6/26: TOMORA, HUIR, MIDNIGHT POETRY, IAN LEDING, OH! - IM RAUSCH DER TÖNE - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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6/26: TOMORA, HUIR, MIDNIGHT POETRY, IAN LEDING, OH! - IM RAUSCH DER TÖNE

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Gibt es nichts schöneres für Musikschaffende, mit den Idolen ihrer musikalischen Sozialisation zusammenzuarbeiten? Zumindest ist die Alt-Pop-Künstlern Aurora, die unter anderem von Billie Eilish favorisiert wird, eine Bewunderin der Chemical Brothers, ihres Zeichens Großmeister des Big Beats. Dass sich beide früher oder später über den Weg laufen sollten, liegt wohl in der Natur der Sache. Die eine Hälfte der chemischen Brüder, namentlich Tom Rowlands, vertiefte schließlich die Zusammenarbeit mit ihr; das Ergebnis ist ein Album und nennt sich "Come Closer", das Projekt Tomora. Beide seien durch die gemeinsame Arbeit wieder mehr zu sich selbst gekommen, heißt es auf dem Infoblatt. Ein Ausspruch, das oftmals ein Geschmäckle besitzt, weil es sich gut für das Marketing eignet, aber oft meilenweit von der Realität entfernt ist. "Come Closer" löst aber das Versprechen ein: Im Spannungsfeld zwischen surrealen Klanglandschaften, die Rowlands' Meisterschaft als fulminanter Knöpfchendreher erkennen lässt, und den ätherischen und verstiegenen Sangesdarbietungen ("I Drink The Light" steht auf einer Stufe mit den kunstvoll geklöppelten Popnummern von Björk) entsteht eine fast schon spirituelle Atmosphäre. Erst "In A Minute" entlässt das Publikum mit einem geradlinigen Tanzflurknüller inklusive straightem Vierviertelbeat, in denen Auroras gesampelte Stimme zu einem neuen Instrument mutiert und mehr Melodie als Message transportiert. Tomora sind das Ergebnis eines ehrlichen in medias res ihrer Mitglieder. Mit dem Ergebnis, dass jeder Song eine Dringlichkeit und Wahrhaftigkeit besitzt. Gleichzeitig vermitteln die Nummern eine große Intimität. So wirkt Aurora im Titelstück wie eine Sirene, die den fahrenden Odysseus zu bezirzen versucht. Nur brauchen wir als Rezipienten uns nicht an einen Schiffsmast anketten, sondern dürfen frei den atmosphärischen Klängen mit spätem 90er- und frühen 2000er-Flair gerne lauschen, in der sich die Sängerin völlig öffnet und ihr stimmliches Können voll ausreizt. Eine großartige Zusammenarbeit, die hoffentlich weiter fortgesetzt wird.

Die Spatzen pfiffen es bereits von den Dächern: Huir sind das "next big Thing" - zumindest im Bereich des Dark Wave. Das spanische Duo, bestehend aus der charismatischen Sängerin Ana Of The Head und dem Musiker David Solazo, haben sich in den letzten Jahren mit einigen bemerkenswerten Kleinveröffentlichungen in den Vordergrund gespielt. Zudem waren sie als Support für die legendären Chameleons in Barcelona und Madrid zu sehen, was sicherlich zur Erweiterung ihres Hörerkreises beigetragen haben dürfte. Nun erscheint "States Of Light", ein Album, auf dem sich das Zweiergespann in seiner ganzen musikalischen Vielfalt präsentiert. Neben den ätherischen Gitarrensounds, die vor allem in "Runaway" gleichsam Aufbegehren und Trost symbolisieren, zeigen sich die Südeuropäer deutlich von klassischen Bands beeinflusst. "Dreamers" wird sicherlich jedem Depeche-Mode-Fan ein sanftes Lächeln ins Gesicht zaubern, in "You" und dem besonders wachsweichen "Lovers" kehren Huir ihre Liebe für melodietrunkene Elektronikstücke nach außen. Connaisseurs und Connaisseuse werden bei letztgenanntem Song sicherlich hellhörig. Denn auf der EP "Triumphal Arch Lovers" von 2024 wurde dieser Song bereits veröffentlicht, und auch "Triumphal", "Vital" und "Arch" stammen aus diesem Release. "States Of Light" ist also eine expandierte Version ihrer ersten musikalischen Gehversuche. So gesehen haben Fans der ersten Stunde ein bisschen das Nachsehen, weil eine Hälfte aus bereits bekanntem Material besteht. Aber das sollte uns nicht mopsen. Nehmen wir diesen Umstand einfach hin und erfreuen uns an dieser Erweiterung, die den bisherigen Werdegang der Spanier perfekt einfängt. Denn trotz der zeitlichen Diskrepanz der Stücke klingt das Album in sich schlüssig und kongruent in ihrer musikalischen Ausrichtung. Ein Indiz für die sichere Umsetzung einer klanglichen Vision, welche die beiden seit Karrierebeginn verfolgen.

Auch Midnight Poetry ist ein männlich-weibliches Projekt, allerdings aus Griechenland. Ähnlich wie Huir setzt es auf einnehmende elektronische Melodien, begleitet von einer markanten weiblichen Stimme. Allerdings sind sie dem Synthie-Pop ein deutliches Stück näher als ihre spanischen Kolleginnen und Kollegen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass John Spanos eine geraume Zeit im Goa- und Psychedelic-Trance-Sektor unterwegs war. Davon ist auf dem Debütalbum "Dive Into Darkness" zwar nichts mehr zu hören, der Spannungsaufbau der Stücke dürfte aber sicherlich aus Spanos' bisherigem Wirken resultieren. Midnight Poetry gibt unter anderem Bands wie VNV Nation oder Diary Of Dreams als Inspirationen an. Das ergibt Sinn, vor allem "My Greatest Darkness" besitzt einige kompositorische Manierismen, die mit der Band von Adrian Hates zu vergleichen sind. Insgesamt steht auf dem Erstling die Eingängigkeit der Stücke im Vordergrund. Gleichzeitig geht es, wie es der Albumtitel bereits verrät, dunkel zu. Der Zweisitzer durchläuft die gesamte Palette trübsinniger Sentimente. Von den Betrachtungen eines Lebens nach dem Tod ("The Other Side") über gescheiterte Beziehungen ("Trauma") bis hin zu apokalyptischen Beobachtungen unserer Gesellschaft ("Infected Society") zeichnen Midnight Poetry auf "Dive Into Darkness" ein schonungslos pessimistisches Bild, in dem es kaum Hoffnung auf Besserung gibt. Sängerin Cleopatra Kaido intoniert die melancholischen Kleinode mit ihrer voluminösen Stimme, die in den tiefen Lagen fast schon das Unheil heraufzubeschwören scheint. Der erste Longplayer hantiert mit einigen erwartbaren Gothic-Topoi, wirkt aber nicht klischeebeladen, was am intelligenten Arrangement der insgesamt acht Songs liegt. "Diving Into Darkness" agiert aus dem Bauch heraus, was das Werk sympathisch macht. Ein gelungenes Debut.

Vor nicht all zu langer Zeit haben wir über Ian Leding geschrieben. Sein Album "Borkum" mit Texten von Friedrich Reuter, einem Journalisten aus Lemgo, der den ersten Weltkrieg direkt miterlebte und sich 1927 während eines Urlaubsaufenthaltes auf der ostfriesischen Insel Borkum das Leben nahm, war noch von einem in sich gekehrten Dark-Folk gezeichnet. Das knapp ein halbes Jahr später erscheinende "Wake Up" zeigt die andere Seite des Musikers aus Detmold. Mit verhallten Gitarren, die den ganzen Raum einnehmen, und nebulösen Klängen zelebriert der Mann einen klassischen Wave-Rock nach Vorbild der Pioniergruppen aus den 80ern, allen voran The Mission. In Zeiten hochtechnologisierter Musikproduktion wirkt "Wake Up" sehr erdig und einfach - ein angenehmer Kontrapunkt. Wenn bereits beim Opener "Angel" der Bass cool vor sich hinrollt und das Schlagzeug wuchtig Geleitschutz bietet, kommt sofort ein Gefühl auf, als würde man einer Live-Session beiwohnen. Ian setzt die Passion für die ungekünstelte Musik in den Vordergrund, scheut sich aber nicht vor ausladenden Saitensoli wie im Titelsong und schafft in "Strange World" sogar, eine Grandezza in seine Stimme zu legen, die Bono Vox von U2 nicht unähnlich ist. Doch alle Veröffentlichungen werden natürlich daran gemessen, wie sehr sie mitreißen und eine Saite in uns zum klingen bringen können. In dieser Hinsicht scheint der der Mann ein sehr gutes Händchen zu besitzen. "Girl With The Far Away Eyes" beispielsweise ist eine perfekt durchgestylte Wavenummer mit einem Refrain, der verfängt, sowie einer nebulösen Stimmung, die jedem Schwarzkittel jedweden Alters sicherlich ansprechen wird. Leding ist einer dieser Musiker, denen man einfach mehr Aufmerksamkeit wünscht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.


"It is a love letter to the era of Tangerine Dream and The Human League, reimagined for contemporary listeners." So das Fazit der Presseinfo zu "We Come In Peace", dem ersten Album des italienischen Projekts OH! Es liegt in der Natur der Sache, dass solche Texte gerne über den grünen Klee loben, doch in diesem Fall ist die Beschreibung fast schon Understatement. Massimo Braghieri und Gianluca Pighi lieben es analogelektronisch - und zwar vom ersten bis zum letzten Schritt einer Komposition. Unter anderem sind Moog Subharmonicon, Waldorf Pulse und Sequential Prophet Rev 2 zu hören, die ohne digitale Bearbeitung eingespielt wurden. Den antiken Charme ihrer Kompositionen hört man ihnen an, besonders "Love Decayed", einem feinen Space-Disco-Schinken, weckt Assoziationen zu Amanda Lear. In "Bittersweet" greifen die beiden die seinerzeit prosperierende Dub-Szene auf. Der Song klingt so geheimnisvoll wie der intensive Blick durch eine Kaleidoskop. "Crush" dagegen besitzt mit seinen dezenten Synthietupfern und dem organischen Songwriting eine New-Wave-Attitüde.  Dennoch lässt das Zwei-Mann-Unternehmen keinen Zweifel aufkommen, dass ihre Songs aktuell sind. "We Came In Peace" klingt mehr wie ein Mixtape als ein homogenes Album. Nicht nur wegen der vielen stilistischen Sprünge, sondern auch, weil für die insgesamt 16 Songs Gastsängerinnen und Gastsänger unterschiedlichster Provenienz beordert wurden, um den auf Tanzbarkeit justierten Stücken entsprechend einen eigenen Drive zu verleihen. So ist das bereits genannte "Love Decayed" unter Mithilfe der Berliner Dark-Disco-Koryphäen Local Suicide entstanden, Alexander Price, Tareq und Lavonz sind die weiteren Menschen am Mikro. Unter anderem! OH! haben nicht gekleckert, sondern geklotzt. Oft passiert es nicht, dass sich Quantität und Qualität so fruchtbar verschränken. Gut für das Publikum: Es darf ohne Spannungsverlust ein Album nicht nur konsumieren, sondern in einen Rausch der Töne abdriften, der lange hält. Sogar, wenn "We Came In Peace" längst verklungen ist.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 28.04.26 | KONTAKT | WEITER: THE SPOILED VS. DEKAD>

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© ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014
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