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MARCUS RIETZSCH: "GEFÜHLE SIND NICHT ABHÄNGIG VOM ALTER"

Im Gespräch

Marcus, Dein aktuelles Fotobuch ist sicher nichts für zaghaftere Gemüter: Deutet das leise zerbröselnde Treppen-Motiv auf dem Cover noch eine fantastische Reise ins Romantisch-Ungewisse an, findet sich der Betrachter bereits nach wenigen Seiten nahezu unvermittelt in die akribisch dokumentierte, auf den ersten Blick doch irgendwie wahnsinnig bitter und trostlos erscheinende Realität gestoßen. Geboren, um zu sterben. Geschaffen, um zu vergehen... Es gibt keine Hilfestellung, an die sich das erschrockene Auge hier klammern könnte - auflockernde Info-Blöcke oder ähnliche Zerstreuungen für die Sinne lässt Du ganz bewusst außen vor.

Ich muss gestehen, dass es schon mehrere Ansätze gebraucht hat, bis ich mich mit ganzer Seele auf dieses emotional wahnsinnig aufwühlende Abenteuer einlassen konnte: Eine stundenfüllende Reise ins Ich, mit all seinen heimlichen Ängsten, Abgründen oder Dämonen. Dinge, die aus dem alltäglichen Leben nur allzu gern verdrängt sehen; Schwächen, die von unserer auf Leistung programmierten Gesellschaft längst zum absoluten Feindbild erklärt worden sind. In so einen buchgewordenen Spiegel zu blicken, ist zwar nicht immer schön, lässt aber ganz sicher niemanden kalt - und hat am Ende tatsächlich einen umfassend reinigenden, kathartischen Effekt.

War für Dich von Anfang an klar, dass sich Dein Buch-Projekt in diese sehr persönliche Richtung bewegen würde? Und wie viel Mut braucht man selbst, um sich als Fotograf und Autor auf ein Sujet dieser emotionalen Größenordnung einzulassen?


Dass mein Bildband nichts für zaghafte Gemüter ist, habe ich so bisher nicht empfunden. Zeige ich doch keine grausamen oder schockierenden Bilder. Als entscheidender betrachte ich den Punkt, ob sich jemand auf das Thema "
Vergänglichkeit" einlassen kann oder lieber in einer rosaroten, makellosen Glitzerwelt leben und unter keinen Umständen an die eigene Sterblichkeit erinnert werden möchte.

Wer Fotografie mit Leidenschaft und vorgabenfrei betreibt, in dessen Aufnahmen wird sich zumeist auch ein Stück
weit Persönliches widerspiegeln. Mir ist das durchaus bewusst. Da ich damit jedoch keine Probleme habe, spielt dies für mich während des Fotografierens und auch während des Zusammenstellens eines Buchs keine Rolle.

Im Grunde ist kein Mut nötig;
das Eintauchen in die Vergangenheit stellt für mich keine schmerzliche Erfahrung dar. Mich faszinieren die kleinen und großen Geschichten und die besondere Stimmung dieser verlassenen Orte, die letztendlich nur das reflektieren, was mich bewegt. Ich lichte gerne die Details des Vergehens ab; sind diese doch Boten aus einer Vergangenheit, die voller Leben war. Wenn man richtig zuhört, kann man in alten Gemäuern das Trampeln von kleinen Kinderfüßen oder das geschäftige Werken von Arbeitern hören. Es ist Spurenlesen in der Historie.

"Schon unser Heut ein Gestern ist" thematisiert in seiner ungewöhnlichen Form nicht nur die menschliche Erinnerung, sondern indirekt auch das (altersbedingte) Vergessen. Vielleicht ist das Buch gerade deshalb auch bewusst unfertig komponiert?

Dein Vorwort ist wie ein Monolog gehalten, wirkt dank seiner grafischen Gestaltung wie eine im Moment sich auflösende Seite aus einem halb verblassten Tagebuch. Dazu diverse Zitat-Einstreuer aus unserem kollektiven Gedächtnis; über alle Zeiten gültige Worte großer Poeten, die fest in unserem Denken verankert sind. Und natürlich die Tatsache, dass Du bei der Anordnung Deiner Aufnahmen auf eine konventionell ordnende Struktur verzichtest - und Deine Fotos quasi lose nebeneinander stellst. Lücken sind gewollt; Zusammenhänge oder Sinnabschnitte muss jeder Betrachter im Buch-Erlebnis für sich selber finden.

Eine anspruchsvolle Aufgabe, für die es meiner Ansicht nach schon ein Stück weit Lese- und Lebenserfahrung braucht. Würdest Du sagen, dass dieser Foto-Band sich nicht nur ganz bewusst an ein reiferes Publikum richtet, sondern darüber hinaus auch ein klares Statement setzt - gegen den ewigen Jugendwahn unserer paradoxerweise immer älter werdenden Gesellschaft?


Es war keine bewusste Entscheidung, sich an ein reiferes Publikum zu wenden. Ich kenne durchaus auch jüngere Menschen, die tief in den Bildband, die Fotoaufnahmen und die Zitate eintauchen. Letztendlich muss sich der Betrachter emotional einlassen. Und Gefühle sind nicht abhängig vom Alter.  

Es ist interessant, dass Du das Buch als Statement gegen den ewigen Jugendwahn verstehst. Sicherlich sind die Bilder eine gewisse Mahnung. Eine Art Erinnerung, dass so gut wie alles vergänglich ist. Auch die eigene Jugend, dies aber nicht schlimm ist, sofern man sein Leben gelebt hat. Deshalb sollte man sich öfter bewusst machen, dass das Ende jederzeit kommen kann. Manche mag diese "
Erkenntnis" lähmen, mich kann sie im Hier und Jetzt durchaus beflügeln.

Dein Buch trägt den programmatischen Untertitel "Der Zauber des Verfalls": Gibt es ein bestimmtes Werk aus dem umfassenden Kanon der Kunst- und Kulturgeschichte (modern oder gerne auch historisch), in dem Du Dein Sujet perfekt gespiegelt siehst?


Nein, es wäre sicherlich vermessen, sich auf die Stufe bedeutender und einflussreicher Künstler stellen zu wollen. Ich hege aber die leise Hoffnung, dass meine Bilder ansatzweise eine ähnliche Stimmung transportieren bzw. vermitteln können wie beispielsweise Caspar David Friedrichs Werke "
Klosterfriedhof im Schnee" und "Abtei im Eichwald".

Von der breiten Masse (noch) "unberührte" Foto-Motive sind im Zeitalter der Neuen Medien sicher schwer zu finden. Wie viel Detektivarbeit und Recherche braucht es, um "vergessene" Orte aufzuspüren? Und wie wichtig ist es Dir persönlich, den genauen Standort anschließend geheim zu halten, um - Stichwort Vandalismus - dieses Kleinod nach Möglichkeit bewahren und beschützen zu können?


Manche Objekte sind relativ leicht zu finden. Oftmals sind dies dann allerdings Orte, die bereits einer größeren Zerstörung durch Menschenhand ausgesetzt waren. Das Aufspüren weniger bekannter bzw. gut geschützter lost places ist hingegen deutlich schwieriger. Sobald ich die nötigen Puzzlestücke gesammelt und zusammengefügt habe, ist die Freude entsprechend groß. Zumeist konnten sich solche Orte das gewisse Etwas, den besonderen Zauber,
bewahren.

Auf Ortsabgaben habe ich bewusst verzichten, um die Objekte zu schützen. Leider locken leer
stehende Gebäude viele Vandalen und Diebe an, die den Orten die "Seele" stehlen.


Viele der Orte, an die Du Dich auf Deinen fotografischen Reisen begibst, haben sicher nicht nur eine spannende (Entstehungs-) Geschichte vorzuweisen, sondern zeichnen sich vor allen Dingen auch durch ihren höchst komplexen Charakter aus.

Wie schaffst Du es, Zugang zu diesen unterschiedlichen "Persönlichkeiten" zu finden und ihre Gesichter mittels Foto-Portrait für die Ewigkeit zu konservieren?


Vieles spielt sich vor dem geistigen Auge, dem Kopfkino, ab. Die eigene Phantasie lässt diverse Filme ablaufen:
Mal erklingt ein leises Lachen, mal huscht ein Schatten die Wand entlang. Die Vorstellungskraft füllt die Räume mit Leben. Ich versuche, mich einfach auf die jeweilige Stimmung eines Ortes einzulassen. Das fällt selten schwer. Manchmal sind es die kleinen Details, die begeistern; ein anderes Mal ist es die besondere Architektur. Eine gewisse Melancholie schwingt jedoch meist mit. Diese möchte ich dann auch mit der Kamera einfangen.

Wie viel Frust steckt in Deiner anhaltenden Suche nach dem "Zauber des Verfalls"? Bist Du in der Vergangenheit auch schon einmal auf schwierige Orte gestoßen, die sich Dir komplett verschlossen haben und zu denen Du - auch im übertragenen Sinne - einfach keinen Zugang finden konntest?


Frustriert bin ich nur, wenn Orte nicht das wiedergeben, was ich erwartet habe. Meistens ist hierfür der bereits angesprochene Vandalismus ursächlich. Durch Zerstörung, Diebstahl und Müllablagerung wird so mancher Ort leider seines Charmes beraubt. Der Schönheit des "
natürlichen" Zerfalls steht bedauerlicherweise die hässliche Fratze der mutwilligen Zerstörung gegenüber. Einmal wurde mir auch ein Objekt - ein Schloss in Belgien - vor der Nase weggerissen; allerdings hatte ich kurz vorher die Möglichkeit, eine seit Jahrzehnten verlassene Zeche zu erkunden, was den Abriss weniger schmerzlich gestaltete.

In Jean Pierre-Jeunets Film "Die Fabelhafte Welt der Amelie" entdeckt die Protagonistin in ihrer Altbauwohnung im Pariser Montmartre zufällig das Schatzkästchen eines kleinen Jungen - und macht es sich fortan zur Aufgabe, dem rechtmäßigen Besitzer diese sinnbildlich verlorene Jugend zurückzubringen. Hast Du im Rahmen Deinen Erkundungen schon einmal eine ähnliche Situation erlebt?


Schatzkästchen wie in diesem – wie ich finde – grandiosen Film habe ich bei meinen Exkursionen noch nicht gefunden. Allerdings bin ich schon auf die eine oder andere Hinterlassenschaft gestoßen. Vor allen Dingen kleine Botschaften, die Bewohner, Patienten oder Arbeiter zurückgelassen haben. Auch diese Worte starten das Kopfkino. Was mag aus diesen Menschen geworden sein? In einem Wald in der Nähe einer ehemaligen russischen Kaserne haben sich beispielsweise Soldaten in der Rinde der Bäumen verewigt. Im Türrahmen einer verlassenen Heilstätte erblickte ich einmal einen Name inklusive Geburts- und Sterbejahr. Dazu ein Gedicht. Berührende Entdeckungen.

Findet sich unter den Motiven, die Du in Deinem Fotobuch präsentierst, auch so etwas wie eine geheime Seelen-Landschaft? Orte, die Dir zu persönlichen Vertrauten geworden sind und bei denen Du den unerklärlichen Drang verspürst, sie regelmäßig besuchen zu müssen? "Mahnmale" der Geschichte, die Dich anhaltend faszinieren? Und wenn ja, wie schwer fällt es Dir, diese intimen Aufnahmen mit einer anonymen Öffentlichkeit zu teilen?


Es gibt nur wenige Orte, die ich mehrmals besucht habe. Einmalige Besuche haben etwas von Exklusivität – rein persönlich betrachtet. Die Gefahr, einen faszinierenden Ort bei einem weiteren Besuch in einem deutlich schlechteren Zustand vorzufinden, ist bedauerlicherweise immer gegeben und zieht unweigerlich eine gewisse Enttäuschung nach sich. Eine dauerhafte spirituelle Verbindung kann ich nicht bestätigen.

Wenn ich mit einer Aufnahme zufrieden bin,
was selten der Fall ist, möchte ich diese auch mit vielen anderen Betrachtern teilen.

Welches Fotobuch hast Du zuletzt für Dich selbst gekauft?


In meiner "
Leseecke" liegen momentan die beiden Bücher "Im Reich der Toten" von Paul Koudounaris und "Die Welt der verlassenen Orte – Urbex-Fotografie". Wobei das Buch von Paul Koudounaris – eine Kulturgeschichte der Beinhäuser und Ossuarien – nicht nur zahlreiche Fotoaufnahmen, sondern auch wahnsinnig viele interessante Informationen enthält. "Die Welt der verlassenen Orte – Urbex-Fotografie" zeigt mir viele Objekte, die ich wohl niemals besuchen werden kann. [Anm. d. Verf: UNTER.TON hat dieses Werk bereits ausführlich vorgestellt; unsere Kritik findet sich hier]

Deine Website verrät, dass neben der Fotografie und Literatur auch die Musik eine nicht unwesentliche Rolle in Deinem Leben spielt. Wenn morgen ein offizieller Soundtrack zu "Schon unser Heut ein Gestern ist" erscheinen würde, wie müsste dieser klingen? Gibt es bestimmte Songs oder Bands, die für Dich unbedingt dabei sein sollten?


Dieser Soundtrack müsste die Melancholie, welche ich bei meinen Besuchen verspüre und die ich versuche mittels Fotografie einzufangen, widerspiegeln. Ebenso die Düsternis, das Licht- und Schattenspiel, die Menschenleere, das Vergehen und die Einsamkeit.  

In meinem bisherigen Leben hatte ich das Glück, sehr viele interessante, aufwühlende und prägende Songs entdeckt haben zu dürfen. Ich denke, dass es einige Stücke gibt, die mit meinen Bildern eine gute Symbiose eingehen könnten. Eine Band würde ich hierbei nicht präferieren. Sehr gut vorstellen könnte ich mir beispielsweise die folgenden Titel,
unabhängig vom Text der jeweiligen Songs:

Sephiroth – Wolftribes
Ascetic: – Pharmacy
Diva Destruction – The broken ones
Silent Scream – Haunted
Soap&Skin – Thanatos
The Exploding Boy – Show you me
The Open Up And Bleeds – Darkest hour
:Wumpscut: – Thorns
The Devil & The Universe – Danaus Plexippus
Lisa Morgenstern – Allegro con fuoco
Joy Division – New dawn fades
Henke – Epilog

||INTERVIEW:  ANTJE BISSINGER  | DATUM: 04.02.15 |   KONTAKT |   WEITER: BUCH-BESPRECHUNG "SCHON UNSER HEUT EIN GESTERN IST"





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