, hätte ihn 2002 eine Herzattacke nicht frühzeitig aus dem Leben gerissen. Als furioser Fad Gadget war er nicht nur der erste Künstler, den Daniel Miller, Chef des Mute-Labels, unter Vertrag genommen hatte. Er sondierte auch sein musikalisches Umfeld sehr genau. So traten bei seinen Konzerten eine Band namens Depeche Mode im Vorprogramm auf – der Rest ist Geschichte und wiederholte sich rund ein Viertel Jahrhundert später, als Fad Gadget kurz vor seinem Tod als Support seiner "Entdeckung" während der "Exciter"-Tour spielte. Warum dieser Mann, der für so viele Musiker immer Inspiration war, Zeit seines Leben aber nie den richtigen Durchbruch schaffte, bleibt ein Rätsel. Vielleicht war er zu anspruchsvoll in seiner Kunst, zu drastisch in seinen Performances (man denke an die regelmäßigen Blessuren, die er sich bei seinen halsbrecherischen Auftritten zuzog). Seine Musik sowie seine Texte jedenfalls besitzen einen zeitlosen Humor, den es sich anlässlich seines Jubiläums (und auch mangels aktueller Alternativen) wieder ins Gedächtnis zurückzurufen gilt. "Ricky's Hand" und "Collapsing New People" haben wir an dieser Stelle mal ausgespart; schließlich gab es noch so viel mehr.

PLATZ 5: "BACK TO  NATURE"
Als im Deutschland der späten 1970er der Punk abging (musikalisch wie politisch), komprimierte die Formation S.Y.P.H das ganze Lebensgefühl einer desillusionierten neuen Generation auf einen Satz. "Zurück zum Beton, zurück zur U-Bahn" war die ätzende Antwort auf die friedensbewegten Birkenstock-Sandalen-Träger, die sich mit marihuanaumwölkter Bräsigkeit eine heile, naturbelassene Welt zusammenkuscheln wollten. Fad Gadget schoss mit seiner ersten Single "Back To Nature" in eine ähnliche Richtung, verschiebt aber den Fokus auf ein mittlerweile pervertiertes Naturverständnis: "Back To Nature – Caravan On Camping Sand" beginnt er seine Betrachtung. Natur ist bei ihm lediglich eine künstlich angelegte Postkartenidylle für den industriellen Mensch, der seine sterile Erholung nur noch unter einer geodätischen Kuppel ("geodesic dome") findet. Welch hellseherische Gedanken zu einer Zeit, als künstlich angelegte, gigantomanische Erholungs- und Freizeitparks mehr oder weniger Utopie waren. In "Back To Nature" sitzt der Mensch unter Infrarot-Wärmestrahlern und findet sein romantisches Liebesglück im Schatten eines Gummibaums, derweil die wirkliche Natur nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. "Capitalist Aircraft Fill The Air (...) Aerosol Sun Breaks On Air".  Das ganze unterlegt er mit synthetischen Vogelgesängen, getragen von einem stoischen Rhythmusapparat und abgehackten Synthiesounds. Ganz im Geiste der Hippies tritt Fad Gadget hier für den Umweltschutz ein, tut dies aber auf geradezu beißend-satirische Art und Weise. Dass er mit seinen Beobachtungen unsere Gegenwart vorweggenommen hat, ist fast schon beängstigend. Schließlich sind wir "Just Like Lemmings, Everyone", die geradewegs ins Verderben rennen. Wie recht er damals schon hatte.

PLATZ 4: "SATURDAY NIGHT SPECIAL"
Was für ein Songeinstieg: "Every Man Should Have The Right To Own A Gun. Every Man Should Have The Right To Shoot Someone." Fad Gadgets fünfte Single "Saturday Night Special" träufelt mit sanft wiegendem Dreivierteltakt und transparenter Hackbrett-Melodie bittere Tropfen der Erkenntnis in die Gehörgänge des Publikums. Nicht nur, dass die Männer alle eine Waffe besitzen und wahllos töten dürfen, sie können sich auch eine Frau nehmen, die "Mother And Angel And Courtezan Too" ist, für die Nachbarn stets aufgehübscht und ordentlich und  "Always Hot In The Bedroom" zu sein hat. Die krasse Pointe setzt Fad Gadget dann in der dritten Strophe: "Every Man Sholud Have The Right To Raise A Son". Schließlich ist er der Stammhalter "A Credit To The Family Name". Im Gegensatz zu den Töchtern, die "Worry And Shame" mit sich bringen. Hier weiß Tovey natürlich Rat. "You Can Solve All your Problems With A Small Operation". Den Kult um die Männerstärke überspitzt der Musiker mit der Forderung, alle Mädchen zu Jungs umzuoperieren – und somit die verdorbene Spezies Mensch endgültig von der Erde zu tilgen. Frank Tovey bricht den American Way Of Life auf die archaischen Säulen runter. Waffenbesitz, degenerierte Frauenrolle und Familienehre werden mit äußerst schwarzem Humor belegt. Das verkrustete patriarchale System, das zum Release 1982 auch in Europa weit verbreitet war, wird zur Zielscheibe in "Saturday Night Special". Die scheinbar sexistische und gewaltverherrlichenden Zeilen waren der BBC jedenfalls ein Dorn im Auge, weswegen sie die fünfte Fad-Gadget-Single nie im Radio gespielt haben. Schlimm genug, dass 35 Jahre nach dieser Nummer immer noch genügend Menschen auf dem Planeten leben, die mit solcher Lebensweise ernsthaft sympathisieren, zumindest was die Frage der Selbstverteidigung und den Stand der Frau anbelangen.

PLATZ 3: "LUXURY"
Am Ende seiner Phase als Fad Gadget schien sein Harlekin-Humor einem deutlichen Fatalismus gewichen zu sein. Dennoch zeigte er mit seiner ersten Single als Frank Tovey (die wir aber einfach wegen seiner stilistischen Nähe zum abgelegten Alter Ego noch Fad Gadget zuschustern), wie wenig er für seine Generation übrig hat. "Luxury" karikiert in seiner ganzen elektronischen Schönheit, mit all den Synthie-Arpeggis, die wie goldenes Lametta aus den Boxen fliegt, und den funkigen Basslinien jene Schnösel-Combos wie Spandau Ballet und Konsorten, deren Klangkunst als perfekte Beischlafhilfe profitorientierter Yuppies und Börsenhaie fungierte und gerade Mitte der 80er Jahre Hochkonjunktur hatten. Ganz nach dem Motto "Mein Haus, mein Auto, meine Frau", geht Fad Gadget inventurmäßig durch die Welt der Reichen und Schönen: Eine Yacht in St. Tropez, ein Privatflugzeug, Champagner, Kaviar, Butler, Köche, Hausmädchen: Es steht alles bereit für ein Leben in geradezu unverschämtem Wohlstand. Den spitzen Degen fährt er aber im Refrain aus "Talking 'bout The Things You Want, Don't You Worry 'bout The Things You Need". Es geht um das wollen, nicht um das brauchen. Gier und Hunger werden gegeneinandergestellt, eine fast schon philosophische Betrachtung. Der Hunger lässt einen das nötigste erstehen, die Gier überschreitet diese Grenzen. Ob auch hier Kritik an der Umweltzerstörung innewohnt? Unsere Gier macht die Erde mehr kaputt, wie es der überlebensnotwendige Hunger wohl nie schaffen würde, weil er den Überfluss kategorisch ausschließt. Fad Gadget erlaubte sich übrigens auch den Luxus, bei einer provokativen Performance von "Luxury" in der deutschen Sendung "Sound Convoy" von 1985 nicht nur asynchron zum Playback seine Lippen zu bewegen, sondern auch das gesamte Instrumentarium zu schrotten, ehe er von der Bühne geholt und der Auftritt abgebrochen wurde. Zurückgelassen blieb damals der etwas ratlose Moderator Robert Treutel, heute besser bekannt als Komiker Bodo Bach.

PLATZ 2 : "INSECTICIDE"
Würde man die Wurzeln des Hellectro ausloten wollen, man könnte sehr gut bei diesem Stück anfangen. Auf "Insecticide" aus seinem Debüt "Fireside Favourites" scheppern sägende Bässe, flirren Störgeräusche durch die Gegend und singt ein Frank Tovey mit modulierter Stimme über das Leben einer Fliege aus der Ich-Perspektive. Sie fliegt um die Lampe, landet auf dem Sandwich, krabbelt in die Ohren der Menschen und – jetzt wird es etwas brutal – knallt immer wieder mit ihrem Kopf gegen das Fensterglas. "I'm Smashing My Face Against The Windowpane" wiederholt er unter einer auf Achtelnoten schlagenden Bass-Drum derart aggressiv, dass man das Gefühl hat, einer gewollten Selbstzerstörung beizuwohnen. Der Titel indes wird wohl weniger das buchstäbliche Insektengift beschreiben, sondern will eher eine Nähe zu "Homicide" (Totschlag) oder "Suicide" (Selbstmord) aufbauen. Natürlich besitzt diese Darstellung auch wunderbar symbolische Kraft, um das Dasein an sich zu betrachten. Besonders dann, wenn Frank singt: "I Fall To The Floor And I Do It Again". Immer wieder aufstehen, im Hamsterrad des Lebens seine Runden drehen – oder eben wie eine Fliege die ganze Zeit gegen die Scheibe dotzen. Die selbst ernannte Krone der Schöpfung kann sich noch so sehr darum bemühen, über der Natur zu stehen, im Grunde bleibt sie immer Teil von ihr. Und es geht letzten Endes eben nur ums Überleben.

PLATZ 1: "COITUS INTERRUPTUS"

Schon das knochentrockene Schlagwerk zu Beginn ist Maschinen-Sex pur. Eine Vierviertel-Bassdrum, die Snare auf den zweiten und vierten Takt, dann fiepende und röhrende Synthesizer. Nie präziser wurde der Geschlechtsakt elektronisch interpretiert. Darüber stöhnt Frank die Zeilen mehr als dass er sie singt. "Coitus Interruptus, I Digress, I Tried Again". Wie ein brünftiger Hirsch mäandert der Ausnahmekünstler durch seine wilden Fantasien. "The Boy Sleep With Girl. The Boy Sleep With Boy, Never Find That High, Nerver Acting Coy". Nein, er tut nicht verschämt, sondern posaunt es raus wie nur was: Ob gegen- oder gleichgeschlechtlicher Beischlaf, er soll vollzogen werden. Auch hier ist er wieder ganz beim Gedankengut der Hippies angelangt, die sich bekanntermaßen für die freie Liebe stark machten. Bei Fad Gadget bekommt dieses liberale Denken allerdings einen archaisch-animalischen Pinselstrich. Deutlich wird dies gerade am Schluss, wenn er nur noch Stöhn- und Grunzlaute ausstößt und damit den sexuellen Akt vor offenem Mikro vollzieht. Gut, das haben Serge Gainsbourg und Jane Birkin bereits einige Jahre zuvor bei "Je T'aime...Moi Non Plus" massenwirksam ins Szene gesetzt. Doch während sich ihr gehauchtes Liebesglück wie ein softer Erotikstreifen mit Weichzeichner anhört, gebärt sich "Coitus Interruptus" wie ein Hardcore-Porno, so unverblümt und schmutzig und nur auf die niederen Triebe beschränkt. Aber Frank Tovey wäre nicht Fad Gadget, wenn zum Schluss des Stückes nicht doch noch eine Überspitzung geschieht. Sein Stöhnen wandelt sich in fisteliges Gurgeln um und zieht somit alles ins Lächerliche, was er zuvor noch mit testosterongeschwängerter Attitüde von sich gab. Solche fein eingesetzten Tricks und Kniffe machen nicht nur diesen Song, sondern alle seine Kompositionen bis heute zu Klassikern der Prä-New-Romantic-Phase.

||TEXT:  DANIEL DRESSLER |DATUM: 05.10.16 | KONTAKT |WEITER: WAS MACHT EIGENTLICH ROLF MAIER BODE (RMB)? >

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