KIKU & BLIXA BARGELD & BLACK CRACKER "ENG, DÜSTER & BANG" VS. CASPER "LANG LEBE DER TOD": BARGELD GEHT IMMER - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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KIKU & BLIXA BARGELD & BLACK CRACKER "ENG, DÜSTER & BANG" VS. CASPER "LANG LEBE DER TOD": BARGELD GEHT IMMER

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Seine Stimme: eindringlich! Seine Schreie: schneidend! Sein Auftreten: exaltiert! Blixa Bargeld hat viele Häutungen durchlebt und ist sich dennoch immer treu geblieben. Angefangen als intellektueller Berlin-Punker bei den Einstürzenden Neubauten, lässt er auf das Publikum Töne aus dem Schrott der damals geteilten Metropole zusammen mit seiner fatalistisch bis dadaistische Endzeitlyrik los. Wenige Jahre später verleiht er Nick Caves manisch-depressiven Nummern mit ansprechedem Gitarren- und Zweitstimmenspiel eine verschrobene Note.

Mittlerweile muss Blixa Bargeld weder sich, noch irgendjemandem irgendetwas beweisen. Trotzdem, oder gerade deswegen sind seine Kollaborationen von besonderer Magie umgeben. Jüngst hat er wieder gemeinsame Sache mit dem Schweizer Yannick Barman gemacht, der unter dem alias Kiku Klang- und Wortwelten zu einer experimentellen Einheit verschmelzen lässt. Ihre zweite Zusammenarbeit "Eng, düster und bang" fußt dieses Mal weitestegehend auf einem Text von Jean Paul. Bargeld hat die Idee gehabt, die "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei" aus Pauls Roman "Siebenkäs" als Grundlage für das Album zu nehmen.

Ein eindringliches, religiös motiviertes Exzerpt, das sich Bargeld da vorgenommen hat. Es ist die atheistische Idee einer Nichtexistenz alles Göttlichen, die im Roman als Albtraum dem Protagonisten erscheint. Geradezu ein gefundenes Fressen jedoch für den Musiker, der wie ein moderner Hieronymus Bosch und Kraft seiner Worte und Stimme Szenarien von höchster Erregung heraufbeschwört.

So wird auch "Eng, düster und bang" seinem Titel schnell gerecht. Zwischen elektronischen Partikeln, jazzigen Passagen und wuchtigen Bläsersätzen entfaltet das Album seine Fieberwahnästhetik, in der sich Blixa den über 200 Jahre alten Text zu eigen macht. Ein wenig an Kinskis "Jesus Christus Erlöser"-Monologe erinnernd, geht auch er auf religiös motivierte Suche, ohne dabei die Schönheit der Sprache außer Acht zu lassen.

Langsam entspinnt sich in "Ich lag einmal vor der Sonne auf einem Berge" der Albtraum, verdichtet sich am Ende zu einem Instrumentenlärm, wie ihn Swans nicht besser hätten komponieren können, sucht in "Misstöne" die stillen Momente auf und bleibt im Titelstück sogar ein Stück weit anschmiegsam. Dabei schmeckt Bargeld den Wörtern nach, bleibt mal zögernd, mal forsch, schreit, flüstert. Kurzum: Er lebt den Text.

Bisweilen beschleicht einen das Gefühl, Jean Paul hätte dieses "Blumenstück", wie die Passage im Roman genannt wird, nur für ihn geschrieben. Im Gegenzug bringt Bargelds Vortrag die Schönheit und auch Modernität des Schriftstellers auf der Schnittstelle zwischen Romantik und Klassik dem heutigen Publikum wesentlich näher, als es jede elaborierte Deutschstunde könnte.

Die Transferleistung auf "Eng, düster und bang" liefert der sich dazu gesellende Rap-Poet Black Cracker. Mit seinen Auftritten in "Atomic Bomb" und "Overkill" wird die Frage nach dem Göttlichen in die Jetztzeit verfrachtet. Am Ende steht das gesamte Ensemble bei "Like This" vor der ernüchternden Erkenntnis:"There's no god". Alles andere wäre aber nach dieser Stunde apokalyptischer Wort- und Klangmalerei eine Überraschung gewesen.

Überraschend ist auch Bargelds letztjähriges Engagement bei Benjamin Griffey, besser bekannt als Casper, gewesen. Denn auf den ersten Blick scheint die Verbindung zwischen dem NDW-Avantgardisten und dem selbst ernannten Hipster-Rapper gar nicht vorhanden. Doch wer Casper kennt, weiß um sein Bemühen, sich stilistisch nicht zu sehr an gängige Schemata zu halten. Mit "Hinterland" hat der Versuch der Verschränkung von HipHop und Indie Rock begonnen; der Nachfolger "XOXO" setzt diese Entwicklung fort.

Nun steht da "Lang lebe der Tod", bei dem Bargeld als Gastsänger mit von der Partie ist. Casper gelingt das bisher eindringlichste Stück seiner Karriere. Es ist eine Nummer, die viele Jahre später sicherlich zu den wichtigsten deutschsprachigen Songs des 21. Jahrhunderts gezählt werden wird. Denn in "Lang lebe der Tod" verdichtet sich Caspers pessimistisch-misanthrope Weltsicht, die den Menschen als sensationsgeiferndes Tier beschreibt (die Wirkung des Stückes wird durch die kongeniale visuelle Umsetzung im Video noch verstärkt).

Und anscheinend wurde dem Musiker schnell bewusst, dass er hier etwas großes erschaffen hat. Denn eigentlich sollte das gleichnamige Album bereits Ende 2016 erscheinen. Doch mit dem Titelsong hat der Musiker seine Messlatte selbst so hoch gelegt, dass er noch einmal mit den anderen Stücken ins Gericht gegangen ist. Geschadet hat es ihnen nicht.

"Lang lebe der Tod" ist die eisenbeschlagene Tür zum Casper'schen Hades. Dagobert, Sizarr und eben Blixa Bargeld sind die Pförtner, die den Hörer mit einem diabolischen Grinsen in diese Welt bitten.

Einmal den Eingang passiert, gibt es kein zurück mehr. Der Mittdreißiger rechnet mit einer digitalen Gesellschaft ab, die Andy Warhols Theorie der "15 Minutes of fame" dank sozialer Medien pervers realisiert hat ("Alles ist erleuchtet"), gleichzeitig aber auch unreflektiert für Weltverschwörungstheorien empfänglich geworden sind ("Morgellon"). Casper tut dies so mitreißend, dass es gar nicht möglich ist, ihm nicht zuzuhören.

Der Mann aus Lemgo sagt sich los vom standestypischen, immer etwas übermaskulinen Auftreten seiner HipHop-Kollegen. Fehlanzeige also bei Diss-Texten - einzig in "Lass sie gehen" gibt es noch den obligatorischen Beef, der allerdings nur ein Eckpfeiler des Songs darstellt. Mit der Zeile "Ich lieb die Stimmung kurz bevor hier alles hochgeht" findet der Rapper mit der raubeinigen Stimme einen allgemeingültigen Satz, der die Lage unserer Nation nicht treffender beschreiben könnte.

Dabei ist das Album kein reines Geifern und Giftversprühen, sondern auch der nach außen gekehrte Kampf des Künstlers mit sich selbst. Bei aller Kritik zeigt sich Casper zutiefst humanistisch geprägt und findet am Ende im Shoegaze-Soundalike "Flackern, Flimmern" zu einer melancholischen Liebeslyrik zurück - inklusive einem herzzereißenden Schrei, in dem aller Schmerz innewohnt.

All diese Gedanken kann Casper nicht im üblichen musikalischen Rahmen, den HipHop definiert, plastisch darstellen. Sein Haus- und Hofmusiker Markus Ganter zeigt für die überbordende Gefühlswelt des Ausnahmerappers sein ganzes Können. "Sirenen" beispielsweise klingt extrem deichkindisch, während "Keine Angst", dank aufopfernder Mithilfe von den Goth-Poppern Drangsal, auch den einen oder anderen HipHop-Hasser eines besseren belehren wird. Immerhin sind bereits in einschlägigen Gruftie-Szene-Magazinen "Lang lebe der Tod" ordentlich beworben worden. Deren Leser werden sicherlich auch an "Wo die wilden Maden graben" Gefallen finden - einem Song, von dem man wünscht, die Toten Hosen hätten ihn anstatt ihrer letzten drögen Nummern erdacht
.

Damit schafft Casper es nicht nur, sich stilistisch irgendwo zwischen Nine Inch Nails und Joy Division zu positionieren, sondern - und das ist die viel wichtigere Erkenntnis - ein deutsches Album zu kreieren, das ein Land im Herbst 2017, in dem vieles nicht mehr so ist, wie es mal war, und das von neuen Ängsten, falschen Wahrheiten und stoischen Machtinhabern zum gesellschaftlichen Pulverfass haben werden lassen, leider perfekt beschreibt - mit Blixa Bargeld zuförderst und als Reminiszenz an das künstlerische Aufbegehren.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 09.10.17 | KONTAKT | WEITER: DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT "DAS IST DAF">

Webseite:
www.kikusound.com
www.casperxo.com


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Cover © Everest Records/Broken Silence (Kiku), Columbia/Sony Music (Casper)

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