THE SEARCH "A WAVE FROM THE SIDELINES" VS. PRINCIPE VALIENTE "PRINCIPE VALIENTE" / "CHOIRS OF BLESSED YOUTH": SCHWEDENS SCHWEBENDE SCHWERMUT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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THE SEARCH "A WAVE FROM THE SIDELINES" VS. PRINCIPE VALIENTE "PRINCIPE VALIENTE" / "CHOIRS OF BLESSED YOUTH": SCHWEDENS SCHWEBENDE SCHWERMUT

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Leider bewahrheitet sich der Spruch immer wieder: "Wer am lautesten schreit, hat recht!". Diejenigen, die ein großes Gewese und viel Tamtam um ihre (zumeist dann doch eher mittelmäßige) Kunst machen, erhalten die größte Aufmerksamkeit - Namen sollen hier aus Gründen der Diskretion und Höflichkeit mal außen vor bleiben; jeder wird da seine persönlichen "Feindbilder" besitzen. Schade an diesem Umstand ist jedenfalls, dass die leisen Künstler oftmals auch die wahrhaftigeren sind, aber nicht am großen Erfolg teilhaben können.

Es schwingt daher vielleicht auch ein wenig Sarkasmus bei The Search mit, wenn sie auf ihrem Bandcamp-Profil schreiben, dass ihr selbstbetiteltes Debüt anno 2004 sehr viel Anerkennung erhalten hat -  "by the people who heard it" - von denjenigen, die The Search wahrgenommen haben. Diese Spitze ist vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass Sänger Razmig Tekeyan und seine wunderbar musizierenden Mitstreiter bereits fünf Jahre zuvor als Silverslut mit ähnlich bescheidenem Erfolg durch die Lande tingelten.

Unverständlich angesichts der Tatsache, dass The Search über eine musikalische Spannbreite verfügt, die sie derart modulieren, sodass jedes Album anders klingt, die Band im Kern jedoch erkennbar bleibt. Mittlerweile betreibt Razmig sein Projekt komplett alleine. Nach dem letzten Werk "Echo", das sich in gitarrenübefluteter Unaufgeregtheit geübt hat, treten auf dem aktuellen zehnten Album "A Wave From The Sidelines" melodiesüchtige Synthesizer in den Vordergrund, die den Hörer rund 35 Jahre zurückverfrachten. Das Album suhlt sich nachgerade in dieser Zeit.

Dass es dann auch beim Eröffnungsstück  "Homecoming" gleich mal ein von der berühmten 303-Maschine inspirierter Beat sein muss, der nicht von ungefähr an "West End Girls" von den Pet Shop Boys angelehnt ist, zeigt den unbedingten Willen von The Search, ihr Album als eine klingende Zeitmaschine anzusehen. Das Schöne daran: Es gelingt ihnen.

Das liegt vor allem an ihrer Kaltschnäuzigkeit, so ziemlich alle bekannten Stilmittel aus dieser Zeit eins zu eins zu übernehmen. Ganz gleich, ob das nun die eben besagte Drum-Machine ist, die gegenläufig gespielten Keyboardbasslinien oder die energetisch hochstehenden Fill-Ins vom elektronsichen Schlagzeug sind. Darüber hinaus entdecken The Search die Beschwingtheit wieder. "Sleepwalker" und "Sunstroke" sind im bester Up-Tempo-Manier komponiert und treffen damit den 80er-Nagel ziemlich zentral auf den Kopf. Denn sind es nicht Stücke wie A-has "Take On Me" oder "Catch Me I'm Falling" von Real Life, die mit ihrem zackigen Rhythmus auch die Schlagzahl einer Dekade, die sich einer zunehmenden Technologisierung des Lebens gegenübersah, vorgegeben hat?

Bei "A Wave From The Sidlines", stilecht mit neonpink-blauem Albumcover, dominiert immer der federleichte Duktus Razmigs. Sein butterweiches Organ flirrt wie einst Morrissey oder Gary Daly von China Crisis wie ein Schwarm Schmetterlinge durch die Kompositionen. Tagträumerisch klingt er. Gedankenverloren. Wie ein Twentysomething, der aus dem Fenster seiner Dachgeschosswohnung in die Welt hinausblickt und dabei milde lächelt.

Die Presseinfo spricht sehr zutreffend von einem "Liebesbrief an den Sound der 80er Jahre". Und zwar einer dieser hoffnungslos verliebt-romantischen Sorte, jede Menge Herzchen und Kussmünder inklusive.

Während also Veränderung bei The Search die einzige Konstante zu sein scheint, gehen seine Landsmänner und -frauen von Principe Valiente einen weitaus stringenteren Weg, der sie über die Jahre zu einer Band mit einem klar definierten Sound avancieren ließ. "Dark Pop" wurde das Kind getauft, umreißt aber nur schlecht das, was Sänger Fernando Honorato und seine Mitstreiter da eigentlich zaubern. Deutlich sind die Einflüsse aus Post-Punk und Shoegaze zu vernehmen, die aber wesentlich melodischer und verspielter daherkommen. Bei Principe Valiente hat die Melancholie das Tanzen gelernt.

Nach dem wunderbaren "Oceans" veröffentlichen die Stockholmer via afmusic ihre ersten zwei Werke erneut. Ein kluger Schachzug, hat doch das aktuelle Werk mit solchen Stücken wie "Strangers In The Night" einen weitaus größeren Einzugskreis gezogen als es noch die Vorgänger getan haben. Dass bedeutet jedoch keineswegs, dass sie qualitativ hinterhinken. Im Gegenteil! Daher ist ein Re-Release zu diesem Zeitpunkt goldrichtig.

Schon das 2011 erschienene, selbstbetitelte Debüt hat die Markierungspfeiler tief in den Boden gerammt und den aufregenden musikalischen Kosmos der Gruppe klar abgesteckt. Getreu dem Motto "viel hilft viel" haben sie ein tönernes Ausrufezeichen geschaffen und ein Feuerwerk mollschwangerer Songs abgefackelt.

Dabei deuten Stücke wie "New Life" und "Stay" an, wohin die Reise gehen soll. Gerade erstgenannter Song lebt von einem perfekten Aufbau einer Wall of Sound, die am Ende durch die Repetition im Kopf manifestiert. Gepaart mit dem leicht alerten Organ von Fernando, das entfernt auch an die Dringlichkeit von David Bowie erinnert, haben Principe Valiente ein Versprechen gegeben, das sie mit dem nachfolgenden Album "Choirs Of Blessed Youth" drei Jahre später einlösen sollten.

Denn das erste Album war nur die stimmungsvolle Ouverture, dem nun ein Paukenschlag folgen sollte. Principe Valiente hat die bekannten Zutaten moduliert, den vordergründigen Post-Punk etwas zurückgenommen und das Tempo der Nummern verlangsamt. Das Ergebnis ist ein noch mächtigeres, wuchtigeres Album. Gerade mit einem Stück wie "She Never Returned" hat das Schweden-Quartett einen Song für die Ewigkeit geschaffen: Honorato singt in fatalistischer Manier von der zufälligen Begegnung zweier Menschen und verpackt diese Beobachtung in sich nach ben schraubende Gitarrenriffs, die der Szenerie etwas geradezu religiöses verleihen.

Principe Valiente gelingt etwas ganz seltenes: Trotz ihrer vielen Bezüge - angefangen vom klassischen Post Punk von The Sound, dem Proto-Britpop von Suede oder dem jubilierenden Melancho-Rock von Interpol - bleibt das Ensemble eigenständig, drückt der Musik ihre Vorstellung davon, wie sie zu klingen hat, auf. Am Ende durchflutet den Hörer eine schwebende Schwermut, leichtfüßig und tendenziell hoffnugsvoll, gleichzeitig aber auch über jede Freude am Leben erhaben.

Wie auch bei The Search, so findet sich Principe Valiente in einer verzwickten Stuation. Ihre Auftritte, unter anderem auch beim Wave-Gotik-Treffen, werden bejubelt. Die große mediale Präsenz bleibt aus. In diesen Momenten bleibt einem nichts anderes übrig, als die Zeit zum Freund zu erklären und zu hoffen, dass mit jeder weiteren Veröffentlichung diese beiden Schweden-Importe auch hierzulande viel mehr Aufmerksamkeit erhalten, als sie es momentan genießen. Ihr Label jedenfalls hält zu ihnen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 08.10.2018 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH: FLUT >

Webseite:
thesearch.bandcamp.com
www.principevaliente.com


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COVER © Afmusic/Altone Ditributions

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