SIVERT HØYEM "ENDLESS LOVE": EIN MANN GIBT AUSKUNFT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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SIVERT HØYEM "ENDLESS LOVE": EIN MANN GIBT AUSKUNFT

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"Endless Love"? Welch süßlicher Schmelz liegt doch auf diesem Titel! Mit einem großen Seufzer sinnt sich der geneigte Kuschel-Rock-Sammler in pubertäre Leidensjahre zurück, wo Lackschuh-Träger Lionel Ritchie und Motown-Darling Diana Ross 1981 den rosaroten Wolken-Soundtrack zur gleichnamigen Teenager-Schmonzette lieferten. Knapp 15 Jahre später tönte die klanggewordene Zuckerwatte in der Vandross-Carey-Version vom Band - und erlebte sein Revival als ausdrucksfreier Hochzeits-Dauerbrenner, zu dem schmalzdurstige Walzer-Paare sich bis heute nach Belieben auf die Füße treten dürfen. Bis dass der Tod sie scheidet. Bei Sivert Høyems‘ bitterer „Endless Love“-Variante, deren Titel die einzige Parallele zum Schmalz-Kosmos bildet, tritt dieses Ende eher früher als später ein: Der Ex-Madrugada-Sänger erstickt mit seinem vierten Solo-Album die letzte Hoffnung auf harmonische Zweisamkeit und nie versiegende Liebe. Am Ende ist nur der Tod gewiss.

Der stille Norweger mit dem unnachahmlichen Bariton weiß, wovon er singt: Mit seiner Indie-Rock-Formation Madrugada feiert der kahlköpfige Sänger einst große Erfolge - bis das Schicksal 2007 unerbittlich zuschlägt und mit grausamer Wucht den Gitarristen der Band, Robert S. Burås, aus dem Leben reisst. Sein Tod ist das Ende von Madrugada, die nach achtjährigem Bestehen nur kurze Zeit später ihre Trennung bekannt geben: Auf Morgengrauen folgt düstere Nacht [Interview hier].

Høyem musiziert fortan allein und nimmt drei Solo-Platten auf. Während der Arbeit an „Endless Love“ erreicht ihn die nächste Hiobsbotschaft: Per Eirik Johansen, langjähriger Freund und Manager, stirbt völlig überraschend. Ihm ist das neue Werk gewidmet, auf dem die Musik mit trauriger Ironie als düstere Vorahnung der jüngsten Geschehnisse erscheint. "In The Night, When Your Ghost Comes To Call On You / You Are Right, There's Ain't So Much That You Can Do", lautet der fatalistische Reim, mit dem Sivert Høyem in "Ride On Sisters"  das melancholische Oeuvre beschließt.

Das Cover zeigt einen nachdenklichen Menschen; trotz junger Jahre doch sichtbar vom Leben gezeichnet. Seine Stirn liegt in kummervollen Falten, der scheu-sinnende Blick geht zur Seite; ganz so, als wolle er dem neugierigen Starren des möglichen Betrachters ausweichen. Die Augen sind schließlich das Tor zur Seele. Und die will sich bei Høyem nur in der Musik zeigen. Die Körperhaltung des Musikers, der auf dem Bild förmlich in seine schützende Lederjacke kriecht, drückt Unwohlsein aus - mit der Gesamtsituation, mit dem Im-Mittelpunkt-Stehen? Fast schon resigniert, lässt er den Augenblick geschehen. Der Skandinavier steht an der kahlfliesigen Wand, ungewiss abwartend, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung geführt. Das Foto ist leicht unscharf gehalten - fast, als würde man das Bild mit tränenverhangenem Blick betrachten.

Ähnlich lebensverneinend schaut die Ex-Madrugada-Stimme in seinen Songs auf das Phänomen Liebe. Schwer scheppernde Gitarren und ein teilnahmslos vor sich hin pluckernder Moog-Rhythmus liefern das trübsinnige Resultat: “Endless Love Is Not Enough.” Diese entzaubernde Erkenntnis kommt erstaunlich nüchtern daher: Die erotisch aufgeladenen Tarantino-Poeme von einst, mit denen Høyem sein Publikum erspielte, sind nicht mehr. Der „neue“ Høyem gibt sich zynisch, besingt auf "Little Angel" lieber die schmerzbringende Nähe: "When People Lean Too Hard On One Other/They Will Destroy Each Other". Zerstörerische Zweisamkeit, mir graut vor dir!

"Endless Love" kreist um den emotionalen Super-GAU. Momente des Verlassens und Verlassen Werdens, das grausame Muster des menschlichen Lebens: Ein Mann gibt Auskunft. Dass diese Bestandsaufnahme bei aller Traurigkeit nicht in die tonale Total-Depression abgleitet, liegt in erster Linie an der warmen Stimme des tiefsinnigen Musikers, mit der Sivert Høyem dem Hörer immer wieder zärtlich über die Haut streicht. In raren Augenblicken keimt sogar Hoffnung auf.

"Free As A Bird / Chained To The Sky", das wohl nicht durch Zufall im Zentrum des Høyem-Zyklus steht, bringt das dynamische Wechselspiel zwischen Text, Gesang und Musik auf den Punkt. Lediglich von einer akustischen Gitarre begleitet, besingt der Skandinavier den Abschied von einem Menschen, dem die persönliche Freiheit wichtiger ist als das gemeinsame Glück. Gemeinsam einsam. Ohne Argwohn und mit gedämpft besonnener Stimme trägt Høyem diese Zeilen vor: Reisende soll man schließlich nicht aufhalten.

Mehr noch als früher wird der Sound des Norwegers von Blues- und Gospel-Elementen getragen, wovon insbesondere seine Stimme profitieren kann. In einmalig erhebender Weise ist dies bei "Handsome Saviour" zu hören: Zunächst lediglich von einer scheuen Hammond-Orgel untermalt, steigert sich die Intensität des Stücks von Strophe zu Strophe. Text und Musik könnten gegensätzlicher nicht sein. Rettung oder gar Erlösung werden bei Høyem als hohle Phrasen entlarvt: Es gibt keinen Prinz Charming, kein edles Ross. Als Paradoxon kommt hingegen der an Nick Cave oder Soulsavers erinnernde Sakral-Rock-Sound daher, mit dem der Musiker den (Irr-)Glauben beschwört. Ein subtiler Schachzug.

Auch das oben erwähnte, auf Orgel und Saiteninstrument reduzierte "Ride On Sisters" strahlt bei allem Wehmut auch etwas Versöhnliches aus. Auf diese Art und Weise wird dem Tod als absolutem Ende sogar ein wenig der Schrecken genommen: Er wird zu einem notwendigen Zwischenschritt mit Aussicht auf bessere Tage verklärt. Ein Happy-End gibt es im Høyem-Kosmos also doch - es muss an dieser Stelle nur vertagt werden. Bis es soweit ist, präsentiert sich das Nordlicht als ewig Suchender. "Still On The Run, Station To Station / When Will I Reach My Destination?", echot er fragend in "Enigma Machine". Der Wunsch des Musikers nach schlussendlicher Ruhe ist unüberhörbar. In seiner Verzweiflung ruft er den (heiligen?) Vater an, fleht um die Gabe des Vergessen-Könnens. "It Is The Key To Happiness" – selig sind die, die arm sind im Geiste. Wissen kann eben doch Verdammnis bedeuten.

Im vielköpfigen Reigen der Alben, die der Mann aus Sortland bis Dato veröffentlicht hat, tun sich mit dem Düster-Epos "Endless Love" zweifellose die emotionalsten Abgründe auf. Denn für ihn ist Leben gleichzusetzen mit Kampf, mit Unsicherheit. Und die Liebe? Sie kann verlöschen - aber auch sehr lange weiterlodern. Es liegt an den Menschen, was sie aus dem Moment machen, wie sie mit Gefühlen umgehen. Darin liegt der merkwürdige Reiz der Zweisamkeit. "Endlose Liebe" ohne Konflikte ist schließlich nur was für Teenies.

|| TEXT: BISSINGER/DRESSLER // DATUM: 19.05.2014||



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