CHRISTIAN FIESEL "STATE OF AN UNBORN UNION" VS. SIMONA ZAMBOLI "HYBER NATION": UNDURCHDRINGBARE KLANG(T)RÄUME - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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CHRISTIAN FIESEL "STATE OF AN UNBORN UNION" VS. SIMONA ZAMBOLI "HYBER NATION": UNDURCHDRINGBARE KLANG(T)RÄUME

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Ein typischer Fall von Understatement: Christian Fiesel meldete sich bei UNTER.TON, um seine neue Doppel-CD "State Of An Unborn Union" zur Besprechung darzureichen. "Elektronische Musik" mache er, mit Hang zum Cineastischen. Tatsächlich ist dem Autor dieser Zeilen der Musiker bereits ein Begriff, da er auf einem Sampler des hochgeschätzten Berliner Labels Klangwirkstoff vertreten war (mit dem Stück "Sonnensystem III"). Seine Reaktion darauf: bescheidene Freude, dass man seinen Namen kennt.

Gibt man den Namen Christian Fiesel aber in eine bekannte Suchmaschine, wird deutlich, dass der Mann durchaus seine Bewunderer hat. Verschiedene Online-Portale berichten regelmäßig über seine Kollaborationen und Eigenarbeiten, Interviews hat Christian Fiesel auch schon gegeben. Entgegen seiner Aussagen ist der Musiker also kein unbeschriebenes Blatt mehr. Beim Hören seiner Doppel-CD "State Of An Unborn Union" ist das auch nicht verwunderlich.

Hier kulminiert das Wissen eines Mannes, der seit rund zwei Dekaden musikalische Experimente vollführt. Schon seine früheren Werke suchten nach der klanglichen Besonderheit. Nun erlebt der Hörer eine intensive Reise in eine Soundlandschaft mit hohem Kopfkino-Faktor. Die Hauptzutat dafür ist sicherlich nicht neu: flächige Drones, die Melodien nur erahnen lassen und den Fokus auf eine undurchdringliche Stimmungslage setzen - klassischer Dark Ambient also. Und doch lassen sich dann und wann Ausflüge in andere Gefühlsebenen ausmachen.

Vor allem auf der zweiten CD steht der Aspekt der artifiziellen Klangmodulation im Vordergrund. Da wirkt dann auch "The Rocket That Never Started" mit seinen kristallinen Synthieflirrereien wie einer dieser frühen Nummernn von The Human League, oder wie ein anspruchsvollerer Song für die Zeichentrick-Serie "Captain Future". Und auch "Monotony", dessen Titel eigentlich das Gegenteil des Gehörten beschreibt, könnte aus den Anfangstagen der sich formstark etablierten Berliner Schule stammen.

Ansonsten verlässt sich Fiesel auf sein untrügliches Gespür für die Spannung weit gezogener Klangteppiche, die er kunstvoll verwebt, überlagert und gegenüberstellt. Er kostet seine Stücke teilweise voll aus, sodass beispielsweise "Up And Closer" auf 20 Minunten anschwillt, ein Spannungsabfall in der Komposition ist aber nicht auszumachen.

Beeinflusst von klassischer Score-Musik, bauen die Songs auf "State Of An Unborn Union" die Kulisse für einen kosmischen Trip auf, in der es von Milchstraßen, Galaxienhaufen und Schwarzen Löchern nur so wimmelt.

Übrigens: Kurze Zeit, nachdem Christian Fiesel bei der Redaktion vorstellig wurde, erreichte uns auch eine Mail aus Bella Italia, genauer: aus der Modestadt Mailand. Simona Zamboli lebt dort. "I play and produce electronic music",  so ihre ebenfalls knappe Ausführung. Keine Selbstbeweihräucherung, kein überschwänglicher Promotionstext, lediglich eine beigefügte Rezension des aktuellen Albums "Hyber Nation", das bereits im Juni 2020 das Licht der Welt erblickte.

Same same but different: Ähnlich wie Christian Fiesel ist auch Simona Zamboli seit längerer Zeit tätig, ihre klanglichen Visionen stoßen aber noch stärker die Türen ins klangliche Chaos auf. In ihren eingängigsten Momenten lieferte sie bereits Material für eine Retro-Italo-Disco-Band namens Diva. Als Autodidaktin, die Zamboli ist, nutzt sie die Synthesizer aber lieber als Quelle schräger Klänge, die sie collagenhaft zusammenführt und so abstrakt klingende Kompositionen erschafft, die den rohen, naiven Charme der Synthesizer-Pioniere besitzt, als die elektronischen Klangerzeuger zunächst vor allem Quelle für neue Geräusche der Zukunft waren.

Bei "Hyber Nation" pfeift, zischt, fiept, surrt und knurrt es gewaltig. Dieser tönerne Kriegsschauplatz wird kaum zusammengehalten von ein paar verprengten Beats. Harmonien? Wohlklang? Fehlanzeige! "Hyber Nation" ist wie ein künstlerisches Statement zu unserer Zeit. In Zambolis Kompositionen manifestiert sich die musikalische Überführung einer gesellschaftlichen Desorientierung in Zeiten von Pandemie und "New World Order". Alte Werte verlieren ihre Bedeutung, neue kommen hinzu. In Zeiten gesamtsozialer Umwälzungen ist ihre Musik auch ein Stück weit ein Spiegel der Zeit.

Das digitale Störbild des Albumcovers lässt keine eindeutige Indentifizierung mehr zu, so wie unser Leben in digitalen Welten immer mehr zu verschwinden scheint, gleich einem weißen Rauschen in einer amorphen Blase. Da wirken Zambolis eckige Nummern wie Wurfgeschosse und scharfe Munition gegen die sich überall einschleichende Gleichgültigkeit.

Die alte Zeit nimmt nur noch als romantische Pianomelodie im abschließenden Titelsong Gestalt an. Diese ist aber wie von zersetzender Säure ummantelt. Gleich einem alten Stummfilm, dessen Bildqualität über die vielen Jahrezehnte gelitten hat, wirkt auch dieses zweieinhalbminütige Stück wie ein Fragment aus einer anderen Zeit, die so nicht mehr zurückkehrt und uns wehmütig stimmt
.

Simona Zamboli und Christian Fiesel - zwei Avantgardisten und Klangsucher, die sich deutlich von der kommerziellen Nutzung der Musikmaschinen abgrenzen und so Räume eröffnen, in denen geträumt werden darf von der Undurchdringlichkeit der musikalischen Möglichkeiten. Ihre Ansprüche an sich selbst, aber auch an ihre Hörer sind hoch. Ihr Ruf als großartige Ausnahmeerscheinungen aber auch.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 22.01.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 2/21>

Webseite:
www.facebook.com/christian.fiesel
www.simonazamboli.com


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COVER © DATABLOEM (CHRISTIAN FIESEL), SILENT METHOD RECORDS (SIMONA ZAMBOLI)

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