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REAL "AVALON" VS. CREATING.PARADISE "GRAND DAY OUT": 1995 IST JETZT!

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Davor war markiger EBM, danach knallharter Hellelectro. Dazwischen jedoch transformierte sich die elektronische Musik in den mittleren 90ern, angetrieben vom belgischen New Beat und auch teilweise schäbigen Euro-Dance als Gegenentwurf.

In dieser Phase, in der sich kurzlebige Spielarten wie Dark Electro oder Industrial-Electro herauskristallisierten, die vor allem in der Schwarzen Szene seine treuen Anhänger finden sollte, erreichte die elektronische Klangerzeugung eine erfreuliche Vielschichtigkeit.

Auch ein gewisser Jens Nagel hat in dieser Zeit mit dem Musik machen begonnen. Erfolg hatte er in bescheidenem Rahmen als Teil der Band Phase V, die sich aber mehr im Crossover-Bereich aufhielt. Danach vergingen mehrer Jahre in absoluter Funkstille. Doch wer einmal Musik macht, wird nicht mehr damit aufhören. Und jetzt, in diesem schicksalshaften Jahr, hat Jens mit Real sein Solo-Projekt gestartet - sicherlich nicht der leichteste Start
.

Zumal "Avalon" in seiner musikalischen Ästhetik sehr viel Nostalgie versprüht und man sich ohne Uwege in die 90er-Jahre zurückversetzt fühlt, die in der Retrospektive vielleicht so freiheitlich waren wie davor und danach nicht mehr. Sein in fast kompletter Eigenregie produziertes Debüt erinnert nicht von ungefähr an die schummrigen Synthesizer-Perlen solcher Namen wie LDC, Eco, U-Tek und dergleichen mehr. Bei ihnen lebte der teils skurrile Geist der Neuen Deutschen Welle in einem neuen rhythmisch-technoiden Korsett wieder auf. Bei Real ist das erfreulicherweise nicht anders.

Denn schon in "Goldene Ketten" besinnt sich das Projekt auf die klare Stringenz erfolgreicher Tanznummern für die Düsterclubs. Eine durchgehende Basslinie massiert dabei sowohl Eingeweide als auch Beinmuskulatur des geneigten Hörer aufs Vortrefflichste. Die selben Reminiszenzen finden wir auch in "Zu klein", das sich ebenfalls auf ein musikalisches Thema festlegt und durch stete Wiederholung transzendiert.

Das tanzbare Moment verformt und variiert Jens Nagel. Sowohl "Balance" als auch der Titelsong nehmen zwar die Geschwindigkeit aus den Kompositionen heraus, dennoch bleiben die Stücke immer noch "groovy" genug, um auch auf der Tanzfläche zu funktionieren. Das Konzept geht aber erst beim achtminütigen Abschluss "Nachts" auf. Die Vertonung des Textes von Franz Kafka besitzt durch die epische Länge die benötigte Zeit, um sich frei zu entfalten. In diesen experimentellen Momenten offenbart sich Real als ein Projekt, das eine spannende Wandlungsfähigkeit besitzt. Sicherlich auch das Ergebnis der Erfahrung aus mehr als 20 Jahren Musik.

Mit ähnlich großem Wissen schicken die beiden Björns (Mühlnickel und Honert) alias creating.paradise ihr neues Werk "Grand Day Out" ins Rennen. Allerdings ist ihr Sound ganz deutlich an einen kühlen Industrial-EBM angelegt, bei dem unweigerlich gleich mehrere Bands als Reminiszenzen im Gehirn aufploppen. Die eisige Stimmung ihrer Melodien erinnert an die Frühphasen von Evils Toy, Covenant, Neuroticfish oder auch Project Pitchfork. Eben jene Gruppen, die in den mittleren 90ern in der Gothic-Szene ihre Karriere begonnen haben.

Nun ist creating.paradise aber keine neue Zusammenkunft. Das Projekt existiert bereits seit 1997 und hat es jedoch bislang noch nicht zu einer größeren Bekanntheit geschafft. Das liegt sicherlich auch an der quasi nicht vorhandenen Live-Präsenz (laut Pressebeipackzettel haben creating.paradise sich nur 2005 im Rahmen des Bremer "Battle Of The Bands" vor Publikum blicken lassen), vor allem aber an ihrer klaren künstlerischen Vision, über die sie nicht mit sich verhandeln lassen - was auch dazu führte, dass ein möglicher Labeldeal nicht zustande gekommen ist.

Das ist einerseits schade, da ihre Musik es verdient, gehört zu werden. Aber wer weiß, wie sehr man sich hätte verbiegen müssen, um den Labelwünschen gerecht zu werden. So jedenfalls entfaltet sich "Grand Day Out", das erste Album nach einer zwölfjährigen Pause, ohne etwaige Restriktionen zu einem packenden Klangerlebnis, das auf wunderbare Weise ausgelutscht gelgaubte Stilmittel wieder attraktiv werden lässt.

Die Rede ist vor allem vom Verzerren der Stimmen und dem Einsatz von Sprachsamples. Gerade erstgenannter Effekt galt als probates Mittel, wenn die stimmlichen Fähigkeiten limitiert sind und im Bereich des Hellectro und Aggro-Tech bis zum Erbrechen Verwendung findet. Bei creating.paradise macht es  jedoch vollkommen Sinn, weil innerhalb dieses Stilmittel variiert wird, damit der Gesang sich in das dystopische Klangbild, das wie bei "D-Fens" auch mal auf sich allein gestellt sein darf, perfekt einfügt.

Man merkt "Grand Day Out" seine Detailverliebtheit an, die bis hin zu essentiellen Überlegungen über die Produktion des Albums geht. Denn die beiden Björns verzichten auf zu stark komprimierte Sounds, was den 90er-Charme der Songs noch steigert. Dieses Album will, ja muss entdeckt werden, weil es die längst überfällige Renaissance einer aufregenden Spielart in der elektronischen Musik markiert. Einen einzelnen Titel dabei explizit hervorzuheben, ist dabei wenig sinnvoll, denn das Album erstreckt sich über seine gesamte Länge hin wie ein wohl durchdachtes Gesamtkonzept, wird zu einer allumfassenden Entität, in dem Text, Samples und Melodien perfekt aufeinander abgestimmt sind. Die Erinnerungen an eine spannende Zeit sind wieder geweckt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 02.11.20 | KONTAKT | WEITER: TOP 10 ALBEN 1980>

Webseite:
www.real-musik.de
www.creatingparadise.de


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