4/26: LOWSUNDAY, GOLDEN HOURS, TO DIE ON ICE, DIE SAUNA, I AM THE FLY - HELLDUNKLES HÖRVERGNÜGEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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4/26: LOWSUNDAY, GOLDEN HOURS, TO DIE ON ICE, DIE SAUNA, I AM THE FLY - HELLDUNKLES HÖRVERGNÜGEN

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Wie war das mit den Totgesagten? Zumindest ist die Reaktivierung von Low Sunday Ghost Machine, mittlerweile nur mehr als Lowsunday firmierend, eine kleine Überraschung - wenn man das Glück hatte, die Band bereits früher kennengelernt zu haben. Um die Jahrtausendwende hat die Gruppe mit ihrer damals etwas unorthodoxen Verquickung von Shoegaze und Postpunk vor allem in ihrer Heimat Pittsburgh, aber auch darüber hinaus, Kultstatus besessen. Ihr Debut "Elesgiem" wurde von der Presse hochgelobt. Dennoch hörte Lowsunday auf, bevor es richtig losgehen sollte. Erst ein knappes Vierteljahrhundert später gehen Sänger/Musiker Shane Sahene und Bassist/Gitarrist/Drummer Bobby Spell wieder gemeinsame Wege. Neben einer Frischzellenkur für ihr bisheriges Oeuvre, erscheint mit "Low Sunday Ghost Machine White EP" ein Kleinformat, das bereits jetzt den Wunsch erweckt, es möge so schnell wie möglich noch mehr davon kommen. Vergleicht man nämlich die neuesten Songs mit jenen aus ihrer ersten Phase, wird schnell deutlich, dass sie sich von ihren einstigen Vorbildern wie The Cure gelöst und einen sehr eigenständigen Sound auf die Beine gebracht haben. Dieser zeichnet sich vor allem durch einen hohen Abwechslungsreichtum aus. "Nevver" beispielsweise lässt über ein stoisches Rhythmusprogramm schwindelige Gitarren hinwegfegen,  während Shane in einem Echomeer versinkt. Dieses fast schon rein zu nennendes Gothic-Feeling wird im Titelsong gebrochen. Wesentlich heller und poppiger kommt dieses Stück daher und lässt die Schwere des Openers vergessen. Ihre größten Momente feiert das Duo, wenn es sich in einen fatalistischen Modus begibt - zumindest musikalisch. Denn "Love Language" klingt als Titel ja ganz süß, doch sind die Akkorde nicht gerade dur-affin. Fazit: Lowsunday haben nichts verlernt und noch lange nicht fertig. Die "White EP" kann nur der Anfang gewesen sein.

Auch wenn Golden Hours mit "Beyond Wires" erst ihr zweites Album vorlegen, so liest sich die Vita der Mitglieder ziemlich beeindruckend. Engagements unter anderem bei The Gang Of Four, Tricky und The Brian Jonestown Massacre lassen Golden Hours fast schon als Szenesupergroup erscheinen. Entsprechend wirkt auch das Album wie eine Mischung aus genannten Acts, das sich am Ende aber ganz klar zu einem eigenständigen Konstrukt entwickelt. Im Kern purpurner Alternative-Rock, werden psychedelische Elemente dazugefügt, und auch Post Punk kann man in diesen mächtig nebulösen Klangbrocken ausfindig machen. Was beim ersten Lesen wie ein heilloses Stildurcheinander anmutet, klingt aber erstaunlich griffig und anheimelnd. Das liegt vor allem an die großartig arrangierten Melodien, die sich wie bei "Arctic Desert" hypnotisch aufbauen und einen nicht mehr so schnell loslassen. Besonders wenn wie bei "The Letter" oder "The Same Thing" mit angeschmirgelter Stimme gesungen wird, kann man sich an Mark Lanegan oder Swans erinnert fühlen. Es gibt sicherlich schlechtere Vergleiche! Golden Hours lieben das Spiel mit dunklen Farben und steht bei "Book Of Lies" mit seinen effektbeladenen Gitarren dem Psy-Rock sehr nah. Dass "Beyond Wires" aber auch in der "schwarzen Szene" seine Anhänger finden wird, liegt vor allem an der extrem nihilistisch wirkenden, von einer nach unten ziehenden Schwere, bei der jedes Leben in den Hades zu münden scheint. Doch, und auch das gehört zur Wahrheit von The Golden Hours: Dort unten scheint es ganz gemütlich zu sein. Schließlich wirken die Stücke nie schicksalsergeben sondern fast schon entspannt abgeklärt. "Pray For Darkness" deutet es als Titel schon an. Das Lichtlose besitzt auch seinen Reiz, den Golden Hours wohl hoffnungslos verfallen ist.

Hallelujah, es gibt ein neues Genre: Lynch-Core. So nennt das aus Italien stammende Künstlerkollektiv To Die On Ice ihren Sound. Bei der Proklamation einer neuen Spielart geht der gemeine Musikjournalist sofort auf Habachtstellung. Oftmals entpuppen sich solch hochtrabende Nachrichten meist als viel Rauch um Nichts. Bei To Die On Ice ist die Sache eine andere. Natürlich ist ihr dunkler Hybrid aus doomigem Jazz, angedeutetem Blues und explosivem Hardcore nicht unbedingt eine Neuerfindung. Aber die Idee, den im letzten Jahr verstorbenen Regisseur und Drehbuchautor in den Spartennamen mit einzubeziehen, macht durchaus Sinn. Wer die Filme "Blue Velvet" oder "Lost Highway" gesehen hat, wird eine ähnliche Stimmung auf "Panoramica Degli Abissi" ausmachen können. Denn wie die Psychothriller des Amerikaners, besitzen auch die Songs auf dem Album von To Die On Ice einen surrealistischen Touch, hervorgerufen durch eine unkonventionelles Arrangements, bei denen beispielsweise wie in "Nerofumo" ein Saxophone wie aus der Ferne aufgenommen klingt. Ein Großteil der 13 Songs sind Instrumentale, nur manchmal sind (Gast)musiker zu hören; überraschenderweise fügen sich melancholischer Gesang und Shoutpassagen ("L'Insonnia", "Un'estate") in direkter Nachbarschaft sehr gut in das gesamte künstlerische Konstrukt, das sicherlich auch die entsprechende Resilienz vom Publikum verlangt. Die fast schon schmerzhaft langsamen Rhythmen lassen die Zeit wie zähflüssiger Honig dahinstreichen, lediglich "Un Sottomarino Teriibile O Un'astronave Inarrestabile" entreißt sich der allgemeinen Lethargie. "Panoramica Degli Abissi", zu deutsch etwa: "Blick in die Tiefen", ist ein infernalisches Endzeitalbum, das als Gesamtkunstwerk mit Buch und VHS(!) erworben werden kann.

Aus dem Dunkel ins Licht geht es mit Die Sauna, die im malerischen Schliersee in Bayern beheimatet sind. Von dieser Alpenlandidylle ihrer Heimat war bei ihren ersten beiden Alben "So schön wie jetzt war es noch nie" (2019) und "In die Nacht hinein" (2022) nicht viel zu hören, und auch ihr dritter Streich "Tut beni" wühlt genüsslich im Traurigkeits-Sound von Joy Division und Konsorten herum. Aber dennoch sind Songs wie "Ich liebe Dich" und "Irgendwann" offener, zugänglicher und fast schon optimistisch gestimmt. Aber schon beim Eröffnungsstück "Ein neuer Strand" riechen wir die Sonnencreme und fühlen wir die warmen Strahlen auf der Haut. Dieses Bild wird beim psychedelischen Zwischenspiel "Am Meer" noch verstärkt. Eine entrückte Orgel und der leicht bekiffte Gesang lassen das Urlaubsfeeling wie durch Milchglas erscheinen. Der maritime Besuch avanciert zu einem Happening, in dem sich Zeit und Raum aufzulösen scheinen und alles in einer hellen Masse kulminiert, bei dem das Individuum von seiner Existenz losgelöst wird und zu schweben beginnt. Der Albumtitel, der nicht mutmaßlich "alles gut" bedeutet, sondern aus dem türkisch für "halte mich" steht, ist ebenfalls stellvertretend für die sanfte Neuausrichtung der Gruppe, die dem Zwischenmenschlichen mehr Raum für Optimismus gibt. "Durch Deine Augen" perfektioniert dies mit einem fluffigen Dream-Pop, in dem das lyrische Ich, in einem Tagtraum verlierend, sich darüber Gedanken macht, mit den Augen seines Gegenübers die Welt zu entdecken. Die Sauna haben die Liebe und Sorge für einen anderen Menschen entdeckt und dies auch musikalisch umgesetzt. Vor allem im letzten Drittel öffnet sich der Sound immer mehr und markiert eine neue Entwicklungsstufe der Band, die in den letzten Jahren kontinuierlich an Relevanz gewonnen hat.

Da schwirren sie wieder, die beiden Fliegen! Musca domestica ♂ und Musca domestica ♀ tauchen erneut mit ihrem eigenwilligen Sound auf, den sie als I Am The Fly auf die Hörer loslassen. Grob als Synthpunk umschrieben, bieten die Songs des enigmatischen Duos, das sich in der Öffentlichkeit und auf den Gigs nur mit Fliegenkopfmasken blicken lassen, tatsächlich ein Gefühl "like it's 1978". Dabei darf "Punk" ruhig dreimal unterstrichen werden. Nicht, weil sie ordentlich rotzig klingen, sondern weil sie sich gegen sämtliche Gepflogenheiten der gängigen Veröffentlichungspolitik einer Band mit dem Status des Geheimtipps auflehnen. I Am The Fly arbeiten in kompletter Eigenregie, was ihren Output überschaubar gemacht hat: In sechs Jahren gab es bislang ein Demo, eine EP namens "Pattern/Function" sowie eine Single. Nun ist die zweite Single erschienen, sinnigerweise nur "2nd  Single" betitelt. Und wer sich bereits mit dem Klangkosmos der musizierenden Sechsbeiner beschäftigt hat, wird sicherlich wenig überrascht sein, was er geboten bekommt. Denn das Instrumentarium ist spartanisch: eine alte Orgel, eine Drummachine aus der Synthesizer-Steinzeit und ein Bass. Sie sind die einzigen Klangerzeuger. Damit ist der tönerne Rahmen schnell abgesteckt. In wahnwitzigem Tempo rauschen die Songs dank verzerrtem Gesang, pluckernden Beats und kreischendem Tasteninstrument wie ein Marschflugkörper an die Hörerschaft vorbei. Auch wenn es klanglich keine Überraschungen gibt, so bleibt doch weiterhin die Energie hoch. "Inertia" beginnt mit einem Alptraumriff auf der Orgel, "This Is The Land Of The Fish" nimmt keine Gefangenen und arbeitet sich stringent durch einen intelligenten Melodiebogen und "The Five Body Problem" besitzt fast schon eine psychedelische Schönheit. Die Guerilla-Taktik bei I Am The Fly hat sich bewährt. Wenige, kurze, aber heftige Songs zeichnen "2nd Single" aus. Bitte auch ein Album veröffentlichen! Dann werde ich auch keiner Fliege je wieder was zu Leide tun.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 16.03.26 | KONTAKT | WEITER: JAHRUND "INVERTED PARADISE">

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