DANIEL RENSING "MAKE NAZIS AFRAID AGAIN" VS. MONCHI "JENSEITS DER BRANDMAUER": GEGEN DIE SPRACHLOSIGKEIT
Exlibris
Die AfD eilt von einem Hoch zum nächsten, kann vor allem im Osten - aber nicht nur da - immer mehr Wählerstimmen auf sich vereinen. Es ist nicht mehr zu leugnen: Deutschland steht vor einem politischen Umbruch, der extremen Kräften mehr Macht zugesteht, als es jemals in der Geschichte der Bundesrepublik der Fall war. Die Landtagswahlen sind der berühmte Lackmustest für die Bundesregierung, die immer mehr mit sich selbst als mit der Tagespolitik beschäftigt zu sein scheint.Dass es so gekommen ist, ist nicht die Verkettung unglücklicher Umstände. Und noch weniger ist es "nur 'ne Phase". Viele, die die Alternative für Deutschland gewählt haben, sind bereits in ihrer Meinung derart gefestigt, dass sie bewusst einer Partei vertrauen, die vom Verfassungsschutz in Teilen als gesichert rechtsextrem gilt. Völkeraustausch, Remigration, Dexit: Nicht wenige glauben daran, dass das deutsche Volk nur genesen kann, wenn es sich komplett isoliert und die Schotten dicht macht.
So eine Entwicklung kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern ist das Ergebnis einer jahrelangen Arbeit gegen Fakten und demokratische Systeme. Der Social-Media-Star Daniel Rensing hat diese Mechanismen in seinem Buch "Make Nazis Afraid Again" akribisch dargelegt. Rensing, der selbst eher durch einen Zufall zum politischen Influencer geworden ist, gelingt es dabei, mit fundierten Quellen und einer gehörigen Portion Humor die Tricks rechtsextremer Gruppen zur gezielten Falschinformation aufzuzeigen.
Konzertierte Kommentarspaltenüberflutung sind dabei ein Mittel, das Daniel Rensing selbst beobachtete, wenn er beispielsweise Reaktionsvideos zu Aussagen rechter Gruppierungen hochlud. Dabei seziert er präzise, wie wenig dem Zufall überlasen wird und wie der Algorithmus zum besten Freund der Nazis wird und die schwachen Regelungen auf Plattformen wie TikTok dem Faschismus Tür und Tor öffnen. Dass Rechtsextreme aber schon immer gut mit Medien können, wissen wir spätestens seit Goebbels.
Wie aber kann man denn nun die Nazis wieder afraid machen, dass sie sich nicht mehr sicher in ihrer Deutungshoheit fühlen? Der Autor hat da einen klaren Plan: mit Humor! Das Entlarven der Lächerlichkeit, aber auch der Umgang mit Menschen, die sich ihrer Sache sehr sicher sind, begegnet Rensing oft mit einem Lachen, um die durcherregte Situation, in der sich dieses Land befindet, zu entspannen.
Seine Beobachtungen fußen nicht nur in seiner Rolle als angesagter Social-Media-Star, sondern auch als Creator während des Wahlkampfs für die Linken. Dort bekam er einen noch besseren Eindruck davon, wie Wahlkampf im digitalen Umfeld funktionierte - und wie nicht.
"Make Nazis Afraid Again" liest sich teilweise wie ein wissenschaftliches Essay; die reichhaltigen Quellenangaben geben die Möglichkeit, einzelne Studien weiter zu verfolgen. Allerdings verwebt Rensing in seinen messerscharfen Betrachtungen auch die eine oder andere persönliche Anekdote und nimmt auch die Altparteien in die Pflicht, deren Auftreten selten mit der Lebenswirklichkeit ihrer Wähler korreliert.
Oberste Maxime bleibt für den Mann aus Berlin das direkte Gespräch, vor allem mit AfD-Wählern, denen er im Internet auf empathische Weise begegnet und infolgedessen über die individuellen Beweggründe erfährt. Sie sind meistens das Ergebnis der profitorientierten Meinungsmaschinerie Social Media, die Engagement, Klickzahlen und Verweildauer der User bei einem Post über dessen Richtigkeit der Fakten stellt. Durch Rensings schonungsloses Aufdecken der Mechanismen erklärt sich vieles, aber nicht alles.
Interessant wird es vor allem dann, wenn von der oftmals zitierten Brandmauer zur AfD notgedrungen nicht mehr viel übrig bleibt, weil die rechtsextreme Partei bereits mehr Einfluss auf unser Leben hat, als einem lieb ist. Jan Gorkow, alias Monchi und besser bekannt als Sänger der Politpunkband Feine Sahne Fischfilet, erlebt dies tagtäglich. Denn in seiner Stadt Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD 54 Prozent der Stimmen bei den Bundestagswahlen erhalten.Jarmen ist ein nur wenige Tausende Einwohner große Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, in der quasi jeder jeden kennt - und Monchi als "bekanntester Linker", wie er schreibt, sieht sich nun einem Dilemma ausgesetzt: Er ist Jarmener durch und durch, hat dafür sogar der vergleichsweise große Stadt Rostock den Rücken gekehrt, und muss nun mitansehen, dass jeder zweite die AfD, die in Teilen als gesichert rechtsextrem gilt, gut findet.
Es ist eine diffuse Gefühlslage, in der sich der politisch aktive Musiker befindet. Diese teilweise zusammenhangslosen Gedankengänge in seinem Buch "Jenseits der Brandmauer" sind aber das richtige Stilmittel, um die Unmittelbar- und teilweise auch Hilflosigkeit zu verdeutlichen. Monchi hat keine Lösung für das, was da gerade passiert. Aber er hat eine klare Haltung - und die ist alles andere als erwartbar.
Zu den vielleicht bittersten Anekdoten zählt die eines Mannes, der beim von Monchi initiierten "Wasted in Jarmen"-Festival gut angetütert "ganz Jarmen hasst die AfD"krakeelt. Monchis Reaktion: lachen. Weil es eben nicht mehr der Wahrheit entspricht. In diesem Lachen steckt jedoch nicht Verbitterung, sondern auch der Wunsch nach Analyse. Denn nicht jeder AfD-Sympathisant ist ein Nazi. Er unterscheidet sehr dezidiert die verschiedenen Typen und zeigt auf, bei welchen es sich noch lohnt, den Diskurs zu wagen.
Denn "Jenseits der Brandmauer" beginnt das Gespräch, dass in Großstädten vielleicht gar nicht mehr stattfindet, da jeder in seiner Echokammer und mit seinen Bubblebuddies vegetiert. Im kleineren Rahmen ist das gar nicht möglich. Das ist Bürde und Chance zugleich und zeigt auch, dass Monchi reifer geworden ist. War er früher einer der ersten, die an vorderster Front gegen Faschisten kämpfte, zeigt er sich nun differenzierter, bezeichnet das dogmatische Verhalten einiger Linker gar als "Sektenscheiß", der in Jarmen sicherlich nur das Gegenteil von dem bewirken würde, was die Partei eigentlich beabsichtigt.
Ohnehin bleibt Monchi in seiner Sprache nahbar. Hemdsärmelig und gerne auch mal deftig beschreibt er das Leben in einem Dorf, das eigentlich stinknormal und seit der Wende gut restauriert ist, beschwert sich über jene, denen es eigentlich gut geht, aber das Gefühl hätten, dass sie all das, was sie sich aufgebaut haben, verlieren würden, sieht jedoch auch die Realisierung irgendwelcher nichtssagender Projekte, um an Fördertöpfe zu gelangen, als großes Problem.
Sein Gegenargument: selber machen. Den Skatepark in Jarmen beispielsweise hat die Band durch Spenden initial finanziert, ehe auf kommunale Ebene die letzten Hürden genommen wurden. Es sind genau diese Momente, in denen man Jan Gorkow vor allem als einen Mann wahrnimmt, der sich wirklich für ein harmonisches Miteinander einsetzt und nicht erst alles zerredet. In Jarmen passiert etwas, weil Menschen wie Monchi anpacken. Und mit ihm eine ganze Stadt - unabhängig von der politischen Orientierung ihrer Einwohner. Seine Devise ist daher: Nur wer an seinem Ort bleibt, kann etwas verändern.
Sowohl er als auch Daniel Rensing beobachten ihr Umfeld, der eine im Netz, der andere in seiner Straße, und ziehen daraus Schlüsse, die zwar wehtun, aber nachvollziehbar sind. Dabei geht es nicht um die AfD selbst, sondern um die Menschen, die sich zu dieser Partei hingezogen fühlen. Monchi und Daniel Rensing zeigen mit ihren Werken, wie Menschen zum Umdenken bewegt werden können. Sicherlich, ein beschwerlicher Weg. Ein frustrierender Weg. Aber sprachlos bleiben hilft noch weniger, diese Entwicklung zu stoppen.
||TEXT: DANIEL DRESSLER |DATUM: 08.09.26 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 9/26>
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www.kiwi-verlag.de/buch/monchi-jenseits-der-brandmauer-9783462055306 ISBN 978-3-453-60749-1
www.penguin.de/buecher/daniel-rensing-make-nazis-afraid-again/paperback/9783453607491 ISBN 978-3-462-05530-6
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COVER © HEYNE VERLAG (DANIEL RENSING), KIEPENHEUER & WITSCH (MONCHI)
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Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.
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