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ALLTAG "LEBEN AM TRESEN" VS. 21 DOWNBEAT "DUSCHE EP": GEGEN HOCHKULTUR UND VORURTEILE

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Am Ende ist "Leben am Tresen" nicht nur ein liebes Album, sondern sogar ein Liebesalbum geworden. Allerdings verzichten die Bremer Jungs von Alltag vollständig auf die traditoniellen Stilmittel aus dem Schmachtbarden-Kanon. Ihre Liebeserklärungen sind unkonventionell und richten sich an den unangepassten Lifestyle, der sich zwischen Antifa-Demos, durchzechten Nächten und philosophischen Weltumsturzplänen bewegen.

Damit sind sie thematisch und ideologisch nicht weit von den Jungs von Kraftklub entfernt, wobei ihr Sound deutlich anarchischer und archaischer ist. "Leben am Tresen" ist in erster Linie eine Rave-Punk-Platte, in der die Beats einem nur so um die Ohren fliegen und hektisch umherschießende Sequenzen die musikalisch spannende Zeit zwischen 1993 und 95 wiederbringen, als Projekte wie Raver's Nature oder Musikproduzenten wie Hardsequencer schnelle, harte Bassdrums mit fiebrigen Melodien vereinten.

Während aber damals die Musik im Vordergrund stand, ist sie bei Alltag eben nur Mittel zum Zweck. Die hektischen Sounds wirken wie ein Brandbeschleuniger der explosiven Texte. Diese zeigen das Leben der Twentysomethings von einer anderen Seite, bei der es nicht um Insta-Stories oder ähnliche Themen rund um die sozialen Medien geht.

Wie es der Albumtitel schon verrät, scheinen Alltag noch das "echte" Leben zu kennen. Sie stimmen im Titelsong eine Hymne auf die Kneipenkultur, die im Grunde das gesamte gesellschaftliche Leben vereint, an, liefern mit "Genossen" einen glänzenden Partysong für alternative Feierei mit politisch Gleichgesinnten und besingen in "Gang für die Ewigkeit" die "Frau fürs Leben", eine Campus-Liebe, über deren äußerliche Schönheit kein Wort fallen gelassen, aber ihre Sexyness durch ihre geistige Haltung definiert wird.


Die Frage, ob "Leben am Tresen" authentische Geschichten der Alltag-Jungs enthalten, oder ein linksromantisches Weltbild in ausgedachten Stories glorifiziert wird, soll hier nicht beantwortet werden. Viel spannender ist, dass diese Truppe ein konzises Gemälde geschaffen haben, das sich auf der Schnittstelle zwischen angewandter Philosophie, politischem Aktivismus und der Suche nach dem nächsten Rausch kristallisiert. "Leben am Tresen" ist Alltags erst zweiter Longplayer innerhalb von zehn Jahren. Aber gut Ding will eben Weile haben. Für dieses Guerilla-Album hat sich das Warten definitv gelohnt.

In ähnlicher Kampfstimmung befinden sich auch 21 Downbeat - zumindest musikalisch. Doch ihr EBM-induzierter Electro-Punk bekommt keine Antifa-Texte aufgedrückt, sondern abgedrehte Dada-Zeilen. Jedoch: Die Band selbst ist bereits politisches Statement. Denn in Zeiten, in denen man gerne über Inklusion sich die Köpfe heißdiskutiert, zeigen 21 Downbeat ganz real, wie Menschen mit Behinderung ihren Beitrag im Kunstbetrieb leisten können.

Ihre erste EP "Dusche", die sie zusammen mit Bühnenmusiker Leo Solter, der auch schon mit Jens Friebe und T.Raumschmiere zusammengearbeitet hat, erdacht haben, ist in erster Linie "Rausch und Extase", wie sie es selber bezeichnen, aber in zweiter Linie eröffnet sich vor dem Hintergrund der Mitglieder die Frage, wer eigentlich "behindert" ist? Sind es tatsächlich Eva Fuchs, Moritz Höhne, Hieu Pham und Heiko Fechner? Oder sind es doch wir "normale", die sich vielleicht nie das trauen werden, was diese lustige und unverkrampfte Truppe macht?


21 Downbeat verkörpern die pure Lust am Nonsense und besitzen anscheinend nicht diese eingebauten Schranken und Selbstzensoren im Kopf, die sie in ihrem Schaffen ausbremsen. Als Teil des Berliner RambaZamba-Theaters werden ihre energetischen Live-Shows bereits hart gefeiert. Entsprechende euphorische Kommentare zu ihren im Netz befindlichen Videos zeigen, dass 21 Downbeat aktiven Vorurteilsabbau betreiben, unterstützt von Solters rohen Elektro-Nummern, die vor allem im Titelsong DAF eingedenkt, und auch bei den übrigen Nummern "Biest", Roter Cowboy" und "Die letzte Pause in einem Poesiefestival" (alle Texte basieren übrigens auf den Gedichten der pressgekrönten Autorin Yoko Tawada) geht Gefühl vor Kopf.

Die dadaistischen Texte, die in proklamierendem, mehrstimmigem Gesang vorgetragen werden, erinnern an die frühen NDW-Zeiten erinnert, als die "Genialen Dilletanten" das Zepter für eine kurze Zeit übernahmen und deutschsprachige Musik wunderbar absurd machte. Dieses Erbe tragen 21 Downbeat nun weiter, und man kann nur hoffen, dass es noch mehr von ihnen zu hören geben wird. Ihre Spielfreude und Lust an der Kunst ist einfach bewundernswert.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 11.08.21 |  KONTAKT| WEITER: VAZUM VS. KILL SHELTER & ANTIPOLE VS. DAUGHTER OF DAWN>

Webseite:
alltag.bandcamp.com
www.rambazamba-theater.de

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COVER © ZWEIHORN RECORDS (ALLTAG), KELLER (21 DOWNBEAT)

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