ALTERNATIVE SCHWULLESBISCHE LIEDER: ABSEITS DER REGENBOGEN-FRÖHLICHKEIT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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ALTERNATIVE SCHWULLESBISCHE LIEDER: ABSEITS DER REGENBOGEN-FRÖHLICHKEIT

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Sie tauchen in kaum einer Liste über schwullesbische Songs auf. Vielleicht, weil sie (zumindest in vier Fällen) nicht das Klischee des dekadenten Lebensstils bedienen, das man(n) von Homosexuellen hat. Dabei lassen diese fünf Stücke eine Tiefe zu, die andere überdrehte Homo-Showacts stets vermissen lassen.

PLATZ 5: RELATIVES MENSCHSEIN - ROSA LEIDENSCHAFT (2002)
"Sie träumt von ihr, und er von ihm." Explizit schwüle Lyrik eines Projektes, das eigentlich als dunkel schillerndes Zugpferd für das zu dieser Zeit - sir sprechen von den frühen 90ern - aufkeimende Genre der Neuen Deutschen Todeskunst bekannt ist. Im Dunstkreis von Das Ich hat sich Sänger Amadeus aus Kaufbeuren schnell einen Namen machen können. Seine exaltierten Gesänge, die ein wenig an die markerschütternden Darbietungen eines Klaus Kinski erinnern, verliehen Stücken wie "Verflucht" oder "Ausgeblutet" die nötige Portion Wahnsinn, um die Gruftie-Gemeinde zu überzeugen. In "Rosa Leidenschaft", einem Stück, das erst auf der finalen Best-Of-CD "Thanatos" erschienen ist, bricht Relatives Menschsein das schwullesbische Leben auf ihre existenziellen Grundlagen runter. Die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz lässt sich erahnen. "Dich darf ich lieben, und dich nicht" lautet eine Strophe, "möchte sein, was ich bin" kurze Zeit später. Das alles wird getragen von wabernden Synthesizer, die wenig romantisch und noch weniger homoerotisch daherkommen. Nein, hier ist trotz des Songtitels nichts rosa. Vielmehr ist die "Leidenschaft" wortwörtlich zu nehmen und macht die Liebe zum gleichen Geschlecht zu einer Tour de Force, in der Wünsche sich mit Ängsten paaren. Am Ende träumt das lyrische Ich ein weiteres Mal - vom Regenbogenland. "Somewhere Over The Rainbow" scheint bei Relatives Menschsein allerdings noch verdammt weit weg zu sein.

PLATZ 4: ANTONY & THE JOHNSONS - FOR TODAY I AM A BOY (2005)
Kaum ein Künstler des neuen Jahrtausends steht derart sinnbildlich für die offen diskutierte Gender-Frage wie Antony Hegarty. Sein transsexuelles Auftreten bildet immer wieder die Grundlage für seine Kunst, die ihm 2005 den renommierten Mercury Prize für sein Album "I'm A Bird Now" eingebracht hat. Aus diesem Meisterwerk stammt auch "For Today I Am A Boy", eine zweieinhalbminütige Fingerübung zum Thema "Männchen oder Weibchen". Das alles präsentiert er aus der unbedarften Sicht eines Kindes, das die innere Zerrissenheit infantil umspielt. "One day I'll grow up, I'll be a beautiful girl. But for today I am a child, but for today I am a boy". Das klingt durch Hegartys hohe Stimmlage einerseits absolut unschuldig, wirkt dabei aber um so bitterer, weil die Wahrheit eine andere ist. Ob der Musiker bei diesen Zeilen sich von seiner eigenen Kindheit inspirieren ließ? Ganz unwahrscheinlich wäre das nicht. Musikalisch jedenfalls setzt er süße Pianolinien gegen ein finales Crescendo mit jeder Menge Pauken, einem trotzigen Fußstampfen des kleinen Jungen gleich. "For today I am a boy" singt er nochmal ganz selbstbewusst. Vom Chamber-Pop dieser Tage hat sich der als, fast ungeschlechtliches Wesen, Anohni unterwegs mittlerweile verabschiedet. Zuletzt sponn er sich zusehends in ein musikalisches Kokon aus wuchtigen elektronischen Klängen ein und wirkt noch ein Stück weiter in seine eigene Welt versunken, während um ihn herum #metoo und Gender-Debatten heißlaufen.

PLATZ 3: SCISSOR SISTERS - TAKE YOUR MAMA OUT (2004)
Eine verbindliche Handreichung zur ungezwungenen Offenbarung seiner sexuellen Neigungen gegenüber seiner geliebten Frau Mutter: "Take your mama out all night. Yeah we'll show her what it's all about. We'll get her jacked up on some cheap champagne. We'll let the good times all roll out." Bringen wir die Mütter also alle zu den berüchtigten Diskotheken und zeigen ihnen die nächtliche Glitzerwelt, füllen sie sicherheitshalber noch mit billigem Prickelwasser ab, um den Schock runterszuspülen, und dann heißt es: Spaß haben. Diese humoristische Leichtigkeit, gepaart mit einem 70s-Disco-Rock-Sound, der sich frech bei den Bee Gees und Elton John bedient, ohne mit der künstlichen Wimper zu zucken, haben die Scissor Sisters Mitte der 00er Jahre zum heißesten Scheiß auch außerhalb der Homo-Szene werden lassen. Ihr selbstbetiteltes Debüt, aus dem dieses Lied stammt, wartet übrigens noch mit einigen weiteren Musikperlen auf (allen voran die völlig umgekrempelte Version von Pink Floyds "Comfortably Numb"). Natürlich: "Take Your Mama Out" ist eine Wunschvorstellung, und glücklich können sich all jene schätzen, die wirklich eine so progressive Mama haben. Aber auch bei den Scissor Sisters wird deutlich, dass die ersten Anzeichen für eine vermeintliche Homosexualität des eigenen Sprößlings bei den Eltern selten selbstverständlich hingenommen wird. Leider ist von dieser Truppe danach nicht mehr viel substanzielles erschienen.

PLATZ 2: STREHMANN - SCHWUR (FEAT. FRANK M. SPINATH) (2018)
Ein ganz frisches, ein "homoromantisches Musikprojekt". So jedenfalls bezeichnet Ronny Strehmann seine Kunst. Kurz und knapp als Strehmann firmierend, hat er zwar noch kein Album herausgebracht hat, aber bereits im Frühjahr dieses Jahres einige spannende Songs ins Netz geschickt hat. Darunter "Schwur", eine bedächtig wie wuchtige Synthie-Pop-Mini-Oper, die jedes Homo-Klischee problemlos ausspart und der medialen Präsenz schwullesbischen Lebenstils, das ja gerne mit viel ChiChi und überdrehter Alltagsüberhöhung dargestellt wird, eine tiefere Ebene verleiht. Vordergründig handelt es von einem Mann, der seinem besten Freund seine Liebe ihm gegenüber eingestehen will. Doch ist dies nur ein Story-Vehikel, um die ganze Bandbreite der Gefühle, die sich bei dieser Offenbarung ergeben - bis hin zum manisch wirkenden Finale, in dem die Liebe unerreichbar fern scheint. Schlussendlich zeigt Strehmann dann doch lediglich die (teilweise zerstörerische) Kraft der Liebe auf, ohne sich krampfhaft auf den Aspekt der Homosexualität zu konzentrieren. Ein geglückter Versuch, die gleichgeschlechtliche Liebe als das zu verstehen, was sie eben ist: nichts anderes als die Liebe zwischen zwei Menschen. UNTER.TON wird sich demnächst eingehender mit diesem Projekt befassen, das Debütalbum "Legende" ist für den kommenden Herbst geplant.

PLATZ 1: CHARLES AZNAVOUR - WIE SIE SAGEN (1972)
Als die Travestie-Komödie "Ein Käfig voller Narren" 1978 in die Kinos kam, ahnte wohl kaum jemand, dass er der erste erfolgreiche Film aus dem Drag-Queen-Milieu sein würde. Selbst Hollywood hat sich am Drehbuch vergreifen müssen. Doch "The Birdcage", das 1996 erschien, scheiterte allein schon wegen der unterschwelligen Melancholie, die "La cages aux folles", wie der Film im Original heißt (wobei "folles" doppeldeutig besetzt ist und auch "Tunte" bezeichnen kann), enthält und im Remake völlig verloren ging. Bereits einige Jahre zuvor hat der Chansonnier Charles Aznavour in "Wie sie sagen" die Frage nach der Einsamkeit dieser Menschen rührend in einem Chanson verhandelt. Die schweren Streicher, das durchweg in moll gehaltene Timbre, die langgezogenen Wörter: Aznavour singt mit der einer Mischung aus Stolz und Traurigkeit aus der Sicht eines Transvestiten, der nachts im kleinen Theater ein großes Entertainment abliefert und tagsüber mit dem Argwohn der Mitmenschen umzugehen hat. "Ich bin ein Homo, wie sie sagen" singt Charles, wirkt dabei aber nicht anklagend, sondern eher aufzeigend. Denn seine Lieder handeln oft von den Vergessenen und Ausgestoßenen der Gesellschaft, zu der er als Kind verarmter Künstler selbst angehörte, und gibt Ihnen eine Stimme. Auch wenn der über 90-jährige kein Travestiekünstler ist, glaubt man ihm jedes Wort.

||TEXT: DANIEL DRESSLER |DATUM: 06.07.18 | KONTAKT |WEITER: IM GESPRÄCH - LOGIC & OLIVIA>

COVER © Alice In.../Nova MD (Relatives Menschsein), Rough Trade/Beggars Group/Indigo (Antony & The Johnsons), Polydor (Scissor Sisters), Ronny Strehmann, Barclay (Charles Aznavour)

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