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SEASURFER: GEGEN DEUTSCHE KOPFMUSIK

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RUBRIK: HINTER DER MUSIK > IM PROFIL

Das Bild des geschassten Propheten im eigenen Lande zu bemühen, mag platt sein. Bei der deutschen Formation Seasurfer allerdings bleibt einem nichts anderes übrig, als in dieser Form über sie zu berichten. Denn während die im klassischen Shoegaze beheimatete Band um den kreativen Kopf Dirk Ritter ihre Fans über den ganzen Erdball verstreut hat, nehmen hierzulande höchstens die Discjockeys wohlwollend Notiz vom Trio. Und da ihre Stimmen die Deutschen Alternative Charts beeinflussen, findet man Seasurfer also dort häufig an. Allein, es füllt nicht die Kassen der Musiker. Das erste Album "Dive In" (Plattenkritik hier) fristet in Deutschland daher ein eher unbeobachtetes Dasein. Für Dirk ist das aber kein Problem.

"Die Frage ist doch, wie man Erfolg definiert", erklärt der Musiker im intensiven Gespräch mit UNTER.TON. "Nach Verkaufszahlen? Nach Facebook- oder Youtube - Klicks? Ganz sicher nicht! Im Indiebereich geht es eher um das eigene Leben. Was würde man ohne seine Band machen? Es ist einfach cool, Musik zu veröffentlichen – wie ein Maler, der Bilder in die Galerie stellt. Das Leben ergibt dadurch einen Sinn. Solange ich meine Songs spielen und viele interessante Leute treffen kann, ist das Fazit immer positiv." Er weiß, wovon er redet. Schließlich sammelte Dirk schon vor mehr als 20 Jahren musikalische Erfahrungen mit Dark Orange. Unvergessen bleibt die sehr eigenwillige Interpretation von Simon & Garfunkels "Sound Of Silence". Damals schwammen sie auf der Dream-Pop-Welle mit und veröffentlichten "Oleander" (1991) und "Garden Of Poseidon" (1993) - zwei Alben, die zu den Schönsten des Genres zählen.

Für das neue Projekt Seasurfer holte Dirk Sängerin Dorian und Bassist Mikel ins Boot. Die aus Hamburg, Berlin und Bayreuth stammenden Musiker zeigen einen unbedingten Willen zum druckvoll-verhallten Gitarren-Sound. Und so wird aus Dreampop plötzlich Dreampunk. Namen sind für Dirk jedoch nur Schall und Rauch – die Idee zu dieser Bezeichnung kam ihm spontan und blieb einfach bestehen. Seine Leidenschaft gilt mehr der Sache. "Punk war ja nie nur ein Sound", setzt der Musiker an. "Jello Biafra von den Dead Kennedys sang mal: 'Punk means thinking for yourself!'. Genau darum geht's: Nicht alles fressen, eigene Meinung bilden, Haltung bewahren, Vielfalt und Andersartigkeit als eine Bereicherung verstehen. Das klingt heutzutage abgedroschen, aber es ist doch so." Hört sich in der Tat äußerst pathetisch an. "Klar, auch mal Karlsquell aus der Dose zu trinken gehört dazu", feixt Dirk am Ende seines Plädoyers dann doch noch. Seine bedingungslose Liebe zum Punk als Lebenseinstellung ist aber nicht von der Hand zu weisen. "Musikalisch bin ich damit groß geworden. Ich habe sie alle gesehen: UK Subs im kleinen Hamburger 'Graffiti' 1982, die Hosen mit den Goldenen Zitronen in der 'Fabrik', Bad Brains und Peter & The Test Tube Babies in der 'Markthalle'... Das prägt schon."


Mit der Veröffentlichung von "Dive In" traf das Dreiergespann offensichtlich den Nerv der Kritiker – allerdings nicht hierzulande. Die meisten Rezensionen stammen aus Amerika, England, Peru oder Italien. Nach Dirks Empfinden werden seine Klänge – aller Rückendeckung der DJs zum Trotz – in der Heimat eher belächelt. "Ich glaube, dass in Deutschland primär Kopfmusik ernst genommen wird", analysiert er. "Für Träumerei und Spiritualität ist hier wenig Platz – zumindest in der Musikpresse. Es sei denn, du kommst eben nicht aus Deutschland. Irgendwie ganz schön armselig." Aus diesem Frust heraus richte sich der Blick daher zwangsläufig gen Übersee. Die größte Fangemeinde verbuchen Seasurfer vor allem in England und den USA. "Wir haben hier womöglich generell einen Minderwertigkeitskomplex, und die Journaille kann sich dem nicht entziehen", beanstandet Dirk weiter. "Es steckt ja in einem drin. Überhaupt wird Musik aus dem eigenen Land grundsätzlich anders beurteilt, als jene aus dem Ausland. Außer, es handelt sich um offensichtlich intellektuelle Künstler oder Gruppen, die einer momentan trendigen Bewegung angehören, wie beispielsweise der Hamburger Schule oder ähnlichem. Aber ehrlich gesagt ist mir das ziemlich egal. Wir machen unsere Musik nicht nur für Deutschland und können die Ignoranz ganz locker nehmen."

In der Tat sollten sich Seasurfer angesichts ihres vor Spielfreude überbordenden Debüts nicht kleiner machen als sie sind. Allerdings wurde jeder der Songs bei den Aufnahmen auf Herz und Nieren geprüft. "Die Frage, ob wir nicht in den Stücken über das Ziel hinausschießen, fiel oft. Soll die Stimme wirklich so verhallt, der Bass so laut, die Drums so leise und die Gitarren so mächtig sein? Am Ende haben wir gesagt: Wir machen alles, was uns gefällt, und es ist uns egal, ob man das eigentlich dezenter machen würde" Bestes Beispiel ist das Schlussstück "Fireworks", das mit lautem Geknalle von Raketen und Böllern endet. "Ich habe über dieses Stück mit Robin Guthrie von den Cocteau Twins gesprochen. Auch er sagte: 'Macht das, das passt! Und kümmert Euch nicht darum, was andere Leute denken.'" Apropos Guthrie: Er war zunächst für das Mastering des Albums verantwortlich, aber die Band war mit dem Ergebnis nicht zufrieden, da seine Endabmischung nach Dirks Aussage "zu wenig Dreck" enthielt – einmal mehr ein Beleg dafür, dass Seasurfer bei aller Überlegung ein klares Ziel vor Augen haben.

Auch wenn Dirk und seine beiden Mitstreiter also eher über den großen Teich schauen, hoffen sie weiterhin auch auf eine zunehmende Akzeptanz ihrer Kunst in Deutschland. "Die Szene ist auf jeden Fall da, und sie macht Spaß. Ich habe viele gute Gespräche über Musik, Fußball und das Leben gehabt", zeigt sich Dirk erfreut, um im selben Moment wieder kritisch zu werden. "Kennt hier jemand noch Malory aus Dresden? Die waren gut, haben aber leider aufgehört. Das 'Shoegazerfestival' in Bielefeld fiel mangels Interesse aus." Das spricht eher gegen die Fangemeinde dieser Musikrichtung. "Heutzutage ist es aber möglich, weltweit Musik zu machen. Da spielt es keine Rolle mehr, woher man kommt. Das ist für mich die positive Entwicklung."

|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 29.07.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: CLICK CLICK >>


Offizielle Website:
https://www.facebook.com/seasurfer

FOTOS ©  JOACHIM BOEPPLE.

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