AXEL MESSINGER: "NIEMAND WIRD EINFACH SO MIT SEINER MUSIK BEKANNT, DA BRAUCHT ES IMMER STRUKTURELLE BASISARBEIT." - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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AXEL MESSINGER: "NIEMAND WIRD EINFACH SO MIT SEINER MUSIK BEKANNT, DA BRAUCHT ES IMMER STRUKTURELLE BASISARBEIT."

Im Gespräch > AXEL MESSINGER
Mittlerweile gehört Axel Meßinger für treue Leser der Seite als eine Person, die man nicht mehr vorstellen braucht. Seine üppige At-Sea-Compilations misst die weite Fläche der alternativen Musik ab. "La Danse Macabre" legt dabei das Hauptaugenmerk auf Trends und Strömungen aus den Bereichen Post-Punk, Darkwave und Gothic - mit bewusstem Blick über den Tellerrand hinaus. Im mittlerweile dritten, wieder sehr ausführlichen Gespräch mit dem Mann aus Chemnitz blicken wir auf die Entwicklungen der Musikrecherche in Zeiten von KI und erfahren, warum nach der zehnten "La Danse Macabre" Axel fast aufgehört hätte mit dieser Zusammenstellung.

Axel, gleich mehrere Jubiläen gibt es zu feiern. 20. Ausgabe von LDM und auch die At-Sea-Compilation-Reihe wird im nächsten Jahr 15. Die Frage schlechthin: Hättest Du gedacht, dass Du so lange durchhältst?
Wenn ich heute an die ersten zwei, drei Jahre zurückdenke, dann würde ich sogar meinen, gar nicht weiter groß nachgedacht zu haben… Halbscherz beiseite. Zu Beginn haben mir nicht wenige erzählt, dass eine Compilation in den 2010ern keinen Sinn mehr ergäbe. Dass diese dann auch noch über das damals in Deutschland noch nicht so etablierte Bandcamp erscheinen sollte, wurde ebenfalls kritisch beäugt. Es gäbe ja Spotify und dort würden Menschen mit Playlisten ja dafür sorgen, dass man neue Musik kennenlernen. Mittlerweile haben Algorithmen und KI es meiner Ansicht nach nahezu unmöglich gemacht, neue Musik auf den Streaming-Plattformen zu entdecken. In Anbetracht dessen ist es vielleicht wieder interessanter, wenn ein Menschen aus Fleisch und Blut hinter Compilations stehen? Sei es ein Projekt At Sea Compilations oder auch die tollen Veröffentlichungen von Michael Henke und seiner Frau Gina (https://notforthemasses.bandcamp.com). Die steigenden Zugriffszahlen in letzter Zeit könnten ein Indiz dafür sein. Insofern: Ne, natürlich habe ich zu Beginn nicht daran gedacht, dass die Reihe so lange Bestand hat. Das hatte sich ja Anfangs auch eher zufällig so entwickelt und dann bin ich einfach mal weitergelaufen, wohin das Projekt gehen würde wusste ich selbst nie.

Anfangs veröffentlichtest Du die Sampler als Pay-what-you-want-Variante. Mittlerweile verlangst Du einen kleinen Obolus. Wie wurde die Umstellung damals angenommen und wie sieht es nun aus mit den Verkäufen?
Die Verkäufe sind mir tatsächlich gar nicht sooo wichtig, solange ich am Ende die Kosten für das Projekt wieder rein bekomme und 'ne schwarze Null schreibe. Dafür ist es immer ein Hobbyprojekt geblieben, mit all den schönen konzeptionellen Vorteilen, die es mit sich bringen kann. Daher gibt es bei Bandcamp auch keine Streaming-Beschränkungen für Leute, die nicht kaufen. Die Umstellung wurde damals recht gut angenommen, glaube ich. Ist ja schon wieder viele Jahre her. Wie schon gesagt, merke ich in den letzten zwei Jahren ein vermehrtes Interesse, was mich sehr glücklich macht. Dass immer neue Hörer dazukommen und auch dabeibleiben. Ich freue mich aber auch über jeden langjährigen Hörer, manche sind sogar seit über 10 Jahren dabei. Das ist schon sehr cool. Aber ja, solange sich das Projekt selbst trägt, denke ich darüber gar nicht so stark nach.

Wäre es vermessen zu sagen, du bist so etwas wie der Gatekeeper der Szene, der nach den relevanten Szenebands Ausschau hält?
In Anbetracht dessen, dass bei den mittlerweile knapp 60 Veröffentlichungen zusammengenommen weit mehr als 1000 verschiedene Acts vertreten waren? Gatekeeping liegt mir sehr, sehr fern. Würde sich auch mit dem „Kompendium-Konzept“, dass über die Jahre mehr zufällig entstand, beißen.

Im Laufe der Jahre hat sich die Arbeit, denke ich, geändert. Wie leicht (oder immer noch schwer) ist es, Lizenzen zu bekommen. Und wie viele Bands kommen aktiv zu Dir?
Es kommen nicht mehr sooo viele Bands aktiv von selbst zu mir, weil die meisten wissen: Ich komme zu ihnen. Darüber bin ich ehrlich gesagt mittlerweile auch ganz froh, dass mein Postfach nicht mehr so stark mit Anfragen geflutet wird wie noch vor wenigen Jahren. Zeitweise hatte ich bis zu 100 Anfragen die Woche. Das kann auch ich nicht alles durchhören. Heute höre ich tatsächlich wieder in jede Anfrage hinein. Die Zahlen variieren da mittlerweile stark.
Ansonsten ist es vergleichsweise leicht geworden. Aber das führe ich darauf zurück, dass dieses Projekt so lange existiert und das ein Stück Vertrauen gibt. Andere, die in den letzten Jahren mit vergleichbaren Compilation-Projekten gestartet sind, haben es da leider sehr viel schwerer, wenn da nicht noch ein Label oder ein bekanntes Webzine oder ein Internetradio dahintersteht.

Du hast verschiedene Sampler, die du unter verschiedene Kategorien setzt. Dabei ist von Neofolk bis Synthwave alles vorhanden. Aber wie gehst Du bei der Recherche vor?
Das hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Auch, weil ich nicht will, dass sich eine Reihe wie „La Danse Macabre“ für mich nicht mehr richtig anfühlt. Die neunte und zehnte Ausgabe gaben mir damals dieses Gefühl, dass ich etwas ändern musste. Früher habe ich ohne Konzept die Recherche begonnen, die Veröffentlichungen waren teilweise übervoll mit rund 40 bis 50 Acts. Da war ich in den Recherchen manchmal wirklich wie im Rausch. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis der Zusammenbruch kam und mir alles zu viel wurde. Ab der La Danse Macabre 11 hatte ich dann radikal umgedacht und noch stärker auf bestimmte Konzepte geachtet - und vor allem: In der Regel nicht mehr als zwischen 25 bis 30 Songs auf so eine Compilation zu nehmen. Am Anfang zur LDM 12 beispielsweise stand ein damals neuer Song von Endraum, in das ich mich verliebt hatte. Und da kam die Idee, eine ganze musikalisch avantgardistische Ausgabe drumherum zu recherchieren. Andere Ausgaben waren rockiger und punkiger, LDM 19 hatte in der zweiten Hälfte einen schönen Grunge-Einschlag, andere Ausgaben wiederum waren auch etwas elektronisch-poppiger.
Durch die Begrenzung auf etwas 120-130 Minuten pro Compilation, können verschiedene Acts sehr viel mehr künstlerische Akzente setzen, die dann beim Hörer auch nachhallen und weniger Acts können den Sound einer Compilation spürbarer prägen. Anstatt also jeden Geschmack abzudecken, kommt es mittlerweile für mich darauf an, dass die Songs und damit die Kunstschaffenden dahinter stärker wahrgenommen werden.

Was müssen Songs können oder besitzen, dass sie für Dich so interessant, dass Du sie auf Deine Samplerreihe packst?
Das lässt sich sehr schwer in Worte fassen und ist auch sehr unterschiedlich. Im Grunde komme ich aber immer wieder darauf hinaus, dass es wohl ein wichtiges Learning der letzten Jahre war, im Sinne der Compilations das eigene ästhetische Ego ein Stück weit hintenan zu stellen. Natürlich stehe ich hinter dem Act auf einer Compilation, sonst würde ich es nicht anschreiben. Aber gleichzeitig ist es mir auch wichtig, aktuelle Strömungen in der Szene abzubilden. Etwa wenn bestimmte Indie-Sounds verbreiteter werden oder Stile wie Grunge und Art Pop, dann muss eine Reihe wie die La Danse Macabre so etwas auch abbilden dürfen, da es mein Anspruch ist, solch eine Reihe musikalisch frisch zu halten und auch nah an jüngeren Musikern zu bleiben.
Das heißt jetzt nicht, dass es irgendwann mal solche grotesken Entwicklungen wie in der deutschen Gothic-Szene der 2000er gibt. Damals strömten bekanntlich Jahrmarkts-Techno, Schlager und anderes in die Szene. Da ging es ausschließlich um Party statt Melancholie. Während die deutsche Szene international wichtige Entwicklungen wie das Post-Punk-Revival glorreich verschlafen hatte. Zumindest kann ich mich nicht dran erinnern, Bands wie The Organ oder Yeah Yeah Yeahs je in den damaligen Webzines oder den drei Musikzeitschriften gesehen zu haben. Auch Shoegaze, Synthwave, Post-Rock und all die anderen schönen Entwicklungen fanden in der deutschen Szene zu dieser Zeit nicht statt. Die Melancholie wurde gänzlich auf dem Party-Altar des schnellen Geldes geopfert.
Um zurückzukommen... Mit musikalisch frisch meine ich: Solange es eine gewisse Grundmelancholie gibt, ist für mich sehr vieles erlaubt und funktioniert auch im Rahmen der Compilations richtig gut. Und ich genieße das auch sehr, da immer wieder den Raum für unterschiedliche Akzente geben zu können.

Hat sich im Laufe der Zeit das Interesse an Bands verschoben bzw. achtest Du mittlerweile auf andere Dinge beim Durchforsten nach guter Musik?
Natürlich spielt das Thema KI eine riesige Rolle. Es ist gut, dass Bandcamp AI-Projekte löscht, egal wie erfolgreich sie sind. Sonst wüsste ich nicht, wie ich dieses Projekt sinnvoll weiterführen könnte, da Bandcamp mein Haupt-Tool zur Recherche ist. Übrigens: Bandcamp nutzt wohl im Hintergrund ein ähnliches Erkennungstool wie Deezer. Die viel kolportierte Behauptung, dass Bandcamp allein aufgrund von Zuschriften sperrt, stimmt dementsprechend nicht. Trotzdem achte ich vermehrt darauf, dass hinter den Veröffentlichungen echte Musiker stehen, schau mir Social Media an, ob die Menschen live auftreten oder einfache Videos posten, wie sie schlicht Musik machen. Ansonsten: KI-generierte Cover überfliege ich beim scrollen durch Bandcamp. Zumindest, wenn ich erkenne, dass es billiger Slop aus ChatGPT, Nano Banana oder Ideogram ist. Da klicke ich gar nicht erst drauf.

Auf den ersten LDM-Samplern finden sich unter anderem She Past Away, Minuit Machine oder Hante. Also Projekte, die mittlerweile eine große Fangemeinde besitzen. Macht es einen auch etwas stolz, dass man solche Gruppen „entdeckt“ und damit schon einen Trend vorweg aufgespürt hat?
Und in den Jahren danach kamen noch weitere Acts dazu wie Unto Others, Darkways, Raphael Weinroth-Browne, Anastasia Minster, Suldusk, Cinder Well und viele weitere mehr. Ich weiß nicht, ob ich von „entdecken“ sprechen würde. Ich lade Künstlerinnen und Künstler ein, Teil meiner Compilation zu werden und prophezeie ihnen ja nicht eine große Karriere. Jeder Song ist von mir ausgesucht worden, weil ich ihn mag. Dass einige von denen dann wirklich größere Bekanntheit erlangen, liegt in der Natur der Sache, wenn man viel mit Newcomern und Underground-Acts arbeitet. Was sicher stimmt: DJs und Radiomoderatoren greifen vermehrt auf meine Sampler zurück. Und auch einige Labels werfen ein Blick auf meine Musikauswahl. Ich freue mich jedenfalls über jeden, der durch harte eigene Arbeit bekannter wird. Gleichwohl zeigt es natürlich, dass jeder irgendwo mal sehr, sehr klein anfängt und es eben auch Strukturen braucht, diese kleinen Perlen sichtbar zu machen. Niemand wird einfach so mit seiner Musik bekannt, da braucht es immer strukturelle Basisarbeit. Ich sehe At Sea Compilations als sehr kleinen Teil dieser Basisarbeit. Super wichtig sind aber auch Radioshows, Webzines, Twitch-Streamer, Blogger und so weiter, die auch mal über den Tellerrand schauen. Genauso wie natürlich Veranstalter, die diesen Acts Räume geben Live-Erfahrungen zu sammeln. Nur durch solche Strukturen können Acts wachsen. Und auch diese Strukturen sind nicht einfach so da, diese leben ebenso vom Support von den Menschen da draußen.

Du bist damals auch mit der Prämisse gestartet, interessante Musik aus der Szene anzubieten, die sich außerhalb der großen Indie-Labels bewegten, um darzulegen, dass die  Schwarze Szene immer noch viele tolle Bands hervorbringt. Wie sieht es mittlerweile aus? Welches Verhältnis hast  Du nun zur Gothic-Szene?
Strukturell hat sich At Sea Compilations wohl schon vor vielen Jahren von einer wie auch immer definierten Schwarzen Szene verabschiedet, ohne mein aktives Zutun. Was sicherlich daran liegt, dass es überhaupt nur ein Handvoll Länder gibt, in denen es große institutionelle Szenen mit vielfältigen Strukturen und Angeboten gibt. Das sind Deutschland, Großbritannien, USA, Mexiko und Frankreich. Auch in vielen anderen Ländern gibt es natürlich Szenen, da aber auf einem sehr viel kleinerem Niveau - etwa, wenn ich in die osteuropäischen Länder schaue. Während Länder wie Kanada oder Australien noch nie eine richtige eigenständige Szene hatten. Die Folge ist, dass in zahlreichen Ländern entsprechende Bands in den hiesigen Indie-Musikszenen unterwegs sind und auch keine ganz so szenetypische Optik aufweisen wie hierzulande. Aber trotzdem werden da Genres wie Gothic-Rock, Post-Punk oder auch Dark Wave produziert, jedoch nicht in einem eigenen abgeschlossenen Szene-Kosmos. Entsprechend haben natürlich auch meine Compilations heute sehr viel mehr Überschneidungen mit alternativen Indie-Szenen, als mit einer Schwarzen Szene. Melancholie ist ja auch nicht an eine Szene gebunden.
Mein persönliches Verhältnis würde ich als ambivalent bezeichnen. Manchmal schaue ich schon etwas neidisch rüber in die US-Szene. Klar, da gibt es auch Drama wie überall. Aber auch viel Support für kleinere Künstler, kleine Locations und eine wesentlich größere Offenheit für Experimente. Während ich die Szenen in Osteuropa etwa von den Erzählungen, die mir manchmal geschildert werden, als sehr familiär wahrnehme. Die deutsche Szene hat in meinem Erleben weder das eine noch das andere. Häufig sind DJs im Jahr 2000 stehen geblieben, es gibt nur wenig Verständnis für den Support von kleinen Strukturen und vor allem empfinde ich die deutsche Szene auch ein wenig schizophren: Zum einen werden die immer gleichen Line-Ups zurecht kritisiert, zum anderen haben kleine Veranstaltungen mit kleineren Bands überhaupt Mühe soviel im VVK umzusetzen, dass eine Durchführung einer Veranstaltung kein Minus macht. Das heißt nicht, dass es nicht auch sehr engagierte Menschen gibt, tolle Künstler, tolle Veranstalter. Die gibt es überall in Deutschland. Jedoch fehlt mir in der deutschen Gesamtszene der Blick nach vorne, Aufbruchsstimmung und Offenheit für neue Impulse. Was dann wiederum auch nicht gerade sehr einladend für die junge Generation ist. Das bekommen die Menschen in Großbritannien, Frankreich oder eben den USA schöner hin, dass sich dort die Szenen immer wieder erneuern, ohne den inhaltlichen und atmosphärischen Kern zu verlieren.

Werden wir im Laufe  des  Jahres noch einen weiteren Sampler von dir kredenzt bekommen?
Ende des Jahres sicherlich eine neue Snowflakes mit schöner Akustikmusik. Ansonsten hätte ich eigentlich mal wieder Lust eine neue Night Vibes zu recherchieren, da erschien die letzte Ausgabe Anfang 2024. Zeit würde es werden. Aber letztes Jahr präsentierte sich unter „Synth Pop“ oder „Coldwave“ so viel KI-Müll auf Bandcamp, dass es nicht mehr feierlich war. Vielleicht ist es ja mittlerweile besser geworden? Ansonsten plane ich nicht mehr so viel und lass alles auf mich zukommen.

||INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 11.07.26 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "LA DANSE MACABRE 20">

FOTO © AXEL MESSINGER
COVER © AT SEA COMPILATIONS

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