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8/17: STYLE SINDROME, L'AVENIR, FEEDING FINGERS, SUPERNOVA 1006, LØD - NEUE KALTE WELLE

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Als Punk im vergangenen Jahr seinen 40. Geburtstag feierte, gratulierten die Musikgazetten mit großem Überschwang. Ob die mediale Feierlaune auch für die Schwarze Szene anhalten wird, bleibt fraglich, steht doch das bittersüße Schwarzsein als nihilistisch-apolitisches Antidot nicht gerade hoch im Kurs der etablierten Musikmagazine, die gerne politisierend und philosophierend sich ihren eigenen tönernen Elfenbeinturm zusammensalbadern. Wenigstens beschenkt sich das Genre gerade selbst. Mit Rückbesinnung auf die schwermütigen Sounds der ersten Stunde. Cold Wave gewinnt wieder an Bedeutung.

Für Style Sindrome kommt dieses Revival alles andere als unpassend. Der Grund: Das römische Projekt gründete sich auf dem Höhepunkt der ersten Gothic-Welle Anfang der 1980er und konnte wenigstens regional als eine substantielle Tiber-Version von Siouxsie & The Banshees durchgehen, was allen voran Anna Di Stefano geschuldet ist, die in ihrer Stimme Lolita-Unschuldigkeit mit melancholischer Grübelei und schwarzromantischer Grandezza paart, ganz der großen Madame Sioux nachahmend. Über die Jahre kam es immer wieder zu Auftritten und Demo-Aufnahmen, die aber erst 30 Jahre später als "A Mysterious Design" zusammengepackt auf einem Tonträger erschienen. Nähme man es ganz genau, ist "Far" sozusagen das Debüt der Italiener. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte man der Band attestiert, dass sie eine ästhetische Platte herausgebracht haben, die allerdings drei Dekaden zu spät erscheint. So aber lassen sie die Kunst der Alten Wave-Schule dank ihres langjährigen Wissens in neuem Glanz erstrahlen. Selbst ein Saxofon, das 80er-Instrument schlechthin, knattert herrlich durch die Eröffnungsnummer "Wish". Wirft man einen Blick auf das aktuelle Bandfoto auf deren Internetseite, sieht man vier Männer und eine Dame - alle im gesetzten Alter und augenscheinlich in sich ruhend. Diese Gelassenheit überträgt sich auch auf "Far", obgleich die neun Stücke alles andere als altersmilde wirken. Im Gegenteil: Di Stefano besitzt immer noch eine mädchenhafte Stimme und ihre Jungs treiben die Nummern durch ein geschmeidiges Zusammenspiel aus Bass, Gitarre und Schlagzeug voran. Der Einsatz von Synthesizern bleibt relativ dezent. Nur bei "Eldorado Bay" dürfen schummrige Sequenzen die Nummer markant einleiten. "Far" ist ein granitenes Gothic-Statement, ein kajalgeschminktes "Ja" zur Traurigkeit. Style Sindrome verkörpern die pure Lust an der Niedergeschlagenheit. Und das in einer Art, die heutzutage fast vergessen scheint.

Aber eben nur fast. Denn ein gewisser Jason Sloan, hauptberuflich Professor am Maryland Institute College Of Art in Baltimore, lässt unter dem Namen L'Avenir analoge Maschinen hochfahren, die astreinen Vintage Wave im Minimalkorsett produzieren. Auch er scheint wie aus der Zeit gefallen. Auf "Soir" elektrisiert die kühle Noblesse eines John Foxx gepaart mit der Düsternis des Clan Of Xymox die Stücke. Es erscheint daher fast schon wie ein schelmisches Augenzwinkern, dass er sein Unterfangen L'Avenir, zu deutsch: Die Zukunft, getauft hat. Anachronistischer klingt tatsächlich kaum ein aktuelles Cold-Wave-Projekt, die momentan in großer Menge aus den Böden sprießen. Würde man es nicht genauer wissen, könnte "Soir" auch als ein verschollenes Werk aus den frühen 1980ern glatt durchgehen. Kritiker mögen darin den erheblichen Mangel an Kreativität erkennen. Das ist allerdings eine stramme Verkennung der Sachlage. Denn wie sehr eine Nummer auch "retro" sein mag: solange sie stimmig ist, besitzt sie eine Daseinsberechtigung. Wie bei "Desert", der mit trocken-porösem Beat beginnt und aus den Tiefen eine blubbernde Arpeggiolinie herauszieht, die schließlich wie eine Fontäne an die Oberfläche tritt und den beschwörenden Gesang Sloans trägt. Das Prinzip der konzentrierenden Redundanz greift auch perfekt in "Silent Shouts", das die fünfeinhalb Minuten des Stücks wie im Flug vergehen lassen. Ein bisschen Wehmut angesichts dieser perfekten Nachahmung sei L'avenir gestattet: "What Happened To Yesterday?" fragt Sloan, ohne dabei seine Aussage zu konkretisieren. So durchgestylt wie dieses Lied klingt, mag diese Frage aber auch mit Blick auf die heutige Musiklandschaft gestellt sein. Denn keine noch so glatte Prouktion vermag die eigentümliche Wärme analoger Synthesizer heraufbeschwören. "Soir" ist gelebte Nostalgie mit Mut zur Träne im Knopfoch.

Mittlerweile ist die Masse an Gruppen und Musikern, die gehört werden wollen, unüberschaubar groß - und dank solcher Plattformen wie Bandcamp erreichen die Veröffentlichungszahlen pro Woche schwindelerregende Höhen - gerade die unabhängigen Szenebands nutzen das Internet als virtuelle Bühne um ihr Können (oder manchmal auch Nichtkönnen) unter Beweis zu stellen. Da fällt dann auch schon mal eine Band hinten über, die es eigentlich verdient hätte, noch stärker in den Fokus gerückt zu werden. So wie Feeding Fingers, ein sehr freigeistiges Projekt des Vollblutmusikers Justin Curfman, der sage und schreibe schon seit zehn Jahren unterwegs ist, um seine traurig-schönen Weltansichten dem geneigten Melancholiker zu kredenzen. Doch in den Szenegazetten fielen nie oder nur wenige Worte darüber, obgleich der klassische Dark Wave, den Feeding Fingers bedienen, in Melodien größter Innerlichkeit gegeossen werden, die auch immer den Hörer eingedenken. Schlichtweg "Compendium" betitelt, birgt das 17 Songs starke Werk aber keine bloße Aneinanderrreihung von bereits veröffentlichtem Material. Jeder Song erhielt als persönliches "Geschenk" von Justin ein Remastering, sodass auch ältere Stücke frischer und aktueller klingen. Curfman, gesanglich irgendwo zwischen Robert Smith von The Cure und Chris Martin von Coldplay verankert, lässt seinen poetischen Wörtern freien Lauf. Allein die Titel sind zum Zungeschnalzeln: "I Drink Disappearing Ink", "I Promised To Build You A Machine", "Fireflies Makes Us Sick". Bei Feeding Fingers geht es zumindest lyrisch immer eine Ecke verdreht zu, musikalisch jedoch zeigt sich Justin Curfman unaffektiert und geerdet. "Compendium" bietet dafür den perfekten Überblick. Bei Gefallen empfiehlt sich übrigens die drei Vinyl starke Veröffentlichung "Attend" von 2016, um vollends in medias res zu gehen.

Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass Cold Wave zur lächerlichen Old Wave Nummer verkommt mit dem einzigen Ziel, den Fundamentalnostalgikern ihre dürren Bäuche zu kraulen. Jede Spielform will Veränderung, und es muss anscheinend erst ein Duo aus Russland - also nicht gerade dem Geburtsort dieses Genres - antreten, um aufzuzeigen, was in dieser Sparte noch alles an Überraschungen möglich sind. Supernova 1006 entsprang dem regen Geist von Andrey Yukhovich, der sich zusammen mit seiner aktuellen Mitstreiterin Elizabeth Dolgikh bestens darauf versteht, das bestehende Wave-Skelett neu anzukleiden. Dabei folgen die beiden auf ihrem aktuellen Langspieler "Unique World" dem Motto "weniger ist mehr". Anstelle groß angelegter Melodiebögen, dampfen Supernova 1006 ihre Nummern auf ein Destillat ein, das in konzentrierter Form etwas gleichermaßen mystisches und bedrohliches erhält. Die eiernden Gitarrenriffs gehen eine verheißungsvolle Liaison mit dem Schreiflüstern Andreys ein und erzeugen zusammen eine albtraumhafte Atmosphäre, die bei "Dope" höchste Intensität und Dringlichkeit besitzt. Ein postindustrielles Shoegaze-Wave-Kleinod wird hier zutage gefördert, das für sich genommen etwas ganz eigenes darstellt. Doch Supernova 1006 kann auch Club: "Photons" ist eine makellose Tanznummer, die mit einer unwiderstehlichen Synthie-Basslinie die feste Grundlage bildet, auf der Andrey seinen Text mit Vehemenz und Coolness zu gleichen Teilen vorträgt. Und noch etwas macht das Duo aus Sankt Petersburg aus: ihr zügelloses Spiel mit gängigen Songstrukturen, die wiederum auch den Hörer fordern. So mag der energetische Beat in "Science Of Bones" zwar eine klare Reminiszenz an die Deutsch Amerikanische Freundschaft sein. Zu doof allerdings, dass das vermeintliche anderthalbminütige Intro schon der ganze Song war. "Unique World" dekonstruiert den Cold Wave, um ihm gleichzeitig neu zu erschaffen. Ein wichtiger Schritt, um nicht in eine stilistische Totenstarre zu verfallen

Mit einer ähnlich leidenschaftlichen Neuauslegung bestehender Cold-Wave-Vorgaben präsentieren sich Lød. Ihre erste EP "Folder" verabschiedet sich gleich mal von gängigen Schemata. Die vier Songs kommen selten unter fünf Minuten aus, werden in ihrer Muttersprache dänisch vorgetragen und pfeifen auf jegliche Form der Konsolidierung mit dem Publikum. Ob es an der Nähe zu unserem Land liegt, dass die Band so krautrockmäßig deutsch klingt? Schon "Så Blå" erinnert überdeutlich an Neu! Allen voran der Motorik Beat in diesem Stück läßt gar vermuten, die Seele Klaus Dingers sein in Drummer Mads Uldum gefahren. Im Laufe des Stücks wandelt sich sein psychedelischer Charakter und gleitet in ein düsteres Stimmungsbild, das dem von Joy Divisions "Transmission" nicht unähnlich ist. Nicht zuletzt verortet das eindringliche, alerte Organ von Søren Gade die Jungs beim Punk, aus dem ja Cold Wave bekanntermaßen entsprungen ist. Wie ihre erste Generation, so nutzen Lød auch die verqueren, leicht surrealistischen Soundscapes eines Synthesizers, um den Kunstgedanken in der Musik weiterzudenken. "Træder in, bukker. bukker" verzichtet auf eine ordnende Rhythmussektion und lässt die Keyboards einen sphärisch-bedrohlichen Klangteppich stricken, der den Synthesizer-Fingerübungen obskurer Garagen-Bands aus den frühen 1980ern gleicht. Auch mit "Fælled" praktizieren die Dänen den imaginären Schulterschluss mit all den skandinavischen Bands, die in den 1980ern eine veritable autarke Szene bilden konnten. Einige davon erspielten sich eine treue Fangemeinde im Heimatland, blieben aber im internationalen Vergleich ohne Chance. Rund 40 Jahre später haben sich die Vorzeichen geändert. Das Internet macht es möglich, simultan die ganze Welt mit seinen Werken zu bespielen. Das könnte auch die Chance für Lød sein, die mit "Folder" vier vielversprechende Nummern auf die Öffentlichkeit loslassen. Mal sehen, was da noch so kommen wird.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 28.08.17 | KONTAKT | WEITER: FERROCHROME "MEDUSA WATER">

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Webseiten:
www.stylesindrome.it
www.l-avenir.us
www.feedingfingers.net
supernova1006.bandcamp.com
www.facebook.com/loedkbh


Cover © Xx92 Records (Style Sindrome), Cold Beats Records (L'Avenir), Feeding Fingers, Other Voices Records (Supernova 1006), Tough Love Records (Lød)

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