JEAN DELOUVROY: "ZU VIEL KONTROLLE IST DAS GLEICHE WIE ANGST" - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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JEAN DELOUVROY: "ZU VIEL KONTROLLE IST DAS GLEICHE WIE ANGST"

Im Gespräch

Hi Jean - Erzähl' uns doch zunächst einmal ein bisschen über Deine persönliche Reise ins Land der Klänge. Wie und wann hat die Liebe zur Musik bei Dir angefangen?

Alles begann in meinem 13. Lebensjahr: Ich hatte das Glück, nach Indien reisen zu können und war für einige Tage in der Stadt Darjeeling an der nepalesischen Grenze zu Besuch. An einem vernebelten Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, beobachtete ich zwei buddhistische Mönche: Sie bliesen in Hörner, die sie in Richtung Mount Everest hielten. Aus diesen Instrumenten kamen unglaublich tiefe Töne heraus! Die ganze Szenerie und natürlich die klangliche Erfahrung haben mich nachhaltig beeindruckt. Aber auch meine Reise in die Sahara, in der es manchmal sprichwörtlich gar keinen Ton zu hören gibt, ist für mich als Komponist wahnsinnig wichtig gewesen. Als kleiner Junge führte mich zudem meine ältere Schwester in die Welt der Filme ein: Wir haben zusammen bis spät in die Nacht Streifen von Bergman, Truffaut, Fellini, Visconti, Hitchcock und noch vielen mehr angeschaut. Das sensibilisierte mich musikalisch sehr! In meiner Zeit als Teenager entdeckte ich dann alle Spielarten des Metal sowie psychedelische Musik für mich
. Einem Konzert von Black Sabbath beizuwohnen, empfinde ich nach wie vor als Ritual. Diese Auftritte in den großen, städtischen Hallen, bei denen mir jeder Besucher wie im Trance erschien, waren übrigens der Grund, warum ich unbedingt E-Gitarre lernen wollte und sogar in verschiedenen Metal-Bands spielte. Zu diesem Zeitpunkt begann ich auch damit, eigene Stücke zu komponieren. Von Anfang an hat sich das total natürlich und selbstverständlich angefühlt.

Schließlich hast Du dann auch am Königlichen Musikkonservatorium in Gent studiert. Wie hat das Deine Sicht auf die Musik im Allgemeinen und Deine Kompositionen im Besonderen verändert?


Der eigentliche Grund für das Musik-Studium war, dass ich verstehen wollte, wie Meisterwerke funktionieren. Die Studien zum Kontrapunkt (eine Form der Kompositionstechnik, Anm. d. Verf.) half mir, mein "inneres Gehör" zu verbessern. Auch das Analysieren verschiedener Werke war eine wichtige Arbeit, da sie mir einen Einblick in den grundsätzlichen Aufbau der Kompositionen verschaffte. Allerdings hatte ich Probleme mit dem Schulsystem, weil ich von Natur aus eher
ein rebellischer Charakter bin (lacht). Währenddessen absolvierte ich noch eine dreijährige Jazzausbildung, bei der ich alles über den Aufbau und die Arrangements dieser Stilrichtung lernen konnte. Das brachte mir die Stelle als Tonsetzer bei der Belgischen Radio- und Fernseh-Big-Band ein.

Klingt nach einer vielversprechenden Karriere...


Ja, aber es hat mir einfach nicht gereicht! Zum diesen Zeitpunkt hatte ich noch nicht wirklich das Gefühl, meiner inneren Stimme in meinen Stücke Gehör verleihen zu können. Es hat Jahre gedauert, diese an die Oberfläche zu bringen. Mit meinem aktuellen Doppel-Album scheint es für mich so, als hätte ich dieses Ziel endlich erreicht.

Dieses Album, schlicht mit Deinen Namen betitelt, zeigt Dich in Deiner ganzen Bandbreite. Du scheinst ein sehr freigeistiger Mensch zu sein – zumindest klingen Deine Stücke danach. In unserer CD-Kritik haben wir ja bereits einige Stile, die auf dem Longplayer zu hören sind, herausgestellt: Dark Ambient, romantische Klaviermusik im Stile von Chopin, Kraut-Rock, Zwölftonmusik... Die Liste ist wirklich wahnsinnig lang! Du willst Dich nicht wirklich auf ein Genre beschränken, oder?


Das ist wohl wahr. Ich habe ein großes Genresprektrum. Von meinen Hörern bekomme ich immer gesagt, dass meine Musik sehr "visuell" ist. Vielleicht ist das der kleinste gemeinsame Nenner.

Deine Musik besitzt darüber hinaus so viel Anknüpfungspunkte, dass Du damit tatsächlich auch die unterschiedlichsten Hörerschaften erreichen kannst: Auf der einen Seite das Bildungsbürgertum, auf der anderen Seite aber auch die subkulturellen Szenen, wie beispielsweise die Industrial- und Dark-Ambient-Fans. Hast Du aus diesen Lagern bereits Reaktionen auf Deine Werke erhalten?


Danke für das Kompliment! In der Tat ist es mein erklärtes Ziel, nicht einfach nur irgendeiner Gruppierung anzugehören. Das ist für mich eine Form der Freiheit! Ich übertrage das übrigens auch auf mein Leben: Beispielsweise fühle ich mich weniger als Belgier, sondern in erster Linie als Mensch, der auf dieser wunderschönen, mannigfaltigen Erde ohne Restriktionen wandeln darf. Z
u viel Kontrolle ist das Gleiche wie Angst! Deswegen freue ich mich, dass ich aus allen Lagern mit ihren spezifischen Codes so viele, tolle Reaktionen bekomme und dadurch auch an den verschiedensten Orten spielen darf. Es wird also niemals langweilig bei mir!

Apropos Belgien: Dass Du deutlich hörbar von elektronischer Musik beeinflusst bist, liegt eigentlich auf der Hand, da Euer Land eine Vielzahl an Gruppen aus diesem Genre hervorgebracht hat. Wie bist Du zur elektronischen Musik gekommen – und was war Dein persönliches Schlüsselerlebnis?


Gute Frage. Mein Interesse an elektronischer Musik wuchs, als ich im Studio saß und mit einer Band musizierte. Dort sah ich dann das Equipment in seiner gesamten Bandbreite vor mir
- Synthesizer, Sampler, Computer und so weiter. Als ich herausgefunden habe, welche Möglichkeiten mir diese Technik eröffnet, entschloss ich mich bald dazu, ein Vier-Spur-Tonbandgerät, einen Atari-Computer und einige Synthesizer zu kaufen. Eigentlich kann ich nicht von mir behaupten, direkt von der elektronischen Musik aus Belgien beeinflusst worden zu sein. Aber zumindest unterbewusst spielte sie eine Rolle, denn schließlich war dieser Sound immer um mich herum! Beispielsweise befand sich Aphex Twins erstes Label R&S Records in Gent. Ich war also in direktem Kontakt mit seiner Musik, die ich im Übrigen sehr schätze. In Belgien haben wir eine sehr lebendige, alternative Musikszene. Tatsächlich ist sie derart stark vertreten, dass ich dachte, dass es überall so wäre!

Gibt es Bands oder Komponisten, die Du als Deine persönlichen Helden bezeichnen würdest? Wenn ja, wie inspirieren sie Dein tägliches Leben und Deine künstlerische Arbeit?


György Ligeti, Giacinto Scelsi und Florian Fricke (Popol Vuh) sind solche Vorbilder, um nur einige zu nennen. Sie spielen mit dem Konzept der "Zeit"- das fasziniert mich an ihnen! Ich entdeckte sie hauptsächlich durch Filme, die mit ihrer Musik untermalt waren:"Nosferatu" von Werner Herzog, oder Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey". Pink Floyds "Dark Side Of the Moon" war quasi der Soundtrack meiner Jugend. Je nach Stimmungslage höre ich heutzutage auch schon mal Wagner-Ouvertüren, die französischen Impressionisten Debussy und Ravel, indianische Musik, die Minimalisten Reich und Riley, sehr viel Metal, Psychedelic, Industrial, Drone, Krautrock, Soundtracks, Noise...

Einige Deiner Kompositionen, wie "Teufelsberg" oder "Der Regenbaum", sind Teil eines audiovisuelles Gesamtkunstwerkes. Welche Erfahrungen hast Du aus der Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern gezogen, und welche Erinnerungen hast Du an den Premierenabend?


Die Erstaufführung von "Der Regenbaum" im Club 11 in Amsterdam war großartig: Ein tolles Sound-System, zwölf riesige Leinwände für die Projektionen, viele coole und nette Leute – einfach eine grandiose Venue, bei der nichts künstlich wirkte. Also wirklich genau so, wie wir uns das vorgestellt hatten! Die Zusammenarbeit mit den Filmemachern war sehr aufregend und auch bereichernd für mich: Es ermöglicht Dir, Deine Musik auch auf andere Art und Weise einem Publikum zugänglich zu machen, wie zum Beispiel in einem Kino oder in einer Freilichtaufführung. Bild und Ton können im Zusammenspiel eine ungeheure Kraft entwickeln, aber gerade bei längeren Performances benötigt es eine gute Dramaturgie, damit der Zuschauer komplett gefangen genommen wird.

Du selbst spielst viele Instrumente. Wenn Du mit einem neuen Stück beginnst, weißt Du dann schon, welches Instrument an welcher Stelle eingesetzt werden soll, oder entwickelt sich das Ganze eher aus sich selbst heraus?


Neben Gitarre und Klavier ist der Computer mein "Hauptinstrument". Meistens weiß ich tatsächlich zu Beginn nicht, wie ich meine Lieder schlussendlich arrangieren werde, weil ich zuerst nur in rudimentären Noten und Harmonien denke. Die "elektronische Orchestrierung" entsteht erst zu einem späteren Zeitpunkt. Ausnahmen bilden nur Auftragsarbeiten, bei denen die gewünschten Instrumente bereits vorgegeben sind.



Auch wenn es sicherlich nicht oft vorkommt bei Dir, aber was machst Du, wenn Du mal nicht im Studio sitzt und mit Deiner Musik beschäftigt bist?


Lange Spaziergänge in der Natur oder in der Stadt. Und natürlich viel reisen!


Wie bewertest Du als Komponist die heutige Musiklandschaft; insbesondere die Tatsache, dass immer mehr Menschen sich Songs und Alben fast ausschließlich aus dem Netz herunter laden?


Das Internet ermöglicht eine freie Verbreitung der Musik. Ich habe Hörer aus aller Welt, die meine Musik über Soundcloud oder Bandcamp entdeckt haben. Das wäre früher überhaupt nicht möglich gewesen. Grundsätzlich ist das eine gute Sache: Es gibt der Musik die nötige Freiheit! Aber wie wir ja alle wissen, sind die Verkaufszahlen nicht mehr so, wie sie mal waren - egal, ob nun CDs, Schallplatten oder digitale Downloads. Das goldene Zeitalter der Plattenläden ist vorbei, aber es gibt immer noch einige, die sich dagegen wehren. Und das respektiere und bewundere ich sehr!

Auf welche Weise hörst Du Musik am liebsten? Eher physisch oder digital? CD, Schallplatte oder gar Kassette?


Meistens höre ich meine Musik im Studio auf dem Computer über Lautsprecher oder meine Beyerdynamic Kopfhörer. In meinem Wohnzimmer steht eine Hi-Fi-Anlage; dort höre ich dann natürlich CDs, Platten und tatsächlich auch einige rare Kassetten.

Wie stehst Du zu mp3s?


Das Format ist vollkommen in Ordnung, wenn es darum geht, eine erste Idee von einem Song zu bekommen. Aber leider schneiden mp3s auch einige Frequenzen einfach weg, die von enormer Wichtigkeit sind. Computerlautsprecher sind für meine Musik totaler Müll, weil sie die tiefen Töne nicht wiedergeben. In diesem Fall sollte man wirklich zu guten Kopfhörern greifen! Ein weiteres Problem der aktuellen Musikproduktionen, die über das Internet verkauft werden, sind die überproduzierten, komprimierten Songs. Die heutigen Stücke haben keinerlei Dynamik mehr, sind immer gleich laut. Unter dem Strich ist das Internet für die Verbreitung der Musik ideal, drückt aber gleichzeitig die Qualität nach unten. Meine größte Sorge ist, dass sich die Hörer irgendwann an diese schlechte Qualität gewöhnen werden!

Welcher Klang, egal ob aus der Natur, im Studio oder irgendeinem anderen Ort, ist Dein liebster?


Das kann ich gar nicht beantworten. Generell höre ich in den verschiedensten Geräuschen weitere, darin beherbergte Klänge, die ich gerne in den Vordergrund bringen möchte; vergleichbar mit der Beobachtung kleiner Fragmente.

"Jean Delouvroy" klingt nach einer erste Inventur, eine musikalische Bestandsaufnahme dessen, was Du als Komponist bereits erreicht hast. Welche Pläne stehen in Zukunft an?


Ich will unbedingt mehr Filmmusik komponieren und öfters live auftreten! Bestimmt wird es auch mal wieder eine neue CD geben, aber das dauert noch eine Weile. Ich bin aktuell sehr zufrieden mit meinem Doppel-Album.

Last, but not least eine einfache Frage, deren Antwort trotzdem nicht ganz so leicht fallen dürfte: Was bedeutet Musik für Dich, beziehungsweise: Was ist für Dich die größte Qualität von Musik?


Musik und Klänge besitzen eine spirituelle Eigenschaft, die nicht mit Worten zu beschreiben ist.


|| INTERVIEW: ANTJE BISSINGER / DANIEL DRESSLER | DATUM: 09.06.15 | KONTAKT | WEITER: CD-REVIEW "JEAN DELOUVROY" >

Website (und CD-Bestellung)
www.jeandelouvroy.com

FOTOS © JEAN DELOUVROY.

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