MATHIAS WAGNER: "RADIKALITÄT LIEGT, WIE SCHÖNHEIT, IM AUGE DES BETRACHTERS" - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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MATHIAS WAGNER: "RADIKALITÄT LIEGT, WIE SCHÖNHEIT, IM AUGE DES BETRACHTERS"

Im Gespräch

Es ist eine Sache, künstlerisch gegen ein System vorzugehen, das ohnehin den Schaffenden viel Freiraum lässt. Wenn aber revolutionäre Gedanken in einem restriktiven Staat wie der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik aufkeimen, ist das mit persönlichem Risiko verbunden. Die "Genialen Dilletanten", jene gesamtdeutsche, heftige Kunstrebellion der frühen 1980er Jahre, besaßen also einen ganz anderen Stellenwert im ehemaligen Osten. Dementsprechend würdigt das Dresdner Albertinum diese kurze Epoche mit der Sonderausstellung "Geniale Dilletanten - Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland", dessen Sammlung  um einige Exponate ostdeutscher Künstler erweitert wurde. Mathias Wagner betreut die Ausstellung und nahm sich Zeit, um mit uns über sie zu reden.

Herr Wagner, sie haben als Kurator des Albertinums in Dresden die Wanderausstellung über die "Genialen Dilletanten" zu sich geholt. Mal provokant gefragt: Wie viel "genialer Dilletant" steckt eigentlich in Ihnen?
Wer wäre nicht gern ein genialer Dilettant? Ich bin es leider nicht. "Dilletantisch" im Sinne des Themas der Ausstellung, also Ideen spielerisch kreativ entwickeln und ohne Rücksicht auf Konventionen und Beschränkungen umsetzen – klingt toll. Dafür bleibt im eng getakteten Alltag im Museum allerdings wenig Raum und Zeit. Aber man muss es wahrscheinlich einfach mal machen. Das Angebot vom Goethe-Institut, diese Ausstellung nach München und Hamburg auch in Dresden (und damit im ehemaligen "Osten") zu zeigen, haben die Direktorin des Albertinum, Hilke Wagner, und ich gemeinsam diskutiert und angenommen, weil speziell die Verbindung von alternativer Musik- und Kunstszene der 1980er Jahre hier noch nicht vorgestellt worden ist. Kuratiert wurde die Dresdner Station im Team mit Mathilde Weh vom Goethe-Institut und Christoph Tannert aus Berlin.

Haben sie diese heftige Periode selber miterlebt? Wenn ja, welche Ereignisse sind Ihnen immer noch in Erinnerung?
Mitte der der 1980er Jahre war ich Teenager, aber nicht Punker, sondern eher Popper, so gut das in der DDR halt ging. Ich habe andere Klamotten getragen, andere Musik gehört – bewegte mich also auf der anderen Seite des Spektrums der "Jugendkultur". Insofern berühren sich meine Erinnerungen nicht mit der in der Ausstellung vorgestellten Szene. Aber auch "meine" 80er waren toll…

Die Ausstellung wird speziell in Dresden um einige Exponate erweitert, die vor allem den Fokus auf die ostdeutsche Subkultur legen. Wann kam Ihnen die Idee zu dieser "Expansion" und wie konnte diese realisiert werden?
Die ursprüngliche Konzeption des Goethe-Instituts umfasst sieben westdeutsche Bands und eine ostdeutsche Band. Es stand für uns außer Frage, dass, wenn wir die Ausstellung in Dresden zeigen, das ja ein Zentrum ostdeutscher Subkultur war, wir den "Ostteil" deutlich erweitern müssen. Dafür haben wir mit Christoph Tannert, als junger Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher eng mit der Szene im Osten verbunden, einen ausgewiesenen Fachmann für die Kunst in der DDR gewinnen können. Er hat insgesamt 15 Bands, Künstlerformationen und künstlerische Projekte sowie die dazugehörigen Fotos, Filme und Werke ausgewählt: von A wie A. R. Penck bis Z wie Zwitschermaschine, wobei das Augenmerk immer auf der für die Szene charakteristische Grenzüberschreitung zwischen Musik/Sound/Klang und Malerei, Film, Tanz und Literatur liegt – also es geht stets um die Verschränkung von Bild- und Klangerzeugung.

Gibt es einige Exponate, bei denen sie sich besonders freuen, sie den Besuchern zu zeigen?
Hervorheben möchte ich vor allem den neuen, eigens für unsere Ausstellung entstandenen Dokumentarfilm von Thomas Claus über das legendäre Festival "Intermedia I- Klangbild/Farbbild", das im Juni 1985 in Coswig bei Dresden stattfand und einen Höhepunkt der Szene im Osten markiert. Toll sind auch die selbst gebauten Instrumente der Band Ornament und Verbrechen und des Bandprojekts der Autoperforationsartisten "Die Strafe" sowie die selbst oder von befreundeten Künstlern gestalteten Platten- und Kassettencover. Und nicht zu vergessen das kolossale Gemälde von Bernd Zimmer, einem Vertreter der Neuen Wilden in der westdeutschen Malerei der 80er Jahre, das 28 (!) Meter breit ist und sich fast durch den gesamten Ausstellungsraum erstreckt. Gemalt wurde es übrigens in dem legendären Kreuzberger Szene-Club SO 36, zu dessen Betreibern eine Zeit lang auch der Künstler Martin Kippenberger gehörte, von dem ebenfalls ein Bild in der Ausstellung zu sehen ist. Damit sind wir mitten drin im Westteil der Ausstellung, wobei beide Ausstellungsteile fließend ineinander übergehen – wir blenden die Unterschiede nicht aus, aber wollen auch auf Gemeinsamkeiten verweisen. Und natürlich sollte man sich die Musik an den Soundstationen anhören.

Welchen Stellenwert hat die Subkultur in der ehemaligen, von Repressalien gekennzeichneten DDR? Und wie manifestiert sich dies in den Ausstellungsstücken?
Sich selbstbestimmte Freiräume im Feld der Kunst zu erschließen, das genreübergreifende Experimentieren mit Malerei, Grafik, Musik/Sound, Super-8-Film, Performance und Tanz – das richtete sich in der DDR gegen die Monotonie der Staatskunst, die damit verbundene kulturelle Langweile, die Bevormundung durch die Kulturfunktionäre. Im Gegensatz zum Westen war diese Subkultur im Osten wirklich Underground, das heißt illegal, wurde von der Obrigkeit per se als "staatsgefährdend" erachtet, dementsprechend observiert und, wie es damals im Jargon der Stasi hieß, "operativ bearbeitet", weswegen viele Künstler und Musiker aus dem Osten, die hier in der Ausstellung in Erscheinung treten, die DDR in den 80er Jahren verlassen mussten. Den Ausstellungsstücken sieht man ihre Widerständigkeit natürlich nicht an - sie passten einfach nicht in das Schema der Kunstdoktrin in der DDR (in denen intermediale Kunstformen überhaupt nicht vorgesehen waren). Die Funktionäre haben vieles auch einfach nicht verstanden und auch das Publikum war mitunter überfordert.

Die "Genialen Dilletanten" waren eine kurzlebige Kunstrevolte. Welchen Stellenwert geben Sie ihr nach mehr als 30 Jahren im geschichtlichen Kontext?
Jede Subkultur ist ja ihrer Zeit verhaftet und wird durch diese geprägt, bevor die nächste Generation antritt und was anderes, was neues macht. Wie jede Epoche haben auch die 1980er ihre Spuren in Kunst und Musik hinterlassen. Die "Genialen Dilletanten" waren ja nur ein Phänomen von vielen. Deutsche Texte zu schreiben und zu singen, die Gründung unabhängiger Plattenlabels – das sind z.B. zwei Dinge, die die "Genialen Dilletanten" der Musikszene hinterlassen haben. Der zunehmende Einsatz von elektronisch generierten Sounds hat Ende der 1980er den Techno auf den Weg gebracht (Dr. Motte und Westbam waren, bevor sie bekannte DJs wurden, 1981 beim "Festival Genialer Dilletanten" in Westberlin als Musiker dabei). Und die westdeutschen Maler der Neuen Wilden wurden damals sehr schnell erfolgreich. Ihre Bilder wurden von vielen Sammlern und Museen angekauft. Aber diese Welle flaute auch schnell wieder ab. Wenn Sie heute in ein deutsches Museum gehen, finden sie diese Bilder eher selten in der Dauerausstellung. Für die Künstler in der DDR bedeuteten Wende und die Wiedervereinigung sowie der damit verbundene Wegfall aller vertrauten Strukturen eine gravierende Zäsur, in deren Folge sich alle neu orientieren mussten.

Wie sie bereits beschrieben haben, versuchten Bands, Filmemacher und Künstlerkollektive mit ihrer Kunst, alte Strukturen zu zerstören und den Kulturbetrieb in Frage zu stellen. Wirkt es da nicht wie die Ironie des Schicksals, dass gerade diese Zeit nun ihre Musealisierung und damit auch eine Integration in den Kanon der Hochkultur erfährt?
Sicher, die Musiker und Künstler agierten bewusst außerhalb des etablierten Kunst- und Kulturbetriebs und das Museum lag, damals zumindest, außerhalb der Reichweite. Aber bisher ist noch fast jede Avantgarde im Museum gelandet. So funktioniert das System. Auf Ablehnung und Unverständnis folgt Akzeptanz und schließlich die Kanonisierung. Das spricht in unserem Falle nicht gegen die Subkultur der 1980er, sondern eher für die Museen, die sich in den letzten Jahren verstärkt um pop- und subkulturelle Phänomene bemühen. Die hier behandelte Zeit liegt ja auch erst 30 Jahre zurück, die meisten der damaligen Akteure und Akteurinnen leben noch, stehen also als Zeitzeugen zur Verfügung, wodurch sich diese Szene gut und authentisch dokumentieren lässt, was für die Aufarbeitung wichtig ist. Und was den Sound der Szene West wie Ost betrifft, so ist der dank der Digitalisierung sowieso für alle, die es mögen, präsent. Selbst die damals in der DDR mühsam in kleiner Auflage hergestellten MCs findet man heute ohne Probleme im Netz. Interessant zu hören wäre für mich vor allem, was die heute 20- bis 30-jährigen vom Sound und der Kunst des geteilten Deutschlands der 1980er Jahre halten und ob sie da überhaupt Unterschiede sehen.

Als die "Genialen Dilletanten" ihre Arbeit aufnahmen, befand sich die Welt zwischen den Fronten von Warschauer Pakt und NATO. Die Sorge vor dem nuklearen Inferno geisterte mehr oder weniger in den Köpfen. Angesichts einer ähnlichen politischen Weltlage mit vor allem ethisch und religiös konkurrierenden Systemen, wäre es da nicht wieder Zeit für radikalere Kunstgedanken wie es diese Schaffenden damals versuchten?
Das müssen Sie die Künstler und Künstlerinnen fragen. Ich denke schon, dass die von Ihnen angesprochenen Problemfelder in der gegenwärtigen Kunst virulent sind – wie gerade auch die documenta zu zeigen versucht. Und Radikalität liegt, wie Schönheit, im Auge des Betrachters.

Die Ausstellung "Geniale Dilletanten - Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland" ist vom 15. Juli bis 19. November 2017 im Albertinum in Dresden zu sehen. Weitere Informationen dazu findet ihr unter:

www.skd.museum/de/sonderausstellungen/geniale-dilletanten/index.html


|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 13.07.17 | KONTAKT | WEITER: CELLDWELLER "OFFWORLD" >

Fotos © SKD (Mathias Wagner, Kurator in der Sonderausstellung Geniale Dilletanten), Gleim (Einstürzende Neubauten in der Zeche Bochum, 1984), Volker Tenner (A.R.Penck beim Improvisieren, um 1979)

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