BLANK & JONES: WELCOME TO THE TREVOR-DOME - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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BLANK & JONES: WELCOME TO THE TREVOR-DOME

Im Gespräch


Recherchieren, konservieren, restaurieren: Im Hause Blank & Jones der ganz normale Alltags-Wahnsinn. Wer jetzt denkt, die beiden Kölner hätten ihr Tonstudio gegen zwei Doktor-Hütchen getauscht und die Turntables an den Nagel gehängt, muss vor fünf Jahren in den Kaspar Hauser-Modus gewechselt sein. Schließlich sind die elektroaffinen Domstadt-Jungs seit Premiere ihrer „so80s“-Reihe 2009 erfolgreich in Sachen Maxi-Single unterwegs. Acht Folgen hat die ambitionierte 12-Inch-Soap bereits; die Maxi-Versionen sind hierzulande Kult. Grund genug, sich mit dem aktuellen Blank & Jones-Sampler auf die Wurzeln des Phänomens zu besinnen. Die Kompilation „so80s presents ZTT“ steht deshalb ganz im Zeichen von Labelchef Trevor Horn, dessen ambitionierter Studioarbeit die Maxi-Single ihren heutigen Kunst-Charakter verdankt. Als kreativer Kopf hinter Projekten wie Art Of Noise und Frankie Goes To Hollywood füllte Horn den klanglichen Spielraum der 12-Inch einst mit ungekannter Opulenz - und wurde zum Meister einer Kunstform, die Blank & Jones mit ihrer Retro-Reihe zum musikalischen Kulturerbe erklären.

UNTER.TON sprach mit Jaspa Jones und Piet Blank über die Produktion des ZTT-Tributes.


Warum habt ihr euch dieses Mal dafür entschieden, nur Songs aus dem Repertoire von ZTT zu nehmen?
Jones: Der Grund ist ganz einfach: Das Ausnahmelabel ZTT feiert heuer seinen 30. Geburtstag. Deswegen steht unsere aktuelle Folge der "so80s"-Reihe komplett unter diesem Motto.
Blank: Aus diesem Anlass haben wir uns auch etwas Besonderes ausgedacht: Wir haben die Songs nicht, wie bei unseren Samplern üblich, einfach gesammelt präsentiert, sondern Labelchef Trevor Horn gefragt, ob wir die einzelnen Originalspuren der Songs verwenden dürfen, um sie nach unseren Vorstellungen neu zu arrangieren.
Jones: Das bedeutet also, dass wir keine Remixe angefertigt haben, sondern andere Versionen im Stile der 80er-Jahre, ohne Zuhilfenahme zusätzlicher Instrumente oder Programme.

Glücklicherweise hat Mr. Horn für dieses Projekt zugesagt. Was war das für ein Gefühl, als die Originalbänder in euren Händen lagen?
Jones: Das war für uns natürlich ein großartiges Gefühl. Schließlich sind wir nicht nur Fans des Labels ZTT, sondern zuallererst auch vom Produzenten, Trevor Horn. Mit diesen Bändern hatten wir sozusagen die DNS seiner größten Hits auf unseren Rechnern. Das ist wirklich ganz großes Kino.
Blank: Und auch ein großer Vertrauensbeweis von Trevor! Zu sehen, wie die einzelnen Songs damals aufgebaut und komponiert wurden, bringt uns als Musikproduzenten auch weiter. Im Studio jedenfalls hörten wir uns oft "Oooh" und "Aaah" sagen vor lauter Staunen.

Trevor Horn gilt ja als "Mann, der die 80er erschaffen hat". Was, glaubt ihr, macht seinen enormen Einfluss aus?
Jones: Er ist einfach eine Ikone, weil er die Blaupause für die moderne Musikproduktion am Computer geschaffen hat. Heutzutage ist es normal, mit dem Sequencer und Samplern zu arbeiten. In den 80ern war das ein völlig neues Terrain. Trevor war einer der ersten, die den Fairlight CMI, den ersten digitalen Synthesizer mit eingebauter Sample-Technik, massiv für ihre Kompositionen nutzten.
Blank: Mit den Originalspuren gewannen wir auch einen Einblick in die Arbeitsweise der Studioband Art Of Noise. Die Mitglieder haben alle zusammen verschiedene Samples programmiert. Anne Dudley beispielsweise hat die opulenten Streicherparts bei "The Power Of Love" von Frankie Goes To Hollywood komponiert und arrangiert. Die einzelnen Teile geben uns Aufschluss über die Entstehung dieser bombastischen Klangerlebnisse, die das Team um Produzent Trevor Horn geschaffen hat.

Neben Trevor Horn habt ihr auch Paul Morley, Mitbegründer von ZTT und zuständig für Artwork und Design des Labels, in das Projekt involviert...

Jones: Stimmt. In der Vergangenheit hat Paul mit uns bereits zusammengearbeitet. Er zeichnet für das Artwork unseres Albums "Logic Of Pleasure" verantwortlich.
Blank: Außerdem war er immens wichtig für ZTT. Ohne seine Ideen wären viele Songs nicht so besonders. Beispielsweise "Welcome To The Pleasuredome" von Frankie Goes To Hollywood: Das gesprochene Intro stammt aus der Recherchearbeit von Morley, der sich überlegt hat, welchen literarischen Text man in dieses Stück einbauen könnte, und wer es am Ende sprechen soll. Auch hat er sich den berühmten T-Shirt-Spruch: "Frankie say: Relax"  ausgedacht. Das heißt: Trevor Horns musikalische Vision und Frank Morleys visuelle Vision bildeten eine einmalige Mélange, die neue Maßstäbe setzte.

Das Artwork des aktuellen "so80s" stammt also auch von ihm?
Blank: Ganz genau. Seit Mitte der 80er Jahre hat er kein Cover-Artwork mehr für ZTT kreiert. Deswegen sind wir auch sehr stolz, dass er gerade für uns eine Ausnahme gemacht hat. Auf dem Titelbild sieht man im Hintergrund einen Ausschnitt des Fußbodens des legendären Sarm-Studios, wo die ganzen Hits entstanden sind. Das Foto basiert übrigens auf der ersten Anzeige, die für ZTT gemacht wurde.

Nun gab es von den Songs, die ihr für eure Kompilation bearbeitet habt, bereits 12" Mixes oder diverse Remixe. Worin lag der Reiz für euch, das Ganze noch einmal neu zu arrangieren?
Jones: Der Reiz lag darin, Versionen zu erschaffen, die wir damals als Fans selbst gern gehabt hätten (lacht).
Blank: Es ist aber auch so, dass wir beim Durchhören der Spuren viele versteckte Parts und Instrumente entdeckt haben, die wir hervorheben wollten. Bei einem Song von Propaganda haben wir zum Beispiel das Geräusch eines anfahrenden Traktors gefunden. Und auf unserer Maxi-Version von FGTHs "Rage Hard" kann man nicht verwendete Aufnahmen von Pamela Stevenson hören. Sie hat bei der Original Maxi-Version das Intro eingesprochen. Das waren für uns einfach essentielle Elemente, die wir nutzen wollten, um ein zehnminütiges Opus zu erstellen.

Maxi-Versionen sind seit jeher Eure Leidenschaft. Für die "so80s"-Reihe erweist ihr Euch dabei ein ums andere Mal als wahre Trüffelschweine. Wie schwer ist es, an die Songs zu gelangen?
Jones: Das ist bisweilen richtig harte Arbeit. Bevor wir an die Master-Bänder gelangen, müssen wir erst einmal herausfinden, wer die Rechte an diesen Tapes besitzt. Und dann besteht das zweite Problem darin, Aufnahmen in guter Qualität zu finden. Das erfordert sehr viel Recherche.
Blank: Teilweise gleicht es sogar einer Detektivarbeit, weil bei manchen Stücken gar keiner mehr weiß, wer die Original-Bänder besitzt. Selbst die Künstler können uns da nicht weiterhelfen. Genau darin besteht aber der Reiz für uns: Wir wollen diese Juwelen der Musikgeschichte nicht nur konservieren, sondern auch restaurieren. Das braucht aber seine Zeit, weswegen wir auch noch eine Weile brauchen werden, bis wir die "so80s Volume 9" präsentieren können.

Zum Schluss noch: Ihr seid in den 80ern groß geworden. Was verbindet ihr persönlich mit diesem Jahrzehnt?
Jones: Für uns als Musik-Enthusiasten war dieses Jahrzehnt natürlich großartig. Wir beide sind vor allem Fans elektronischer Musik, die in diesem Jahrzehnt erstmals zu einem Massenphänomen wurde. Auch der Stil, den Bands wie Depeche Mode und Pet Shop Boys pflegten, besaßen einen großen Reiz. Nach wie vor sind wir glühende Verehrer dieser Gruppen.
Blank: Ich glaube auch, dass die Musik aus dieser Zeit unser Songwriting maßgeblich beeinflusst hat. Der Sound der 80er war und ist spannend. Deswegen haben wir immer wieder mit Künstlern, die in diesem Jahrzehnt ihre Karriere begonnen haben, gearbeitet – zum Beispiel mit Robert Smith von The Cure, Bernard Sumner von New Order oder auch Anne Clark. Bis heute werden immer wieder 80s-Songs gecovert. Das zeigt doch nur, welche große Qualität diese Dekade besaß.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | INTRO: ANTJE BISSINGER || DATUM: 25.04.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: INTERVIEW MIT SIVERT HOYEM >>


Blick hinter die Produktions-Kulissen von Blank & Jones gefällig?
http://youtu.be/aQWcnCh_yzo
https://www.youtube.com/watch?v=ULRZyj3FQR8

BILDQUELLE/FOTOS © SOUNDCOLOURS BY ANDY KAUFHOLD


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