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CHANDEEN "MERCURY RETROGRADE" VS. THE SEARCH "SOME PLACE FAR AWAY" VS. GOOD WILSON "GOOD WILSON": VÖLLIG LOSGELÖST

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Musik besitzt die Fähigkeit, visuelle Pendants zu kreieren. Nehmen wir beispielsweise "Waiting For The Night" von Depeche Mode. Die weiche Basslinie ist dem dunklen Himmelsband nachempfunden, die flirrenden Synthietupfer funkeln wie die dazugehörigen Sterne. Oder wer kennt noch "Stadt der Träume" der Neuen Deutschen Todeskünstler von Artwork? Auch hier ist es gelungen, den ruhigen, halbschläfrigen Zustand des Textes in Noten zu packen. Der Begriff Dream-Pop impliziert gar vollständig das vor dem geistigen Auge Sichtbare durch entsprechende Klangkonstrukte. Diese Musik will uns träumend machen - oder uns zumendest in einen Zustand tiefer Harmonie bringen.

Harald Löwy, der seit rund 30 Jahren sehr erfolgreich als Chandeen seine stets im ruhigen Tempo gehaltenen Feel-Good-Nummern (mit einigen Weltschmerz-Ausreißern) an den Mann bringt, hat für sein zehntes Album "Mercury Retrograde" den Blick gen Firmament gerichtet. Denn Harald begeistert sich nicht nur für Instrumente, die Klänge erzeugen, sondern auch für jene, die das Weltall erkunden. Zusammen mit der in der Szene einschlägig bekannten Sängerin Julia Beyer, die ihrerseits eher das sagenhaft-spirituelle Moment der Gestirnskonstellationen favorisiert, gelingt ihm ein Album, das ganz Peter-Schilling-like völlig losgelöst von der Erde ist.

Bemerkenswert an diesem Werk ist vor allem die fast schlafwandlerisch zu nennende Sicherheit, mit der Löwy und sein musikalischer Mitstreiter Florian Walther in unterschiedlichen Gewichtungen der instrumentellen Komponenten stets ein fluktuierend-schwebendes Gebilde erschafft. Ausgehend vom Instrumental "Summer's Fling", das mit seinem verliebt-spacigen Gitarren-Rock ein wenig an alte Pink-Floyd-Tugenden anknüpft, entfaltet sich das Werk nach und nach wie eine Supernova. Dabei gelingt dem Projekt mit "Vanish" ein Träumchen von einem Popsong.

Ab der Hälfte von "Mercury Retrograde" wird der Sound noch weiter, die Melodien wuchtiger. "All Ghosts" besticht durch ein erhabenes Gitarrenspiel, "Ocean Mind" beginnt ganz sanft, schwillt majestätisch an und entschwindet in den interstellaren Raum mit dahingehauchten Synthie-Orgeln. Geradezu programmatisch weist "You're In A Trance" - mit leichten Lana-Del-Rey-Tendenzen - den weiteren Weg des Albums, den "Cause It's Slow" im Nachgang nochmal zu manifestieren gedenkt.

Dass es bei "Wild At Heart" dann doch noch mal etwas griffiger zur Sache geht, täuscht nicht darüber hinweg, dass Löwy und Konsorten sich bei aller Eingängigkeit vor allem auf den Aspekt der Schwerelosigkeit der Stücke konzentrieren wollte - auf dass sie ebenso durch die Nacht gleiten wie die Sterne. Gelungen ist ihnen dies auf jeden Fall, mit dem wunderbaren Nebeneffekt, dass "Mercury Retrograde" zu Chandeens schönstem Album ihrer Karriere geworden ist.

Einen größeren Erfolg ist Razmig Tekeyan bislang nicht beschieden - eines der unerklärlichen Mysterien dieser Welt. Denn dieser Mann, der seit mehr als 15 Jahren unter dem Namen The Search eine feine Mischung aus Dark Wave und Indie Rock praktiziert, hat mehr musikalisches Talent in seinem kleinen Finger als andere in ihrem ganzen Körper. Mit "Some Place Far Away" traut er sich nun auch noch, einen eskapistischen Schulterpolster-Pop im Stile von Tears For Fears oder China Crisis zu entwerfen.


Damit denkt er das Konzept seines Vorgängers "A Wave From the Sideline", das sich vor allem auf tanzbare Synthesizer-Nummern konzentrierte, weiter. Grundlage für die pastelligen Elektro-Chansons bildet hier nun eine Akustik-Gitarre, auf der Razmig seine Songs für eine lange Zeit komponiert hat. Manche stammen aus den Anfängen seiner Laufbahn, wie es der Pressetext verrät. Dieser Umstand allein erstaunt, denn die Stücke auf "Some Place Far Away" strahlen alle eine Kompaktheit aus, als ob sie aus einem Guss und innerhalb weniger Tage aufs Papier gebracht worden seien.

Vielmehr aber findet der Sänger und Musiker mit der Wahl fluffiger Pop-Konstruktionen im Mid-Tempo-Bereich das perfekte Gegenstück zu seiner immer etwas gedankenverlorenen Stimme. Musik und Gesang gehen eine perfekte Symbiose ein und schaffen eine Wohlfühlatmosphäre, in der selbst schnellere Stücke wie "Thick Skin" oder "Horizon" keine Hektik aufkommen lassen. Alles wirkt in einem konstanten Fluss, den man bislang in dieser offensichtlichen Form noch nicht bei The Search gehört hat.


"Some Place Far Away" ist ein perfekt durchkomponiertes Album geworden, trotz oder gerade wegen seiner unverschämten Übernahme tradierter Synthie-Pop-Strukturen. Die zehn Songs träumen sich weg in unsere Kinder- und Jugenderinnerungen. Der Longplayer ist ein Klang gewordener perfekter Tag im Freibad mit seinen Kumpels, jeder Menge Waffeleis inklusive, während aus dem Kofferradio die Lieblingssongs ertönen, die von der selbst zusammengestellten Audiokassette stammen.

Auch so ein Kandidat für ein gelungenes Lieblingsmixtape sind Good Wilson. Denn mit ihrem selbstbetitelten ersten Album erschaffen sie ein ganz eigenes Universum, in dem Schwerelosigkeit und Melancholie sich nicht ausschließen. Damit treffen sie sicherlich den Nerv vieler Mittzwanziger, deren ganzes Leben sich gerade von ihnen entfaltet, aber rückblickend auch die vertrauten Strukturen der Kindheit verlässt. Irgendwo zwischen Neugier und Nostalgie finden wir dann Good Wilson.

Ob der Bandname auf die legendären drei Wilson-Brüder anspielt, die als The Beach Boys ein immenses musikalisches Vermächtnis der Welt hinterlassen haben, mag vielleicht spekualtiv sein, völlig ausgeschlossen ist es aber nicht. Schließlich tauchen in den Sounds, die das Quartett, bestehend aus Alex Connaughton, Günther Paulitsch, Julian Pieber und Mario Fartacek, selbst als "Skygaze" bezeichnen, einige Prä-Woodstock-Elemente auf, besonders auzumachen bei "Walk The Talk" und "It's Been A While", in das sich dann im Verlauf überraschend ein Saxofon einschleicht. Auch "Sorrow" schaut sich etwas von den leicht entrückten Kompositionen eines John Lennon oder George Harrison ab.

Bei aller (versteckter) Huldigung alter Meister, lässt dieses Album in letzter Konseuqenz dann doch keinen Zweifel ob seiner Aktualität zu. Zudem zeigt sich in dem leicht experimentell anmutenden "Vienna Gleam" auch so etwa wie ein liebenswürdiger Patriotismus mit Blick auf internationaler Wahrnehmung. Mit dem finalen "I Wanna Do It Right" beweisen Good Wilson, das die Strahlkraft ihrer Stücke auch bestehen bleiben, selbst wenn dem Sänger nur noch eine Akustikgitarre beigestellt wird. Tatsächlich ist der letzte Song das vielleicht intimste Geschenk des Vierergespanns an den Hörer.

"I Wanna Do It Right": Das haben gemacht haben die Jungs mit ihrem Debüt auf jeden Fall gemacht - und das hat bereits mit der Singleauskopplung begonnen. Der beliebte österreichische Alternative-Radiosender FM4 zeigte sich schwer beeindruckt von den Jungs und hat das Video zur "Till We Meet Again" zum Clip der Woche gewählt. Bei diesem perfekt komponierten Popsong ist das aber auch nicht verwunderlich. Nächste Großtaten sollten nicht lange auf sich warten, das Album ist trotz ihres weltschmerzlich verträumten Impetus sicherlich noch nicht das Ende der Fahnenstange. Da kommt noch mehr - und wohl noch größeres.

Wie es im Beipackzettel zu Good Wilson heißt: Das Leben ist ein Spiel, das man nicht allzu ernst nehem sollte. Manchmal ist es zwingend nötig, aus den gewohnten Hamsterrädern auszusteigen und mit einem anderen Blickwinkel auf unser Streben zu blicken. Chandeen, The Search und Good Wilson erleichtern einen mit ihrer Musik diesen Ausstieg. Welche Erkenntnis man daraus zieht, hängt wie immer von jedem Einzelnen ab.


||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 17.03.20 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "LA DANSE MACABRE 7">

Webseite:
chandeen.bandcamp.com
thesearch.bandcamp.com
www.facebook.com/goodwilsonmusic


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COVER © KALINKALAND/BROKEN SILENCE (CHANDEEN), AENAOS RECORDS/ALTONE DISTRIBUTION (THE SEARCH), ASSIM RECORDS/ROUGH TRADE (GOOD WILSON)

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