MANSIONS IN THE SEA "GLOOM FOLKLORE VS. SASCHA BLACH "GEYSTERGESCHICHTEN": POESIE UND LEIDENSCHAFT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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MANSIONS IN THE SEA "GLOOM FOLKLORE VS. SASCHA BLACH "GEYSTERGESCHICHTEN": POESIE UND LEIDENSCHAFT

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Zugegeben, der Autor dieser Zeilen kann den Vorwurf der Befangenheit nicht vollends entkräften. Schließlich verbindet ihn und Sascha Blach zumindest ein freundschaftlich-kollegiales Verhältnis. Über einige Jahre hat man beim gleiche Musikmagazin gearbeitet und auch mehrmals beim Wave-Gotik-Treffen zueinander gefunden und teilt die gleiche Leidenschaft für melancholische Klänge und tiefgreifende Lyrik.

Doch selbst wenn Sascha Blach und sein Wirken - unter anderem mit seinen Bands Eden Weint Im Grab oder Aethernaeum - nicht näher bekannt wären, kommt man nicht umhin, den Mann als passionierten Szenekünstler zu beschreiben, dessen Reichweite zwar nicht gigantische Ausmaße besitzt, seine Kunst dafür aber umso authentischer und greifbarer erscheint als bei manch anderer Stadion-Schwarztruppe, deren vorgespielte Schwermut ins Unglaubhafte zu kippen droht. Dabei zeigen sich die Nummern, die Sascha zusammen mit seiner Band Eden Weint Im Grab ersann, schon immer theatralisch, aber stets versehen mit einer Prise schwarzen Humor und der Leidenschaft, Geschichten zu erzählen.

Mit der Zeit kam die Weiterentwicklung. Aus dem schelmischen Gruselerzähler ist mittlerweile ein entspannter Sänger klassischen Gepräges geworden. Seine teilweise alerte Sangesdarbietung ist einem ruhigen, sonoren Timbre gewichen. Wo einst Dark Metal herrschte, ist nun bei seinem Soloprojekt Mansions In The Sea "Gloom Folklore". Der Albumtitel ist marketingtechnisch gesehen sicherlich keine schlechte Idee - Menschen brauchen Schubladen -, entspricht aber in diesem Fall zu 100 Prozent dem Inhalt des Longplayers.

Blach lässt Akustikgitarren, Banjos und Ukulelen erklingen, während hie und da Streicher und dezentes Schlagwerk eingestreut wird. Das reduzierte Instrumentarium setzt den Sänger in den Vordergrund, der in "Nighttrain Through The Countryside" und "In The Cornflower Field" auf bezaubernde Art und Weise Naturbeobachtungen mit (persönlichen?) Erfahrungen vermischt und so eine äußerst wehmütige Stimmung heraufbeschwört.

Daneben zeigt der Multiinstrumentalist seine Liebe zu Nick Cave. Wenigstens lässt "Reveries Of Snow" den Rückschluss zu, dass er von den Murderballads des Australiers und seinen Bad Seeds Notiz genommen hat. Einige Parallelen lassen sich auf jeden Fall herausarbeiten.

Am Ende aber - und das ist das entscheidende - bleibt Mansions In The Sea auch dank "Gloom Folklore" ein eigenständiges Projekt, das in seiner ruhigen, unaufgeregten und doch intensiven Art viel mehr Beachtung finden sollte, als es das bisher bekommen hat.

Und wenn der/die eine oder andere Lesende Gefallen an "Gloom Folklore" gefunden hat, sollte sich zusätzlich die "Geystergeschichten" von ihm einverleiben, die Sascha Blach auf der Seite seines eigenen Labels Winter Solitude anbietet. Es handelt sich dabei um die Vertonung verschiedener kurzer Prosastücke, die der Künstler bereits vor über einer Dekade als Buchform veröffentlicht hat und die auf den Songs der beiden "Geysterstunden"-Alben von Eden Weint Im Grab basieren.

Dabei ist die Realisation der "Geystergeschichten" als Hörbuch schon seit einiger Zeit auf der To-Do-Liste, doch, wie er es im sehr nüchternen, aber dennoch nicht unspannenden "Vorwort" erklärt, besaß er weder Zeit noch Muße, um dieses Projekt in Angriff zu nehmen. In ruhigem Tonfall und angenehmem Schmelz in der Stimme bekommen wir dort auch einen Skizzierung der Person Sascha Blach, der sich für seine Kunst einsetzt, sie ideologisch hochhält und einfach versucht, sie jeden Tag zu (er)leben.

In "Geystergeschichten" begeben wir uns mit dem Erzähler in Welten, die den klassischen Gothic-Duktus eines Edgar Allen Poe aufgreift und sich auch in Sprache und Sprachrhythmus nah an das vorvorherige Jahrhundert hinreicht. Der Erzähler tritt mit den Hörern den "Gang in ein modriges Beinhaus" an, lässt in "der ewige Bergmann" das Leben "unter Tage" noch dunkler erscheinen und bringt in der "Moritat des Leierkastenmanns" eine indirekte Antwort zu Johann Friedrichs Müllers bekanntem Poem "Der Leiermann".

Blach, der im "Vorwort" ebenfalls erklärt, dass seine Engagements als Hörspielsprecher wegen einer fehlenden Schauspielausbildung wenig ertragreich waren, variiert sein Organ gekonnt, berührt teilweise den Wahnsinn in den hohen Tonlagen und bringt das jenseitige Empfindungen in den Tiefen seiner Stimme hervor. Wie der Klappentext erklärt, habe er sich wieder vermehrt dafür interessiert, ein Hörbuch zu realisieren, als er seinem Sohn Gutenachtgeschichten vorgelesen hat. Eine gute Entscheidung, wie "Geystergeschichten" belegt. Kurzerhand wurden die "Geysterstunden"-Songs in einen Prosatext umgewandelt und -gedeutet.

Mit diesen zeitgleichen Veröffentlichungen hat Sascha Blach alias Mansions In The Sea einen kreativen Rundumschlag vollzogen, der ihn auf dem Zenit seines Könnens zeigt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 22.05.26 | KONTAKT | WEITER: MELANCULIA "POST MORTEM">

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COVER © WINTER SOLITUDE (MASIONS IN THE SEA, SASCHA BLACH)

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