NO SLEEP BY THE MACHINE: HIRN UNTER STROM - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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NO SLEEP BY THE MACHINE: HIRN UNTER STROM

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Same procedure as every year, Leipzig! Die altehrwürdige Stadt an den drei Flüssen Weiße Elster, Pleiße und Parthe verwandelt sich am Pfingstwochenende (6.-9. Juni) zum nunmehr 23. Mal in den schwarzen Nabel der Welt. Knapp 200 Bands werden wahlweise mit Schalmeien, Dudelsäcken, E-Gitarren oder synthetischen Klängen um die Gunst der rund 20.000 Besucher des Wave-Gotik-Treffens buhlen. Zu später Stunde lassen sich die Szene-Größen traditionsgemäß in den mehrere tausend Menschen fassenden Hallen feiern. Meistens gleichen diese Konzerte aber unsäglichen Zuschaueranimationen, intellektuell auf einer Stufe mit Ballermann-Abenden und Bierzelt-Besuchen stehend. Doch abseits schwarzgewandeter Schunkelei an der Grenze zur vollkommenen Debilität findet man sie dann doch: die authentischen, die wahren Bands. Jene ehrbaren Künstler, die an die innovativen Anfänge dieses Festivals, respektive der gesamten Szene, erinnern. No Sleep By The Machine aus Schweden gehören dazu.

Die beiden Männer besitzen nämlich jede Menge Hirn. Deswegen nennen sie ihren Sound auch Electronic Brain Music, in Anlehnung an die kraftstrotzende Electronic Body Music früherer Tage, bei der Sänger TB und Tastenmann S.Nutzoid deutlich verortet sind. Tatsächlich erinnert ihre blubbernd-bedrohliche Computermusik unmittelbar an Klinik oder Skinny Puppy. "Wir haben in den 80ern, also zu unserer Teenagerzeit, diese Musik gehört", gibt Frontmann TB im Interview mit UNTER.TON zu. "Daher ist es nicht ganz einfach, diese Erinnerungen in die hinterste Ecke unseres Gehirns zu packen, sobald wir an unseren Songs arbeiten."

Der Geist schläft eben nie. Auf ihrem aktuellen Werk "Splice" ist dieser sogar sehr rege. "Wir singen vor allem über den Klimawandel, Tierrechte und Missbräuche aller Art." Wahrlich keine wohligen Themen, aber auch keine tumb recyclete Mensch-Maschinen-Lyrik, die heutzutage in der x-ten Wiederholung eher für Fremdscham als Begeisterung sorgt. In ihrer endzeitlichen Grundstimmung keimt der Verdacht auf, dass die Nordeuropäer keine große Zuversicht mehr für die Menschheit hegen. "Ich besitze immer noch Hoffnung, trotz des ganzen Bullshits auf der Welt", stellt TB fest. "Nur manchmal scheint es mir, dass wir uns nicht genug anstrengen, um den Planeten zu einem besseren Ort zu machen." So fungiert das Album denn auch als leidenschaftlicher Appell an den Hörer: Spröde, aber komplexe Rhythmen treffen auf transparente Melodien. Die wabernde Klangkulisse besitzt jede Menge Kraft, bleibt aber zugleich angenehm reduziert, um den Texten – vorgetragen mit erfreulich geringem Verzerr-Effekt – jenen Raum zu geben, den sie benötigen.

Es darf also mitgedacht werden bei den Liedern einer Gruppe, die nichts dem Zufall überlässt – selbst bei der Wahl ihres Bandnamen. "Maschinen dienen uns nicht nur, sie sind auch Teil der Überwachungsindustrie", mahnt TB. "Zudem spielen die Medien eine bedeutende Rolle. Überall und zu jeder Zeit verführen sie uns mit ihrer Propaganda, und wir müssen stark, weise und gerissen sein, um ihr zu widerstehen." No Sleep By The Machine ist also keine oberflächliche Neon-Cyber-Tanzkapelle, die überproduziertes Geböller abliefert, auf dass das Volk in den Diskotheken wie besinnungslos auf der Stelle zapple. Nicht nur die Tanzbeine, sondern auch die Hirnwindungen sollen unter Strom stehen. Electronic Brain Music also als konkrete Kampfansage gegen den schalen Einheitsbrei in der dunkeleletronischen Ecke? "Ganz im Gegenteil", gibt sich TB geradezu milde. "Ich denke, dass viele EBM-Projekte über sehr viel Herz und Hirn verfügen. Heutzutage trauen sich die Musiker, das Genre auf ihre Art und Weise zu interpretieren. Das finde ich gut und auch notwendig. Nur so bleibt die Szene am Leben". Mit einigen Künstlern wird sich das Zweiergespann aus dem hohen Norden sicherlich auch während des Wave-Gotik-Treffen austauschen. Dort heuer auftreten zu können, bringt den Frontmann stets aufs Neue in Verzückung. "Ich kann es ehrlich gesagt immer noch nicht richtig fassen, dass wir auf dem WGT spielen. Aber dieses surreale Gefühl steigt immer in mir hoch, egal, ob wir live auftreten oder ein neues Album veröffentlichen." Ob es die beiden Skandinavier schaffen werden, mit ihrer Performance die Menschen zu begeistern, steht in den Sternen. Liebhaber belgischer und kanadischer Elektro-Musik sollten sich diesen Gig auf keinen Fall entgehen lassen. Sie würden wohl einiges verpassen – was man über andere Acts, die Anno 2014 das WGT mit ihrer Präsenz beglücken, eher weniger sagen kann.

|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 28.05.2014||

Mehr Infos zum schwedischen Retro-Duo gefällig? www.nosleepbythemachine.se
Hörproben gibt's auf www.soundcloud.com/no-sleep-by-the-machine



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