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TALK TALK: SPIEL OHNE GRENZEN

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Seit mehr als 20 Jahren hat es kein musikalisches Lebenzeichen mehr von Mark Hollis gegeben. Womöglich hatte er bereits in der nicht mal zehn Jahre andauernden Karriere als Frontmann von Talk Talk alles gesagt, was er sagen musste - und er hat auch alles ausprobiert: von der New-Romantic-Pose bis zum Jazz-Kleinod. Anhand von fünf, eher unbekannteren, Nummern versuchen wir, eine Erklärung für die Faszination dieses Spiels ohne Grenzen zu finden.

PLATZ 5: "LIFE'S WHAT YOU MAKE IT" (1986)
Zu gerne wollte Talk Talks Plattenfirma EMI Mark Hollis und seine "Mitredner" zu New-Romantic-Epigonen heranzüchten. Doch sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Schon die ersten beiden Alben "The Party's Over" und "It's My Life" stichelten unterschwellig gegen den angesagten Hedonisten-Chic. Hollis selbst vermied es, Popstar zu sein, schlug beispielsweise wilde Grimassen im Video zu "Such A Shame", was den melancholischen Duktus des Songs herrlich konterkariert und vorgefertigte Meinungen über den Sänger als Inbegriff eines Neuromantikers in den Wind schlägt. Mit dem dritten Album "The Colour Of Spring" beginnt er dann auch mit dem Vollzug einer musikalischen Häutung. Am Ende wird Mark zum Inventor eines Sounds, der sich jeder Kategorisierung entzieht und von der Presse, um den Kind einen Namen zu geben, irgendwann Post-Rock getauft wurde. In "Life's What You Make It", dem letzten achtbaren Single-Erfolg, klingen noch die frühen Tage an, aber die einstigen Strukturen lösen sich bereits auf. Zusammengehalten wird der Song von einem redundanten Klavierthema, das durch das ganze Stück ohne Pause durchläuft und von einem Rhythmus gezogen wird, der den Begriff "Ethno" teilweise vorwegnimmt. Strophe und Refrain haben sich hier schon längst verabschiedet, sodass "Life's What You Make It" zu einem Mantra wird; zu einer Meditation eben über das Leben. Der Text wirkt auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung von Binsenweisheiten auf Glückskeks-Niveau, erhält aber durch Marks jubilierendes Ausrufen einen räumliche Tiefe "Baby, Life's what yo make it. Celebrate it. Anticipate it." An diese Zeilen sollte sich der Sänger selbst auch halten, als er in den folgenden Jahren bahnbrechende Werke veröffentlicht.

PLATZ 4: "MYRRHMAN" (1991)
Allerdings war Hollis immer ein ruhiger, nachdenklicher und von Depressionen heimgesuchter Mensch. "Myrrhman", das als Eröffnungsstück des offiziell letzten Albums "Laughing Stock" fungiert, öffnet den Hörern die Tür zu Marks Gedankenwelt - lässt aber nur einen winzigen Spalt offen. Die Szenerie, die Hollis beschreibt, könnte über das sich erhängen handeln; die Myrrhe als eine Zutat der Einbalsamierung der Toten im alten Ägypten verweist auf die sinistre Stimmung, die sich sowieso musikalisch in aller epischen Breite manifestiert: Langgezogene Streicher, die jeden Ton so spielen, als würden sie kurz darauf ableben, schummrige Klaviertöne, quäkende Klarinetten, verhalten angeschlagene Gitarren und ein kaum wahrnehmbares Schlagzeug, das eher wie ein undefiniertes Poltern im Hintergrund agiert als den Takt anzugeben. Wo ein Tom Waits diese Klangkulisse genutzt hätte, um mit seinem brüchig-mächtigen Organ eine Mär im Brecht'schen Stil zu erzählen, wählt Hollis den Weg ins innere Exil. Wir hören ihn, aber er scheint weit weg zu sein. Sein Duktus wirkt zerbrechlich, müde, vielleicht auch einfach nur ganz bei sich. Ob ihm düstere Gedanken Inspiration für "Myrrhman", vielleicht sogar für das ganze Album gewesen sind, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Allerdings steht es stellvertretend für ein Album, das den Hollis'schen Absolutismus sowie Eskapismus in seinem Schaffen auf die Spitze getrieben hat. Zu diesem Zeitpunkt waren Talk Talk nicht mehr gewillt, irgendwem zu gefallen oder auch nur einen künstlerischen Kompromiss einzugehen. Kommerziell gesehen war dieser Schwanengesang nicht erwähnenswert; nachfolgenden Musikergenerationen wie Radiohead sollte das Talk-Talk-Spätwerk jedoch Bibel und Leitfaden sein.

PLATZ 3: "TODAY" (1982)
Man mag vielleicht sogar so weit gehen, dass Mark Hollis ganz genau wusste, was er tat, als er mit EMI den Vertrag einging. Denn ein System kann nur geschlagen werden, wenn man sich mit ihm gutstellt und es unbemerkt von innen aushölt. Und dieses Abtragen hat bereits mit dem Debüt "The Party's Over" angefangen. Hollis, der wie viele seiner damaligen Zeitgenossen auch, aus dem Punk kam, behielt sich eine gewisse Renitenz bei, verpackte sie aber geschickt in schmeichelnde Pop-Songs. Der britische Sänger wirkte bereits in den Anfangstagen immer schon ein kleines bisschen mehr verschroben als seine glattgebügelten Kollegen. Kostprobe gefällig? "Today". Der Song gleicht einem Fiebertraum voll surrealer Bilder, die sich jeglicher Interpretation und kohärenter Logik entziehen. "Visions in my cell begin to bread, was everything a fact of what I read? Excuse me while I spell my name, boat and ship could sound the same. Catch me if you can, but don't delay." Man mag seine Gedanken noch so sehr um diese Sätze winden, es gelingt nicht, ihnen beizukommen. Und warum am Ende von "Belle Mallisima" gesungen wird? Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich "Mallisimo" heißen müsste? Dass hier Schönheit und Schrecklichkeit aneinandergereiht wird, erklärt aber auch nicht den vorangegangenen Text, sondern legt noch einmal eine Ton gewordenene Gefühlsmalerei offen. Es ist der vielleicht subversivste Song aus der Frühphase von Talk Talk - eingewickelt in ein damals aktuelles Klanggewand, das sich vordergründig an Duran Duran und Konsorten orientiert, aber bei genauerem Hinhören sich eher den Art-Poppern von Japan verpflichtet fühlt - mit dem einzigen Unterschied, dass sie ihre Songs schneller spielen als David Sylvain und Konsorten.

PLATZ 2: "RENEE" (1984)
Während Talk Talks kommerziell erfolgreicher Phase überrascht der Sänger mit einem Liebeslied, das eigentlich gar keines ist. "Renée" gibt sich betont intim mit seinem dezenten angschlagenen Synthie-Drums und dem insgesamt kontemplativen Arrangement. Doch seine Geschichte ist bitter: Renée ist eine junge Frau, die sich einem (wohl älteren) Mann hingegeben hat und nun von ihm enttäuscht wird. Anstatt über die zerbrochene Liebe zu singen (und damit auch wieder dem Popaffen Zucker zu geben), verschiebt Hollis den Fokus: "Well baby how the weeks fade. Baby was the best part of your youth a sensation". Die Jugend und der Verlust derselbigen wird zum Zentrum in dieser Ballade. Der alert ausgerufene Name im Refrain vereint Schmerz, Trauer aber auch Trost und wird zum Sinnbild juveniler Vergänglichkeit. Wie es sich für den sensiblen Lyriker schickt, verpackt er diese Gedanken in bildreiche Metaphern, singt von einem Spiel mit gezinkten Karten und kommt zum Schluss: "You're playing his way, but the prize that you've been losing was youth". Noch einmal kreisen die Gedanken um das Ende der Adoleszenz. "Renée" bleibt als Nummer vage, auch in der Erzählperspektive. Spricht in der ersten Strophe wohl noch ihr Ex-Liebhaber, scheint in der zweiten Passage ein anderer auf die Protagonistin einzureden - vielleicht ein guter Freund, vielleicht ihr Vater. "Renée" ist wieder einmal ein unkonventionelles und klanglich wie semantisch höchst anspruchsvolles Stück, das sich vordergründig gerne als Kuschel-Rock-Nummer geriert, um die tiefen melancholischen Gedanken über Vergänglichkeit in kleine Dosen dem Hörer einzuimpfen.

PLATZ 1: "WEALTH" (1988)
Es ist der großartige Schlusspunkt eines noch großartigeren Albums. "Spirit Of Eden" gilt als Marks Meisterwerk und kommerzielles Disaster für Talk Talk zugleich. Aufgenommen in einer Kirche, ließ die Band angesetzte Abgabetermine der Plattenfirma verstreichen und das Budget deutlich überziehen. Am Ende war der vierte Langspieler der Beginn von etwas völlig Neuem, das keine konventionellen Pop-Schemata mehr bedienen wollte. Doch dafür erlebten die Menschen einen Mark Hollis, der nun ganz in seiner Kunst aufgeht und sein Innerstes preis gab. Dass dieses Werk am Ende mit einer dekonstruierten Gospel-Nummer abschließen musste, ist eigentlich zwingend logisch. Hollis nuschelt und jauchzt abwechselnd zu einem Piano-Orgel-Gemisch, das in seiner Intimität ein wenig an "Don't Give Up" von Peter Gabriel und Kate Bush erinnert, allerdings von einer ungeheuren Transzendenz durchflutet ist. "Wealth" gibt sich als klangliches Himmelfahrtskommando voller Wärme und Güte aus, verdeutlicht gleichzeitig aber auch den Schmerz, den der Protagonist bereit ist, zu erdulden, um die universelle Liebe zu empfangen. "Take my freedom for giving me a sacred love", fleht der Sänger ins Mikro, und seine Stimme wirkt so nackt und hilflos, dass man ihm jedes Wort glaubt. Der Frontmann selbst übrigens hielt "Spirit Of Eden" für das beste, was er je gemacht hat. Die Plattenverkäufe allerdings gingen in den Keller und somit der Vertrag mit EMI in die Binsen. Ein Album später war auch Talk Talk Geschicht und Mark Hollis verstummte bis auf ein kaum beachtetes Soloalbum anno 1998. Auch wenn er wohl nie wieder Musik gemacht hätte, schmerzt sein Tod. Er war ein unscheinbares Genie, dessen musikalische Visionen bis heute massiven Einfluss auf den Werdegang der Pop-Musik besitzen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER |DATUM: 05.03.19 | KONTAKT |WEITER: IM PROFIL: SWEET WILLIAM>


COVER © EMI ("The Colour Of Spring", "The Party's Over", "It's My Life", "Spirit Of Eden"), Verve ("Laughing Stock")

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