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URBEX-FOTOGRAFIE, "DIE WELT DER VERLASSENEN ORTE": MEMENTO MORI

Exlibris

Frankreich, 1696: An seinem Schreibpult in einer Pariser Wohnung brütet Salonlöwe Charles Perrault über seinen  "Feenmärchen für die Jugend", mit denen der königstreue Schriftsteller verschiedene, mündlich überlieferte Volkssagen des alten Europas in die Zukunft hinüberretten wird.

Es wimmelt nur so vor fantastischen Kreaturen, Feenwesen und gekrönten Häuptern in diesem Manuskript, doch unter den Königskindern verbirgt sich auch der wohl bekannteste Urban Explorer unserer Geschichte: Der namenslose Prinz aus "Die Schlafende Schöne im Walde", dessen blut- und dornenreiches Schicksal unter dem griffigen Grimm-Titel "Dornröschen" spätestens mit der Disney-Variante Teil eines bis heute anhaltenden Märchen-Kults wurde.

Dabei ist seine Geschichte im Grunde schnell erzählt:

Königssohn X, dem Abenteuer generell nicht abgeneigt, kommt durch Zufall in den sagenumwobenen Ort Y, in dem seine künftige, inklusive Hofstaat wohl konservierte Braut sich gerade anschickt, aus ihrem Jahrhundertschlaf zu erwachen. Aller Warnungen und Unkenrufe zum Trotz, brennt der neugierige Prinz darauf, in das mystische Schloss vorzudringen, das, vor den Augen neugieriger Gaffer wohl geschützt, hinter einer todbringenden Rosenhecke im Verborgenen schlummert. X hat an diesem Tag mehr Glück als Verstand, und so kommt es, dass er, anders als seine Vorgänger, nicht als staubiges Gerippe in der Dornenfestung enden muss, sondern zur Belohnung für seinen Frevel sogar die schöne Königstochter heiraten darf.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – vielleicht im japanischen Nara Dreamland, wo nicht nur der wildromantische Anblick des zuckrig rosanen Cinderella-Schlößchen der etwas in die Jahre gekommenen Liebe neuen Nervenkitzel einhauchen dürfte.


Eine klassische Märchen-Kulisse ist das halb verfallene Gelände mit seinen ausgewaschenen Pastellfarben und den im Halbdunkel sich auftürmenden, fast gespenstisch wirkenden Fahrgeschäften nicht.

Dafür einer von insgesamt 18 Orten, mit denen der bildgewaltige Foto-Band "Die Welt der verlassenen Orte" seine Leser aktuell in die heiligen Hallen der Urbex-Szene entführt: Nie schienen Geschichte und Gegenwart greifbarer miteinander verschmolzen als hier, in dieser erstaunlich nah und gleichzeitig doch seltsam fern wirkenden Gegenwelt, deren Protagonisten in einer entvölkerten Grauzone die natürlichen Grenzen von Zeit und Raum problemlos überwinden – und dabei immer auch die Spuren irdischer Vergänglichkeit nachzeichnen.

Memento Mori -
gedenke des Todes.

Nur der Mond ist Zeuge, als sich der französische Fotograf Jordy Meow mit seiner Kamera, an grimmig schauenden Wachleuten vorbei, in den einstigen Vergnügungspark schmuggelt.

Über 22 Jahre lang strömten im Nara Dreamland die Besucher; dann öffneten, in rascher Abfolge seit 1983, das Tokyo Disneyland und die Universal Studios Japan ihre Pforten. Neben All-American-Glamour und der unstreitbar populären Micky-Maus-Familie sah das kleine Traumland plötzlich mächtig alt aus – und sank, spätestens mit den frühen Neunzigerjahren, in einen wenig romantischen Dornröschenschlaf.

Jetzt wird diese schlummernde Schönheit durch die Prinzen der Neuzeit wieder wachgeküsst.


Dumm nur, dass für entdeckungsfreudige Urban Explorer wie Meow, die längst vergessene Orte fotografisch dokumentieren und ihnen auf diese Art und Weise einen Platz im Kollektiv-Gedächtnis zurückerobern, am Ende nur die Strafe winkt: Das Nara Dreamland ist privates, nicht öffentliches Gelände; um es betreten zu dürfen, bedarf es offiziell erst einer Genehmigung durch den Eigentümer.

Drohender Bußgeldbescheid statt Märchenhochzeit also: Romantik sieht irgendwie anders aus.


Dennoch: Das Urbex-Kollektiv lässt sich, allem Widerstand zum Trotz, von seiner Mission nicht abbringen: Vergessenes sichtbar machen, um jeden Preis. Und das ist gut so, denn ohne das löbliche Wirken dieser Pioniere wäre so manche Legende bereits sang- und klanglos aus den Geschichtsbüchern radiert.


Darunter auch dunkle Kapitel, wie das Massaker von Oradour-Sur-Glane.

Hitlers SS-Männer kannten weder Gott noch Gnade, als sie das französische Idyll am 19. Juni 1944 dem Erdboden gleich machten. Über 600 Menschen fanden in den heutigen Gebäudetrümmern einen grauenvollen
Tod, darunter auch 254 Frauen und 207 Kinder. Sie wurden von den Soldaten in die Kirche getrieben; kurze Zeit später prasselten Handgranaten und Schüsse auf die Schutzlosen nieder. In einem lodernden Inferno wurden die Mütter schließlich unter barbarischen Umständen hingerichtet, ein grässliches Fegefeuer begrub die Stadt und ihre Kinder mit einem Ächzen unter sich.

Mit stockendem Atem
blättert sich nun, siebzig Jahre später, der Leser durch die stumm entsetzten Aufnahmen des heutigen Mahnmals, dem Foto-Künstler Martin Graf ein bedrückend intensives Denkmal setzt.

Shakespeare hatte recht: Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier.


Ja, noch immer, denn erschreckend nah scheint dieses Massaker einer menschenverachtenden Gegenwart zu stehen, in der das Schicksal des Einzelnen nicht mehr zu interessieren scheint. Erstaunliche Parallele zu den verlassenen Orten, die als marode Schandflecken das auf Hochglanz polierte Stadtbild trüben: So manch piefiger Kleinbürger sähe hier mit Sicherheit
gerne die Abrissbirne kommen. Wenn da nicht dieser lästige Denkmalschutz wäre.

Hilfsbereitschaft oder Empathie müssen in unserer Zeit leider mit der Lupe gesucht werden; wie ein lästiges Staubkorn wird der ewige Störfaktor Individuum von einer kapitalistischen Maschinerie niedergewalzt.

Noch um die Jahrhundertwende waren düstere Landschaften wie Oradour-Sur-Glane ein gängiges Thema der Trivial-Literatur; verfallene Gemäuer dienten europäischen Schauer-Romantikern als gern genommene Kulissen-Welt für fantastisch morbide Erzählungen, die mit ihrer ausschweifenden Vampir- und Gespenster-Dichtung auf Seiten der Leser für wohliges Grauen sorgten.


Damals schien alles möglich.

Geisterstädte der Moderne jedoch lassen diese poetische Aufladung nicht mehr zu; statt dessen schnürt sich dem Betrachter dieser sprechenden Szenerie Angst wie eine unbarmherzige Schlinge um den Hals.

Die Schrecken unserer Zeit, sie liegen allein in der menschlichen Psyche begründet, deren mit klarem Verstand kaum begreifbare Abgründe sich vor unseren Augen mehr und mehr zu einem schwarzen, alles verschlingenden Loch wandeln.

Fast wünscht man sich die altmodischen Grusel-Gestalten von einst herbei, die als reitende Boten von Anno Tobak das Dunkel in einem Nu vertreiben und es am Ende doch irgendwie schaffen, alles in Wohlgefallen aufzulösen.

Doch der Moment vergeht, ohne dass etwas passiert.

Was bleibt, ist am Ende nur ein tonlosen Schweigen – und die dauernde Konfrontation mit einer merklich entzauberten Realität, in der Träume und Fantasien längst keinen Platz mehr haben.


Dabei haben
die Aufnahmen der Urbexer auch etwas Tröstliches: Sie zeigen, dass die Bestie Mensch am Ende im Staub der Zeiten versinken muss – und dokumentieren den Triumph der Natur, die sich am Ende, ganz still und leise, zurückerobert, was ihr einst gewaltsam geraubt wurde. "Die Welt der vergessenen Orte" ist gelebte Geschichte, die der geneigte Leser nicht nur wegen der atmosphärisch dichten Begleit-Texte von Peter Traub, sondern nicht zuletzt auch aufgrund eines äußerst wertigen Bilddrucks, angenehmer Haptik und griffigem Über-Format, immer wieder gerne zur Hand nimmt.

|| TEXT: ANTJE BISSINGER | DATUM: 20.11.2014 | KONTAKT | WEITER: DVD "RAVEL: KONZERT FÜR EINE TAUBE SEELE" >





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Website
www.mitteldeutscherverlag.de


BILDQUELLE © MITTELDEUTSCHER VERLAG; FOTOS © JORDY MEOW (Nara Dreamland), © MARTIN GRAF (Oradour-Sur-Glane). BILDMATERIAL TITELSEITE © PETER UNTERMAIERHOFER (Zollverein Kokerei), © DANIEL MARBAIX (West Park Asylum).

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